Frankfurter Gemeine Zeitung

Dem Frankfurt Griechenland-Solidaritäts-Komitee kam die Solidarität abhanden

Wir sprechen von einer Angelegenheit, bei der gerade das Griechenland – Solidaritäts- Komitee Ffm einen wahrhaften Exodus erlebt.
Hintergrund des Aderlasses ist eine mehr als unschöne Geschichte, die mit konkreter Solidarität, praktischer Kooperation und Spenden zu tun hat, oder vielmehr mit deren Verweigerung. Leider präsentiert sich auch das Bild einer weiter zerbröselnden Linken.

Kurze Beschreibung
Nachdem in langen Diskussionen und in mehreren Beschlüssen in den Plena festgelegt wurde, dass bei Veranstaltungen des Komitees zu Spenden für Partner-Initiativen in Griechenland aufgerufen werden soll, ergab sich die erste Gelegenheit der Umsetzung dieser Beschlüsse beim Konzert zu Mikis Theodorakis 90. Geburtstag letztes Jahr.
Info-Materialien wurden vorbereitet, ein Stand aufgebaut und auf Plakaten auch für Spenden an diese, in den Plena vorgestellte Initiative geworben. Auf der Veranstaltung selbst erklangen dann aber ganz neue Töne: plötzlich wurden neue Empfänger genannt und den Anwesenden erklärt, dass einige Herren des Komitees gedachten, diese Spenden persönlich (unter medialer Präsenz) vor Ort in Thessaloniki zu übergeben, „damit sicher gestellt sei, dass sie auch in die richtigen Hände gelängen.“

Nur kehrten die Herren von der Reise zurück und hatten aus eigenem Ermessen gerade der Gruppe die Gelder verweigert, um die es beim Konzert in erster Linie ging. Die Versuche, die Angelegenheit zu klären und doch noch diese Gelder an die vorgesehenen Empfänger zu schleusen, liefen nicht nur völlig ins Leere, sondern lösten eine Welle von Auseinandersetzungen und Aggressionen innerhalb des Komitees aus (der Vorgang liegt der Redaktion vor).
Versuche der Arbeitsgruppen (die direkten Kontakt mit den Initiativen in Griechenland hatten und haben), die formalen Einwände dieser Organisations-Leute zu entkräften, wurden jedes Mal mit neuen formalen Argumenten ausgekontert. Wesentlich jedoch: die Graswurzel-Gruppe in Griechenland entsprach weder den politischen noch den organisatorischen Vorstellungen der Vertreter des Komitees. Im Binnenverhältnis wurde rasch klar, dass einige der Gründungsmitglieder des Komitees mit basisdemokratischen Strukturen wenig am Hut haben und die gute alte hierarchische Organisation pflegen, an die sie sich in Parteien und Gewerkschaften ihr Leben lang gewöhnt haben.

Diese Gewohnheiten meinen autoritäres Gehabe, völlige Intransparenz, aber auch geballter Opportunismus, Verdrehungen und Diffamierungen. Ebenfalls angesprochen wird ein merkwürdiges Verständnis von inner-organisatorischer Demokratie und fehlender Verbindlichkeit einer selbsternannten Wächtergruppe, Ambitionen, die sich leicht zwischen Zentralkomitee und Politkommissar ansiedeln. Harsch interpretiert ließe sich von bewusster Täuschung, zumindest grober Missachtung sprechen. Und als ob dies nicht bereits ausreichen würde, auch noch von einem peinlichen bis beschämenden Auftreten in Griechenland.
Im Gestus eines typischen Wohlstands-Chauvinismus wird doziert, dass „Menschen in Not dazu neigen, ihnen anvertraute Gelder für die eigene Familie zu verwenden“ (was mit grossem Verständnis und Pathos auch noch vorgetragen wird), damit jedoch die Soli-Gelder zu missbrauchen.

Wenn einer eine Reise macht
Der Auftritt dreier dieser Herren in Thessaloniki muss einigermaßen peinlich gewesen sein, denn auf Befragen hielt sich die griechische Seite sehr bedeckt und gab nur einige Bonmots zum Besten.
Sie hatten sich einen Auftrag zurecht gelegt – ähnlich der Troika – von dem niemand außerhalb ihres Zirkels eine Ahnung hatte: wie solidarische Aktionen auszusehen hätten und nach diesen Kriterien die Würdigkeit der Empfänger zu bemessen ist.
Genauer: Nachweisliche Linderung der Lage der Menschen in der Krise, basis-demokratische Strukturen und inner-organisatorische Revision. Daneben noch Steuernummer und Vereinsregister-Auszug.
Solche Bedingungen lesen sich wie ein Auszug aus einem Management-Brevier und natürlich gehört dazu das Kriterium des „Erfolgs“. Ein merkwürdiges Verständnis von Graswurzel-Bewegung offenbart sich uns.

Die Herren in Thessaloniki sparten nicht mit „solidarischer“ Kritik und Vorschlägen wie: zu den Genoss*innen von Vio.Me, dem Kollektiv, das seit geraumer Zeit die Fabrik besetzt hält und gemeinsam produziert: Viel zu wenig Leute, viel zu ineffizient, nicht marktgerecht, und deshalb keine Möglichkeit, sie wirksam zu unterstützen. An den Vertreter von Per’volarides, eine Gruppe, die sich um Verteilung und Produktion von Nahrungsmittel bemüht, er solle doch einen Kredit über 100.000 Euro aufnehmen und damit eine Farm kaufen.
Muss doch erlaubt sein, aus deutschland wertvolle Hinweise zu geben an diese Loser der Krise. Uns klingelt das Gelächter von Finanzministerium und Wirtschaftsverbänden in den Ohren!

Wahrhaft erschreckend allerdings, so unsere Informationen weiter, war, was sich dann in Frankfurt abspielte. Trotz eindeutiger Beschlusslage, trotz Zusage, die Herren würden sich an Abstimmungs-Ergebnisse halten, auch wenn sie nicht in ihrem Sinne seien, wurde die autokratische Politik weiter getrieben, bis es eben zu dem besagten Exodus kam.
Schlimmer nur noch die Phalanx, die zum “Burgfrieden” aufrief, weil offene Diskussionen nur dem Ansehen und mithin der Sache schadeten, ein Argument, mit dem sich alles rechtfertigen lässt, Willy Brandt wie Gerhard Schröder, Stalin wie Gorbatschow, Querfront wie Koalitionsvertrag. Burgfrieden wurde zum Totschlags-Argument und die Aggressionen gegen die „Schmuddelkinder“ schwappten hoch.

Dass in Griechenland auf Grund dieser selbstherrlichen Attitüde einige Projekte abgesagt werden mussten, dass im Komitee viele vor den Kopf gestossen wurden, das alles interessiert diese Herren wenig. Sie entziehen sich weiterhin jeglicher offener und inhaltlicher Auseinandersetzung.
Das Plenum ist ein Haufe, der gefälligst die Beschlüsse des Arbeitsausschusses abzunicken hat, darf auch mal aufmüpfig sein, bleibt sowieso konsequenzlos.
Die Adressaten in Griechenland sollen sich eben an Frankfurter Standards halten. Dabei scheint es den Herren nicht aufzufallen, dass das eigene Komitee genau die von ihnen geforderten Eigenschaften und Strukturen selbst nicht aufweist.

Timeo Germanos et donati feruntur
(in leichter Abwandlung eines lateinischen Sprichwortes: ich fürchte die Germanen, (gerade) wenn sie Geschenke machen)

Solche Freunde bzw. Bündnispartner, meinen wir, braucht nun wirklich kein Mensch und sollten zu denken geben. Im Komitee haben sich einige Leute aufgemacht wie in einer strammen Kaderpartei die Richtung zu bestimmen. Sie sind die Macher, also bestimmen sie, wo es lang zu gehen hat. Können wir uns noch über irgend etwas innerhalb des linken Spektrums wundern?

Nun wurde offenbar die Notbremse gezogen und vorgeschlagen, dass der gesamte „Arbeitsausschuss“ zurück träte. Dies erscheint der Konzert-Fraktion überflüssig, und riecht sowieso etwas nach taktischem Rückzug, weil die Behandlung der inhaltlichen Probleme wie die Abzweigung von Geldern so vermieden werden soll. Die persönliche Verantwortung für das Geschehen bleibt bestehen wie auch die Diffamierung einer Gruppe innerhalb des Komitees, die sich um Aufklärung bemüht hatte.
Mit dieser Art – wohlbekannt im eingespielten Parteienspektrum – werden so nur die Figuren aus der Schusslinie genommen und ein „sauberer“ Neubeginn suggeriert. (wer meint, hier ein Parallele zur offiziellen Politik der eurokommunistischen Kreise innerhalb SYRIZA zu sehen, kann so falsch gar nicht liegen)

Die Fixierung auf die Unterstützung repräsentativer Gruppen, mit denen sich „etwas hermachen lässt“, das autoritäre Gehabe sowohl innerhalb des Komitees als auch gegenüber den Initiativen in Griechenland stimmt schon sehr bedenklich.
Man kann durchaus solidarisch mit Griechenland sein, ohne deswegen solidarisch mit den Griech*innen sein zu müssen.

Eine Empfehlung: solche Prozedere sollten sich auch diejenigen aus der Linken vergegenwärtigen, die vorschnell zu “breiten politischen Bündnissen” gegenüber einer erstarkenden Rechten aufrufen. Vielleicht ist nach dem Bündnis nicht mehr viel von ihnen übrig.


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