Frankfurter Gemeine Zeitung

Ich muß vollstrecken…

… – Reflexionen des Gerichtsvollziehers Unter-der-Brücke

Transparent auf der Baustelle „Eine Stadt für Alle!“ (2016-02-13)

Wissen’s, so ein Gerichtsvollzieher hat’s nicht leicht, denn unsere Gebühren­ordnung gibt nicht viel her. Man ist zwar selbstständig, muß aber von dem leben, was die Termine so ab­werfen. Und Frankfurt ist eine teuere Stadt – auch für Gerichtsvollzieher. Das be­rück­sichtigt die Gebüh­ren­ordnung rein gar nicht. Frau und Kind sind so eigent­lich in Frank­furt nicht zu verdie­nen, ähh ich meine zu finanzieren.

Ein schwacher Trost ist: Die Kohle, die ich bekomme, wird in voraus bezahlt. Wo kä­men wir denn hin, wenn wir für uns selbst die Gelder per Gerichts­vollzieher eintreiben müß­ten. Das wäre die letzte Katastrophe.

Vorauszahlungen machen es mir leicht, auch mal nichts vollstrecken zu können. Da kann man bei alten Ge­räten auch mal wegschauen, weil diese objektiv wertlos sind. Wert­losen Plunder zu versteigern, bringt auch nichts. So ‘was will keiner.

Die Armut, die ich sehe, ist bisweilen sehr fürchterlich. Wollen sie armen Kindern etwa etwas wegnehmen? Gut, dass es hier einen gewissen Pfändungs­schutz gibt.

Wissen’s aber auch: Die Vollstreckungsquote muß stimmen. Sonst ist’s aus der Voll­strecke­rei und keiner läßt mich mehr vollstrecken. Ich brauche den Job und will nicht in Hartz IV landen.

Übrigens, eine richtig interessante Baustelle sind für uns Gerichtsvollzieher die vielen über­flüssigen und unsinnigen Anschaf­fun­gen – die man meint brauchen zu müssen, weil die jeder hat – oder – eben haben muß. So etwas läßt sich leicht und gut verstei­gern. Ist man arbeitslos geworden oder hat sich kapital­mäßig ver­–speck–u­liert, geht nichts mehr: die hohen Fixkosten und der gewohnte Lebens­stan­dard. … Wer da nicht auf­passt, hat ganz schnell Herrn Unter-der-Brücke im Haus: Diejenigen, die nicht aufhören können, auf zu großem Fuß zu leben, denen verhelfe ich hier gern zu etwas mehr Realität. Vollstrecken macht mir hier richtig Spaß.

Was mir hingegen gar keinen Spaß macht, sind die Zwangs­räumungen. Die Miete nicht mehr bezahlen zu können, die Mieten steigen immer weiter. Das gewohnte Umfeld ist zu verlassen. Das kann nicht jeder. Gerade ältere Menschen und junge alleinerziehende Mütter tun mir richtig leid. Scheidungs­kinder haben es ehedem schon schwer.

Aber bevor ich selbst mir mein klein Häuschen nicht mehr leisten kann, muß ich vollstrecken. Ich sage dann zu mir, irgendwo werden DIE alle wieder unter­kom­men. Schließ­lich müssen hierzulande nicht allzu viele Menschen unter Brücken schlafen. Wir haben schließlich ein Sozialstaat, oder?

Wenn Sie mit Handwerker und Polizeibegleitung vollstrecken gehen, da sind sie in ihrer eigenen Rolle gefangen. Da muß ich die Zwangsräumung vollstrecken. Ich kann nichts dafür, wenn die Gerichte so entscheiden. Denn: Wenn Gerichte so entscheiden, ist alles rech­tens. Wir leben doch in einem Rechtsstaat?!?

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Der Text wurde so erstmals am 13. Februar 2016 vorgetragen auf der Baustelle „Eine Stadt für Alle!“

- Crosspost -


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