Frankfurter Gemeine Zeitung

Das Leben als böse Komödie: “Helges Leben” im Kellerthater

helge schwester

Jeder Mensch richtet sich (zu) nach dem Blick der Anderen und wählt doch unter diesem Blick sein Schicksal freiwillig. Das Grundgefühl dabei und der Motor des Handels ist: Angst. Das sind zwei Überzeugungen des Existentialismus, Sartre zimmerte daraus vor mehr als einem halben Jahrhundert Dramen. Die moderne Erfolgautorin Sibylle Berg macht daraus böse Boulevardkomödien wie “Helges Leben”, das jetzt im Frankfurter Kellertheater zu bestaunen ist. Der Blick auf eben dieses Leben wird gedoppelt: Gott und Tod präsentieren in einer unbestimmten Zukunft Herrn Tapir, Frau Reh und einem Schnapphamster Helges Leben als eine Art Fernsehshow im Zeitraffer inclusive Vor-und Rückspulmöglichkeit. Das könnte sich ein wenig nach einer Fabel a la “Konferenz der Tiere” anhören, aber eine moralisierende Botschaft fehlt völlig. Diese Tiere sind keine überlegene Lebensform , sondern in behaglicher Spießigkeit erstarrt: Herr Tapir (treffend bräsig gespielt von Kai Thomas) verspricht Frau Reh (zartbesaitet: Maren Luedecke) einen Abend “ohne Sex und Gewalt”, was Gott (schön flatterig-hysterisch: Yvonne Mendel) und Tod (standesgemäß sardonisch: Frank Reisser) nicht ganz einhalten können-schließlich geht es um Menschen. Die tierischen und menschlichen Zuschauer erleben “Helges Leben” als Revue von der Eizelle bis zur Bahre. Vater und Mutter Helges sind ein ungleiches Paar: Tobias Sütterlin gibt IHN als ahnungslosen Proll, Daniela Vollhardt präsentiert SIE mit hervorragendem Gespür für komisches Timing als das, was man in Illustrierten gerne Powerfrau nennt: im engen rosa Kostüm mit eingefrorenem Lächeln schwärmt sie von Sitzungen und Lymphdrainagen. Geschlechts- und Geburtsakt sind da nur kurze Unterbrechungen und bald sitzt der neue Erdenbürger Helge ziemlich allein da.

HELGE 1

Der neue Erdenbürger: Helge, links: seine Angst, rechts: Mutter/Vater

Allerdings nicht ganz: die Autorin hatte die schöne Idee, Helges Angst als Person darzustellen, die ihn sein Leben lang begleitet und für ihn jede Situation zum düstersten Ende hin ausmalt. Sie repräsentiert die “Stimme im Kopf” und den heimlichen Krankheitsgewinn jeder Neurose: Man hasst die Angst, aber ohne sie müsste man sich auf das Unbekannte einlassen, Entscheidungen treffen usw. und das kann man ja noch viel weniger ertragen. Der Angst selbst ist im Stück ironischerweise nie Angst und Bange, sie weiß um ihre Effektivität und wird von Daniel Silberhorn mit höchster, man kann schon sagen Rampensauhafter Intensität gespielt, ganz im Kontrast zu ihrem Träger, Helge, den Arne Böker höchst überzeugend wie den Schluck Wasser in der Kurve aussehen lässt, aus der es ihn bald tragen wird. Bökers Helge geht nicht durch sein Leben, er sitzt es aus, stolpert oder schlurft, lernt stolpernd und schlurfend sogar ein Mädchen kennen (Anne Bachmann mit sinnlich-naiver Reibeisenstimme als Tina). Auch sie wird von ihrer kontrolliert Gift verspritzenden Angst begleitet ( Nadja Werner). Eine Weile sieht es so aus, als könnten Tina und Helge ein anderes Leben führen, aber böse Komödien kennen kein Happy End und so sehen wir am Ende Helge allein zappelnd auf der Bahre, ausgeliefert einer sexy Krankenschwester, die ein wahr gewordener Männer (Alb-)Traum zu sein scheint (herrlich hämisch-heiter Nadja Werner). Für Helge selbst, das wird klar, gibt es in seinem Leben keine Rückspulmöglichkeit, mag er sie auch noch so ersehnen.

Nicht selten schrammen Bergs Protagonisten und Situationen am Klischee oder der Karikatur vorbei, aber meistens findet die Autorin einen erfrischend-absurden Dreh. Oft reden ihre Personen mehr mit dem Publikum, als mit ihrem Gegenüber, sie entlarven sich über ihre Sprechweise oder ihre Lieder. Vor allem der Tod ätzt sich zu der von Theo Hoffmann eigens komponierten, vielstimmigen Musik ins Ohr. Bettina Sachs zeigt eine äußerst souveräne Regie. Zu bemängeln sind nur ein paar Details: die Verkleidung der Tiere wirkt ein wenig zu faschingshaft oberflächlich (zumal Bergs Text hier manchmal fast schwankhaft rüberkommt); das als Anfangs- und Endpunkt eingespielte chorische “Staying alive” passt, ist aber inzwischen arg altbacken, manches könnte einen Tick präziser oder schneller sein. Insgesamt hat das Kellertheater aber mit “Helges Leben” einen Glücksgriff getan. Mal keinen Klassiker, zu dem auch die Offtheater immer mehr Zuflucht nehmen, sondern ein frisches, amüsantes und doch abgründiges Stück Wirklichkeit kriegt man zu sehen. Hingehen!

Die nächsten Aufführungen jeweils Freitag und Samstag ab 20.30 Uhr:
16.09.,  17.09., 07.10., 08.10., 14.10., 15.10.
Eintritt: 12 Euro, ermäßigt 6 Euro.
Kellertheater Frankfurt, Mainstr. 2, 60311 Frankfurt
Vorbestellung Karten übers Netz oder telefonisch: 069 288023


Zoo Frankfurt: Tierleasing im Trend

Bild: Max Ernst

Bild: Max Ernst

In Zeiten knapper Kassen bei den Kommunen muss auch eine ehrwürdige Institution wie der Frankfurter Zoo neue Wege suchen. Deshalb ist am 24. Juli “EDEKA-Tag” im Frankfurter Zoo. Von 10- 18 Uhr ist der Lebensmittelvertrieb dort zu Gast. Im Stil eines Marktplatzes präsentiert EDEKA im Reptilienhaus seine Partner und Lieferanten. Hierbei werden Produkte, vorrangig aus der Region, zur Verkostung angeboten. Clowns und Spielangebote sorgen für Kurzweil und für gute Laune. Als weiteres neues Angebot bietet der Zoo jetzt die Möglichkeit an, Tiere zu leasen.
Von Eintrittsgeldern und bezahlten Tierpatenschaften allein kann der Zoo nicht überleben“, so Zoodirektor Professsor Manfred Niekisch. ” Schließlich haben selbst die Schnecken, Frösche und Springmäuse schon mehrere Paten, von den populären Großtieren ganz zu schweigen. Mehr als fünf Paten müssen sich bereits einen Giraffenhals teilen.” Deshalb heißt es jetzt im Zoo „ Rent a Rentier“, „Leih ein Lama“, „Pump Dir den Puma“ und so weiter. Ursprünglich wollte der Zoo alle Tiere an Avis verkaufen und sie dann von Avis für 99 Jahre zurückleasen. Aber dann wurden in einer Nacht- und Nebelaktion fünf Zebras vom Avisparkplatz gestohlen. Die Polizei vermutet, die osteuropäische Auto-Mafia dachte, es wären Autos. “Ich denke eher an die italienische Mafia, weil der Zoo einen sizilianischen Paten beim Verteilen der Schneckenpatenschaften übergangen hat ” gibt Niekisch zu Bedenken. “Auf jeden Fall verleast der Zoo die Tiere jetzt selbst.” Natürlich nimmt ein Zooeigener Tierpfleger das künftige Heim vorab genau in Augenschein. “Da geht es dann zum Beispiel um die Frage: Ist das Wohnzimmer nashorngerecht eingerichtet oder nicht?” In vielen Fällen läßt sich aber diese Frage laut Niekisch ohne weiteres bejahen:  “Da bin ich Optimist.


Gefakte Unterhemden gegen Mieterhöhung

abwertungskit

Florian K. hat oben in “Scherben bringen Glück” schon den Weg gezeigt, wie man der Gentrifizierung des eigenen Quartiers entgegenwirken kann. Aber warum selbst Hand anlegen, eckliges Geschirr stehen lassen oder echte Callshops einrichten, um zu verhindern, dass sich die jeunesse dóre und die “Kreativen” sich all der schönen Wohnungen bemächtigt? Eine Initiative mit dem schönen Namen  ”Es regnet Kaviar” stellt auf ihrer Seite ein Abwertungskit zur Verfügung, mit man die eigene Wohnung aus Sicht von Immobilienhaien mühelos abwerten kann. Und so geht’s: Das große Bild des Abwertungskits auf den PC laden,im Copyshop ausprinten lassen, ausschneiden – und los! In dem Bastelbogen sind laut Auskunft der Kaviaristen folgende Atrappen enthalten:
- Atrappe 1 sieht aus wie…. ein gewöhnliches Unterhemd. Das gewöhnliche Unterhemd wirkt enorm asozial, besonders wenn es zum Trocknen vor’m Fenster hängt! Verstärken lässt sich der Effekt durch an Balkon oder Fenster montierte Wäscheständer. Da bekommt der Investor das Fürchten!
- In Gegenden mit niedrigen Mieten schmücken viele Satellitenantennen die Fassaden- Machen Sie sich diesen Umstand zu nutze – montieren Sie drei oder vier Sat-Antennenfakes (2) an ihre Fassade.
- Nicht nur Florian K. weiss: Nichts löst den broken windows Effekt besser aus als ein zersplittertes Fenster? Deshalb findet sich auch ein unechtes  zerbrochenes Fenster (3) im Kit.
- “It looks getto-rigged” sagt der Amerikaner, um nachlässig durchgeführte Montagen und Reparaturen zu beschreiben. Verbreiten auch Sie eine Atmosphäre der Unsicherheit durch wild zugetapte Fenster, Mauern, scheinreparierte Rohrleitungen (4)  etc. Aber aufgepasst: nicht zu kreativ werden – denn wo Kreative arbeiten steigen die Mieten.
- Fügen sie ausländische Namen auf ihrem Klingelschild (5) hinzu (oder auf dem ihrer Nachbarn).
- Besonders wenn Sie im Erdgeschoss wohnen: lassen Sie ihre Wohnung aussehen wie einen 55-Cent-Laden – oder noch besser: wie einen gescheiterten Discounter (6-8).
- Nichts ist asozialer als eine Lidl-Tüte! Stellen Sie die auf den Balkon – oder hängen Sie die aus dem Fenster! Die Menschen werden denken, Sie hätten die Stromrechnung nicht bezahlt oder Sie könnten sich keine Kühlschrankreparatur leisten! Auch gut: Ware aus teuren Läden in Tüten vom billig Discounter nach Haus tragen (9).
Die Initaitive meint: “Konsequent und von vielen Mietern angewendet, löst der Abwertungskit™ eine Preisspirale nach unten aus: die Reichen verlassen den Stadtteil und ziehen zurück in ihre angestammten Siedlungsgebiete am Stadtrand, Nobelrestaurants senken die Preise – schon bald können Sie in eine grössere, billigere Wohnung umziehen. Und am Ende des Monats liegt eine fette Ersparnis in ihrem Portemonnaie.”

Wir von der FGZ finden: das ist eine runde Sache! Auf gehts: Basteln wir Bastionen scheinbarer Verkommenheit. Und lassen wir die traurigen Anzugträger im Kaviarregen stehen…


Über den Dächern von Nizza liegt ein seltener Schnee

Die Neuverschuldung der Stadt ist ohne Neuverschuldung des Stadtkämmerers zustandegekommen. Dies freue ihn auch persönlich, sagte Stadtkämmerer Uwe Becker in der Diskussion über den Frankfurter Doppelhaushalt 2010/2011 am Donnerstag. Um den Doppelhaushalt auch in Zukunft im Griff zu behalten, wird in dem kommenden Jahr ein zweiter Uwe Becker dem ersten Uwe Becker zur Seite stehen. Durch diese Doppelspitze von Uwe Becker und Uwe Becker sei auch zukünftig eine doppelte Buchführung gewährleistet.
Andernorts werde-so Fraktionschef Kraushaar (CDU)- über das Schließen von Theatern und Schwimmbädern und Erdspalten und Schließmuskeln gesprochen, über das Ausdünnen des Nahverkehrs und das Eindicken der Schüler. Aber nicht am Main. Denn das Gratisessen für Schüler, wie die SPD das fordere, koste 500 Euro pro Kind, den Nachtisch noch nicht eingerechnet. 500 mal 60000 Schüler, das macht 30 Millionen Schüler in Frankfurt, davon aber hätten 20 Millionen Mittags gar keinen Hunger, erläuterte Olaf Cunitz von den Grünen.
In diesem Moment erhob SPD-Franktionsvize Peter Feldmann, der die ganze Zeit auf den Boden gestarrt hatte, kurz den Kopf und sagte: “Der einfache Polizist kann hier nicht mit der Verkäuferin hinter der Fleischerfachtheke zusammenleben, denn sie haben kein Dach über dem Kopf. Und keiner außer mir schaut mehr nach unten!” Wieder senkte er den Blick auf den Boden.
“Alle hier leben in einer sozialistischen Traumwelt”, unterbrach FDP-Chefin Annette Rinn. In dieser werde das Steuerfüllhorn nie leer. Einge ihrer besten Freunde seien nach 5 Jahren aus heiterem Himmel aufgefordert worden, eine Steuererklärung abzugeben. Zwar hätte sich das später als Versehen herausgestellt, aber die Verunsicherung bei dem kleinen Millionär von der Strasse und das damit verbundene menschliche Leid, die kaputten Ehen, die Notwendigkeit zu Amalgamzahnfüllungen, das könne sich ja wohl jeder selbst ausmalen. Und deshalb werde sie, Annette Rinn, sich jetzt lieber in eine kapitalistische Traumwelt zurückziehen, in der das Steuerfüllhorn für immer leer sei. Sie schloss mit dem Ruf: “Gott erhalte Uwe Becker!” und blies ein Signal in ein von ihr mitgeführtes- offenbar leeres- Steuerfüllhorn.
In diesem Moment erhob sich Patrick Schenk (CDU) und erklärte aus Protest gegen die Tempo30-Zone seinen Austritt aus der CDU-Fraktion. Schenk ist Anwalt bei Fraport und vertritt dort erfolgreich Terminalbetriebsflächen. Die bisherige schwarzgrüne Mehrheit schreibt damit in Frankfurt rote Zahlen und verliert vorerst ihre Mehrheit.
Über den Dächern von Nizza liegt ein seltener Schnee.


Neues aus den Stadtteilen

In Neu-Isenburg wird die traditionelle internationale Reifenparade voraussichtlich um ein Jahr verschoben. Die Veranstalter hoffen durch diese Verzögerung, doch noch Herrn Erwin Fischer, wohnhaft Neu-Isenburg, Wilhelmstrasse 13, zur Teilnahme zu bewegen. Erwartet werden Reifen aus 27 Ländern, darunter einige ausgestorbene Reifensorten aus Madagaskar. Die Galopprennbahn in Niederrad wird nächsten Dienstag für zwei Stunden geflutet, um [...]

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