Frankfurter Gemeine Zeitung

Job-Flop

computerarbeitsplatz
Die engagierte Bewerberin für einen Ausbildungsplatz als Mediendesignerin (ich) informiert sich am Vorabend ihres Vorstellunsgespräches / Probearbeitstages bei Google Maps über den genauen Standort des anvisierten Unternehmens, stellt fest, dass dieser nur 15 Gehminuten entfernt liegt und geht beruhigt ins Bett … um am nächsten Morgen festzustellen, dass Google Maps noch lang nicht so zuverlässig ist, wie man meinen könnte. Anstelle der 15 Minuten benötige ich eine geschlagene dreiviertel Stunde, da die Hausnummernanzeige offensichtlich noch im Beta-Stadium und die Distanz zwischen Nr. 1 und Nr. 439 beträchtlich ist. Und so haste ich, so schnell es meine hochhackigen Schuhe zulassen, die Hauptstraße entlang, unter der Autobahn hindurch, an sämtlichen Autohäusern der Stadt vorbei bis zur Werbeagentur, wo ich eine halbe Stunde zu spät in Empfang genommen werde.
Das Google Maps Problem ist dort offensichtlich hinreichend bekannt und so ernte ich wissende Blicke und zwei Gläser Wasser zur Wiederherstellung. Man führt mich in ein Büro, wo ich einen Fragebogen ausfülle, der durch meine Bewerbungsunterlagen bereits ausführlich beantwortet ist. Danach warte ich 15 Minuten, verschnaufe und genieße die Sonne bis mein Blick auf die ausliegenden Flyer fällt. Erotikwerbung wohin das Auge schaut… Jetzt fallen mir auch die Toys neben dem Empfangstresen auf und ich bedauere schlagartig mich nicht näher mit der Agentur auseinander gesetzt zu haben. Nachdem ich mich (ernsthaft und gut informiert) bei zwei anderen Firmen beworben hatte, hatte ich die nun einmal zusammengestellten Unterlagen fast blind an zwei weitere Unternehmen versandt, um die Chancen auf einen Ausbildungsplatz zu steigern… Nun ja – frau ist ja nicht so. Schließlich leben wir in einer offenen Zeit, warum also nicht in einer auf Erotik spezialisierten Werbeagentur eine Ausbildung machen!?

Ich werde an einen Arbeitsplatz geführt, begrüße das durchweg sehr junge Team in dem Großraumbüro und werde einem schmächtigen Jüngling (nennen wir ihn Torben) übergeben, der mir heute alles zeigen soll. Er fragt mich kurz, welche Programme ich bereits kenne (CorelDraw, PageMaker, Publisher, Dreamweaver, Photoshop) und fragt, ob ich auch mit dem Illustrator schon gearbeitet hätte. Ich verneine wahrheitsgemäß. Er zuckt die Achseln: “dat is eigentlich ganz ähnlich wie Photoshop, nur mit Vektoren. Du legst halt die Datei an, importierst dir die Ebenen einzeln in den Photoshop und machst dann da ein paar Fülloptionen” – Allet klar! Wer von euch schon mal (irgend!)eine Grafik-Software von Adobe benutzt hat weiß, dass sich da eigentlich gar nichts von selbst erklärt… Ich gucke dennoch zuversichtlich aus der Wäsche und denke “wird schon werden – bin ja schließlich zum Lernen hier”. Diese Illusion platzt 1 Minuter später, als Torben mir meine Tagesaufgaben vorlegt:

1. Kreieren Sie ein Logo für den “Night Club Paris”
2. Erstellen Sie eine Visitenkarte
3. Entwerfen Sie einen Flyer
4. Entwickeln Sie eine Webseite

Robot-sex-dancers

Meine anfangs verwundert hochgezogenen Augenbrauen ziehen sich langsam zusammen; berühren sich fast… Bitte? Ich schaue Torben an und versuche einen Scherz: “Sieht mir eher wie die Abschlussprüfung aus!” Torben versteht nix. “Nun ja” versuche ich es noch einmal “ich bin eigentlich hier, weil ich lernen möchte, und nicht, weil ich schon weiß!”. Torben kennt keine Gnade. Ich könne es ja wenigstens mal versuchen. Er müsse jetzt an seinen Platz, er hätte da auch noch einiges zu erledigen.

Klasse! Ich zögere noch, denke darüber nach, ob ich nicht doch lieber verduften und mich am Main in die Sonne werfen sollte, als Torben schon von hinten ruft, ob ich klar käme. “Na klar komm ich klar!” Der innere Schweinehund wird zur Seite geschoben und ich beginne die fröhlich-unwissende Buntklickerei. Füge ein Bildchen ein und etwas Text, einen Rahmen drum, bisserl Schlagschatten. Hah! Nur 10 Minuten und das Logo ist schon geschafft. War doch gar nicht so schwer.

Schon nähert sich Torben, schaut mir über die Schulter und fragt, was das wäre. Die Visitenkarte? Nö, das Logo – sieht man doch… Fünf Minuten später weiß ich, was man bei so einem Logo alles falsch, anders oder besser machen kann. Na bestens! Schon was gelernt! Jetzt habe ich mir die erste Pause verdient und verziehe mich auf´s Klo. Meine Schweinhund folgt und nörgelt. Ich überlege wie dieser Tag zu retten wäre, beschließe auf den passenden Moment zu warten und das Ruder herum zu reißen.

Gerade komme ich aus der Toilette, als ein langhaariger Typ – mein freundliches Lächeln ignorierend – an mir vorbei stürmt. Ich setze mich und höre, wie er einen Kollegen fragt, wer derjenige sei, der heute eine halbe Stunde zu spät gekommen sei. Ich denke noch “Der arme Kerl, jetzt gibts Saures”, als sich der Bepferdeschwanzte auch schon zu mir umdreht. “Ach, du bist also diese Katastrophe!” Bitte? Ich blinzle irritiert, fange mich und gebe meine Google Maps-Erklärung zum Besten, die auf taube Ohren stößt. Ein Kollege springt ein und versucht noch mir mit einer zugerufenen Bestätigung zu helfen, doch der Chef winkt wortlos ihm zu folgen. Ich trotte ihm hinterher in sein Büro, werde aufgefordert mich zu setzen, setze mich. Er nimmt weiterhin wortlos ebenfalls Platz, schaut mich an. Ich schaue zurück. Warte. Er wendet den Kopf hin und her, schaut wieder, zieht Luft zwischen den Zähnen hindurch und fragt nach einer kleinen Ewigkeit: “Was macht man, wenn man keine Lust hat?” Meine Augenbrauen wandern schon wieder fragend in die Höhe. Ich nix verstehen…! Wieder schaut er hin und her, macht erneut eine künstlerische Pause und fragt: “Was macht man, wenn man keine Lust hat Fragen zu stellen?” Langsam zweifle ich an seinem Geisteszustand. Ich beschließe abzuwarten und zu beobachten. Überraschend liefert der dritten Anlauf einen deutbaren Satz: “Was macht man, wenn man keine Lust hat auf ein Bewerbungsgespräch?” Tja, da gäbe es jetzt einige Antwortmöglichkeiten… Bloß nicht auf Fangfragen eingehen… Weiter warten. Er beschließt, wir könnten einfach eine viertel Stunde nett plaudern! Gute Idee! EIGENTLICH! Denn schnell wird klar: wenn einer nett plaudert, muss der andere noch lange nicht nett unterhalten sein.

Innerhalb von 15 Minuten werde ich wegen meiner Herkunft aus Ostdeutschland beleidigt, wegen meiner ersten Berufswahl kritisiert, wegen mangelndem Interesse am Mediendesign angegriffen und mehrfach provoziert. Meine selbstgewählte Entlassung wird angezweifelt, Probleme mit dem ehemaligen Arbeitgeber werden unterstellt. Ich finde die Situation zunehmend lächerlich und stimme meinem Schweinehund nun vollends zu der Sonne den Vorrang zu geben. Ich bedanke und verabschiede mich, registriere fragend hochgezogenen Augenbrauen, greife meine Handtasche und laufe eine dreiviertel Stunde, so schnell es meine hochhackigen Schuhe zulassen, an sämtlichen Autohäusern der Stadt vorbei, unter der Autobahn hindurch, die Hauptstraße entlang bis zum sonnigen Mainufer…


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