Frankfurter Gemeine Zeitung

Doña Carmen e. V.: Nein zur Videoüberwachung im Frankfurter Bahnhofsviertel

Doña Carmen e. V., ein Frankfurter Verein für soziale und politische Rechte von Prostituierten, hat sich in einer Stellungnahme vom 19.09.2017 mit den Forderungen des Frankfurter Polizeipräsidenten Gerhard Bereswill nach Ausweitung der Videoüberwachung im Frankfurter Videoüberwachung auseinander gesetzt. Wir veröffentlichen die Erklärung von Doña Carmen e. V. nachstehend im Wortlaut:

Polizei instrumentalisiert Drogenelend – Überwachung von Anwohnern, Passanten sowie Prostituierten und ihren Kunden

Der kurz vor den Bundestagswahlen lancierte Hinweis des Frankfurter Polizeipräsidenten Gerhard Bereswill hinsichtlich einer mangelnden Umsetzung der Videoüberwachung in Frankfurt löst den zu erwartenden Reflex aus: den vermeintlich wählerwirksamen Wettlauf um die Pole-Position unter den selbst ernannten städtischen Video-Überwachern. Anlass waren Einlassungen des Polizeipräsidenten, in denen er u. a. sagte ‚Gerade die Ecke von Taunus- und Elbestraße ist der Kriminalitätsbrennpunkt in Frankfurt. Dort passieren im Jahr mehr als tausend Straftaten.‘ (FAZ, 16.09.2017) Damit will Bereswill die Videoüberwachung an diesem Punkt legitimieren und forcieren. Und in der Tat: Die genannte hohe Zahl hört sich Furcht einflößend an und zielt darauf ab, reflexartigen Handlungsdruck zu erzeugen. Doch ganz so einfach liegen die Dinge nicht.

Dass auf einer einzigen Kreuzung pro Jahr mehr als 1.000 Straftaten registriert worden sein sollen, hat – wenn es überhaupt zutrifft – spezielle Hintergründe. Als Beratungsstelle, die in unmittelbarer Nähe zu dieser Kreuzung liegt, wissen wir sehr wohl, dass hier nicht täglich dreimal die Polizei vorfährt und jedesmal eine Straftat registriert. Es handelt sich um eine sehr belebte innerstädtische Kreuzung, über die täglich viele Menschen gehen und stets große Gruppen gefahrlos zum Sight-Seeing durch das Bahnhofsviertel geführt werden.

Dass an diesem Punkt der Stadt in hohem Maße Straftaten gegenüber der Allgemeinbevölkerung verübt werden, zu deren Verhinderung es einer Videoüberwachung bedarf, ist ein von der Frankfurter Polizeiführung beabsichtigter Trugschluss, der mit den tatsächlichen Umständen nur begrenzt etwas zu tun hat. Entscheidend ist, dass die dieser Straßenecke zugeordneten Straftaten mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nur dem Drogenkonsum und dem kleinen Drogenhandel zuzurechnen sind. Unmittelbar neben der Kreuzung befindet sich ein Druckraum. Ein weiterer Druckraum für Drogenabhängige befindet sich in der Niddastraße. Zwischen beiden Orten gibt es einen regen, ständigen Laufverkehr der Drogenabhängigen, der jedesmal über die Kreuzung Taunus- / Ecke Elbestraße verläuft. Die Zunahme der Drogendealerei an dieser Straßenecke ist zudem eine direkte Folge des Verfolgungsdrucks, der seit November letzten Jahres seitens der Polizei insbesondere auch gegenüber der B-Ebene am Bahnhofsvorplatz ausgeübt worden ist und somit nur eine Verlagerung des Drogenelends von einem zum anderen Punkt widerspiegelt. Hinzu kommt die Schließung des Druckraums in der Moselstraße, was in gleichem Maße einen Verlagerungseffekt in Richtung Ecke Taunus-/Elbestraße zur Folge hatte. Insofern verdankt sich die vermeintlich hohe Kriminalität an diesem Punkt einem an anderen Punkten aufgebauten erhöhten Kontrolldruck mit entsprechenden Verlagerungseffekten. Weiterlesen »


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