Frankfurter Gemeine Zeitung

Ein amerikanischer Taugenichts

Der unsichtbare modernen Klassiker »Ignaz oder Die Verschwörung der Idioten« wurde durch die Neuübersetzung von Alex Capus für die Zukunft gerettet. Der Roman warf schon vor Jahren ein Schlaglicht darauf, was 2012 in unseren prekären kleinen Projekten so alles passieren kann.

Die Geschichte dieses aberwitzigen Buches ist eine tragische. Nachdem der Autor im Jahre 1963 das umfangreiche Manuskript in nur wenigen Monaten niedergeschrieben hatte, schickte er es an zahlreiche amerikanische Verlage, in der sicheren Gewissheit, schnell einen Verlag zu finden, der das Buch auch drucken würde. Schliesslich hatte der Autor schon sehr konkrete Vorstellungen davon, was er mit dem zweifellos zu erwartenden Ruhm und Reichtum anfangen würde. Doch es kam ganz anders.

Nachzulesen ist all das in dem schönen Nachwort von Alex Capus, der »Die Verschwörung der Idioten« von John Kennedy Toole (1937 – 1969) jetzt neu übersetzt hat. In den neunziger Jahren ist der Roman unter dem Titel »Ignaz oder Die Verschwörung der Idioten« erstmals auf Deutsch erschienen. Ignaz heißt in der Neuübersetzung von Alex Capus jetzt Ignatius und der Titel kommt ohne den Vornamen seines Helden aus.

idiotencover

Dieser Ignatius J. Reilly ist eine Nervensäge sondergleichen, und die Idioten sind alle anderen, besonders seine Mutter (Wenn ich mir vorstelle, dass die Kommunissen mich unterwandern…) [S. 309]. Ignatius ist fett, häßlich, hat einen Oberlippenbart und zwei verschiedenfarbige Augen, eins blau, das andere gelb. Er trägt stets die gleichen Tweethosen, Flanellhemden, eine Mütze und einen Schal. Dinge, die er als »vernünftige« Kleidung bezeichnet. Das einzige Regulativ ist sein ominöses »Magenventil«, das ihn schon mal wochenlang an`s Bett fesselt, sowie Myrna Minkoff, seine linksradikale »Freundin« aus gemeinsamen Studientagen. Myrna, die mittlerweile in New York lebt und Ignatius liefern sich einen ausführlichen Briefwechsel, der sich in der Regel in gegenseitigen Beschimpfungen und Belehrungen erschöpft. Myrna versucht Ignatius in ihren Briefen, die alle mit »Sehr geehrte Herren« anfangen, zu bekehren, endlich die gemeinsame Wohnung mit der Mutter zu verlassen und sich von ihr »befreien« zu lassen. Diese Briefe, das empfindliche »Magenventil« und die ewig keifende Mutter sind die wenigen Konstanten in Ignatius`Leben. Nun ist Ignatius niemand, der sich befreien lassen will, hält er sich doch für ein Genie (Tatsächlich entbehrt mein Wesen nicht gewisser Proust`scher Züge. [S. 56]), das allein über die seeligmachenden Ideen, wie die Welt zu retten sei, verfügt. Diese Ideen und Gedanken notiert er in unzähligen Schulheften, die den Boden seines Zimmers bedecken. Was du hier siehst, ist meine Weltanschauung. Sie muß noch zu einem Ganzen zusammengefügt werden,[...] (S. 56).

Wer sich im Besitz der alleinigen Wahrheit wähnt, will diese auch unter die Leute bringen. Getrieben von seiner Mutter, die keine Lust hat, alleine für den Lebensunterhalt sorgen zu müssen, nimmt er auch schon mal Jobs an, z.B. bei der heruntergekommenen Firma »Hosen-Levy«. Dort endet sein missionarischer Eifer naturgemäß im Chaos, er wird, nicht ohne einen verhängnisvollen Brief geschrieben zu haben, gefeuert. Die Leute waren von meiner Einzigartigkeit überfordert (S. 170). Ebenso treibt er einen Hotdog Fabrikanten in den Wahnsinn, der Ignatius mit einem Würstchenwagen durch die Straßen von New Orleans schickt. Es findet sich allerdings niemand, der Ignatius einen Hotdog abkaufen will, zumal dieser auch lieber den Wagen irgendwo abstellt und statt dessen einer weiteren Leidenschaft frönt, dem Kinogang. Freilich geht er nur ins Kino um sich lautstark über die Unfähigkeit der Schauspieler und deren moralischen Verworfenheit aufzuregen. Wo Ignatius hintritt, wächst kein Gras mehr, oder, wie Jones, der unterbezahlte Putzmann aus dem »Night of Joy« meint: Weißt du, wer die Atombombe ist? Dieser fette Spinner ist die Atombombe! Du schmeißt ihn irgendwo drauf, gleich geht alles kaputt und alle bekommenden den Fallout ab (S. 404).

Trotz allen Wahnwitzes trägt dieser urkomische Roman viele autobiographische Züge seines Autors, John Kennedy Toole. Es sollte, abgesehen von einem Jugendwerk, sein einziger Roman bleiben. Nachdem sich der Autor nicht mit dem Lektor des renommierten Verlags Simon & Schuster, der sich für das Manuskript interessiert hatte, über diverse Änderungswünsche verständigen konnte, und es so nicht zu einer Veröffentlichung kam, nahm sich der Autor 1969 durch Autoabgase das Leben. Seiner Mutter schließlich gelang es, das Manuskript doch noch bei einem Verlag unterzubringen. Ihr und einem Universitäts-Verlag, der noch nie zuvor ein belletristisches Buch veröffentlicht hatte, ist es zu verdanken, das wir diesen Schatz jetzt lesen dürfen. Und wenn wir ehrlich sind, müssen wir erkennen, dass ein wenig Ignatius in uns allen steckt.

Ebenfalls erschienen in: glanzundelend.de


Impressionen von der Buchmesse

Frankfurt: auf dem Weg in die voll digitalisierte Gesellschaft ?

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Von der Schwierigkeit, über einen Pelzhändler aus dem Frankfurter Bahnhofsviertel zu schreiben.

Niddastraße im Frankfurter Bahnhofsviertel.

Niddastraße im Frankfurter Bahnhofsviertel.

Für ein Buch über das Frankfurter Bahnhofsviertel, das in diesem Herbst im B3 Verlag erscheinen sollte (der Erscheinungstermin ist mittlerweile auf voraussichtlich März 2011 verschoben), wollte ich einen Beitrag zu einem Thema verfassen, das mir spannend erschien, die Rauchwaren- oder Pelzbranche.
Das Frankfurter Bahnhofsviertel war bis vor noch nicht allzu langer Zeit das Zentrum des internationalen Pelzhandels. Das Gewerbe war ein wichtiger Wirtschaftszweig und bedeutender Steuerzahler für die Stadt. Da ich einen dieser Pelzleute kenne, dachte ich an ein Portrait dieses Mannes, nennen wir ihn Schneider, der die Branche und ihre Geschichte kennt, wie nur wenige andere. Ich rief ihn an und ihm gefiel meine Idee. Einige Tage später holte ich Schneider in der Niddastraße ab und wir gingen in eine Pizzeria. Ich war kaum vorbereitet, hatte mir 2 – 3 Fragen notiert. Ansonsten wollte ich ihn reden lassen und Zwischenfragen stellen, die sich aus unserem Gespräch ergaben. Die Pelzbranche war mir ziemlich egal, und ich hatte auch nicht viel Ahnung von diesem Geschäft. Von Kampagnen seitens der Tierschutzbewegung gegen die Branche hatte ich gehört und wußte auch, daß die Pelzindustrie infolge dessen unter einem massiven Imageproblem litt.
Schneider und ich saßen ungefähr zwei Stunden zusammen und er erzählte sehr interessante Dinge aus seiner Welt. Ich machte mir jede Menge Notizen und ahnte, dass ich noch viel Recherchearbeit würde leisten müssen.
Mir war klar, das mein Text von Schneider freigegeben werden mußte, schließlich wird er und seine Firma namentlich erwähnt.
Ich hatte einiges Material angesammelt, fand aber keinen Einstieg in den Text. Mehrere Versuche verwarf ich und so langsam verfluchte ich mich, diesen Text angeboten zu haben. Dazu muß gesagt werden, daß ich kein schneller Schreiber bin. Ich brauche auch immer recht viel gedanklichen Vorlauf und strukturiere einen Text erst im Kopf, bevor ich ihn schreibe. Dieser Text nun sollte eine Reportage werden und damit hatte ich kaum Erfahrung. Es war Neuland. Aber irgendwann fand ich doch einen Einstieg in die Geschichte, der mir gefiel. Alle meine gesammelten Informationen brachte ich in dem Text unter und mit dem einen oder anderen Wortspiel war ich zufrieden. Die Dramaturgie des Textes schien mir halbwegs gelungen – aber noch hatte niemand außer mir den Text gelesen. Ich schickte die 3 Seiten an einen Freund in München, der dort ein Online-Literaturmagazin herausgibt. Sein Urteil fiel wohlwollend aus. Bis auf einige wenige Korrekturen hatte er nichts daran auszusetzen. Ganz im Gegenteil, mein Text hatte ihm gefallen. Er fand ihn gut erzählt und hat ihn gerne gelesen. Das hat mich beruhigt und ich habe diese erste Fassung an Schneider geschickt.
Dann hörte ich einige Tage nichts von meinem Pelzmann, bis ich ihn anrief und um seine Meinung zu dem Text bat. Seine erste Reaktion war positiv, allerdings bat er um eine etwas wohlwollendere Darstellung seiner Branche. Die eine oder andere Formulierung war ihm zu negativ. Dabei hatte ich, meiner Meinung nach, eine möglichst neutrale Position eingenommen. Aber natürlich gibt es keine Objektivität in einem Text. Schneider hatte meinen Entwurf offensichtlich etlichen seiner Kolleginnen und Kollegen vorgelegt und wohl von manchen sehr negative Reaktionen erhalten. Von einem Kollegen wurde er gar als Verräter und Nestbeschmutzer  beschimpft. Ohne es zu wollen, hatte ich reichlich Staub aufgewirbelt. Schneider faxte mir ein Papier, das jemand aufgesetzt hatte um die Positionen der Pelzbranche deutlich zu machen. Das war hilfreich, zeigte aber auch eine gehörige Portion an Selbstmitleid. Die Branche fühlte sich von der Stadt vernachlässigt. Niemand hätte sie in Schutz genommen, als die Tierschützer ihre Attacken starteten.
Einige Tage später rief mich Schneider an, und bat mich, nochmal bei ihm in der Firma vorbeizukommen. Die Vorsitzende des Deutschen Pelzverbandes wolle mit mir sprechen. Ich war natürlich einverstanden, fand ein solches Treffen auch durchaus spannend. Am Telefon erinnerte ich Schneider aber daran, daß mein Text keine Auftragsarbeit für die Pelzbranche sei und ich auch nicht daran dachte, einen Werbetext zu schreiben. Das Treffen fand in der Firma Schneiders statt. Die Vorsitzende des Pelzverbandes war eine sympatische, smarte Frau. Ihr war offensichtlich daran gelegen, ihre Branche in einem guten Licht erscheinen zu lassen und diese Sicht auch in meinem Text wiederzufinden. Das ist ja auch ihr Job. Ich sagte auch ihr, dass mir die Pelzbranche eigentlich egal sei, formulierte es dann etwas freundlicher und nannte meinen Standpunkt neutral. Ein militanter Tierschützer sei ich ebenfalls nicht. Was mich interessieren würde, sei der Widerspruch auf kleinstem Raum – einerseits eine kriselnde Luxusbranche und andererseits das Elend der Süchtigen im Bahnhofsviertel. Und ich nannte die Möglichkeit, meinen Text auch entpersonalisieren zu können, so müsse er von Schneider nicht freigegeben werden. Allerdings hätte er dann auch keinen Einfluss mehr auf mein Schreiben. Wir unterhielten uns freundlich und einige Bemerkungen der Lobbyistin baute ich in meinen Text ein.
Einige Tage vor dem Abgabetermin schickte ich Schneider eine überarbeitete Fassung, mit dem Hinweis auf eine gewisse Dringlichkeit. Da ich mit meinem Text recht zufrieden war, mailte ich ihn einem befreundeten Stuttgarter Journalisten. Er lobte ihn und gab mir ein paar wertvolle stilistische Tipps. Eine Lektorin eines großen Frankfurter Verlages las die Geschichte ebenfalls, fand sie interessant und gab mir auch einige wichtige Hinweise. Es war ein erstes Lektorat.
Von Schneider hörte ich jedoch nichts und rief ihn zwei Tage vor dem Abgabetermin an.
Wir telefonierten mindesten eine halbe Stunde und gingen den Text Satz für Satz durch. Er hatte plötzlich viele Änderungswünsche, auch Stilfragen betreffend. Einige seiner Wünsche hätten die Dramaturgie meines Textes zerstört. Es wurde sehr deutlich, daß Schneider sein Gewerbe nur im allerbesten Lichte dargestellt sehen wollte. Am liebsten wäre ihm auch gewesen, wenn ich die umstrittenen Praktiken der radikalen Tierschutzvereinigung PETA kritisiert hätte. Das war aber nicht mein Thema.
Ich sagte, ich würde mir seine Anregungen überlegen, merkte aber, daß mir diese Einflussnahme zu weit ging. Mein Text wäre butterweich geworden, mal abgesehen von der zerstörten Dramaturgie, und tatsächlich sowas wie ein Werbetext.
Nach einem Tag des Nachdenkens, habe ich mich dazu entschlossen, den Text neu zu schreiben und komplett zu entpersonalisieren. Das tat mir leid, war Schneider doch der rote Faden, der durch die Geschichte geführt hat. Auch das eine oder andere Wortspiel, auf das ich ein bißchen stolz war, funktionierte in einer entpersonalisierten Fassung nicht mehr. Ich schrieb meinen Text am Abgabetag komplett neu, konnte allerdings einige wenige Stellen des Ursprungtextes verwenden.


Frankfurter Sensorium – Bilder (2)

Die Letzte Ferienwoche: von Bornheim bis Ginnheim

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Städtisches Biotop


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Frankfurter Autofahrer – Impressionen (2)

Eines allerdings hat der FA allen Anderen voraus und das nutzt er intensiv; das Kennzeichen. Mit einem F und zwei weiteren Buchstaben lässt sich eine ganze Menge anfangen.

Die am weitesten verbreitete Variante ist das F.FM. Dies ist freilich ähnlich originell wie das B.MW, mit dem jeder zweite hauptstädtische BMW Fahrer seine Karosse kennzeichnet. Im Falle eines Totalschadens ist dann aber wenigstens noch das Fabrikat ablesbar.

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Frankfurter Autofahrer – Impressionen (1)

Frankfurt ist eine kleine Stadt. Trotzdem gibt es hier viele Autos. Das verwundert nicht, ist vielmehr in anderen Städten genauso. Das innerstädtische Straßennetz besteht aus einem einzigen Einbahnstraßenlabyrinth. Ortsunkundige, die sich dort verirren, finden so schnell nicht wieder raus.

Der Frankfurter Autofahrer ist ein eigenwilliges Wesen, und unterscheidet sich daher in nichts von anderen Autofahrern anderswo. Auffallend allerdings ist die ausgeprägte Abneigung des FA (wir wollen uns im weiteren Verlauf dieser Betrachtung dieses Kürzels bedienen) den Blinker zu benutzen.

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Die Kunst der Straße

Die fest montierten, grünen Metallstühle auf dem Bornheimer Fünffingerplätzchen sind in der Regel von Männern unbestimmten Alters belegt, die alkoholische Getränke aus dem nahegelegenen Discountmarkt konsumieren. Eindeutige Hinterlassenschaften zeugen von diesem Tun; leere Flaschen, Chipstüten, Zigarettenschachteln liegen verstreut auf dem Pflaster und den Stühlen. Das ist nicht schön, aber normal. An anderen Plätzen in anderen Orten ist das ebenso.

So war es auch am letzten Samstagabend. Herr K. und ich hatten im Irish Pub das Pokalfinale gesehen und kamen auf dem Weg ins Klabunt am Fünffingerplätzchen vorbei. Es war kalt wie im Mai und zwei Männer saßen nebeneinander auf den Stühlen, jeder eine Dose Bier in der Hand. Alles wie immer also. Und doch war es ganz anders als sonst.

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Frühling in Bornheim

Und gleich raus auf die Berger-Strasse !

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