Frankfurter Gemeine Zeitung

Ladenhüter

Der Ladenhüter, den ich meine, ist das Buch “Jakob von Gunten“, ein Tagebuchroman von Robert Walser. Zuweilen hat man mit diesem Buch Schüler genervt und ich glaube, die Lehrer gleich mit. Walser war von Anfang an bis heute ein verkannter Autor und noch immer ist nicht sein ganzes Werk der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Ich glaube, heute wäre ein Buch wie “Jakob von Gunten” erfolgloser denn je, denn dieses Werk ist trotz seiner einfachen Sprache und jugendlichen Frische nicht so direkt zugänglich, es entzieht sich den Konventionen und erfordert viel vom Leser. Damals wurde es kaum verstanden und nur in Fachkreisen fand es ein wenig Aufmerksamkeit. Heutzutage webt die künstlerische Literatur die Deutungsmuster in ihre Werke gleichsam mit ein, so dass sie in die Literaturwissenschaft und Literaturkritik wie der Schlüssel zum Schloss passen. Viele Autoren haben zuerst diese Wissenschaften studiert und sind dann selbst Autor geworden. Zu Walser nun gibt es weder Schlüssel noch Schloss, seine Erzählwelt wirkt eigengesetzlich und widerspricht sogar dieser Eigengesetzlichkeit.
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Niemals aufgeben…

“Ende, es ist zu Ende, es geht zu Ende, es geht vielleicht zu Ende. Ein Körnchen kommt zum anderen, eins nach dem anderen. Und eines Tages, plötzlich, ist es ein Haufen, ein kleiner Haufen, der unmögliche Haufen.” (Samuel Beckett)

Niemals aufgeben...Es sind die kleinen Dinge, die das Leben schrittweise unerträglich machen. Die Veränderungen gehen aber so peu à peu, dass man kaum merkt, wohin es sich bewegt. Klagt man darüber, so erntet man nur Unverständnis, das sind doch alles Kleinigkeiten, Banalitäten. Doch, ehe man sich versieht, ist es zu spät. Auch die Politik weiss das für ihre Zwecke zu nutzen, man schraubt hier ein wenig und streicht dort ein wenig und am Ende ist das ganze Sozialsystem nicht wiederzuerkennen. Man erhöht die Kochtemperatur so allmählich, das der Frosch nicht merkt, wie das Wasser in dem er sitzt, zu kochen beginnt.

Man hat uns versprochen, immer wieder versprochen, dass Fortschritt und die Demokratie die einzigen Quellen für Wohlstand und Glück auf Erden sind. Doch der Fortschritt ist das nie eingelöste Versprechen. Nur deshalb können die einen weiter diesen Traum träumen, weil für die anderen immer weniger übrigbleibt. Die Armut, das Elend ist das einzigste was in Wahrheit noch wächst. Heute haben wir schon wieder ähnliche Verhältnisse wie in den späten 20er Jahren des letzten Jahrhunderts. Ist es noch niemand aufgefallen wie stark die Anzahl an Tafeln, Kleiderkammern und Möbelbörsen zugenommen hat? Die Parks füllen sich mit Menschen, die an den Rand gedrängt wurden. Wenn heute die Preise für Strom wieder steigen, so sitzen morgen schon wieder ein paar mehr ohne Strom da, weil sie nicht mehr wissen, wie sie mit dem bisschen Geld klar kommen sollen. Weiterlesen »


Psyche und Obdachlose

Unlängst habe ich bei einer französischen Obdachlosenorganisation gelesen, dass etwa Eindrittel der Wohnungslosen in Paris psychisch erkrankt seien. Von Depressionen, Psychosen, Paranoia bis hin zur Schizophrenie reicht die Palette. Ich kann mir vorstellen, dass bei Leuten, die auf der Strasse leben, das Risiko einer solchen Krankheit ungewöhnlich hoch sein muss.

Ich habe selbst schon oft beobachtet, dass die Zahl derjenigen, die in der Öffentlichkeit mit sich selbst Dialoge führen, stark zugenommen hat und vielfach stammen diese Menschen aus ärmeren Schichten. Das aber ist noch keine psychische Störung, eher ein Schutzmechanismus wie die Coolness, die ich für bedenklicher halte.

Dem aufmerksamen Beobachter ist es sicher schon aufgefallen, und die Betroffenen beklagen es auch selbst, das sie vom Rest der Menschen geradezu übersehen werden. Man geht an ihnen vorbei, als wären sie Luft, nicht existent. Wenn jemand ständig ignoriert und übersehen wird, ist es dann verwunderlich, wenn einige davon anfangen, eine Ersatzwelt zu imaginieren? Weiterlesen »


Gelaber und Medien

“Der geschickte Journalist hat eine Waffe: Das Totschweigen – und von dieser Waffe macht er oft genug Gebrauch” (Kurt Tucholsky)

Man sagt, die Medien berichten für die Mehrheit. Die Quoten bestätigen den Konsens. Aber kann man z.B. das Fernsehen – das was dort präsentiert wird – aufnehmen, ohne es auch als Ganzes wahrzunehmen? Dieses Medium hat keine Schwierigkeiten, sich ständig selbst zu widersprechen, in dem auf eine “Meinung” ihr Gegenteil folgt. Heute so – morgen so. Da sagt zu mir jemand, das sei Ausdruck der Objektivität und Meinungsvielfalt. Zum Teufel mit der Objektivität, wer keine Position inne hat, hat auch keine Meinung. Ausserdem kommen doch die meisten gar nicht zu Wort. Das Medium hat seine Scheingelehrten, Schauspieler in Sachen Wissen oder ausgebildete Allesdeuter, die selbst das Chaos erklären können. Finanziell schlechtgestellte Gruppen wie z.B. Arbeits- oder Obdachlose kommen gar nicht zu Wort, werden allenfalls vorgeführt, zu diesem Zweck bedient man sich der mediengeilen jener Gruppe und inszeniert eine Wirklichkeit. Die Aussage steht schon im voraus fest. Alles wird auf das Aussagemass zugeschnitten und arrangiert. Auf diese Weise werden ganze Gruppen diskreditiert und erniedrigt. Da solche Aussagen wieder zurück in den Alltag dringen durch Nachgeplapper von Papageien, erkennt man die verblödende Wirkung der Medien auf erschreckende Weise. Im Grunde ist die Meinungslosigkeit eine ideale Voraussetzung für nachhaltigen Mediengenuss, denn eine Meinung muss man erst durch bessere Argumente revidieren, während man die Inhaltslosigkeit nur abzufüllen braucht. Das Fernsehen sticht dabei besonders hervor, da man dem Medium nicht direkt widersprechen und die Bilder nicht anhalten kann, erleidet jedes bisschen Geist langfristig Schaden.

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Leben? Mit oder ohne Arbeit?

Dass es so wie die Jetztzeit sich zeigt, nicht funktioniert, dürfte wohl jedem klar sein. Mir fällt es oft schwer unter dem Visier das Gesicht zu erkennen. Ist es ausser mir noch niemanden aufgefallen, dass fast jeder einen Schutzpanzer mit Visier trägt, Coolness, Unnahbarkeit? Enzensberger, den ich gar nicht mag, hat ganz treffend gesagt, man [...]

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