Frankfurter Gemeine Zeitung

Faschismus light

Hier eine bemerkenswerte Fotoserie des Frankfurter Gradikdesigners und Theatermachers Oliver Utis, die den momentanen Stimmungen der Postpolitik mit Hilfe einer verfremdeten Werbeästehtik nachspürt.

Frau vor Skyline. Logo und Slogan: "Faschismus light -- Keine Aufmärsche. Keine Einmärsche. Keine Kompromisse."

Frau vor Skyline. Text links: "Eine schöne neue Welt"; Text rechts: "... braucht ihren Horror am Rande und an der Peripherie"; Logo und Slogan: "Faschismus light".

Man springt auf Hügelspitze vor Sonnenuntergang. Text rechts: "Gleichschaltung funktioniert einfach besser aus privater Hand." Logo und Slogan: "Faschismus light -- Nachhaltig. Modern. Für die Menschen von heute."

Junge Frau mit Wunderkerze. Text links: "Fackelzüge"; Text rechts: "... sind was für Opi"; Logo und Slogan: "Faschismus light -- Ressentiment & Fun".

Frau vor Sonnenuntergang. Text links: "Ich will mit meinen Ressentiments leben"; Text rechts: "... auch ohne hässliche Pogrome vor der Haustür"; Logo und Slogan: "Faschismus light -- Im Alltag Mensch".

Belebtes Einkaufszentrum. Text links: "Rassismus ist mega-out!"; Text rechts: "Aber wer nicht häppy ist hat schlechte Gene"; Logo und Slogan: "Faschismus light -- Natürlich leben".

Mann vor Sonnenaufgang. Text links: "Ermächtigungsgesetze? Staatsstreiche? -- Nein, danke!"; Text rechts: "Man kann das Rechtsstaatsprinzip auch einfach kollektiv ignorieren"; Logo und Slogan: "Faschismus light -- Agile solutions for our future".

Der Anlass ist Griechenland, die Machthaber in Europa, die deutsche Journaille dazu und die Reaktion der deutschen Bevölkerung darauf. Vor allem letzteres. Wie die Lemuren des Vierten Höllenkreises drückt man die Last, die einen selbst verletzt, mit dem eigenen Leibe gegen Andere. — Wie in dem alten Witz: “Ein Mensch wird von einer Fee besucht. ‘Ich werde dein Glück machen’, spricht sie, ‘und dir jeden Wunsch erfüllen, welcher es auch sei. Aber wisse, was immer du dir wünschst: Deinem Nachbarn gebe ich das Doppelte davon.’ Der Mensch überlegt eine Weile, dann grinst er und antwortet: ‘Nimm mir ein Auge!’” — Es spielt keine Rolle, dass Neoliberalismus, dass Austeritätsprogramme, Deregulierung, Schwächung der Armen und Begünstigung der Reichen einem selbst schaden. Daher braucht man nicht zu glauben, dass nur die “richtigen Argumente” Gehör finden müssten. Ich behaupte: Es gibt bereits ein uneingestandes Halbbewusstsein der Zusammenhänge. Aber wie bei Borderlinern unter Schneidedruck muss geschnitten werden und das Messer soll universal sein.

Doch Griechenland ist nur der Anlass für diese Bilderserie. Die kulturellen Bedingungen, welche diese universelle ethische, ästhetische und metaphysische Verelendung ermöglichen, reichen tiefer. Unsere Sehnsüchte, Sinnsuchen, intuitiven Grundüberzeugungen — die ganze Struktur unseres Begehrens und die Phänomenologie unserer Weltsicht sind nicht “natürlich”, sondern artikulieren sich in sprachähnlichen Mustern. Das nannte man früher “Geist”. Unsere Zeit ist die Schöne Neue Welt. Der Zeitgeist kodifiziert Ideale des guten Lebens in Redeweisen und Visiotypen, die unser Begehren normieren, und zwar sogar bis in die sexuellen Regungen hinein. In diesem Sinne ist Werbung religiöse Kunst. Die so kodifizierten Vorstellungen vom guten Leben stehen zwar vordergründig im einfachen Gegensatz zum realen Horror, doch genau in der einfachen Abstraktheit dieses Gegensatzes sind sie unmittelbar verbunden.

In Bezug auf diese Phänomenologie der Schönen Neuen Welt, ihre Ästhetik und ihre Metaphysik (und meines Erachtens nur darauf, denn nur das ist ihr eigenes Feld) muss Kunst politisch sein. Andernfalls ist es leicht, in das Muster vordergründiger Abgrenzung bei wirklicher Komplizenschaft zu fallen.

Wie schön der “Faschismus light” der Homogenität (d. h. der Normalität, des Allgemeinen) und der “Faschismus Classic” der gewalttätigen Außenseiter zusammenspielen, kann man an der Flüchtlingsproblematik gegenwärtig schön beobachten.


2 Kommentare zu “Faschismus light”

  1. gaukler

    Lieber Oliver,
    solche “Authentizität” gleichgetaktet trifft in deinen Bildern das, was du schön “Faschismus light” nennst auf den Punkt. Und das Zusammenspiel von “light” und “classic” ist eine Beobachtung, auf die wir uns in Zukunft weiter fokussieren müssen.

    Eine Frage bleibt mir. Ich nehme an, “Authentizität” könnte ein Link zwischen deinen Bildern und der Diagnose sein, die du mit “Homogenität (d. h. der Normalität, des Allgemeinen)” adressierst. Faschismus macht aber eine gewisse kollektive Mobilisierung aus, die in den Bildern des distanzierenden Selbst kaum vorkommt. Müsste nicht auch ins “light” solche Mobilisierung – vermutlich unterhalb des Politischen – rein, m. a. W., vielleicht fehlt noch ein Bild? Ich bin mir nicht im Klaren, ob sich die Kategorie “Faschismus” sonst rechtfertigen lässt.

  2. Oliver Utis

    Entschuldige, ich finde gerade erst eine ruhige Minute zum Antworten.

    Ich will vorausschicken: Mir fällt auf, dass ich selbst im von mir nachgestellten reflektierenden Text den Ausdruck „Faschismus light“ nicht substantiell und im eigentlichen analytischen Teil sogar gar nicht verwende. Ich glaube, ich bin mir selbst nicht ganz im Klaren, ob der Ausdruck wirklich zur analytischen Kategorie taugt. Die Bilderserie bezieht sich auf einen meines Erachtens wesentlichen Zusammenhang, aber zunächst eher in der Form einer quasi-theatralen Intervention.

    Umgekehrt halte ich es jedoch durchaus für MÖGLICH, dass “Faschismus light” eine analytische Kategorie sein könnte und sollte. Und in diesem Sinne möchte ich mich – mit der gebotenen Vorsicht – auf die Mobilisierungsfrage beziehen.

    Aus dem Stegreif gesprochen, glaube ich durchaus, dass man von einer Mobilisierung sprechen muss. Gerade der Umgang mit Griechenland zeigt dies: Eine neoliberale, klassenkämpferische Politik kann einfache und offensichtliche Muster abrufen, um ein „gesundes Volksempfinden“ zum Kochen zu bringen, so dass nachträglich die Politik als moderierte und gemäßigte Umsetzung des „Volkswillens“ erscheint. Die Mobilisierung äußert sich dabei nicht in Aufmärschen, Fackelzügen und Reichspogromnächten, sondern in Meinungsbekundungen auf Facebook und andern „social media“, Akklamation bei halb-politischen „Events“ und Leser-Aktionen der Bildzeitung. Was sich dabei inszeniert ist die für den Faschismus typische Fantasie, sich zugleich eins mit der Mehrheit, der Macht und der Stärke zu wissen UND dessen ungeachtet zugleich bedroht, entmachtet und unterdrückt zu sein, also bloß zurückzuschlagen.

    Pegida-Aufmärsche und Aufmärsche vor Flüchtlingsheimen sind ein anderes Thema. Über deren Zusammenhang mit dem, was ich hier vorläufig „Faschismus light“ nenne, bin ich mir ebenfalls nicht im Klaren. Ich vermute aber, dass sie zur einen Seite hin eine Möglichkeit der Abgrenzung markieren. („Also so weit will ich nicht gehen (bin also kein Nazi), aber …“). Und zur andern Seite, bei den Aufmarschierenden und Anzündenden, eher ebenfalls einen „Event“-Charakter haben. (Das mindert in keiner Weise das Entsetzliche daran.)

    Die tiefer liegenden Mobilisierungen sind freilich die, welche auf die Normierung des Begehrens und der Vorstellungen eines guten Lebens abzielen. Wer nicht häppy ist, also dem Normbild nicht entspricht, ist prinzipiell verachtenswert. Meines Erachtens ist Häppiness in dem Komplex, den Max Weber in „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ analysiert hat, an die Stelle dessen getreten, was ehedem der bloße wirtschaftliche Erfolg war. Nicht der allein ist mehr bedeutend als Index spiritueller Rechtfertigung, sondern ebenso die Einhaltung eines exakt kodifizierten „Lebensgenusses“, einer konformistischen „Selbstverwirklichung“, der Besitz eines Normkörpers etc.. Nun ist zwar jeder vom schlechten Gewissen geplagt, dem nicht zu entsprechen, und zwar gerade die, welche es dem äußeren Anschein nach am ehesten tun. Das aber bestärkt diese Dynamik bloß. Das schlechte Gewissen, nicht häppy zu sein, ist an die Stelle des Bewusstseins getreten, ein Sünder vor einem unendlich entfernten Gott zu sein. Es wirkt subjektiv als Beweis der Richtigkeit der Norm.

    Umso stärker wirkt das Ressentiment gegen alle, die der Norm offensichtlich nicht entsprechen. Dass die Griechen als Nation nicht häppy sind, ist die Voraussetzung dafür, dass sie so leicht denunzierbar sind. Das erklärt meines Erachtens übrigens auch, die neurotische Reaktion gerade auf Varoufakis, der als gut aussehender, motorradfahrender, eine Machtposition bekleidender Mann mittleren Alters, dem Bild der Häppiness zunächst entspricht und darum in diesem Kontext auf das neoliberale Bewusstsein wie ein Trickster wirken muss.

    Häppiness markiert sich unter anderem entlang solcher Schlagwörter wie „Individualismus“, „Selbstbewusstsein“, „Feiheit“, „Kreativität“, manchmal auch „Nonkonformismus“ oder sogar „Rebellentum“. Es ist allerdings ein entleerter „Individualismus“. Es gibt die Visiotypen „Individualismus“ und „Nonkonformismus“. „Nonkonformismus“ (als Norm) bedeutet die konformistische Selbstinszenierung anhand der entsprechenden Visiotypen. Das ist meines Erachtens nicht einmal ein Wiederspruch, sondern die Voraussetzung für das Funktionieren dieses Komplexes, denn es geht letztendlich um die Vergegenwärtigung des gesellschaftlichen Allgemeinen.

    (In dem Zusammenhang: Ich habe kürzlich ein Werbeplakat gesehen: Der Slogan war „Den Moment erleben“ oder „Im Augenblick leben“ oder so ähnlich. Zu sehen war ein Sonnenauf- oder Untergang – das Plakat hätte also von mir sein können. Vor dem Sonnenuntergang sah man zwei Hände von links und rechts ins Bild ragen, also die Arme des impliziten Betrachters. Die Hände formten ein Viereck, wie man es tut, um die Rahmung einer Szenerie für Film oder Fotographie ohne Kamera zu testen. Mit andern Worten: Das Bildmotiv etabliert die Wahrnehmung des Sonnenuntergangs von vorneherein als z. B. künftiges Foto auf Facebook und steht damit im krassen, diametralen Gegensatz zum Wortlaut des Slogans. Das ist meines Erachtens der Zusammenhang, den ich hier zu beschreiben suche, bereits mit in das Werbeplakat hinein genommen.)

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