Frankfurter Gemeine Zeitung

Jan Böhmermanns Erdogan-Gedicht: Einfach nur ein missglückter Scherz?

Vor ein paar Tagen hatte sich der türkische Präsident Erdogan den deutschen Botschafter wegen eines Videos einbestellt, welches auf extra-3 einem Satiremagazin des Norddeutschen Rundfunks gelaufen ist.
Dass er damit Karikaturisten und Satiriker herausfordert, ist klar. Erdogan-Witze sind aktuell hoch im Kurs.

Ein autokratischer, gockelhaft eitler politischer Unsympath, der eine unbeholfene Attacke auf die Pressefreiheit in einem anderen Land versucht, gibt sich damit selbst zum humoristischen Abschuss frei. Das muntere Erdogan-Bashing, das jetzt stattfindet, hat er sich redlich verdient.

Der Satiriker Jan Böhmermann hatte sich entschlossen, da noch eine Schippe draufzulegen und Erdogan eine Lektion in Pressefreiheit zu erteilen. Diese hatte Erdogan auch bitter nötig. Schließlich hat er in einem Interview auf CNN betont, man möge doch nicht Kritik und Diffamierung verwechseln. Auch Satire müsse Grenzen haben.
Also wollte ihm Böhmermann einmal zeigen, was eine wirkliche Diffamierung ist und verfasste ein entsprechendes Gedicht. Er kündigte den Vortrag des Gedichtes in seiner Sendung auf ZDFneo mit den Worten „Das, was jetzt kommt, darf man nicht machen“ an.
Auch die nachträgliche Löschung des Videos aus der Mediathek war einkalkuliert. „Unter Umständen nimmt man das aus der Mediathek“, hieß es dazu in der Sendung.

Journalisten und Netzgemeinde diskutieren sich nun die Köpfe heiß und inzwischen hat sogar Angela Merkel den Partner ihrer gegenwärtigen außenpolitischen Zweckbeziehung in Schutz genommen und Böhmermann öffentlich gescholten.
Spätestens jetzt hat Böhmermann also den Olymp medialer Relevanz erklommen, wenn sogar die Kanzlerin sich genötigt fühlt, ihn zu tadeln.

Das Lustige oder vielleicht auch Erschreckende an dem Ganzen ist, dass es sich bei dem Gedicht Böhmermanns tatsächlich um das handelt, was der Titel sagt, nämlich eine „Schmähkritik“.
Eine pubertäre Pöbelei, bei der er dem türkischen Möchtegerndiktator Präsidenten einen kleinen Pimmel und Schrumpelklöten andichtet.
Dabei greift er auch auf alle möglichen beschissenen Klischees über Türken und Muslime zurück. Erdogan stinke nach Döner und dies sogar schlimmer als ein Schweinefurz. Außerdem treibe er es mit Schafen und Ziegen.

Dass dies rassistisch ist, dürfte Böhmermann nicht entgangen sein, auch wenn ihm manche unserer Leitmedien das unterstellen. Jedoch ist Böhmermann nicht dafür bekannt, Rassist zu sein. Und bekannt dafür doof zu sein und die Kontexte des von ihm Gesagten nicht zu verstehen, ist er auch nicht.

Warum also musste er einen solchen geistigen Dünnschiss öffentlich von sich geben?

Ich hätte dafür eine Reihe von Erklärungen anzubieten:

1. Er wollte genau den Skandal, den er jetzt bekommen hat und aus heutiger Sicht kann man nur sagen, dass die Masche geklappt hat. Jetzt spricht wirklich jeder über ihn… sogar die Kanzlerin. Gleichzeitig stellt sich dabei aber die Berechenbarkeit unserer medialen Erregungskurven selbst bloß.

2. Er wollte gezielt rassistischen Müll von sich geben und das aus gutem Grund. Aktuell fordern doch zahlreiche Rassisten von AfD, über PI-News bis hin zu Pegida, dass man ihrem rassistischen Scheiß endlich die „Meinungsfreiheit“ gewähren sollte.
Jetzt hat Böhmermann mal ordentlich rassistisch abgeledert und das im öffentlich-rechtlichen „linksversifften Lügenfernsehen“ wo man garnichts politisch Unkorrektes sagen darf und hat dabei gleichzeitig gezeigt, warum es eben doch manchmal sinnvoll ist, einen Beitrag zu löschen, auch wenn dann ganz Wutbürgerdeutschland wieder von „Zensur“ krakeelt. Seine „Schmähkritik“ wirft also auch ein Schlaglicht auf jene, die versuchen, die Meinungsfreiheit als Totschlagargument zur Verteidigung ihrer dumpfen Parolen zu missbrauchen und die just diese Art von Schmähkritik salonfähig machen wollen.

3. Er hofft, dass Erdogan wirklich dumm genug ist, ihn zu verklagen. Die Publicity, die er dabei gewinnen würde, ist mehr wert, als die Strafe, die er in einem Verfahren wegen Beleidigung bekommen würde und auch mehr wert als das, was Erdogan in einem Zivilprozess gegen ihn geltend machen könnte.

4. Er wollte die Empfindlichkeitsgrenzen der deutschen Regierung austesten, nachdem diese ja nur sehr verhaltene Kritik an der Einbestellung ihres Botschafters wegen einer Satire geäußert hat. Hierzu hat er es gezielt auf die Spitze getrieben.

5. Er wollte Erdogan beleidigen. Nicht nur satirisch und weichgespült, sondern wirklich persönlich und zwar massiv unter der Gürtellinie. Das ist angesichts des politischen Wirkens der Person Erdogan ein sehr menschlicher Impuls.

Ich halte die Aktion von Böhmermann für mehr als gelungen. Alle die ihn nicht verstanden haben, mögen nun damit fortfahren, sich gegenseitig zu zerfleischen und dabei selbst zu entlarven.

P.S.: Sprüche über den Pimmel oder die sexuellen Neigungen des Kontrahenten sind im Übrigen Teil vieler anständiger Battlerap-Songs und damit unverzichtbarer Bestandteil unserer Jugendkultur. Allerdings scheint Böhmermann auf diesem Gebiet doch blutiger Anfänger zu sein. Ich hätte an seiner Stelle noch mindestens einen Spruch über Erdogans Mutter rausgehauen.^^


Ein Kommentar zu “Jan Böhmermanns Erdogan-Gedicht: Einfach nur ein missglückter Scherz?”

  1. Bernhard

    Hi Florian,

    zu Punkt 3: Es könnte auch so kommen, dass sich der ZDF dazu entschließt, Böhmermann als gefährlichen Karikaturisten für Dauer aus den Sendungen zu verbannen. Ein Karriereknick wäre denkbar.

    Vielleicht wird Böhmermann jetzt auch benutzt, um den öffentlichen Raum, was Satire darf, einzuengen. Will meinen, wir bewegen dann uns Richtung 50er-Mief und McCarthy.

    Was hiergegen spricht und was mich frohlocken läßt: Im Bundeskanzleramt gibt es ein Zuständigkeitsproblem. Wer bekommt den schwarzen Peter und erhebt Anklage gg. Böhmermann im Sinne der türkischen Staatsführung?

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