Frankfurter Gemeine Zeitung

Rocksteady: nicht ganz so unpolitisch, wie man denkt…

Es ist immer noch Weihnachten! So enthält dieser Beitrag “wunderschöne” Musikvideos. Doch zuvor kommen noch einige Absätze zur geneigten kritischen Selbstreflexion – quasi als politischer Aperitif zu den üppigen deutschen Weihnachtsmahlen, wenn man denn selbst genug Geld hat, sich diese leisten zu können oder jemanden kennt, der genug Geld hat, einem eine Einladung zu einem solch üppigen Weihnachtsmahl aussprechen zu können. Im Sozialgeld, im Hartz-IV-Regelsatz zum Beispiel jedenfalls ist kein Gänsebraten enthalten, dazu ist Deutschland zu …. (Was wäre hier ihre Antwor_?)

Was eint Jamaika, die Wiege des Rock­steady und Deutschland? Es ist die Armut, die in allen (kapitalischen!) Ländern vorherrscht und nicht nur kleine Teile der Bevölkerung trifft. Man beachte hier stets selbstkritisch: Ist man selbst an den Futtertrögen, läßt sich gut reden!

Ich möchte heute ein klein wenig mit der Mainstream-Erzählung aufräumen, der Rock­steady wäre eine (ausschließliche) Musikrichtung (des damals “boomenden” Jamaikas), die ausschließlich von Liebe (und ähnlichen Happy-Life-Themen) handelt, aber nichts mit Politik zu tun hat. So gibt es die neoliberale und in den Massenmedien häufig wiederholte Mainstream-Erzählung, nach der Unabhängigkeit Jamaicas (1962) wäre alles Friede, Freude und Eierkuchen. Und die Musikrichtungen Ska, Rocksteady und Reggae entwickelten sich einfach so. Halt, ich muß korrigieren: Beim Reggae machte man die Einschränkung, der Reggae wäre teilweise politisch. Titel wie Vietnam (von Jimmy Cliff) sind so eindeutig, da wird man wohl  propagandistisch nicht direkt dagegen halten wollen.

Wer sich intensiver mit der Geschichte Jamaikas zum Beispiel in einer schulischen Hausarbeit beschäftigen will: Die Unabhängigkeit ist den Einwohnern Jamaikas definitiv nicht geschenkt worden. Die nationale Frage war und ist mit der sozialen Frage eng verbunden. Fragen, die zum Nachdenken anregen mögen: Wie kam es, dass bei den Wahlen zehn Jahre nach der Unabhängigkeit Jamaika 1972 sozialistisch wurde? Jedenfalls eine Regierung bekam, die sich sehr stark an Kuba anlehnte und der Regierungschef ein sozialistischer Gewerkschafter war? Wie war es damit, dass die USA Jamaika mit einem üblen Embargo bedeutsam schädigten und dass das sozialistische Experiment auf Jamaica in der Folge scheiterte? Bei Allende ging man dann in Chile einen anderen Weg. Konnte man die Regierung Jamaikas nicht genauso wie in Chile klein kriegen? Warum?

Rocksteady ist als Musik Teil der Kultur: Zur Kultur gehört immer die Musik, ist jene stets politisch, wenn nicht gar hochpolitisch. Wer als Künstler sagt, er entzieht sich dem Politischen, hat mit Politik nichts zu tun, mag zwar bequem handeln, ist aber stets politisch. Die politische Unterlassung ist stets auch ein politischer Akt. Es ist schon fast eine Binsenweisheit: Im Unpolitischen ist alles politisch. Eine weitere Frage, der man sich durchaus stellen darf: Dient das Verklären ins Unpolitische nicht der Stabilisierung bestehender Machtverhältnisse?

Rocksteady-Ursprungsland Jamaika: Die sich an die Unabhängigkeit anschließende Boomphase mit den vielen Baustellen in Kingston (Jamaikas Hauptstadt) konnte die zunehmende Arbeitplatzfrage rein gar nicht lösen. Viele Arbeitssuchende strömten in die Metrole Kingston, fanden keine oder nur schlechte bezahlte Arbeit. Wer keine Arbeit hatte (fand), muß sich dennoch irgendwie durchschlagen. Es darf hier die folgende Frage gestellt werden: Wie kam es zu den sogenannten Rudeboys (“Gangstern”)? Wer waren sie? Was ist mit einem der ersten lokalen Rocksteady-Hits von Derrick Morgen, der diesen Song für einen Ganoven schrieb, der am auf der Veröffentlichung folgenden Tag erschossen wurde? Er hat den Titel Tougher Than Tough. Den Rocksteady-Titel könnt Ihr ab Minute 37:20 in Derrick Morgans Konzert (Sierra Nevada World Music Festival am 22. Juni 2014, Mendocino County Fairgrounds, Boonville, CaliforniaVeranstalter-Webseite) hören:

Wer dann immer noch behauptet (z. B. in Dokus), der Rock­steady würde sich (im Gegensatz zum nachfolgenden Reggae?) nur auf Liebeslieder und den Alltag konzentrieren, irrt und betreibt im Grunde genommen eine sehr schreckliche Geschichtsklitterei. Weitere Beispiele des politischen Rocksteady: Equal Rights von The Heptones (der Titel spricht Bände) oder By The Rivers of Babylon (Original: The Melodians! Bezug: Sklaverei).

Weil es so schön ist, hier By The Rivers of Babylon  von den Melodians:

Hier ein Video mit The Equal Rights (The Heptones noch mit Leroy Sibbles. Man möge das Porträt Haile Helassies verzeihen…):

 

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