Frankfurter Gemeine Zeitung

Das Ginnheimer Stadtteilfest – und der Immobilienkonzern ABG-FH

Da hatten verschiedene Vereinigungen des Stadtteils wohl etwas andere Vorstellungen als sie bei der ABG angefragt hatten, ob sie diese Initiative zu unterstützen gedenke. Immerhin ist sie die grösste Wohnungsbesitzerin im Quartier und mithin auch zuständig für dessen Pflege, von der man in einigen Bereichen der Siedlungen wenig ausmachen kann, vor allem dort nicht, wo sich nach ihrer Ansicht, das Ganze auch nicht „lohnt“ (zu viele Sozial-Empfänger*innen heisst das wohl).
Immerhin hat die ABG sich dann doch bereit erklärt, auf diesem Fest präsent zu sein, kommt auch besser für das Image, und war dann hochrangig vertreten, wie sich die kommunalen Spitzen im ABG-Zelt denn auch drängeln mussten.
Das ist dann gleichbedeutend damit, dass nichts Despektierliches vorkommt, ist doch diese „Unterstützung“ so zu verstehen, dass allein die ABG bei der Veranstaltung von Bewohnern eines Frankfurter Stadtteils das Zepter (konkret die Hoheit über die Mikrofone) in Händen hält und alles sich nach ihren Wünschen zu richten hat. Ihrerseits wiederum gestützt durch die Figuren des Frankfurter Polit-Kasperl-Theaters, die nicht müde werden, ihre Verdienste herauszustreichen in den schweren Zeiten globalen Wettbewerbs -und der Kommunalwahlkampf hat noch gar nicht richtig angefangen!

Hier sollte ein Bild stehen, ist noch nicht angekommen!

…doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.

Nun war man also eingestellt auf das Lob des Unternehmens, seine segensreiche Aktivität und wollte sich von der besten Seite zeigen, wären da nicht dies ewig Unzufriedenen, die keine noch so absurde Gelegenheit verstreichen lassen, um auf die Zustände aufmerksam zu machen und die Menschen daran zu erinnern, dass sie auch solche Feste, zumindest was die ABG angeht, kräftig zu bezahlen haben. Dass so etwas auf die Mieter*innen übergreift, gilt es zu verhindern und dafür gibt es die Leute fürs Grobe, die auch schon mal einer das Mikrofon entreissen, damit die Laune (gemeint ist stets die eigene) nicht verdorben wird.

Nun begab es sich aber, dass ein leibhaftiger OB auf der Bühne stand, der als Repräsentant aller Frankfurter*innen per definitionem den Ausgleich zu suchen hat – und dies auch tat. Zum sichtlichen Ärger von Vorstandsvorsitzendem und dessen leicht rabiaten Vertreter übernahm er das Mikro und setzte zur Verlesung des Textes an, er hätte dies besser modulieren können, tut er in anderen Reden jedoch auch nur ungenügend. Die Aufmerksamkeit zumindest war hergestellt, hatte der Beitrag doch urplötzlich amtliche Weihen. Da entlockte die weinerliche Beschwerde des Vertreters der ABG-Geschäftsführung im Anschluss auch nur noch Gelächter.

Die Stimmung im VIP-Zelt danach war entsprechend unterkühlt (passend zum Wetter).

Wir wollen nicht versäumen, die Laudatio vorzustellen:

Sehr geehrte Herren der ABG,

wir möchten heute der ABG, in Worten: Aktiengesellschaft für KLEINE Wohnungen, den Preis “Häuschen aus Betongold” überreichen. Sie hat sich diesen Preis über Jahre redlich verdient. Aktueller Anlass der Preisverleihung sind die vollzogenen Mieterhöhungen für die Mieterinnen und Mieter der Hügelsiedlung in Ginnheim. Was macht die ABG mit den zusätzlichen Einnahmen?

Allerlei Wohltätiges: Sie trägt dazu bei, dass der städtische Haushalt Jahr für Jahr mit den Mieteinnahmen, die wir alle zahlen, um 8,3 Millionen Euro aufgestockt wird. Sie baut teure Eigentums- und Mietwohnungen für einen Quadratmeterpreis von 12,50 Euro aufwärts. Und sie sorgt für Nachverdichtung, wobei auch mal der Spielplatz um die Ecke verschwinden muss. Und das alles nur, damit Frankfurts Mieten für alle (!) bezahlbar bleiben, wie unser GRÜNER Bürgermeister Cunitz immer und immer wieder lobend erwähnt.

Für all das soziale Engagement und der kreativen Umdeutung von Gewinnstreben als Ideal des Gemeinwohls haben die ABG und die Herren Politiker und Damen Politikerinnen, die ihr stets treu zur Seite stehen, wahrlich unseren bescheidenen Betongold-Preis verdient. Goldene Nasen für die ABG – Mietpreisexplosion für uns. So soll es bleiben, bis dass der Tod uns scheidet – oder wir die ABG wieder in eine städtische Wohnungsbaugesellschaft verwandeln, in der nicht der Profit regiert.

Traurig, dass der Vorstandsvorsitzenden nicht die Courage aufbringen konnte, auf der eigenen Bühne den Preis entgegenzunehmen, falsche Bescheidenheit meinen wir.

Der Vollständigkeit halber noch die Pressemitteilung der ABG-Kampagne:

Frankfurt am Main 26.07.2015

ABG erhält von Kampagne Preis „Häuschen aus Betongold“
Der anwesende Frank Junker will den Preis nicht entgegennehmen
Aktive an Festrede gehindert

Am gestrigen Samstag, den 25. Juli 2015 überreichten wir von der Kampagne „Eine Stadt für alle! Wem gehört die ABG?“ der ABG-Holding auf dem Ginnheimer Stadtteilfest in der Platenstraße den Preis „Häuschen aus Betongold“. Grund für die Preisverleihung sind die vollzogenen Mieterhöhungen sowie die angekündigte Nachverdichtung in der Siedlung und der praktisch gleichzeitig bekanntgegebene Unternehmensgewinn von 64 Millionen Euro.
Für die Preisübergabe erklommen Aktive der Kampagne nach der Rede von Oberbürgermeister Feldman beherzt die Festbühne und ergriffen das Mikrofon. Den anwesenden Preisträgern ABG-Chef Frank Junker und ABG-Aufsichtsratsvorsitzendem Peter Feldmann konnte die Festrede (vgl. unten) jedoch nicht verlesen werden. Es kam zum Eklat. Der Moderator des Festes entriss den Aktivistinnen das Mikrofon und versuchte die Preisverleihung mit einer Lobrede auf die Mietpolitik der ABG zu sabotieren. Einem Mieter aus dem Publikum platze dabei der Kragen: „Jetzt wollt ihr die Kritik der Mieter auf ihrem eigenen Fest verbieten?“.

Die selbstgefällige Inszenierung der ABG-Vertreter am Stadtteilfest kam indes auch bei den anwesenden Mieterinnen und Mietern nicht gut an. Anstelle der ABG zu applaudieren, protestierten sie mit einem Plakat „Keine Nachverdichtung! Grünanlage müssen bleiben!“ gegen deren Politik. Bei stürmischem Wetter waren aktive Mieterinnen und Mieter zudem mit einem Protest-Infostand vor Ort. Dabei machten sie ihrem Ärger Luft über die vollzogenen Mieterhöhungen in ihrem Stadtteil, der drohenden Nachverdichtung und dem Auslaufen der Sozialbindung für viele Wohnungen Ende diesen Jahres. Befürchtet wird der Verlust von Grünflächen sowie weiter steigende Mieten.

Andrea Kempkes von der Kampagne betont dabei: „Die ABG wollte an dem Stadtteilfest ihr 125jähriges Jubiläum feiern. Dafür sehen wir angesichts deren Rolle bei Aufwertung und Verdrängung in der Stadt Frankfurt keinen Grund. Besser wäre es wenn Stadtpolitik wie Unternehmen sich auf den sozialen Auftrag zurückbesinnen würden. Wir werden unsere Proteste auf jeden Fall weiterführen.“


Frankfurt und der Brexit: höher geht immer – I

City der Oberen Liga

Frankfurt: Existenzmanagement zwischen Finanz und Immobilien
Die Stadt ist aktuell ein „Hot-Spot“, zumindest, was den Immobiliensektor angeht, und wer durch die Stadt flaniert sieht es allenthalben. Nicht nur die grossen Anleger reissen sich um jede Möglichkeit, Flächen zu akquirieren, egal ob unbebaut oder auch nicht. Wer sich die Mühe macht und die entsprechenden Angebote durchsieht, stellt schnell fest, es ist teuer und dieser Trend ist aufsteigend. Abseits der Versprechen der üblichen Verdächtigen, fragt sich manche/r, soll ich investieren? Wie sieht es mit den Sicherheiten meiner Anlage aus, komme ich noch in den günstigen Genuss eines solchen Vorhabens?

Nun hat es sich mittlerweile herumgesprochen, dass solche Entwicklungen von einer Reihe von Faktoren abhängen, die nicht unbedingt in der Stadt ihren Ausgang haben müssen und auch auf den ersten Blick nicht Anzeichen von Krisen sind. Die Zeiten sind halt charakterisiert durch ihre Unbeständigkeiten und Verwerfungen.

Die Liga der Global Cities
Frankfurt gehört in die urbane Oberliga und misst sich auch daran, inwieweit die Stadt fester Bestandteil dieses elitären Zirkels bleibt. Die Rede vom gnadenlosen Wettbewerb der Städte ist uns geläufig und fordert ihren Tribut. Nun gibt es jedoch weitere Aspekte als die Konkurrenz und deren Einfluss sollte nicht ignoriert werden. Neben der Konkurrenz geht es um das Zusammenspiel in dieser Liga und den Faktoren, die hier entweder Sand ins ganze Getriebe streuen könnten oder zu Verschiebungen in der Gewichtung führen. Diese haben nur bedingt etwas mit Stadtpolitik oder den in ihr lokalisierten Betrieben zu tun.

Auch wenn sich die Städte dieser Liga längst von ihrem weiteren Umland entbunden haben, existieren sie nicht in einem abgekoppelten juristisch-politischen Raum – und der kann sich überraschend bemerkbar machen. Eine Verschiebung, die einem Standort erhöhte Bedeutung zukommen lässt, ist der Traum der Lokalpolitiker*innen und dafür sind sie heute bereit alles aufzugeben, was sie gestern noch verkündet haben. Wenn es also andernorts Erschütterungen gibt, beeilt sich der Rest, die Vorzüge des eigenen Platzes darzustellen und die verlockenden Signale auszusenden, mit denen er meint, ein grösseres Stück vom Kuchen für sich ergattern zu können.

Frankfurt ist nach London der bedeutendste europäische Finanzplatz und diese Position ist ziemlich gefestigt. Damit lässt sich unschwer behaupten, die „Attraktivität“ der Stadt wird in nächster Zeit erhalten bleiben und der Run auf die bebaute oder zu bebauende Umwelt ungebremst weiter gehen. Mit Attraktivität ist die Suche nach Lohnarbeit gemeint, sowohl oben als auch unten. Es ist entsprechend davon auszugehen, dass der Zuzug in Stadt auch weiterhin auf dem gegebenen Niveau bleiben wird. Das bietet gute Voraussetzungen dafür, dass weiterhin auf hohem Niveau investiert wird und für kleinere Anleger (oder Selbstnutzer) der Erwerb von Eigentumswohnungen eine lohnende Angelegenheit bleibt.

Europäische Entwicklungen
Abgesehen von Griechenland und dem europäischen Süden überhaupt, steht eine Entscheidung über die europäische Wirtschaftsordnung an, die die angesprochenen Verwerfungen und Verschiebungen beschleunigen könnte. Die Rede ist von dem britischen Volksentscheid über den Verbleib in der EU spätestens 2017, der EU-Ausstieg wird gerne „Brexit“ genannt.

In die Welt der Finanzen ist eine gewisse Unsicherheit ob des Ausgangs dieses britischen  Referendums eingezogen, woraus sich vorbeugende Maßnahmen als unumgänglich erweisen, will man für alle Fälle gerüstet sein – und vor allem abgesichert. Trotz allgemein anderer Ansicht sind diese Akrobaten der grossen Zahlen und ultra-schnellen Abschlüsse im Grunde vorsichtige Leute, die ihre Risiken gerne minimieren.

Sollte nach einem Brexit die Londoner City über Nacht zum Euro-feindlichen Ausland gehören, muss der Ersatz parat stehen. Damit verliert London nicht seine Bedeutung als globaler Finanzplatz, aber seine Bedeutung für den EU-Raum geht zurück. Die Frage ist jetzt, wo wir die Akteure antreffen werden, in Paris oder Frankfurt. Die Entscheidung wird von Erwägungen beeinflusst, die nicht allein in diesen Städten begründet liegen, wenn auch lokale Gegebenheiten keineswegs unwesentlich sind.

Bereits als sich Gerüchte verdichteten, dass die britische Regierung dieses Volksbegehren durchführen würde, begannen laut Wall Street Journal die grossen amerikanischen und asiatischen Banken aus ihren Niederlassungen in Frankfurt selbständig operierende Einheiten zu machen, die jederzeit in der Lage sind, das gesamte operative europäische Geschäft zu übernehmen.

Interessant sind die Begründungen, sich für den Standort Frankfurt zu entscheiden. Da ist einmal – ganz plausibel – die EZB und die europäische Finanzaufsicht. Zum anderen ist Frankfurt in Europa der einzige Handelsplatz für den Renminbi, der chinesischen Währung. Wichtiger erscheint den Bankern allerdings, dass die deutsche Finanzaufsicht als die berechenbarste im europäischen Raum gilt. Sie wird als verlässlich empfunden und ist nicht irgendwelchen Moden oder Strömungen unterworfen, in deren bekannten Unstetigkeiten. Insofern Ausdruck der unverbrüchlichen Treue der deutschen Regierung zur europäischen Idee. Weiter sitzen in Frankfurt bereits an die zweihundert Zentralen und operativ führende Niederlassungen, was die Einflussgrösse des Bereichs in dieser Stadt ausdrückt.

Wird fortgesetzt


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