Frankfurter Gemeine Zeitung

Seit wann definiert Katrin Göring-Eckardt, was links ist?

von Jochen Hoff

Gestern (red. Anmerkung: 4. Januar 2017) gab es auf Facebook eine Diskussion, ob man die Flüchtlinge nach dem ersten Weltkrieg mit denen von heute vergleichen könne. Eine Dame von der ich nicht sehr viel halte, weil sie ein sprudelnder Quell von rassistischem Unfug ist, argumentierte damit, dass das gar nicht zu vergleichen wäre, denn schließlich wären die Flüchtlinge damals doch auch Deutsche gewesen. Blöd wie ich bin, habe ich mich eingemischt.

Den Volksbegriff der Nazis, den die Dame da gedanklich benutzte, habe ich außen vor gelassen, nur sei hier noch mal erwähnt, dass es sich damals bei den Flüchtlingen oft eben nicht um Deutsche aus dem Reich wie die Ostpreußen, Schlesien oder Pommern handelt, sondern auch Wolgadeutsche, Donauschwaben, Rumäniendeutsche und Menschen aus dem Baltikum und Böhmen kamen, die nur schwer als Deutsche zu begreifen waren, auch wenn sie vor langer Zeit einmal deutsche Vorfahren hatten.

Ich habe ja schon oft erwähnt, dass es diese ominöse deutsche Volk überhaupt nicht gibt. Es gibt Bayern, Preussen, Schwaben, Sauerländer, Rheinländer Hessen und Niedersachsen. Aber eben keine Deutschen.

Das witzige daran ist, dass Otto Kowalski, dessen Urgroßvater mit vielen anderen Polen als Wirtschaftsflüchtling in den deutschen Bergbau ins Ruhrgebiet gekommen war, mir, als die Gastarbeiter ins Sauerland kamen, beim Bier sagte, dass wir uns unser Sauerland doch nicht von den Fremden zerstören lassen würden. Genau wie die schöne Leila (20) aus der Türkei – Deutsche der zweiten Generation – mir heute mit wedelnden Händen erklärt, dass diese Flüchtlinge unser Land kaputt machen.

Ich muss dann immer lächeln. Der irakische Arzt und die tiefschwarze Krankenschwester aus dem Senegal reden ähnlich. Genauso der aus aus Italien eingewanderte Ägypter. Nun schreien die nicht in Dresden, dass sie das Volk seien, aber sie sind das Volk. Sie sind deutscher als deutsch. Aber wie kann das sein?

Menschen leben in Gemeinschaften – ursprünglich Horde oder Stamm genannt. Alles außerhalb der eigenen Horde war fremd und damit gefährlich. Kamen Fremde in größeren Gruppen, gab es Krieg um Unterkünfte und Jagdgebiete.

Einzelne männliche Fremde wurden meist erschlagen, weil sie ja Konkurrenz bei den Weibchen bedeutete. Einzelne Weibchen waren willkommene Beute, da sie für die Männchen Abwechslung boten. Gefahr bestand für sie vor allem durch die Weibchen der Horde. Der Stallgeruch der Horde war entscheidend.

Tatsächlich sind wir bis heute noch nicht weit von der Horde weggekommen. Die Horde mutierte zwar irgendwann zur Großfamilie, aber in der Realität war sie das vorher auch gewesen. Erst ab den siebziger Jahren begann die Vereinzelung des Menschen, weil er so leichter auszubeuten ist.

Die Männchen wollen auch heute keine anderen Männchen in ihrem Beritt und gerade der Hass auf Farbige ist zutiefst mit der Angst vor viel längeren und dickeren Geschlechtsteilen verwachsen. Dazu kommt die Angst aller Hordenmitglieder, dass die Nahrung nicht für alle reichen könnte, wobei der Begriff Nahrung alle Aspekte wie Wohnen mit einschließt. Oben drauf noch die Angst, die anderen könnten besser sein.

Selbstverständlich wurden auch immer wieder männliche Fremde in die Horde aufgenommen. Sei es, weil sie bestimmte Fähigkeiten hatten oder einfach zusätzliche Arbeitskräfte nach dem Ende des nomadischen Lebens gebraucht wurden. Dabei war es egal, ob sie als Freie oder Leibeigene, als Sklaven aufgenommen wurden. Durch Assimilation nahmen die einzelnen Fremden sehr schnell den Stallgeruch ihrer Gruppe auf und wurden irgendwann Mitglieder der Gruppe und bekämpften mit der Gruppe die anderen Gruppen.

Es ist kein Witz, dass es im amerikanischen Bürgerkrieg vorgekommen sein soll, dass Sklaven ihre Befreier auf das härteste bekämpft haben, weil diese Befreier Fremde waren. Ein bekanntes Elend ist besser als die Gefahr, die aus der Fremde kommen könnte. Menschen wollen keine Veränderung.

Deshalb wurden nach 1945 auch die Flüchtlinge erbittert bekämpft. Gerade auf dem Lande, woher ich selbst ja ursprünglich komme, stellten die Fremden eine Gefahr dar, da sie die liebgewordenen Strukturen und Herrschaftsmodelle in Frage stellten. Die fast zwei Millionen Flüchtlinge die nach Bayern kamen, haben zunächst viel frischen Wind in das Land gebracht, fielen dann aber auch wieder in ein Bayern-sein zurück, weil sie in der Gruppe verschwinden wollten.

Über das gesamte Bundesgebiet gesehen und natürlich auch in der DDR wurden die Flüchtlinge genau so gehasst wie heute die Syrer oder andere Flüchtlinge. Dr. Jakob Fischbacher, Kreisdirektor des Bayrischen Bauernverbandes sagte Ostern 1947 wörtlich:

Wenn ein Bauernsohn eine norddeutsche Blondine heiratet, so ist dies in meinen Augen Blutschande. Die Preußen, dieses Zeugs, und die Flüchtlinge müssen hinausgeworfen werden, und die Bauern müssen dabei tatkräftig mithelfen. Am besten schickt man die Preußen gleich nach Sibirien.

Bekannte Töne, nicht wahr? Das ist der Ungeist, der den Seehofer, den Söder und ihre Truppen auch heute noch speist. Wenn auch nicht so offen, war dies aber in vielen Teilen Deutschlands die geistige Haltung und die Flüchtlinge mussten durch dieses Fegefeuer. Wer sich am schnellsten assimilierte, war der Erfolgreichere. Andere haben sich umgebracht, weil sie ohne ihre Horde nicht leben konnten.

Diese Angst vor dem Fremden ist ein Rassismus, der ganz tief in uns steckt. Aber anstatt ihn zum Thema zu machen, verstecken wir ihn und wundern uns dann immer, wenn er aus uns herausbricht. Es ist unsere Angst vor Veränderungen. Rassismus ist so gesehen eine Angstkrankheit.

Deshalb wählen wir auch immer wieder die gleichen Ungeister, weil sie uns Beständigkeit versprechen. Die Flüchtlinge bekamen von der CDU und auch von der SPD versprochen, dass ihre Heimat niemals aufgegeben würde, was natürlich wie eigentlich jeder – natürlich auch die Flüchtlinge – wusste, eine Lüge war. Eine Lüge, die immer neue Lügen geboren hat, und gleichzeitig den Fremdenhass förderte. Steinbach und Posselt sind die Paradebeispiele, was passiert, wenn man nicht den Anfängen gleich klaren Widerstand entgegen setzt.

Flüchtlinge sind nämlich Flüchtlinge. Wer da einen Unterschied macht oder machen will, ist ein Rassist. Denn alle Flüchtlinge sind Menschen. Versehen mit allen menschlichen Tugenden und Lastern.

Erstveröffentlichung auf duckhome.de unter dem gleichen Titel am 5. Januar 2017.


Ein Kommentar zu “Seit wann definiert Katrin Göring-Eckardt, was links ist?”

  1. Bernhard

    Na ja, die Erklärungsausführungen in Bezug auf “Horde” muß man nicht teilen. Es ist schon eine arge Simplifizierung. Hat Hoff in der Steinzeit gelebt, dass er so gut Bescheid weiß? Ich finde, seine Erklärungsversuche sind mit einem großen Fragezeichen zu versehen.

    Positiv hat Hoff anhand seiner Beispiele gezeigt, dass Rassismus ein generelles Problem darstellt. Inwieweit das Rassismusproblem allein durch wirtschaftliche Lösungen a lá Sahra Wagenknecht (sogenannter Ökonomismus vgl. den Text “Wo Sahra Wagenknecht falsch liegt“.) in den Griff zu bekommen ist, darf bezweifelt werden.

    Weniger – gelegentlich sehr kruder Text – wäre mehr gewesen.

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