Frankfurter Gemeine Zeitung

Antirassistischer Musikunterricht?

Fragen über Fragen! Für mich Fragen eines essentiellen demokratischen Schulunterrichts: Gibt es ihn, den antirassistischen Musikunterricht an Schulen, den antirassistischen Schulunterricht generell? Das sind Fragen, die ich mir stelle angesichts der Tatsache, dass rechtsradikales Gedankengut à la Sarrazin inmitten unserer Gesellschaft recht weit verbreitet ist. Dies impliziert auch eine anti­fas­chis­tische Komponente, stellt doch der Rassismus in seinen unterschiedlichen Ausprägungen (inkl. “Kultur”-Begrifflichkeit?) stets ein grundlegender Bestandteil des Faschismus dar.

Wenn es diesen Unterricht nicht gibt, warum ist das so? Was ist das für eine Gesellschaft, die aufgrund ihrer deutschen Geschichte es im Grunde genommen besser wissen müßte? Kann es gar sein, dass in unserer “bürgerlichen” Gesellschaft der Rassismus bzw. weitergehend der Faschismus strukturell angelegt ist?

Solche Fragen kamen mir auf, als ich meinen ersten Musik-Audiocast vorstellte. Hintergrund ist hier, dass vor genau fünfzig Jahren der Rocksteady seinem Höhepunkt entgegen strebte. Mit eben diesem Rocksteady eng verbunden ist die Geschichte und Entwicklung der anderen Musikstile Ska, Reggae, sogar Hip Hop und Dancehall; allesamt entstanden auf einer Insel, die als ehemalige britische Kolonie in die Unabhängigkeit (nicht ganz freiwillig!) entlassen wurde. Ich meine Jamaika.

Ohne Rocksteady gäbe es vermutlich den Reggae nicht, ist jener doch direkt aus ersterem entstanden. Insoweit handelt sich bei dem 50. Geburtsjahr des Rocksteady um etwas besonderes. Aber wo lesen sie etwas ausführliches darüber in den deutschen Massenmedien? Zurück zum Schulunterricht: Gibt es im Musikunterricht, wenn überhaupt, eine über die oberflächliche Aufklärung hinausgehende schulische Diskussion über den gesellschaftlichen, genauer: den wirtschaftlichen und politischen Hintergrund Jamaikas? Darüber, dass die Gesellschaft dort ein rassistisches Erbe aufweist? Dass die Armut trotz Wirtschaftwachstums, welches der Unabhängigkeit geschuldet war, keineswegs verschwand? Dass der Kapitalismus Jamaika vielleicht gar nichts brachte? Dass in Großbritannien bei Skinhead-Reggae-Konzerten mit jamaikanischen Musiker eben diese gegen Angriffe der National Front durch die Skinheads beschützt wurden? Dass die rechtsradikalen Übergriffe auf die Skinhead-Bewegung in den Massenmedien viel zu kurz gegriffen dargestellt werden?

Die nicht unpolitische Musikgeschichte des Reggae einschließlich des Skinhead Reggaes und der anderen Musikstile, die  mit der Entwicklung des Reggae verknüpft sind, ließe sich aus meiner Sicht sehr gut in einem demokratischen, also antirassistischen und antifaschistischen Musikunterricht einbinden und nutzen.

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