Frankfurter Gemeine Zeitung

Gedenken und Gedanken zum 36. Todestag von Erwin Tinz

Wir gedenken unseres Mitbürgers Erwin Tinz.

Die Vorgeschichte des Menschen Erwin Tinz ist weitgehend unbekannt. In seiner Wahlheimat Mainz lebte er als wohnungsloser Nomade im städtischen Raum. Sein angestammter Platz war vor dem Mainzer Theater. In kalten Nächten legte sich Erwin auf den warmen Abluftschächten eines benachbarten Kaufhauses zum Schlafen.

Als Charakter war Erwin vielen Mainzern eine bekannte Persönlichkeit. Er hatte keine Berührungsängste, sondern legte seinen Mitmenschen gegenüber eine offene und kommunikative Art an den Tag. Erwin ergänzte durch seine Präsenz das Stadtbild um einen wichtigen Aspekt. Er versteckte seine Armut nicht. Er war im Grunde eine tägliche Herausforderung an das solidarische Sozialverhalten seiner Mitmenschen.

Am Donnerstagnachmittag des 11. Dezember 1980, wurde Erwin von der Mainzer Polizei abgeholt. Seine Krücke und sein Einkaufswagen mit seinem spärlichen Hab und Gut blieben vor dem Theater zurück. Die Polizei fuhr Erwin weit über die Stadtgrenze hinaus, bis in die Gemarkung von Nackenheim und setzte ihn dort aus. Das nannte man beschönigend „Verbringungsgewahrsam“.

Auf einem Nackenheimer Weinbergsweg wurde er am nächsten Morgen tot aufgefunden. Viel zu früh, im Alter von 57 Jahren, ist er gestorben.

Es tun sich Widersprüche in dieser Geschichte auf. Einerseits das fröhlichfamiliär gestimmte bunte Treiben auf dem Weihnachtsmarkt. Andererseits das einsame isolierte Leid und Sterben eines Mitbürgers.

Zu diesem Vorgang gibt es viele Fragen:
Warum wurde Erwin Tinz abgeholt?
Warum wurde Erwin Tinz im städtischen Raum nicht geduldet?
Warum brachte man ihn so weit weg, bis über die Stadtgrenzen hinaus?

Das Gerichtsverfahren endete nach zwei Instanzen mit Geldstrafen gegen drei Polizisten von je 40 Tagessätzen wegen Freiheitsberaubung. Das Gericht verneinte die Kausalität zwischen der unmenschlichen Handlungsweise der Polizisten und dem Tod unseres Mitbürgers Erwin Tinz. Erwin Tinz wurde Opfer einer Vertreibungspraxis, die weltweit im städtischen Raum zu beobachten ist.

Vielfach wird das städtische Leben bloß noch auf Warenkonsum, die Erbringung von Lohnarbeit und kommerzialisierten Tourismus ausgerichtet. Unangepasstes Verhalten wird bestraft. Dies trifft aber nicht nur auf wohnungslose Menschen zu, sondern auf alle Menschen, die sich nicht allein durch das erwünschte verwalterische Raster der Regierenden erfassen lassen. Warum scheint kein Platz für Menschen wie Erwin Tinz in unserer gesellschaftlichen Mitte zu sein? Warum werden sie mit perfidem Einfallsreichtum vertrieben? Obwohl doch alle EinwohnerInnen diesen sozialen Platz des öffentlichen Raums selbstbestimmt mitgestalten können? Nicht konsequent zu Ende gedachte und unverantwortliche Übergriffe der Polizei stoßen die Tür auf für Gewalt durch Neonazis gegenüber Obdachlosen und anderen schwachen Minderheiten. Wir können etwas tun. Lasst uns nachdenken und miteinander diskutieren. Wir weisen auf unsere Aktion am Samstag, den 10.12.2016 von 11:30 Uhr bis 17:00 Uhr in Theaternähe hin. Der Todestag von Erwin Tinz fällt in diesem Jahr auf Sonntag, den 11.12.2016.

Unterstützer:
Jenny-Marx-Club Mainz, ARAK – Antirassistischer Arbeitskreis Mainz, Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) OG Mainz, LINKE HILFE Mainz e.V.

V.i.S.d.P. Manfred Bartl, Rheinallee 19, 55118 Mainz

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