Frankfurter Gemeine Zeitung

Vom Wal und seinem größten Sänger

 Neues von und über Herman Melville

 Heute sind Wale und ihr Schutz fast schon Mode, diese oft gewaltigen und majestätischen Tiere rühren uns an, sind tonnenschwere Inkarnationen unseres schlechten ökologischen Gewissens, wenn wir an die Zerstörung der Natur und die mögliche Ausrottung nicht nur dieser Spezies denken. Das war nicht immer so. Unser Wohlstand, die Wurzeln des zeitgenössischen Kapitalismus, sie liegen mehr im industriellen Walfang, der seinen Höhepunkt im 19. Jahrhundert erlebte, als wir uns vorstellen können. Der Walfang in Nordamerika geht bis auf die Pilgerväter zurück und machte später das Hafenkaff New Bedford zeitweise zur reichsten Stadt der Welt. Davon und von noch viel mehr erzählt der britische Autor und Journalist Philip Hoare in seinem Buch Leviathan oder der Wal. Auf der Suche nach dem mythischen Tier der Tiefe. Ausgezeichnet 2009 mit Samuel Johnson Prize for Non-Fiction, stellt Hoare folgerichtig einen Mann und sein größtes Buch, wenn nicht einen der größten Romane der Literaturgeschichte, wohl einer der wenigen, die in der Moderne einen Mythos geschaffen haben, in den Mittelpunkt: Herman Melville und sein 1851 erschienener Moby Dick, oder der Wal. Der Kampf zwischen Wahnsinn und Verblendung und dem Leviathan, zwischen Ahab und dem Wal aller Wale, dem weißen Pottwal. Am Ende sind beide dem Untergang geweiht. Melvilles Moby Dick ist ein Weltbuch. Sicher, Frauen kommen darin nicht vor, denn der Walfang trennte die Geschlechter, wie es Ahab seinem Ersten Steuermann Starbuck gegenüber auf den Punkt bringt: „ Aye ( : ) von diesen vierzig Jahren habe ich nicht drei an Land verbracht … kaum daß ich eine Mulde hinterließ auf meinem Hochzeitskissen.“ – Ansonsten – ein Kosmos erzählerischen Furors und polyhistorischer Kompositionskunst, der sich aller Formen der Prosa, der Lyrik, gar des Dramas bedient und zu einer bis heute eine grandiose Leseerfahrung beschert. Hoares Buch atmet diesen Geist, auch weil er von seinen persönlichen Erfahrungen und Reisen zu den ehemaligen Zentren des Walfangs berichtet, sich jedoch nicht ungebührlich in den Vordergrund drängt. Sondern damit eine schöne Klammer zwischen den Zeiten schafft, wenn er davon erzählt, wie tote Wale zur Attraktion wurden, davon, wie lange die Menschen so gar nichts von diesen Säugetieren wußten, die aber gnadenlos von ihnen gejagt wurden und von manchen Nationen immer noch werden. Und wer glaubt, mit dem Untergang der „klassischen“ Walfangindustrie habe sich die Situation der Ausbeutung der Ressourcen zu deren Schutz verbessert, den belehrt der Autor eines besseren. Mit esoterischem Schnickschnack hat sein Buch nichts zu tun, sondern mit Respekt und dem Staunen über die Wunder der Evolution. Eine blendend geschriebene Natur-, Kultur- und Literaturgeschichte, die Sie ans Steuer des Lesepults fesseln wird.  http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/1/1d/Herman_Melville_1860.jpg/220px-Herman_Melville_1860.jpg

Eine frühere Version der Übersetzung von Gedichten Herman Melvilles, John Marr und andere Matrosen. Mit einigen Seestücken, erschien 2007 im Schreibheft. Zeitschrift für Literatur, Nr. 68, herausgegeben von Norbert Wehr. Der Herausgeber und Übersetzer Alexander Pechmann hat seine Übertragungen überarbeitet, jetzt liegen sie in einer edlen, zweisprachigen Ausgabe vor. Und geben so Anlaß und die Möglichkeit, den Lyriker Melville kennenzulernen, der so gut wie vergessen diesen Gedichtband als Privatdruck in 25 Exemplaren 1888 publizierte und an Freunde verschenkte. Darunter Verehrer seines Werkes, die sich in England anschickten, die Renaissance oder genauer, die Wiederentdeckung dieses Autors einzuleiten. Melvilles John Marr und andere Matrosen ist ein wohlkomponiertes Gefüge aus Prosagedichten und lyrischen Texten. Zentrales Thema ist laut Pechmann, der schon so manche Trouvaille der angelsächsischen Literatur des 19. Jahrhunderts gehoben hat, die Trias „Zufall, Wille und Notwendigkeit“. Melancholisch gemildert durch die Erinnerung. Der letzte Zyklus schließ mit sieben Kurzgedichten: Pebbles – Kieselsteine. Rosmarin steht in der Folklore für diese:

 Herman Melville

 Pebbles

 VII

 Healed of my hurt, I laud the inhuman Sea –

 Yea, bless the Angels Four that there convene;

 For healed I am even by their pitiless breath

 Distilled in wholesome dew named rosemarine.

 Kieselsteine

 VII

 Befreit von Schmerz, preis ich die unmenschliche See –

 Segne die Engel, die vier, die dorthin zieh’n;

 Denn sogar ihr gnadenloser Atem hat mich geheilt,

 Vermengt mit bekömmlichem Tau namens Rosmarin.

Philip Hoare, Leviathan oder Der Wal. Auf der Suche nach dem mythischen Tier der Tiefe, Aus dem Englischen von Hans-Ulrich Möhring, Hamburg, mare 2013, 522 Seiten, geb., 26 € 

 Herman Melville, John Marr und andere Matrosen. Mit einigen Seestücken, Aus dem Amerikanischen übersetzt und herausgegeben von Alexander Pechmann, Illustrationen von Pascal Cloëtta, Zweisprachige Ausgabe, Hamburg, mare 2013, 160 Seiten, geb., Ln. Im Schuber, 24 € 

 


Shortcuts II – Pron und Powers

Patricio Pron

Der Geist meiner Väter steigt im Regen auf

Nun sind auch die Argentinier Papst. Und wie weit Franziskus I. unter Gedächtnisverlust leidet oder ihn simuliert, was seine Haltung und seine Handlungen während der Militärdiktatur angeht, das wird sich vielleicht noch herausstellen. Mit Amnesie und Gedächtnisverlust, damit scheinen sich die Argentinier besonders herumschlagen zu müssen, aber das gilt wohl für alle Nationen, in denen eine Diktatur ihr Unwesen trieb.

Argentinien hat aber nicht nur Papst, sondern auch die Leser hoffnungsvoll stimmende Autoren, so wie den 1975 in Buenos Aires geborenen, jetzt nach Studienjahren in Göttingen in Spanien lebende Patricio Pron. Pron hat sich mit Erzählungen einen Namen im spanischsprachigen Raum gemacht, jetzt ist sein erster Roman in der Übersetzung von Christian Hansen erschienen: Der Geist meiner Väter steigt im Regen auf. Prons Ich-Erzähler hat ebenfalls große Erinnerungslücken, selbstgemachte: „ … bewirkte der Konsum gewisser Drogen, daß ich fast vollständig das Gedächtnis verlor, weshalb sich die Erinnerung an jene Jahre ( …) ziemlich verschwommen und oberflächlich ausnimmt.“ Wie sein Autor ist der Erzähler 1975 geboren, stammt aus Argentinien und hält sich in Deutschland auf. Darüber wie autobiographisch das Buch ist, heißt es am Ende: „Obwohl die in diesem Buch erzählten Ereignisse im wesentlichen der Wahrheit entsprechen, sind ein paar Dinge der Notwendigkeit fiktionalen Erzählens geschuldet – ein Genre, für das andere Regeln gelten als für Zeugnis oder Autobiographie; in diesem Sinne sei hier erwähnt, was der spanische Schriftsteller Antonio Muñoz Molina einmal zur Erinnerung und Mahnung sagte: ‚Ein Tropfen Fiktion färbt alles mit Fiktion’.“

Eines Tages bekommt der Erzähler die Nachricht, dass sein Vater , der schon früh Anzeichen von Alsheimer zeigte, im Krankenhaus liegt. Er fliegt nach Hause, die prekäre gesundheitliche Situation des Vaters sorgt dafür, daß er langsam aus dem Fluß Lethe steigt und sich an seine Kindheit und Jugend wieder zu erinnern beginnt. Auf dem Schreibtisch des Vaters liegt eine umfangreiche Akte mit einer Sammlung von Fotos und Zeitungsartikeln. Vor allem geht es um das Verschwinden des sechzigjährigen Alberto José Burdiso, dessen Leiche, er ist 2008 einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen, in einem vertrockneten Brunnen gefunden wurde. Und um das Verschwinden von Alicia Burdiso, der Schwester, die 1976 während der Militärdiktatur verschwand und ebenfalls ermordet wurde. Sein Vater hat beide gekannt.

Im Laufe der wiederkehrenden Erinnerung fallen ihm die seltsamen Verbote und Gebote ein, die ihm als Kind von seinen Eltern auferlegt wurden. Nie einen Spielkameraden mit nach Hause bringen, auf der Straße nicht gegen Pappkartons treten, immer gegen die Fahrtrichtung des Verkehrs laufen. Seine Eltern, der Vater arbeitete als Journalist, waren marxistisch-lenininstisch geschult, dann Perronisten und Mitglieder der linken argentinischen „eisernen Garde“ (unglücklich gewählt der Name, hieß doch so eine berüchtigte faschistische rumänische Organisation), die im Untergrund nach Perrons Exil weiterkämpfte. Die Eltern wollten ihn schützen, das wird ihm jetzt bewußt.

Prons Roman besticht durch seine offene, formale Komposition: ein Puzzle aus Narrativem und Archivarischen. Pron ist des weiteren ein Meister der Aufzählung und Reihung, beeindruckend, was er aus diesem Stilmittel alles zu zaubern weiß. Die eigenwillige Nummerierung der Kapitel ist wohl als eine Hommage an Cortazars großen Roman Rayuela zu sehen? Oder doch ein Hinweis auf das Stocken der Erinnerung? Ein wichtiges Buch, nicht nur für argentinische Leser, diesem Land, „wo nur die Toten die Toten begraben“. Denn jede Nation hat schließlich sein „Argentinien“ im Keller.

Patricio Pron, der Geist meiner Väter steigt im Regen auf, Roman, Aus dem Spanischen von Christian Hansen, Reinbek, Rowohlt Verlag 2013, 220 Seiten, geb., 18,95 € 

 

Kevin Powers

Die Sonne war der ganze Himmel

Zuerst machen sie auf dicke Hose, ersaufen in patriotischen Wahn und Welterlösungsphantasien. Dabei werden sie von A bis Z belogen, die US-Amerikaner. Und irgendwann kommt der große Kater vom Besäufnis und man möchte die Blutorgien schnell vergessen. Das war nach Vietnam so und auch beim Irak, mit all den Ungeheuerlichkeiten der Foltergefängnisse, ist es nicht anders. Literatur kann dafür einstehen, sich dieser nationalen Amnesien anzunehmen. Den Vietnamkrieg hat Karl Marlentes in seinem an Tolstoi erinnernden Mammutwerk Matterhorn (Schweizer Namen gaben die Marines den Bergen, auf denen Geschützstellungen angelegt wurden) wieder in Erinnerung gerufen. Und den Horror des Irakkrieges schildert Kevin Powers in seinem Debüt Die Sonne war der ganze Himmel.

Kevin Powers weiß, wie auch Marlantes, wovon er erzählt. Er war als Maschinengewehrschütze von 2004 bis 2005 Im Irak stationiert und kämpfte in Mosul und in Tal Afar. Im Gegensatz zu Marlantes’ Buch könnte man seinen Roman fast eine Novelle nennen, Powers konzentriert sich auf eine kleine, aber dadurch nicht weniger eindringliche Geschichte. John Bartle ist 21, er nimmt den 18jährigen Daniel Murphy unter seine Fittiche. Das hat er dessen Mutter vor dem Abflug in den Irak versprochen, eher genervt, weil er das Gespräch mit ihr beenden will. Er tut es denn doch. Im Zentrum der mit Vor- und Rückblenden erzählten Geschichte steht eine Schlacht, die jedes Jahr aufs neue stattfindet bei Al Tafar, in der Provinz Ninive im Nordirak, so auch im September 2004. Die GIs gehen raus, müssen unter fast deckungsloser Sicht in die Stadt, um sie vom Feind zu säubern:

„Wir hatten uns im Graben aufgereiht, standen bis zu den Knöcheln im nassen Schlamm. Ich hatte das Gefühl, als wäre dies der Endpunkt eines schlampig vorbereiteten Experiments in Sachen Unausweichlichkeit: Alles war am richtigen Ort, wartete darauf, daß die Zeit innehielt und die Kräfte an Schwung verloren, damit man den Verlauf im Nachhinein analysieren konnte. Die Welt kam mir so dünn vor wie ein Blatt Papier, und die Welt war die Obstwiese, und die Obstwiese war das, was uns nun bevorstand. Aber all das war Unsinn. Ich hatte einfach Angst zu sterben.“

Daniel Murphys Leben wird Bartle nicht retten können. Und er selbst wird wie so viele andere traumatisiert in die USA zurückkehren, sich wie sie andere fragen, was nun?

Kevin Powers, Die Sonne war der ganze Himmel, Roman, Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens, Frankfurt, S. Fischer Verlag 2013, 240 Seiten, geb., 19,90 €

 


Die Silhouette des Todes

Wie 1911 das Böse in die Welt kam

Finsterer und elender Bandit mit dem schrecklichen Namen, dem tragischen Namen, dem mörderischen Namen. Gauner, finsterer und elender Bandit, Herr und König des Grauens, Verbrechergenie, Erzschurke und Verkörperung des Bösen –  verschlagener und blutgieriger König des Verbrechens … Fantômas ist in der Welt. Im Jahre 1911 erschien der erste Fantômas-Roman von Pierre Souvestre und Marcel Allain (die oben genannten Attribute sind nur einige von unzähligen, die das Autorenduo verwendete, um ihren Helden zu charakterisieren) schlicht unter dem Titel „Fantômas“.  Ursprünglich auf eine Reihe von 5 Romanen hin konzipiert, wurden es am Ende siebenundzwanzig Titel.

Der Reihe war ein fulminanter Erfolg beschieden, und nebenher revolutionierte sie den „trivialen“ Spannungsroman. Fantômas ist die Verkörperung des Prinzips des Bösen, jemand, der ohne Skrupel und mit unvorstellbarerer Grausamkeit handelt, um seine Ziele zu erreichen. Die Romane bieten keine „Happy Ends“ wie die Sherlock Holmes-Geschichten. Meist mit offenem Ausgang schildern sie den unendlichen, manichäischen Kampf zwischen Fantômas und seinem Widersacher Kommissar Juve und dessen „Assistenten“ Fandor.

In der Edition Epoca ist eine Übersetzung des 1912 erschienenen Romans „Ein Zug verschwindet“ erschienen. Und wer jetzt glaubt, das müßte der zweite Band der Reihe sein, der täuscht sich. Es ist der einundzwanzigste (in zwei Jahren). Die Herren Souvestre und Allain sprachen ihre 400 Seiten-Wälzer kapitelweise getrennt auf Wachswalzen. Die wurden dann von Stenotypistinnen abgetippt. So war ein neuer Fantômas-Roman in zehn Tagen fertig. Für Korrekturen blieb keine Zeit.

Auch „Ein Zug verschwindet“ ist rasant erzählt, mit dramaturgischen und dramatischen Wendungen und Kostümwechseln sonder Zahl. Fantômas‘ Tochter wird verdächtigt, in Antwerpen einen Doppelmord und schweren Raub begangen zu  haben und verhaftet. Sie kann jedoch fliehen und findet Unterschlupf im weltberühmten Zirkus des Amerikaners Barzum …

Die Fantômas-Romane, die in der Tradition der Schauergeschichten der Romantik und der Décadence stehen, hatten großen Einfluß auf die großen Amoralisten des Surrealismus: Cendrars, Cocteau, Apollinaire. Und Spuren findet man auch beim deutschen Pendant, dem Dr. Mabuse.

Auch H.C. Artmann, der Liebhaber und Transformater trivialer Mythen hat dem Meister des Grauens ein Gedicht gewidmet:

wenn fantômas mit schrägen schatten,
dieseits der seine aufersteht,
zur zeit, da sich die uhus gatten,
dann wird das gaslicht angedreht.

aus rosaroten kneipen dröhnen
verschiedene akkordeons,
die dirne darbt nach hungerlöhnen,
des löwen anteil speist herr jones.

an ufern leuchten lasterdschunken,
es kreischt ihr damenarsenal,
und in toiletten erzhalunken
entwerfen einen überfall.

die polizei tut nichts dagegen,
ein gentleman legt maske an,
doch in zivil besteigt verwegen
der bleiche mond die abendbahn.

auf selbstmord sinnt im eiffelturme
ein starkverliebter anarchist,
dieweil nach einem wirbelsturme
ein zirkusmensch sein zelt vermißt.

drei neger lieben eine taube,
sie sträubt sich nicht für gutes geld;
quai des orfère, treu und glaube,
in jedem zimmer harrt ein held …

Besser als Artmann kann man die Stimmung der Fantômas-Romane, die mit den berühmten Louis de Funès und Jean Marais-Filmen wenig zu tun haben (und aus Juve einen Idioten machen), nicht einfangen. Wer das ironische Lesevergnügen mag, der hat mit Fantômas seinen Spaß. Es steht zu hoffen, der der kleine Schweizer Verlag, die Edition Epoca, weitere Übersetzungen folgen läßt. Das wäre schön.  Sehr schön böse.

Souvestre & Allain, Fantômas. Ein Zug verschwindet. Roman. Aus dem Französischen von Lea Rachwitz, Bern 2011, Edition Epoca, 400 Seiten, geb., 24.95 €


Das ist die Oblomowerei!

Zur Neuübersetzung von Iwan Gontscharows großem Roman Oblomow

1849 erschien in der russischen Literaturzeitschrift „Der Zeitgenosse“ ein Text: „Oblomows Traum. Episode aus einem unvollendeten Roman“. Autor: Iwan Gontscharow. Dieser Text beendet dann im Roman als zentrales Scharnier desRomans einen über viele Seiten geschilderten Vormittag, an dem sich Oblomow die absurdesten Wortduelle mit seinem Diener Sachar über Schmutz und Unordnung liefert, vergeblich versucht, endlich aus den Federn und in die Tageskleidung zu schlüpfen und zahlreiche Bekannte empfängt, die einen repräsentativen Querschnitt durch die „bessere“ Gesellschaft St. Petersburgs geben.

Nach diesen Aufregungen schläft Oblomow wieder ein und hat seinen berühmten Traum, der ihn zurückführt auf das elterliche Gut Oblomowka, in seine Kindheit. Dort herrschen Weltabgeschiedenheit, Naturmagie und Aberglaube. Und die gute Küche. Ein Schlaraffenland. Lange vor Freud hat sich Gontscharow damit als Romancier darüber Gedanken gemacht, wie prägend die Kindheit für Charakter und Wesen eines Menschen ist: „Wer vermag schon zu sagen, wie früh ein Körnchen Geist im kindlichen Gehirn zu reifen beginnt? Wie ließe sich die Entstehung der ersten Begriffe und Eindrücke in einer Kinderseele verfolgen? [...] Vielleicht hat sein kindlicher Verstand schon längst den Schluß gezogen, daß man so und nicht anders leben müsse, wie es die Erwachsenen um ihn herum tun.“ Die Erwachsenen in Oblomowka kennen das arbeitsreiche Leben nicht, seelische Aufregungen sind ihnen fremd, „die Flammen der Leidenschaft fürchten sie wie das Feuer“. Ihr Ideal ist Müßiggang und Ruhe, nur bisweilen unterbrochen durch „Krankheiten, Verluste, Streitigkeiten und leider auch Arbeit.“

Nun lebt Oblomow in St. Petersburg, kümmert sich nicht um das Gut mit seinen 700 „Seelen“, das vom Verwalter stetig heruntergewirtschaftet wird. Seine schützende Hand über unseren Helden mit der „schönen, trägen Pose“ und einem „reinen, lichten und guten Wesenskern“, versucht sein Jugendfreund Stolz zu halten. Stolz, dessen Zuneigung zu Oblomow unerschütterlich ist, repräsentiert das vollkommene Gegenteil: Daueraktiv, agil, stets voller Pläne, Anhänger des Fortschritts und des tätigen Lebens. Stolz macht Oblomow mit Olga Ilinskaja bekannt, nachdem er ihr von ihm erzählt und er sie gebeten hat, sich in seiner Abwesenheit um ihn zu kümmern und zu versuchen, ihn nicht wieder in seine Trägheit abgleiten zu lassen. Beide verlieben sich ineinander. Ihre Liebesgeschichte ist eine der großen der Weltliteratur. Natürlich geht sie nicht gut aus. Scheitert die Liebe bei Olga, weil es ihr wahrer Ehrgeiz war, Oblomow dem „Leben“ zuzuführen? Oblomow glaubt, nur dann die Kraft zu haben sein Leben zu ändern, wenn Olga um ihn ist. Gleichzeitig boykottiert er die Beziehung, weil er so ein Leben gar nicht will.

Olga heiratet schließlich Stolz. Oblomow lebt mit einer Witwe zusammen und die beiden schaffen  ein neues Oblomowka. „Kein Homer“, so Gontscharow, sei in der Lage, die vielen Köstlichkeiten aufzulisten, mit denen die Vorratsräume für die Küche vollgestopft sind, Köstlichkeiten, die sich Oblomow wieder leisten kann, seit Stolz sein Gut auf Vordermann gebracht hat. Oblomow verbringt den Rest seiner Tage in diesem wiedererstandenen Oblomowka. Und dann ist er tot. Nur Gottfried Keller hat seinen Helden Heinrich Lee in der ersten Fassung des „Grünen Heinrich“ schneller unter die Erde gebracht.

Die Oblomowerei, diesen Begriff über die Lebenshaltung seines Freundes, erfindet Stolz. Und ist in Rußland sprichwörtlich geworden. Für Pjotr Kropotkin, den Geographen, Revolutionär und bedeutenden Theoretiker des Anarchismus, stand Gontscharow mit seinem „Oblomow“ auf gleicher Höhe wie Turgenjew und Tolstoi. Der „Oblomow“, obwohl durch und durch ein russischer Roman, sei aber (so Kropotkin in „Ideale und Wirklichkeit in der russischen Literatur“ von 1905), „gleichzeitig allgemein menschlich, denn er beschert uns mit einem Typus, der fast so allgemein ist wie der Hamlet und Don Quijote.“

Wie soll man leben? Das ist vielleicht die zentrale Frage des Romans, wie so oft in der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts. Eine große Parabel über Möglichkeiten und Grenzen, den Verlauf seines Lebens bewußt zu gestalten. –  „Wir beide sind keine Titanen [...] wie die Manfreds oder Faust“, sagt Stolz einmal zu Olga. Ja, Gontscharows Helden sind Menschen aus Fleisch und Blut, gemischte Charaktere. Das macht sie nach so langer Zeit immer noch lebendig. Und den Roman bis heute zu einer mehr als lohnende Lektüre, wie die bestens kommentierte Neuübersetzung in der lobenswerten Klassikerreihe des Hanser Verlages nachdrücklich belegt.

Iwan Gontscharow, Oblomow, Roman in vier Teilen, Herausgegeben und übersetzt von Vera Bischitzky, München, Carl Hanser Verlag 2012, 838 Seiten, geb., Ln., 34.90 €.


exclusivinterview mit dem ob-kandidaten der PARTEI oliver maria schmitt

Sehr geehrter Herr Oliver Maria Schmitt, es hat uns einige Mühe und Zeit gekostet, Sie persönlich zu erreichen. Das läßt darauf schließen, daß Sie und Ihre Unterstützer von der PARTEI (der Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiativen) lange und ausgiebig Ihren sehr ansehnlichen Erfolg von fast 2 % der (angeblich) abgegebenen Stimmen, [...]

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Shortcuts I – Stevenson, Chesterton & Hemingway

Zur Urlaubszeit mal einen längeren Text lesen? Dafür bieten wir euch ein paar Besprechungen bemerkenswerter Bücher an.

Robert Louis Stevenson – Das Licht der Flüsse. Eine Sommererzählung

In den letzten Jahren erlebt Robert Louis Stevenson auch im deutschen Sprachraum eine Renaissance, oder, um es präziser zu formulieren, eine Neuentdeckung. Eindrucksvoll zeigt sich, daß er viel mehr ist als „nur“ der Autor der Schatzinsel und der Erzählung von Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Vieles wurde erstmals übersetzt, und jedes Buch ist seine Entdeckung wert.

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Mit Gottes und meiner Hilfe

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Charles Portis Spätwestern True Grit

Bei Howard Hawks lernte John Wayne seine Westernrollen mit mehr Selbstironie zu spielen. Dies half dem alten Haudegen auch 1969, als er für die Rolle des Rooster Cogburn im Film Der Marshall von Henry Hathaway mit dem einzigen Oscar seiner Karriere ausgezeichnet wurde, zu einer Zeit, als das „New Hollywood“ das US-amerikanische Kino revolutionierte.

Der Marshall basiert auf dem Spätwestern von Charles Portis, True Grit, erschienen 1968 als Fortsetzungsroman in einer Zeitschrift. Das Buch war Portis’ größter Erfolg.

Die erneute Verfilmung

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„Steiner, Steiner über alles“ und ein Hilferuf

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Wer weiß etwas über den Verbleib des seit sechs Wochen verschwundenen Journalisten Thorsten Kraechan aus Mörfelden-Walldorf?

Ich habe den so ziemlich untergegangenen Beruf des Buchhändlers in Trier erlernt, in einer ziemlich großen, ziemlich guten Buchhandlung. Eine Buchhandlung, die es lange nicht mehr gibt. Wenn es sie noch gäbe, dann würde sie als ein leuchtendes Beispiel einer dem Zeitgeist und Einkaufsverhalten diametral entgegengesetzten Institution gefeiert werden. Eine Buchhandlung, die auf fast 1000 qm eher einer Bibliothek glich. In der noch vorbildlich ausgebildet wurde, in der noch Menschen arbeiteten, welche die Berufsbezeichnung Buchhändler zu recht trugen.

Eine Macke hatte jedoch der Chef, oder seine zweite Ehefrau. Die war Anthroposophin. Es gab eine große Abteilung mit den ungezählten Pamphleten des „Universalgenies“ und der seiner Jünger. Anfang der achtziger Jahre waren die Anthroposophen auch in Trier eine gut vernetzte Gesellschaft: Waldorfschulen, Lesekreise, Malwerkstätten und was das spinnerte „Genie“ Steiner noch alles so losgetreten hatte. Und ich schwöre, noch ehe

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FGZ Büchertisch: Manson und der kalifornische Blutsommer 1969

Helter Skelter. The True Stories of the Manson Murders, geschrieben vom damals verantwortlichen Staatsanwalt Vincent Bugliosi (gemeinsam mit Curt Gentry) ist schon 1974 in den USA erschienen und jetzt erstmals in deutscher Übersetzung erschienen. Man sollte sich von der reißerischen Umschlaggestaltung des Riva Verlags nicht abschrecken lassen (Der Mordrausch des Charles Manson. Eine Chronik des Grauens), denn Helter Skelter ist ein minutiös recherchiertes, unaufgeregtes Protokoll der Vorgeschichte, der Morde und des Prozesses sowie der Versuch, das „Geheimnis“ des gerade einmal 1,58 Meter großen Sektenführers Manson zu ergründen.

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