Frankfurter Gemeine Zeitung

Netz-Medien als 2. Linie ideologischen Trommelfeuers

Der “Perlentaucher” gilt als führende deutsche Medienrundschau im Web, seit Jahren auch von Spiegel Online engagiert. Er ist allerdings nicht so neutral, wie sich seine  Zeitungsauswahl zuweilen gibt, und seine Meinungsbildung geht weit über eigene Statements etwa zu Netzpolitik hinaus.

Neben Perlentauchers Hauptthema “Islamismus” positionieren die Macher in ihrer täglichen “Debattenrundschau” immer wieder Freunde Overseas, die Abweichlern in unseren Gefilden mal ordentlich den Kopf waschen. Sei es gegen die bösen Russen, Tendenzen zu europäischer Nato-Untreue oder die gefährlichen Kindereien von Radikalinskis im europäischen Süden.

Der Perlentaucher gibt die 2. Linie, weil er reflektiert agiert, nicht mit der erregten Verve des “Organs der deutschen Niedertracht” (“Bild”), sondern mit der Zusammenstellung von und Kommentaren zu Interventionen, politischen Aussagen, Kolumnen. Der Feuilleton-Dienst funktioniert dabei sozusagen kompositorisch, bringt ein bestimmtes, recht enges Ensemble von Einträgen und Zitaten zusammen, das durch seine Dichte oder Rhythmus das politisch-kulturelle Klima derart ventiliert, dass es den gewünschten Aggregatzustand erlangt. Der Vorteil: Die anspruchsvollen Rezipienten des Dienstes können sich durch diese vermeintliche Distanz selbst reflektiert fühlen, eine gute Voraussetzung für breite Akzeptanz.

An einem oder mehreren Tagen hintereinander kann es uns passieren, dass “Islamismus” im Fadenkreuz der Perlentaucher steht, und die überraschten Leser sehen eine Rundschau, die sich fast um nichts anderes dreht als um Kommentare zu Islamdebatte hier, Islamismusgefahr dort mit dem Islamischen Staat auf der Zielgeraden.

Allmorgendlich wird die Presserundschau zirkuliert, und wenn im deutschen Feuilleton nichts für´s Klima passt, lässt sich andernorts was finden. Für Osteuropa kommt gerne eine us-amerikanisch-polnische Munition zum Einsatz, für Abweichler vom westlichen Zeitgeist wird besonders gerne “Politico” herangezogen. Politico ist ein US-Magazin, das den Republikanern nahe steht und mit dem Springerverlag kooperiert.

Entsprechend zitierte Perlentaucher als Institution der 2. Linie ideologischen Trommelfeuers zu Griechenland in der Hochphase im Juli aus politico.eu: “Schon schreibt Fidel Castro späte Liebesbriefe an den geschätzten compañero Alexis Tspiras.” und “Alexis Tsipras wird zum Posterboy der europäischen Linken, der die europäischen Politiker nach wie vor mit seinem Linkspopulismus vor sich hertreibt”. Hoho: der Bandit aus der Karibik mit dem Posterboy aus der Ägäis!

Allerdings gab es aus den USA auch ganz andere Beiträge zur Griechenlandkrise, bisweilen gar von Nobelpreisträgern für Wirtschaft, zum Ärger unserer Bundesdeutschen Hardliner in Sachen Privatisieren und Sparen. Und der Perlentaucher wurde dazu fündig, wieder mal bei politico.eu. Zitiert wird heute ein Artikel, übertragen aus der griechischen Presse, die sich tatsächlich kaum durch liberale Vielfalt auszeichnet, einig in der Hetze gegen Syriza: “Weltberühmte Wirtschaftswissenschaftler – Männer mit Nobelpreisen und höchsten akademischen Ehren – gaben Radikalen, die ein ruchloses Spiel mit Griechenlands finanzieller, politischer und geopolitischer Zukunft spielten und von einer sozialistischen Machtübernahme träumten, Rückendeckung. Jetzt wo sich Tsipras zähneknirschend Richtung Zentrum bewegt und seine Regierung und Partei (falls er es schafft) von Leuten wie Varoufakis befreit, wird es Zeit für ihre Cheerleader, ein bisschen von ihrer Ex-Cathedra-Makroökonomie abzugehen.”

So schafft es der Perlentaucher das Deutsche Klima im gewünschten stupiden Zustand zu halten, in der Rede von den ruchlosen Spielern der griechischen Radikalen und ihren  Lehrstuhlökonomen, von all denen wir endlich zu befreien sind. Überhaupt nicht anders klang es aus der Springerpresse, als Syriza der EU-Phalanx mit ökonomischen Argumenten kam, die an der EU-Laien um den gelernten Buchhalter Schäuble abprallte, und eine der Cheftröten vom “kindlichen Kasperletheater” gegenüber dem “Erwachsenenspiel Politik” faselte.

Der “Perlentaucher” ist das ideale Web-Medium für heutige deutsche Neo-Spießer, die kreativ an Erwachsenenspielen teilnehmen möchten.


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