Frankfurter Gemeine Zeitung

Mein Leben mit und ohne Schnur

Telefon
Foto: Thomas Max Müller/pixelio.de
Ich gebe ihnen im folgenden einen Einblick in eine meiner langandauernden Beziehungen: die zum Telefon. Möglicherweise habe ich schon als Embryo erste, prägende Eindrücke im Leib meiner telefonierenden Mutter erfahren. Meine erste bewusste Erfahrung mit dem Telefon hatte ich, als mein Babysitterin (die war für meinen Bruder da, ich war ja “schon groß”) mal wissen wollte, wie das “mit dem Telefonieren geht”. Ihre Familie hatte damals noch kein Telefon und ich hatte noch nie in meinem Leben telefoniert. Also standen wir beide vor diesem grünen Ding mit Wählscheibe und fragten uns, wie das funktioniert. Naja, Nummer wählen, ganz einfach. Wir wählten eine Nummer, hoben dann den Hörer ab und hörten: “tutututuuuut”.

Später, in den 80ern war mein Vater geschäftlich viel unterwegs. Außer einem schnellen Auto und einem wachsenden Punktekonto, das ihn geradewegs in die Verkehrserziehung führte, hatte er auch ein mobiles Telefon.Er hatte es direkt ins Auto eingebaut, wo es Dank einem 2- Kilo-schweren Hörer die Mittelkonsule und für den Rest die Hälfte der Ladefläche im Kofferraum für sich beanspruchte. Das C-Netz ermöglichte dem Besitzer überall und jederzeit erreichbar zu sein – wenn es Empfang gab.
Ein Traum wurde für mich wahr. So etwas gab es ansonsten nur in Staatskarossen , die mit verdunkelten Fenstern durch die Straßen fuhren. Das war die Zukunft! Ich borgte mir das Auto meines Vaters und fuhr zu meinem Onkel. Wir saßen im Auto und ich zeigte ihm die Zukunft anhand des großen Telefonhörers mit Kringelschnur. “Willi”, sagte ich, “Willi, die Zukunft hat begonnen”. Völlig beeindruckt fragte mein Onkel, ob wir denn jetzt damit auch meine Tante im Haus anrufen könnten. Ich erklärte großspurig, dass das gar kein Problem sei und fragte ihn nach der Nummer. Wir wählten einmal, zweimal, dreimal- keine Verbindung. “Das liegt ganz klar an dem kleinen Kaff hier”, erzählte ich nervös, “Weißt Du, da ist das Netz noch nicht ausgebaut!” Dass man auch die Vorwahl ins Telefon eintippen muss, auch wenn man nur 5 m vor dem Haus steht, wurde mir erst klar, als ich meinen Vater in Kenntnis setzte, dass das stolze Telefon “Schrott” sei, weil man damit keinen Empfang bekommt.
Das war die Zeit, als ich unbedingt zu hause ein Schnurlostelefon haben wollte und einem Postmitarbeiter 450,- DM in die Hand drückte, um in den Besitz des brandneuen “Sinus”-Irgendwas zu kommen. Außerdem musste ich zusätzlich den sensationellen Anrufbeantworter von Tiptel haben. Mit ihm waren die Zeiten vorbei, da eine Freundin behaupten konnte, dass sie mich angerufen hätte, ich aber nicht zu hause gewesen wäre. Jetzt hatte ich sie! Tiptel tells the truth. Also galt,wenn ich nach hause kam, der erste Blick dem AB: 00:05 00:00 – Diese geheimnisvolle Ziffernfolge verriet mir: fünf Leute hatten angerufen, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Fünf wunderbare Menschen hatten vergeblich versucht, mich zu erreichen. Es war stets eine abendfüllende Aufgabe, durch zahlreiche Anrufe herauszufinden, wer sie gewesen waren. Als meine monatliche Telefonrechnung den Anschaffungswert des Telefons überschritt -Telefonflats waren damals außerhalb des Vorstellbaren-ruderte ich vorsichtig zurück.

Zumal die nächste Phase begann. Ich zog nach Mainz und das erste, was in meiner Wohnung stand, war ein Fax. Einige Freundinnen und ich faxten wie verrückt. Wir benutzten es gewissermaßen zum Simsen in der Vorhandyperiode. Da standen lustige Texte wie: “Guten Morgen”, “Ich habe gerade an Dich gedacht” oder auch mal “In San Francisco regnet es” drauf. Die Faxerei hatten wir nämlich so ausgeweitet, dass auch im Urlaub Informationspflicht bestand. Problematisch war nur das ganze Papier. Wegwerfen? Unmöglich, vielleicht muss ich eine Nachricht von vor 2 Tagen noch mal nachlesen …. also füllten sich meine Ordner mit vergilbenden Faxen.

Dann zog ich nach Frankfurt- ohne Ordner und ohne Faxgerät. Der Grund: Eine glückliche innerörtliche Beziehung. Was sollst du jemandem faxen, denn du abends siehst? Außerdem hatte ich vom Faxen die Faxen dicke. Ich wollte mich verweigern, zurück zur ursprünglichen Kommunikation von Angesicht zu Angesicht und Mund zu Mund. Aber dann kamen diese “Handys” heraus: handschmeichelnd und erschwinglich, …ach… Aber nein, nein, auch ohne ständige Erreichbarkeit war ein Leben möglich!
Natürlich fand sich ein Anlass, schwach zu werden. Auf dem Heimweg von meinen Eltern verfolgte mich ein unbekanntes Auto. Die Insassen bedrohten mich, bremsten aus, warfen mir Fäuste zu … schrecklich! In diesem Moment wünschte ich mir ein Handy, um Vater und Bruder anzurufen, damit sie den Kerlen am nächsten Parkplatz eins auf die Fresse hauen konnten. In Ermangelung dessen fuhr ich direkt zu einer Polizeistation in Frankfurt. Das Verfolgerauto folgte mir erstaunlicherweise auch dahin. Ein Polizeibeamte klärte die Situation: Die beiden Jungs hatten mich verwechselt und aus Angst ich könnte eine Beschwerde an ihren Arbeitgeber schicken, dessen Firmenauto das Verfolgerauto war, waren sie mir gefolgt um sich zu entschuldigen. “Lustig” fand dies der Polizeibeamte.
Nach diesem traumatischen Erlebnis aber war klar: mein Leben hängt an einem seidenen Faden und an einem Telefon ohne Schnur, das ich überall hin mitnehmen kann. Am nächsten Tag kaufte ich auf der Zeil im “Technikcenter” des Kaufhofs ein Nokia: Es erinnerte von der Größe her beruhigend an die “Walkie-Talkies” aus frühen Katastrophenfilmen und kostete 300,- DM. Das war es: Mein! Erstes!! Handy!!! Ich trennte mich niemals von ihm.Bis der nette Mann vom Kaufhof ca. 1 Jahr später ein kleines Handy im Sortiment hatte. Für 149 DM ging es in meinen Besitz über.

Mit der Verweigerung war´s vorbei und ich suchte fieberhaft nach Neuem: Was war das für eine Sache mit sogenannten “PDAs”? Ich fragte den Verkäufer, ob ich damit auch “unterwegs Texte schreiben kann”? Er wusste es nicht; außerdem waren die Dinger viel zu teuer…..
Viele mobile Geräte säumten meinen weiteren Lebensweg, zumal es irgendwann zu meinem Hobby wurde, mein Handy mit allen Kontakten zu verlieren. Vor allen Dingen genoss ich die damals neue Simserei. Informationsgesättigte Sätze wie: “Bin gerade auf dem Weg zur Konstabler, wann bist Du da?” fanden ihren Weg zum Empfänger. Wie habe ich das eigentlich früher gemacht, wenn ich mich mal 10 Min. verspätet habe – oder war ich früher immer pünktlich und jetzt nicht mehr?

Die Zukunft war jetzt da! Oder?
Dann kam mein erstes I-Phone. Ein Weihnachtsgeschenk. Alle Menschen um mich herum sagten mir neiderfüllt, was ich doch für ein tolles Gerät hätte. Ich begriff nicht, wieso. Es sah für mich aus, wie ein Telefon mit großem Display. Als ich es dann beim Spazierengehen mit dem Hund verlor, war das auch nicht dramatisch. Ich kaufte mir ein Billighandy und vermisste nichts. Das ist heute anders. Inzwischen bin ich I-phone-Junkie, rufe alles, was ich wissen will und nicht wissen will per Flat ab, poste damit in Facebook, bin immer und überall und jederzeit erreichbar.

Jetzt ist die Zukunft meine Gegenwart.

Aber wer ist eigentlich dieser ominöse Android? Und wann gibt es den Chip zum implantieren, den ich dann nicht mehr verlieren kann?
Manchmal frage ich mich: Was haben die bloß in den 60er gemacht, als nur eine Familie im Haus ein Telefon hatte und alle Hausbewohner sonntags zum Telefonieren vorbei kamen? Hatten die sich nicht soviel zu sagen? Wie hat das Goethe ausgehalten, als er monatelang nach Weimar unterwegs war und sich verspätete, ohne anrufen zu können? Oder der berühmte Dichter Cocteau: In den 30er Jahren schrieb er: “Die geliebte Stimme”.Das ganze Theater-Stück besteht nur aus dem Monolog eines Telefongesprächs. Eine Frau telefoniert verzweifelt mit ihrem Exgeliebten, den man nie hört. Am Ende erdrosselt sie sich selbst mit der Telefonschnur. Francis Poulenc hat eine Oper daraus gemacht.

Diese Zeiten sind vorbei: Mit einem schnurlosen Handy lässt sich so ein Aktschluss nämlich schwer realisieren. Das Beziehungsende – und im Londoner Finanzdistrikt auch schon mal die Kündigung- kommt heute ohnehin gerne per SMS.
Aber meine Beziehung zum Telefon hält ein Leben lang. Das haben wir uns versprochen.


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