Frankfurter Gemeine Zeitung

Komische und lustvolle Gesangsanarchie – die Kammeroper mit “Carmen, natürlich!”

Manch einer wird sich vielleicht verwundert gefragt haben: Macht die Kammeroper jetzt einfach noch mal Carmen en miniature, weil ihre Inszenierung der Bizet-Oper im Palmengarten im letzten Sommer  ein großer Erfolg war? Aber so viel sei nach dem Besuch der Kostümprobe verraten: Das wäre ein völliges Mißverständnis, nicht Bizets Meisterwerk steht im Mittelpunkt von „Carmen, natürlich!, sondern der Mythos Carmen. Der Abend verspricht ein äußerst amüsanter Ausflug in den Wahnsinn des Opernmachens und die Irrgärten sängerischer Leidenschaft zu werden. Drei Sängerinnen “singen vor” für die Carmenrolle, aber das Vorsingen gerät außer Kontrolle. Jede trägt ihre eigene Rolle in die Rolle hinein und IHR Verständnis von Verführung: Djuna Kalnina (die Original- Carmen des Sommers) die Femme Fatale, Ingrid El Sigai die Überkandidelt-kindische und Annette Fischer  die wehmütig-esoterische. Statt Bizet singen sie Schumann, Wagner, Holländer, Kreisler, russische Zigeunerschnulzen, Robert Stolz, Kurt Weil und etliches anderes, mal schneidend mal guttural-lasziv, sehnüchtig oder donnernd, zuweilen auch lispelnd oder stöhnend. Die Carmenadeptinnen vergießen bittere Tränen oder frohlocken und bringen sich und den musikalisch und erotisch überforderten “Intendanten” (souverän ironisch interpretiert von Jürgen Orelly) um den Verstand.

Hessisch Porno und Stuhlzertrümmerung

Gelegentlich werden die Leidenschaften recht handgreiflich: ein von Djuna Kalnina in der Probe herrisch fortgeschleuderter Stuhl ging ungewollt zu Bruch. Dazwischen rezitiert eine mysteriöse Putzfrau (Simone Jürgens)  die berüchtigten pornographischen “Memoiren einer Sängerin”  der legendären Operndiva des 19. Jahrhunderts Wilhelmine Schröder-Devrient, aber auf  hessisch und verwandelt sich nach der Pause in die wortgewaltige Franzsika Gräfin zu Reventlow, die einen Aufstand gegen die wie sie sagt „Schwanzgesteuerte“ Opernleitung anzettelt.
Komische und lustvolle Gesangsanarchie auf höchstem sängerischem Niveau also und von Stanislav Rosenberg virtuos am Klavier begleitet. Der Pianist liefert übrigens auch eine Gesangsprobe ab mit einer nonchalanten Version von Max Raabes „Carmen hab Erbarmen“. Was aber soll das alles? Regisseur Rainer Pudenz, der nicht nur die Inszenierung besorgt hat, sondern auch zusammen mit Bernd Kissling die Texte zusammengestellt hat, gibt im Interview Auskunft:

Worum gehts in Carmen, natürlich!?
Es geht darum ,was die Oper und der Carmenmythos mit einem machen, vor allem mit den Sängerinnen. Und um den Zusammenhang zwischen Gesang und Verführung. Carmen singt in verschiedenen Szenen der Bizet-Oper ja nicht einfach, sondern sie verführt DURCH Gesang.
Wie kamst Du auf die Idee darüber ein Stück zu machen?
Die Grundidee entstand beim Vorsingen für die Carmenproduktion im letzten Jahr. Jede Sängerin transportierte sofort eine Vorstellung, wie Carmen ist. Da tauchen bei den Sängerinnen sofort Fragen auf wie: Bin ich überhaupt sexy? Was ist für das Publikum/ den Intendanten sexy? Sie haben das Gefühl, das ihre Weiblichkeit mitbemessen wird. Man sieht wahrscheinlich beim Vorsingen für Carmen mehr vom Menschen als bei jeder anderen Oper. Sie stellt insbesondere die Hauptfigur vor die Frage: wie positioniere ich mich erotisch? Die drei Sängerinnentypen in Carmen, natürlich! , also die klassisch-laszive, die durchgeknallte und die „in sich ruhende“ repräsentieren und karikieren verschiedene Typen in dieser Situation.
Warum die Putzfrau?
Sie ist das störende Element in diesem Zirkus der Leidenschaften.Deshalb spricht sie auch einen Text, der einerseits literarisch-pornographisch ist, andererseits etwas Traumatisches behandelt: die eigenen Eltern beim Sex.
Welche Rolle spielt der Intendant?
Er ist ein Theatertyp, der in den Strudel erotischer Übertragungen hineingezogen wird. Er stemmt sich dagegen,  besingt pathetisch die „heiligen Hallen“- aber es gelingt ihm nicht. Außerdem parodiert die Figur natürlich die bühnennotorische Besetzungscouch. Die ist ein Klischee, kommt aber auch in den Heimstätten der Hochkultur vor. Man könnte denken: Manchmal gehen Oper und Seifenoper direkt ineinander über.
Und an der Kammeroper?
An der Kammeroper passiert das natürlich nie. (Wir danken der Kammeroper für die Bereitstellung des Interviews)

Vier, die auszogen, den Intendanten das Fürchten und Begehren zu lehren. Foto: Wolfgang Fuhrmannek

Carmen natürlich: Premiere Premiere:  Do. 6. März 2014
Weitere Aufführungen: Fr. 7., Sa. 8., So. 9. März Do. 3., Fr. 4., Sa. 5., So. 6. April 2014
Beginn: 20.00 Uhr, Sonntags: 17 Uhr Aufführungsort: Cantatesaal Fliegende Volksbühne
Großer Hirschgraben 21 Frankfurt am Main Vorverkauf: Theaterkasse im Cantate-Saal
Mo–Sa 17bis 20Uhr Telefon 069/24 14 24 35 Tickethotline 069 / 407 66 25 80 fliegendevolksbuehne.de


Al-Wazir: Mach mich zu Deinem fleischlosen Fleischsalat! (Bouffiers 62.Geburtstag)

Es gab eine Zeit vor der Landtagswahl. Sie währte lang. In ihr prangerte Grünenoberhaupt Al-Wazir bei jeder Gelegenheit den „schwarzen Sumpf“ in Hessen an, sehnte emphatisch den “Politkwechsel” herbei und bezeichnete eine Koalition mit der CDU als „Horrorvorstellung“. Da schwang schon ein bisschen Captain Kurtz mit aus “Apocalypse now”, ganz am Ende, als Marlon Brando somnambul nur noch im Dunkeln vor sich hinmurmelt: “The horror, the horror…” Heute allerdings lässt Al-Wazir die Horrorvorstellung für sich und alle Hessen wahr werden. Wie konnte das passieren? An Bouffiers sympathischen Äußeren KANN es nicht liegen. An dem Einbringen der notorischen „Grünen Inhalte“ auch nicht, davon kann man sich durch einen Blick in den Koalitionsvertrag überzeugen. Die Kernforderungen der Grünen wurden versenkt. Kein Nachtflugverbot, den Hochschulen wird das Geld gekürzt und die Energiewende soll in Hessen bis 2050, statt bis 2030 äh… “durchgezogen” werden. 37 Jahre lang „Wende“ -ist das ein Anzeichen, dass die Grünen jetzt in der Zeiträumen der katholischen Kirche rechnen? Immerhin wird man 2050 den 80jährigen Al-Wazir als einen der “Väter dieser Wende” ehren können, Bouffier selbst hat mit dann 99 Jahren die schlechteren Chancen, den Abschluß seines Lebenswerkes noch zu erleben, es sei denn er wird ein hessischer Heesters.

Die Vision: “Schwäbische Hausfrauen” in Hessen

Was hingegen für die nächsten vier Jahre im Koalitionsvertrag drinsteht, ist: sparen, sparen, sparen -und immer an die Wirtschaft denken. Die Grünen, grade noch pathetisch den „Wechsel“ im Blick, scheinen sich wie durch einen Zauberstab in eine Armada von Merkels berühmten “schwäbischen Hausfrauen” verwandelt zu haben. Als fünfte Putzkolonne der Schwarzen Seelen wollen sie den hessischen Haushalt mal so richtig auf Vordermann bringen, ausgerechnet in dem Land, in dem Joschka vor Äonen den „Ausputzer“ spielte. Wird der wendige Al-Wazir in seinem Werdegang der “neue Fischer” wie “Der Freitag” bang mutmaßt? Ahnt man nicht denn schon jetzt instinktiv, bei wem da letztendlich wieder gespart wird? Es werden die üblichen Verdächtigen sein, die Leute ohne Geld und Lobbyisten im Rücken. Sind die Grünen von ihren Wählern als innerhessische Sparkommissare gewählt worden? Diese grüne Wende im Bezug auf  sämtliche politischen Inhalte und Aussagen wurde in drei Monaten vollzogen, also 150 Mal schneller als ihr Herzanliegen, die Energiewende: wie ist sie zu erklären? Es kann nicht ALLEINE an der Postengeilheit der grünen Hauptakteure liegen: Ganze zwei Ministerposten sind beim Geschacher  herausgesprungen, die verblichene FDP hatte noch drei in der letzten Koalition. Natürlich einer davon ist für Al-Wazir himself und der andere ist für irgendeinen Hinz und Kunz, trotzdem, da hat selbst die alte und zwischendurch schon nahezu komatöse Tante SPD besser verhandelt. Das hält aber die neogrüne TAZ  nicht davon ab, unter der Leonard-Cohen-Titelzeile „First we take Mainhattan, then we take Berlin“ das hessische Duo noch vor dem ersten Regierungstag als Modell für die nächste Bundestagswahl abzufeiern.  Aber warum sollte jemand, der hierzulande nicht mehr CDU will, lieber Schwarzgrün als Schwarzrot wollen? Zumindest ist im hessischen Koalitionsvertrag NOCH MEHR CDU drin, als im schwarzroten. Geht das? Ja,das geht. Die Grünen zeigen, dass das Unmögliche möglich ist-wenn auch nur an dieser einen Stelle. Und das unter der Voraussetzung, dass in Hessen eigentlich eine andere Koalition -um nicht zu zitieren-: „eine andere Welt“ möglich gewesen wäre.

Der neue Kamerad an ihrer Seite

Sorry, dass ich noch mal nachfrage, aber warum GENAU haben die Grünen nicht lieber mit Sozis und Linken den „Politikwechsel“ volllzogen, von dem sie doch jahrelang, wenn nicht gar jahrzehntelang geträumt und gesprochen haben und wegen dem sie gewählt wurden? Will einem jemand ernsthaft erzählen, das hätte an der SPD und den Linken gelegen, weil die „können ja nicht miteinander“? Torsten Schäfer-Gümbel hätte freiwillig auf das Ministeramt verzichtet? Gibts denn nicht schon seit vielen Jahren Schwarz-Grün in eben diesem Mainhattan, das weit weit weg ist von Leonard Cohen? Mit dem Ergebnis, das wir demnächst auch in Hessen erwarten dürfen: nämlich,  dass alles beim Alten bleibt und die gleichen Seilschaften bestimmen, wo´s langgeht. Nur dass in Gesamthessen die CDU noch quadratschädeliger agiert als in FFM. Aber was bei den Grünen zählt, ist das überwältigende Bedürfnis „angekommen“ zu sein- und zwar bei denen, auf die es ankommt, bei denen, die schon immer die Macht hatten. Sie sind jetzt Verbündete eines Mannes, der laut FAZ seine lustigen Anekdoten mit „Die Damen mögen es mir verzeihen…“ einleitet, von „Buben“und „Kameraden“ spricht, der die Androhung der Folter befürwortet, die Finanztransaktionssteuer hingegen ablehnt, der als Alleinstellungsmerkmal zweimal wegen seiner Überwachungspolitik mit dem “Big Brother Award” ausgezeichnet wurde, der für seine rigorose Abschiebungspolitik bekannt ist, diverse Skandale wegen Begünstigung und Korruption hinter sich hat und dessen erklärtes Lieblingsgericht Fleischsalat ist.

Bouffiers first Birthday mit grünen Geschenken

Die Grünen feierten mit Bouffier heute, am 18.12. seinen Geburtstag und überreichten ihm eine Flasche „Grünen Veltliner“. Das Geschenk war natürlich maximal anspielungsreich (Grüne schenken Grünen Veltliner: haha, einfach köstlich!) Mich erinnert es allerdings an die filmisch überlieferte 50er Jahre-Sitte der Hausherrin zum Geburtstag eine Flasche Himbeergeist mitzubringen mit dem Spruch: „Hier, ich habe etwas „Geistreiches“ für sie“. Dabei war heftiges Zwinkern angesagt. Ob Al-Wazir gezwinkert hat, als Bouffier die Flasche grüner Veltliner überreicht wurde, wissen wir nicht. Nur dass er Bouffier auch noch einen „veganen Fleischsalat“ überreichte mit den denkwürdigen Worten: „Der fleischlose Fleischsalat soll an die Auseinandersetzung über den „Veggie Day“ im Wahlkampf erinnern.“„Wunderbar, ich bin sehr gespannt, wie der schmeckt“, entgegnete Bouffier laut Notat in der FAZ. Daraufhin sagte Al-Wazir NICHT den Satz der Titelzeile, das möchten wir ausdrücklich betonen. Dennoch scheint das Schicksal der Grünen in der Koalition vorgezeichnet. Sie werden der fleischlose Fleischsalat sein. Es gibt ja Leute, denen schmeckt das. Ich höre mir lieber Johannes Heesters an. Wenn auch nur in dieser Version.


Die Räumung der Kriftelerstraße schlägt Wellen: Eier für die Grünen und Anzeige gegen städtischen Mitarbeiteter

 Die brutale Räumung der Kriftelerstraße auf Veranlassung von Bürgermeister Cunitz (Grüne) schlägt erhebliche Wellen. Bis auf den letzten Platz besetzt war eine Veranstaltung im Galluszentrum zum Thema „Zukunft des Gallus – Aufwertung oder Verdrängung“ am letzten Sonntag. Teile des Publikums mussten auf dem Podium Platz nehmen. Aber aufgrund der Räumung hatten die Veranstalter das geplante Thema ohnehin in Richtung der aktuellen Ereignisse abgeändert und wollten anstelle einer Podiumsdiskussion ein offenes Gespräch mit dem Publikum in Gang setzen. Verteter der “Initiative Communale West” stellten noch einmal den Verlauf der Ereignisse dar: Die Besetzer hätten sich in gutem Kontakt zur Politik befunden, Vertreter der Grünen, der Linken und der SPD hätten vorbeigeschaut; die Grünen hätten den Besuch von Olaf Cunitz für den Abend angekündigt. Am späten Nachmittag waren im Vorgarten etwa 40 Personen damit beschäftigt das Essen zu schnippeln, als ein Trupp von ca. sieben Männern plötzlich auftauchte, allesamt muskelbepackte, tätowierte  Schränke von Hooliganhaftem Äußeren mit kurzgeschorenen Haaren. Einer trug ein bei Nazis verbreitetes T-Shirt (Marke Thor Steiner), alle waren ausgestattet mit Teleskopschlagstöcken (ein auseinanderziehbarer Schlagstock aus Stahl und Gummi).

Zur Illustration hier ein von uns geschwärztes Foto, das Indymedia zugespielt wurde.

Der zupackende Freund und Helfer, mit Teleskopsschlagock rechts.

Die “Hooligans” hätten sich eine Schneise durch die Leute geschlagen und wären ins Haus. Die schockierten Anwesenden glaubten an einen Naziüberfall und waren zunächst gradezu erleichtert, als wenige Minuten später das SEK und dann die Polizei auftauchte. Allerdings stellte sich dabei heraus, dass der Vortrupp aus Zivilpolizisten bestand, und was sich da vor ihren Augen vollzog war: eine Räumung. Viele der Leute, die dabei gewesen waren, sagten, sie hätten in den letzten Jahren noch nie eine derartig brutale Räumung erlebt.

Woher kommt die zunehmende Brutalität der Polizei?

Professor Belina von den Kritischen Geographen am Institut für Humangeographie beschränkte sich auf eine kurze Skizze der Entwicklung in Frankfurt und stellte einen Zusammenhang zu den immerhin acht Räumungen in den letzten zwei Jahren her.  Die zunehmende Brutalität der Ordnungskräfte und die Schnelligkeit der Räumungen erklärte er aus dem gestiegenen Verwertungsdrucks des Kapitals. Frankfurt sei einer der wenigen Städte in Europa, wo mit Immobilien noch sehr viel Geld verdient werden könnte. Um so rücksichtsloser würden daher Politik und Polizei diese Interessen durchsetzen. Ein Verteter des SIKS, der Stadtteilinitiative machte eine andere, subjektivere Perspektive auf. Die Gentrifizierung im Gallus würde auch bei deren Gewinnern, d.h. den Leuten, die in die Häuser zögen und die Alteingesessenen verdrängten, erhebliche Nervosität und Angst erzeugen. Gerade das führe aber dazu, das sie vor allem „ihre Ruhe haben wollten“. Die Linke gebe sich oft der Illusion hin, dass ihre Position eine der schweigenden Mehrheit sei, tatsächlich wäre aber das Gegenteil der Fall. Hausbesetzungen und ähnliche auf das Spektakel setzende Aktionen würden von den Nachbarn eher ablehnend oder misstrauisch betrachtet. Wichtiger als unter den immergleichen Fahnen herumzulaufen, sei daher eine langfristige Arbeit in der Nachbarschaft. Diese erstaunliche Darstellung führte zum Protest der Besetzer: sie hätten sich extrem um Kontakt zu Nachbarn und Politikern bemüht, reformistischer könne man gar nicht vorgehen. Die Reaktion der Nachbarn und der Ortsteilpolitiker seien positiv gewesen, im Gallus gäbe es großen Misstrauen gegenüber der Polizei und große Unzufriedenheit über die Zwangsräumungen etc.

Allerdings, das sei hier kritisch angemerkt, stellt sich bei der Kontaktanbahnung der Initiative Communale West die Frage, warum die Initiative  zwar Kontakt aufnahm zur offiziellen Stadtpolitik, aber keinen zur  “AG Gallus”, die zum Netzwerk “Wem gehört die Stadt?” gehört und sich seit Jahren kritisch mit den  Gentrifizierungsprozeßen vor Ort beschäftigt. Eher abgeschottetete Aktionen, die Aktivisten vor Ort links liegen lassen und sich stattdesssen lieber auf die Hilfe von Ortsbeiräten verlassen,  erleichtern eben letztendlich auch die Räumung. Ein  Zuhörer meinte, tatsächlich seien die Proteste in den letzten Jahren immer verspielter und friedlicher geworden, die Reaktion der Polizei hingegen immer extremer. Das hätte sich schon bei Blockupy gezeigt. Tatsächlich entsprachen die Besetzer schon rein optisch an diesem Abend so gar nicht dem Bild der unverbesserlichen Alt-Linken, das der SIKS-Sprecher malte. Ein weiterer Diskutant gab zu bedenken, es wüssten doch alle, dass sie nicht in der gesellschaftlichen Mehrheit seien, ob man deshalb jedes Politische Engagement einstellen solle? Auf die Frage, warum die Besetzer nach acht Blitz-Räumungen in zwei Jahren trotzdem nicht damit gerechnet hätten, dass sie sofort geräumt hätten, sagten sie, die anwesenden Grünen hätten ihnen versichert, am Wochenende würde nicht geräumt. Tatsächlich saßen auch Vertreter der Grünen, der SPD und der Linken im Publikum, die ihre Bestürzung über die Ereignisse äußerten. Insbesondere der stellvertretende OB Cunitz von den Grünen wurde von verschiedener Seite immer wieder als Verantwortlicher für die Räumung benannt.

Montagsdemo: Bei den Grünen fliegen die Eier

Am Montag danach fand eine spontane Demonstration unter dem Motto: “Häuser denen, die sie brauchen” vor der neuen Sky Platza statt. Inzwischen waren Pressemitteilungen erschienen, die den Sachverhalt anders darstellten, als er von dutzenden Augenzeugen beobachtet worden war, so hieß es in einer Pressemitteilung der Polizei: „Die Zivilpolizisten hätten den Auftrag gehabt, die Türen des Hauses für nachrückende Beamte offen zu halten. Sie hätten niemanden angegriffen, sondern seien selbst von umstehenden Personen bedroht worden. Daraufhin habe einer der Polizisten einen Schlagstock gezogen.“ Während die Grünen Vorsitzenden Martina Feldmayer und Omid Nouripour sagten, den Vorwürfen müsse nachgegangen werden, verteidigte Mark Gellert, Sprecher von Bürgermeister Olaf Cunitz (Grüne), den Einsatz: „Illegale Aktionen können wir nicht gutheißen“.

Entsprechend gereizt war die Stimmung bei den 200 Demonstranten. Sie liefen zur Galluswarte, fuhren mit der S-Bahn in die Innenstadt und zogen weiter über die Konstablerwache bis zur Alten Brücke, schließlich nach Sachsenhausen.Mit Slogans prangerten sie die Wohnungsnot und die Räumung des besetzten Gebäudes an. Die Presse zitierte eine Bewohnerin mit der herzigen Bemerkung: Vermummte hätten auf der Straße „Wohnraum für alle” gebrüllt, das hätte ihr schon Angst gemacht. Wer es ebenfalls mit Angst zu tun bekam, waren die Frankfurter Grünen. Eier flogen gegen die Geschäftsstelle der Grünen in Sachsenhausen,  eine Mülltone wurde umgestoßen und der untere Teil der gläsernen Eingangstür wurde beschädigt.  Eine Mitarbeiterin sagte: „Die Kollegen ließen vor Angst die Rollos herunter. Sie dachten zunächst, aufs Haus würden Steine und nicht Eier geworfen.” Tja, die Zeiten von Joschkas legendärer “Putztruppe” sind lange vorbei… Die hätte sich nun in der Tat nicht mit Eiern begnügt. Inzwischen haben die Grünen Anzeige wegen Sachbeschädigung gestellt und erklärt “Wir sind entsetzt über die Ausschreitungen, die im Zuge einer Solidaritätsdemo für die Hausbesetzer im Gallus an unserer Kreisgeschäftsstelle zu massiven Schäden geführt haben.  Wer so agiert disqualifiziert sich selbst. Wer von anderen Dialog einfordert und selbst Gewaltattacken als Instrument der Auseinandersetzung nutzt, verwirkt jegliche Legitimation und Anspruch auf Verständnis.  ” Man sieht, der Begriff der “Ausschreitung” und der “Gewaltattacke” wird von den Grünen, sobald es um ihre Kreisgeschäftsstelle geht, recht großzügig verwendet. Dabei hatte der Dialog mit den Knüppeln der Zivilpolizei in der Kriftelerstraße doch schon so hoffnungsvoll begonnen.

Die Polizei blieb auch an diesem Abend sich und der „Frankfurter Härte“ treu. Sie kesselte insgesamt 75 Personen ein und nahm die Personalien auf. Der eine Kessel war am Eisernen Steg, der andere unweit der Geschäftsstelle der Grünen. Nach Augenzeugenberichten mussten sich Demonstranten teilweise mit Kabelbindern gefesselt auf den Boden legen. Der Kessel am eisernen Steg soll von etwa  20 Uhr bis 22.30 Uhr bestanden haben. Während dieser Zeit, nämlich gegen 21.30  wurden zwei Autos im Ostend in Brand gesteckt, von wem ist unklar. Die Polizei arbeitet  auch auf juristischer Ebene mit harten Bandagen. Sie hat Anzeigen erstattet gegen einen städtischen Mitarbeiter wegen “falscher Darstellung der Ereignisse” während der Räumung in der Kriftelerstraße.

Die Rundmail eines städtischen Mitarbeiters macht Furore

Ein Mitarbeiter des Jugendamtes in Höchst hatte in einem Rundmail an Peter Feldmann (SPD), Bürgermeister Olaf Cunitz (Grüne), Liegenschaftsamtsleiter Alfred Gangel und weitere Stellen der Stadt einen Augenzeugenbericht der Räumung geliefert, der sich in allem mit den übrigen Darstellungen deckte -nur denen der Polizei nicht. Da die Frankfurter Medien und der HR zwar ausgiebig die Polizeimeldungen abdrucken, aber die Rundmail nicht, sei hier etwas länger daus zitiert.

In diesem Bericht des städtischen Mitarbeiters hieß es u.a.: „Am vergangenen Samstag, den 07. September 2013 musste ich Zeuge und Opfer eines massiven Einsatzes der Polizei werden, dessen Opfer auch eine Mutter mit Säugling und mein achtjähriger Sohn und sein gleichaltriger Freund wurden. Ich selbst erlitt Prellungen und Schürfwunden. Am Samstag, den 07.September kam ich am Nachmittag mit einer Freundin, meinem Sohn und seinem Freund (beide 8Jahre) zum Gebäude da mir durch Bekannte mitgeteilt wurde, dass dort ein Tag der offenen Tür mit Programm sowie Kaffee und Kuchen stattfindet. Die Kinder konnten dort in einem Spielzimmer sowie vor dem Gebäude malen und spielen. Nach etwa 2 Stunden gingen wir für einen kurzen Spaziergang weg und kamen um ca.18:20 wieder zurück um Nachhause zu fahren. 2 Minuten nach unserer Ankunft erschienen plötzlich 6-8 Männer mit sogenannten Todesschlägern, offiziell benannt als Teleskopstangen. Diese sahen aus wie Hooligans aus der gewaltbereiten Fußballszene oder Nazis, da sie entsprechende Kleidung trugen. Sie drängten und schlugen sich durch die ca. 30Personen, darunter Schüler und eine junge Frau mit einem Säugling, die sich vor dem Haus befanden und weinend flüchteten, bis zum Eingang durch. Aus Sorge um meinen Sohn und seinem Freund suchte und rief ich panisch nach ihnen und vermutete sie wieder im Haus, wo sie sich, was sich im Nachhinein auch als wahr herausstellte, zu diesem Zeitpunkt auch aufhalten könnten. Die mittlerweile zu identifizierenden erschienenen 200 uniformierten Beamten verdrängten oder nahmen, die erschreckten Personen weg und stellten sich vor den Eingang. Ich versuchte lautstark den Beamten zu erklären, dass ich meinen Sohn suche woraufhin ich zu Boden gerissen und mehrfach getreten und geschlagen wurde.“ Das Schreiben endet mit dem Satz: „Ein Überfallkommando mit zivilen Polizeibeamten, die sich erst im Nachhinein als solche auswiesen, die aussehen wie Schläger und auch so handeln, stellt einen Rückschritt unserer zivilen Gesellschaft zu einer willkürlichen und diktatorischen Gewaltpolitik dar.  Sie erinnern an Methoden, die hier in  Deutschland nicht mehr als zeitgemäß anzusehen sind!“

Die Polizei reagierte prompt auf diese Beschwerde – und zeigte den Verfasser wegen Verleumdung an. Der Polizeisprecher erklärte, der Mann habe in seiner Mail “Polizisten mit Nazis verglichen“, das bezieht sich wohl auf den letzten Satz – und ihr Vorgehen „falsch dargestellt“. Außerdem habe er sich „als einziger von mehr als 30 anwesenden Menschen den Beamten widersetzt“ und sei „in der Vergangenheit schon häufiger durch Aktionen im linken Milieu aufgefallen”. Und deshalb, so die unausgesprochene Schlussfolgerung, hat er das obige alles erfunden.

Die Polizei im Paralelluniversum- die Frankfurter Grünen vor einer Entscheidung

Allerdings decken sich seine Beschreibung vollständig mit denen vieler anderer Zeugen. Und die Behauptung,  dass der letzte Satz Polizisten mit Nazis vergleicht, dürfte juristisch kaum haltbar sei. Es stellt sich also die Frage, ob die Polizei vielleicht in einem Paralelluniversum lebt, in dem sich die Dinge einfach anders darstellen oder ob hier einige Polizisten schlicht lügen. Das werden hoffentlich die Gerichte klären können.

Mindestens eben so interessant ist das Verhalten der Politik. OB Feldmann hat in einem heute veröffentlichen Interview auf seine eigene Hausbesetzervergangenheit hingewiesen und zur Räumung der Kriftelerstraße erklärt: „Ich bin bei der Aktion letzte Woche davon ausgegangen, dass es zunächst Gespräche und Verhandlungen mit den Hausbesetzern gibt. So ist meine Linie und auch die Linie meiner Kollegen. Warum es dann anders gekommen ist, müssen wir restlos klären. So kann es jedenfalls überhaupt nicht gehen“. Das sind deutlich andere Worte als aus dem Büro von Bürgermeister Cunitz. Aber kann man sich vorstellen, dass die Räumung ohne Einwillligung oder Wissen von Feldmann durchgeführt wurde? Das erscheint einigermaßen unwahrscheinlich. Auf jeden Fall scheint klar: Ihrem Bemühen, sich als Freunde des bezahlbaren Wohnraums darzustellen, haben die Grünen einen sehr schlechten Dienst erwiesen. Da wird ihnen auch das Jammern über eine eingetretene Glastür wenig helfen.  Sie müssen sich entscheiden, auf welcher Seite sie stehen: auf der einer  immer noch neoliberalen, gescheiterten  Stadtpolitik, oder auf der Seite derer, die ein Recht auf Stadt für alle fordern.

Am nächsten Wochenende  ist Stadtteilfest im Gallus (Frankenalle, Quäkerplatz). Am Sonntag findet ab 11 Uhr ein sogenannter  “politischer Frühschoppen” statt, auf dem wahrscheinlich  Peter Feldmann, Olaf  Cunitz und Frank Junker von der städtischen Wohnungsbaugesellschaft zugegen sein werden. Man darf gespannt sein, ob die Herren aus der Politik und der Bauwirtschaft in Ruhe ihren Wein werden trinken können. Immerhin steht das Fest unter dem Motto: “Vielfalt statt Einfalt”! Na dann: Prost! (Infos der Initiative Communale West unter: blauer.blogsport.de)


Der Frankfurter Kulturausschuss, der Club Voltaire und der Karneval

Auf der Tagesordnung der ersten Sparsitzung des Kulturausschusses, die wie es sich für Sparsitzungen gehört im edlen Ambiente der Alten Oper stattfand, stand vor allem eine große Debatte um eine winzige Summe Geld. 7000 Euro Zuschuss für den Club Voltaire will Kulturdezernent Semmelroth (CDU) einsparen, um sich damit dem Ziel der vorgegebenen Sparsumme von 6 Millionen in Riesenschritten an zu nähern. Presseartikel hatten die Unterstützertruppen des Clubs mobilisiert. Doch bevor es zum Clash der Kulturen kam, wurde erst mal das Positive betont. Matthias Pees, der neue Leiter des Mousonturms, stellte sich vor und äußerte Begeisterung und Neugierde für sein neues Haus. Er berichtete von seiner politisch-polemischen Berliner Volksbühnenvergangenheit und internationalen Connections, insbesondere zur Tanz- und Performanceszene aus seiner Zeit in Brasilien, sprach von der „gegenseitigen Befruchtung von Freier Szene und Stadttheater“ und bot selbst eine überzeugende Newcomerperformance ohne prätentiöses Gehabe. Danach kam Felix Semmelroth zum Zuge. Er fand seinerseits die neue Intendanz toll, fand es darüber hinaus toll, dass Quast jetzt ein tolles Programm für seine fliegende Volksbühne vorgelegt hat, und damit jetzt doch häufiger in Frankfurt auftritt als in Hanau, bedauerte es wiederum, dass nur 900 000 statt der vermuteten 3 Millionen zum Museumsuferfest gekommen waren, fand es aber auch wieder toll, dass dann trotzdem viele Leute wegen des schlechten Wetters ins Museum gegangen waren und kam dann sehr schnell zum Redeende ohne die geplanten Kürzungen auch nur mit einem Sterbenswörtchen zu streifen.

Alle lieben den Mousonturm. Gespart wird trotzdem

Das rief  den notorischen Quertreiber Wolfgang Hübner von den Freien Wählern auf den Plan, der verlangte zu wissen, „welche Maßnahmen ergriffen worden wären, um die Sparziele zu erreichen“. Semmelroth sagte 6 Millionen sei „natürlich ein sehr sehr großer Betrag“, schob für die Faktenhungrigen hinterher, dass bei der Saalbau ein Raum für 250 Personen jetzt statt 13 Euro 18 Euro kosten soll, aber ansonsten könne er das jetzt „unmöglich hier alles im einzelnen darlegen“, das werde dann ja im Magistrat verhandelt. Hübners Aufforderung, dem Kulturausschuss eine Liste der Einsparungen zukommen zu lassen, verhallte im Nichts. Dann begann die „Bürgerfragestunde“ Eine Dame aus dem Kreise der Förderer und Unterstützer des Mousonturms überreichte eine Unterschriftenliste für den Erhalt von “Jazz im Museum” und “Weltmusik im Palmengarten”, beide vom grade hochgelobten Mousonturm organisiert und von der schwarzgrünen Koalition weggekürzt. Erstaunliche 5445 Unterschriften sind diesen Sommer auf zehn Konzerten zusammengekommen ; die Ausschußvorsitzende Heike Hambrock von den Grünen nahm die Unterschriften gebührend wohlwollend entgegen: „Ich leite das weiter.“

Das Schicksal des “Offenen Hauses der Kulturen” bleibt weiter offen

Die Kämpfer für das „Offene Haus der Kulturen“ auf dem Campus Bockenheim meldeten sich zu Wort. Angelika Wahl berichtete aus der Geschichte des Studierendenhauses: Die Amis schenkten es einst nach dem Weltkrieg den Studierenden, es war schon mal ein offenes Haus für die Nachbarn, die 68er Bewegung , die Studis. „Geschenke verschenkt man nicht“ wie Frau Wahl sagte, aber genau habe das Land getan; es gab das Haus der städtischen AGB Holding und jetzt steht dessen Zukunft zur Disposition. Ein anderer Vertreter der Bürger verwies auf das reichhaltige Programm, das das „Offene Haus der Kulturen“ schon jetzt dort organisiert, bevor es dieses offiziell gibt. Aktuelles Beispiel : Ein nomadischer Künstler-Zug von Genf nach Leipzig. Alle Anwesenden wollten wissen: Was wird aus dem Haus? Sebastian Popp von den Grünen spielte die Karte geschickt an den Verein zurück. Da wäre eine „unklare Gemengelage“ und der Verein hätte noch “kein Konzept vorgelegt, wie das finanziert werden soll”, es gehe auch um “Ressourcen”, aber “die Koalitionspartner seien im Gespräch“, auch mit dem Verein. Die SPD bemängelte das „Tempo einer Schnecke“ beim Thema Kulturcampus, Popp raufte sich kurz die Haare „warum muss immer die Kultur so viel einsparen?“, aber verkündete dann, dass das Thema ja in vier Wochen wieder auf der Tagesordnung stünde.

Die Voltairianer in der Alten Oper

Richtig Fahrt auf nahm die Sitzung aber erst auf, als die Sprache auf den Club Voltaire kam. Club- Mitbegründer Heiner Halberstadt schlug einen großen Bogen durch die Geschichte des Clubs in Frankfurt, die für ihn und zahlreiche andere im Publikum zur Geschichte des kritischen Denkens in Frankfurt überhaupt gehört. Halberstadt erinnerte daran, dass die Mitglieder des Prager Frühlings und der Studentenbewegung den Club als ihre Heimat angesehen hätten. Suhrkampautoren und Kabarettist Mathias Beltz gaben sich hier die Klinke in die Hand, aber auch der Polizeipräsident wurde schon zu Veranstaltungen eingeladen.  Schon die minimale Summe von 7000 Euro im Jahr habe er weniger als eine Förderung , denn als eine Anerkennung von Seiten der Stadt empfunden. Wolle die Stadt diese nun zurücknehmen? Halberstadt proklamierte:  „Ich bin von Ihnen enttäuscht, Herr Semmelroth! “ Es könne niemand ernsthaft behaupten, dass eine Konsolidierung des Haushaltes durch die Streichung von 7000 Euro möglich sei. „Die Streichung der Mittel kann ich nur als politische Maßnahme verstehen, die kritisches Denken verbieten will.” Ulla Moser, die Vorsitzende des Trägervereins und weitere Redner aus dem Publikum verwiesen auf die aktuelle Bedeutung des Clubs und die große Vielfalt des Programms, das vom Wirthaussingen bis zur Diskussion des arabischen Frühlings oder der Flüchtlingsproblematik reiche. Offenbar sei geplant, jeglichen Überrest rebellischer Kultur in Frankfurt zum Verschwinden zu bringen und die Kultur in der Stadt allein den Bedürfnissen der Banker zu überlassen. Besonders erbost waren die Volterianer über eine Äußerung von Mirko Trutin, Geschäftsführer des Kreisvorstandes der Jungen Union, der die Streichung des Zuschusses in der Presse mit der Begründung, dass sei „ein Treffpunkt linker Chaoten“ euphorisch begrüßt hat. Der Kulturdezernent tat, was er häufig tut, wenn´s kritisch wird. Er schwieg weitgehend, auch als SPD und Piraten den Volterianern ihre Unterstützung zusicherten. Statt Semmelroth suchte Sebastian Popp von den Grünen die Gemüter zu beruhigen. Er eröffnete mit der einigermaßen kryptischen Bemerkung: “seine Freunde kann man sich nicht aussuchen“. Meinte Popp damit nun die anwesenden Unterstützer des Club Voltaire, Mirko Trutin oder gar den Kulturdezernenten selbst? Wie auch immer: in der Frage sei der Kulturdezernent wahrscheinlich schlecht beraten worden, so Popp weiter, das werde jetzt nur zu einem politischen Streitpunkt hochstilisiert.  Der Club Voltaire sei wichtig für die Stadt, da sei das letzte Wort noch nicht gesprochen. Nach diesem kurzen Statement brach Popp schnell  auf und ward nicht mehr gesehen.

Wollen Sie etwa sagen, ein Karnevalsverein trägt weniger zur Stadtkultur bei als der Club Voltaire?

Dadurch entging ihm der denkwürdigste Redebeitrag aus den Reihen des Frankfurter Kulturausschusses, nämlich der von Thomas Dürbeck, CDU, seines Zeichens Rechtsanwalt mit Schwerpunkt Immobilienrecht. Wo Halberstadt den Bogen zur “Frankfurter Neuen Schule” geschlagen hatte, schlug er ihn zum Frankfurter Karneval. Seinen Unions-Kollegen Mirko Trutin verteidigte Dürbeck mit hämischen Blick auf die vermutete Multikultigesinnung der Volterianer mit dem verblüffendem Argument: „Herr Trutin kennt die Verhältnisse in Frankfurt nicht so gut. Das hängt damit zusammen, dass er Migrationshintergrund hat.“ Der kritische Geist in Frankfurt könne doch wohl „auch ohne die 7000 Euro Staatsknete überleben“ (einen Ausdruck, den man schon lange nicht mehr aus Politikermund gehört hat, noch dazu aus einem christdemokratischen). Dass die Kürzung politische Hintergründe habe, sei Unsinn. Schließlich trage seine Fraktion ja mit, dass das Institut für Sozialforschung gefördert werde, „obwohl da auch nicht in unserem Sinne geforscht wird“. Außerdem werde auch an anderen kleinen Posten im Kulturetat gespart, so zum Beispiel bei Karnevalsvereinen. „Tragen die vielleicht weniger zur Kultur der Stadt bei oder sind die irgendwie minderwertiger als der Club Voltaire?“ , fragte er in Richtung der Zuhörer. Außerdem wolle die CDU-Fraktion die institutionelle Förderung in Frankfurt generell abschaffen und auf Projektförderung umstellen. Dem Club Voltaire stände es dann ja frei, Projektanträge zu stellen wie alle anderen. Nachdem Dürbeck also seinen Parteifreund Mirko Trutin implizit als „ahnungslosen Ex-Jugo“ dargestellt hatet, eröffnete er dem Club die Zukunftsperspektive für seine über 20 Veranstaltungen im Monat jeweils einzelne Projektanträge zu stellen und stufte ihn in seiner Bedeutung für die Stadt auf Augenhöhe mit den hiesigen Karnevalsvereinen ein.Von einem Kölschen CDU-Mann hätte man das vielleicht erwarten können, aber von einem Frankfurter? Kann es allen Ernstes als Zeichen der weltoffenen Liberalität der Frankfurter CDU gelten, dass sie das Frankfurter Institut für Sozialforschung, also die Wirkungsstätte von Adorno, Habermas, Demirovic und anderen, weiterarbeiten lässt, obwohl da nicht direkt “im Sinn der CDU-Fraktion” geforscht wird? Traurigerweise war der emsige Sebastian Popp von den Grünen nicht mehr da, um das gebührend zu kommentieren. Das blieb den Piraten und der SPD überlassen.
Martin Kliehm von den Piraten kommentierte trocken, tatsächlich lasse sich der Club Voltaire kulturell nicht mit einem Karnevalsverein gleichsetzen; davon abgesehen bekämen die Spielmannszüge der Karnevalsvereine seiner Erinnerung nach um die 100 000 Euro Förderung, das sei dann doch wohl etwas anderes als die 7000 für den Club. Außerdem erwarte er eine nachvollziehbare Begründung, warum grade an der Stelle eingespart werden soll. Renate Wolter- Brandecker erinnerte Dürbeck daran, dass keine Rede davon sein könnte, dass die institutionelle Förderung in der Frankfurter Kultur generell abgeschafft werden sollte. „Oper, Schauspiel, Theater, die zwanzig freien Theater-soll da überall die institutionelle Förderung eingestellt werden? Wird nicht grade der Quast jetzt neu instituionell von Ihnen gefördert?
Aber auch dem Koalitionspartner dürften die Einlassungen Dürbecks wenig Freude bereitet haben, denn wie schon bei der CDU-Politik zur inneren Sicherheit (Polizeiübergriffe gegenüber Blockupy) und der Wohnungspolitik stellt sich die Frage, was die Frankfurter Grünen so felsenfest an der Koalition mit der CDU festhalten lässt. Das Schicksal des Club Voltaire zumindest scheint noch nicht besiegelt. Oder wie der Kölner sagt: Et küt, wie et küt.


Das Leben als böse Komödie: “Helges Leben” im Kellerthater

helge schwester

Jeder Mensch richtet sich (zu) nach dem Blick der Anderen und wählt doch unter diesem Blick sein Schicksal freiwillig. Das Grundgefühl dabei und der Motor des Handels ist: Angst. Das sind zwei Überzeugungen des Existentialismus, Sartre zimmerte daraus vor mehr als einem halben Jahrhundert Dramen. Die moderne Erfolgautorin Sibylle Berg macht daraus böse Boulevardkomödien wie “Helges Leben”, das jetzt im Frankfurter Kellertheater zu bestaunen ist. Der Blick auf eben dieses Leben wird gedoppelt: Gott und Tod präsentieren in einer unbestimmten Zukunft Herrn Tapir, Frau Reh und einem Schnapphamster Helges Leben als eine Art Fernsehshow im Zeitraffer inclusive Vor-und Rückspulmöglichkeit. Das könnte sich ein wenig nach einer Fabel a la “Konferenz der Tiere” anhören, aber eine moralisierende Botschaft fehlt völlig. Diese Tiere sind keine überlegene Lebensform , sondern in behaglicher Spießigkeit erstarrt: Herr Tapir (treffend bräsig gespielt von Kai Thomas) verspricht Frau Reh (zartbesaitet: Maren Luedecke) einen Abend “ohne Sex und Gewalt”, was Gott (schön flatterig-hysterisch: Yvonne Mendel) und Tod (standesgemäß sardonisch: Frank Reisser) nicht ganz einhalten können-schließlich geht es um Menschen. Die tierischen und menschlichen Zuschauer erleben “Helges Leben” als Revue von der Eizelle bis zur Bahre. Vater und Mutter Helges sind ein ungleiches Paar: Tobias Sütterlin gibt IHN als ahnungslosen Proll, Daniela Vollhardt präsentiert SIE mit hervorragendem Gespür für komisches Timing als das, was man in Illustrierten gerne Powerfrau nennt: im engen rosa Kostüm mit eingefrorenem Lächeln schwärmt sie von Sitzungen und Lymphdrainagen. Geschlechts- und Geburtsakt sind da nur kurze Unterbrechungen und bald sitzt der neue Erdenbürger Helge ziemlich allein da.

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Zoo Frankfurt: Tierleasing im Trend

In Zeiten knapper Kassen bei den Kommunen muss auch eine ehrwürdige Institution wie der Frankfurter Zoo neue Wege suchen. Deshalb ist am 24. Juli “EDEKA-Tag” im Frankfurter Zoo. Von 10- 18 Uhr ist der Lebensmittelvertrieb dort zu Gast. Im Stil eines Marktplatzes präsentiert EDEKA im Reptilienhaus seine Partner und Lieferanten. Hierbei werden Produkte, vorrangig aus der Region, zur Verkostung angeboten. Clowns und Spielangebote sorgen für Kurzweil und für gute Laune. Als weiteres neues Angebot bietet der Zoo jetzt die Möglichkeit an, Tiere zu leasen.
Von Eintrittsgeldern und bezahlten Tierpatenschaften allein kann der Zoo nicht überleben“, so Zoodirektor Professsor Manfred Niekisch. ” Schließlich haben selbst die Schnecken, Frösche und Springmäuse schon mehrere Paten, von den populären Großtieren ganz zu schweigen. Mehr als fünf Paten müssen sich bereits einen Giraffenhals teilen.” Deshalb heißt es jetzt im Zoo „ Rent a Rentier“, „Leih ein Lama“, „Pump Dir den Puma“ und so weiter.

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Gefakte Unterhemden gegen Mieterhöhung

Florian K. hat oben in “Scherben bringen Glück” schon den Weg gezeigt, wie man der Gentrifizierung des eigenen Quartiers entgegenwirken kann. Aber warum selbst Hand anlegen, eckliges Geschirr stehen lassen oder echte Callshops einrichten, um zu verhindern, dass sich die jeunesse dóre und die “Kreativen” sich all der schönen Wohnungen bemächtigt? Eine Initiative mit dem schönen Namen “Es regnet Kaviar” stellt auf ihrer Seite ein Abwertungskit zur Verfügung, mit man die eigene Wohnung aus Sicht von Immobilienhaien mühelos abwerten kann. Und so geht’s: Das große Bild des Abwertungskits auf den PC laden,im Copyshop ausprinten lassen, ausschneiden – und los! In dem Bastelbogen sind laut Auskunft der Kaviaristen folgende Atrappen enthalten:
- Atrappe 1 sieht aus wie…. ein gewöhnliches Unterhemd. Das gewöhnliche Unterhemd wirkt enorm asozial, besonders wenn es zum Trocknen vor’m Fenster hängt! Verstärken lässt sich der Effekt durch an Balkon oder Fenster montierte Wäscheständer. Da bekommt der Investor das Fürchten!
- In Gegenden mit niedrigen Mieten schmücken viele Satellitenantennen die Fassaden- Machen Sie sich diesen Umstand zu nutze – montieren Sie drei oder vier Sat-Antennenfakes (2) an ihre Fassade.

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Über den Dächern von Nizza liegt ein seltener Schnee

Die Neuverschuldung der Stadt ist ohne Neuverschuldung des Stadtkämmerers zustandegekommen. Dies freue ihn auch persönlich, sagte Stadtkämmerer Uwe Becker in der Diskussion über den Frankfurter Doppelhaushalt 2010/2011 am Donnerstag. Um den Doppelhaushalt auch in Zukunft im Griff zu behalten, wird in dem kommenden Jahr ein zweiter Uwe Becker dem ersten Uwe Becker zur Seite stehen. [...]

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Neues aus den Stadtteilen

In Neu-Isenburg wird die traditionelle internationale Reifenparade voraussichtlich um ein Jahr verschoben. Die Veranstalter hoffen durch diese Verzögerung, doch noch Herrn Erwin Fischer, wohnhaft Neu-Isenburg, Wilhelmstrasse 13, zur Teilnahme zu bewegen. Erwartet werden Reifen aus 27 Ländern, darunter einige ausgestorbene Reifensorten aus Madagaskar. Die Galopprennbahn in Niederrad wird nächsten Dienstag für zwei Stunden geflutet, um [...]

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