Frankfurter Gemeine Zeitung

Ein Brief an Mert Matan- Zum missglückten “Gay Prank”

Am 13.03.2016 stellte ein erfolgreicher deutscher Youtuber namens Mert Matan ein Video hoch, in dem er sich zum Spaß gegenüber seinem Vater als schwul outete. Die Reaktion fiel heftig aus. Der Vater rastete aus, beschimpfte seinen Sohn und schlug ihn dabei mehrfach mit der flachen Hand.
Dieses Video löste verständlicherweise Empörung aus. Neben der nachvollziehbaren Kritik an der im Video gezeigten homophoben Reaktion des Vaters hagelte es auch eine Menge rassistischer Hasstiraden gegen Mert und seine gesamte Familie.

Als Reaktion darauf stellte Mert am 15.03.2016 ein Statement zu seinem „Gay Prank“ hoch. In diesem rechtfertigte er die Reaktion seines Vaters und beteuerte, weder er, noch sein Vater hätten etwas gegen Schwule. Jeder könne so leben und lieben wie er wolle.
Es handele sich außerdem nur um eine Angelegenheit seiner Familie. Dies wirkte nicht allzu überzeugend.

„Das war seine Reaktion, seine Meinung zu mir und nicht zu der allgemeinen homosexuellen Szene“ und „Mein Vater hat nichts gegen homosexuelle, außer dass sein Sohn vielleicht schwul werden… sein… könnte“ so Mert.
Außerdem sagte er „Das gibt es bei uns in der Familie nicht, in der Kultur und genauso wie in der Religion nicht. Bei uns in der Familie existiert sowas einfach nicht.“

Dass dies die Gemüter nicht beruhigt, war abzusehen und der Shitstorm tobt natürlich weiter. Ich hingegen bin in der Sache hin- und hergerissen. Einerseits beurteile auch ich das „Gay Prank“ Video und das anschließende Statement als homophob und höchst kritikwürdig.
Andererseits kotzen mich die ganzen Leute, die jetzt irgendwas von „abschieben“ oder gar „erschießen“ krakeelen so dermaßen an, dass ich eigentlich Lust hätte, mich mit Mert zu solidarisieren.

Aus diesem Grund schreibe ich ihm hier diesen öffentlichen offenen Brief:

Lieber Mert,

nach Deinem Statement zum „Gay Prank“ scheint mir, dass Du nicht nachvollziehen kannst, wofür Du in der Kritik stehst.

Vielleicht verstehst Du es, wenn ich Dir dazu eine Frage stelle. Du sagst, in Deiner Familie gäbe es so etwas wie Homosexualität nicht. Aber nehmen wir einmal an, das gäbe es doch. Stellen wir uns vor, ein Cousin von Dir würde sich Dir gegenüber als schwul outen. Wie würdest Du reagieren?
Würdest Du Dich dadurch in Deiner Ehre gekränkt fühlen? Würdest Du den Kontakt abbrechen? Würdest Du ihn dafür vielleicht selbst schlagen? Oder würdest Du für ihn einstehen, wenn Du sehen würdest, dass Dein Onkel ihn schlägt?
Wenn Du einen Homosexuellen in Deiner eigenen Familie nicht ertragen könntest, bedeutet das leider, dass Du Homosexuelle nicht als gleichwertig ansiehst.

Der Begriff „Phobie“ bedeutet Abneigung aber auch Angst. Wenn Du Angst davor hast, dass ein Schwuler in der Familie Euren Ruf schädigen könnte, dann bist Du leider homophob im Sinne des Wortes.

Ein Vater der seinen Sohn schlägt, weil er sich als schwul outet, ist homophob.
Ein deutscher Vater, der seiner Tochter sagt, „ich will nicht, dass Du einen Türken als Freund hast“, ist übrigens auch ein Rassist.
Stell Dir einfach mal vor, das wäre kein Spaß gewesen, sondern Du hättest Dich echt als schwul outen wollen und Dein Vater hätte so reagiert.

Du irrst Dich, wenn Du denkst, dass die Angelegenheit zwischen Dir und Deinem Vater eine reine Privatsache wäre.

Dies hat zwei Gründe:

1. Du hast die Reaktion Deines Vaters als erfolgreicher Youtuber online gestellt und damit die Haltung Deines Vaters öffentlich gemacht. Du bist inzwischen eine bekannte Persönlichkeit und musst damit umgehen können, dass solche Dinge öffentliche Kritik hervorrufen.
2. Was in Familien passiert, ist nur so lange Privatsache, so lange es nicht um Gewalt und Diskriminierung geht. Seinen Sohn dafür zu schlagen, dass er sich als schwul outet ist diskriminierende Gewalt. Theoretisch hättest Du ihn dafür sogar anzeigen können.

Wenn Du sagst, so etwas wie Schwule gäbe es in Deiner Kultur und Religion nicht, dann liegst Du leider völlig daneben. Natürlich gibt es schwule Türken und natürlich gibt es schwule Muslime.
Was Du aber meinst, wenn Du sagst, so etwas gäbe es nicht, ist, dass es tabuisiert wird und genau das ist ein Problem.

Aus diesem Blickwinkel muss ich Dein Video trotz aller Kritik dennoch loben. Denn Du hast mit Deinem Video die Autorität Deines Vaters, sowie kultureller und religiöser Überlieferungen in Frage gestellt, alleine dadurch, dass Du den Mut hattest, einen solchen Scherz überhaupt durchzuziehen. Du hast einen Spaß mit etwas gemacht, das es nach Deinem eigenen Bekunden in Deiner Familie, Deiner Kultur und Religion gar nicht geben kann.

Die Leute, die dich jetzt „abschieben“ oder gleich „abknallen“ wollen, sind rassistische Arschlöcher, denen es keineswegs um irgendwelche Rechte für Schwule, Frauen oder andere gesellschaftliche Gruppen geht, sondern die das nur vorschieben, um ihre Propaganda zu verbreiten.

Ich denke, Deine Videos offenbaren ein Problem über das Du ernsthaft nachdenken solltest. Aber ich glaube auch, dass Du in dem Moment als Dein Vater Dich geschlagen hat, durchaus gespürt hast, was falsch an Homophobie in der Familie ist.

Alles Gute,

Florian K.


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