Frankfurter Gemeine Zeitung

Drinnen/Draußen: Über Grenzen und soziale Ausschlüsse

Die Stadtviertel unter neuem “Modernisierungsdruck”: ein Diskussionsabend um Investitionsbedingungen, Refeudalisierung und Gentrifizierung mit besonderem Blick auf den Gallus

Donnerstagabend, am 30. Januar fand im Orange Peel ein Vortrag mit Diskussion zum aktuellen Thema Drinnen/ Draußen der von der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützten Zeitschrift „Polar“ statt. Als Experten waren anwesend Peter Siller, Chefredakteur von „Polar“, Sighard Neckel, Professor für Soziologie an der Universität Frankfurt, und Franca Schirrmacher, Kulturpädagogin im Gallus Zentrum.

Neckel erläuterte ausführlich seine Gedanken zu dem von Jürgen Habermas geprägten Begriff “Refeudalisierung”. Er spricht von gegenwärtigen Zeiten des gesellschaftlichen Wandels, der Globalisierung, der Vorrangigkeit des Kapitals und der digitalen Revolution. Anzeichen einer “Modernisierung” seien zu erkennen, doch in Phasen dieser Modernisierung würde die Gesellschaft Formen der Vormoderne annehmen. Neckel verdeutlicht das am Beispiel des Reichtumszuwachs der oberen Schicht, einer Kapitalsteigerung, die nur einer kleinen Klasse zugutekäme.
Bezogen auf Habermas bezieht sich Neckel auf die Kluft der Öffentlichkeit, die zwischen dem Staat und der Gesellschaft entstehe. In unserem Zeitalter habe die Öffentlichkeit wieder mehr Macht und so kommt es zu einer Refeudalisierung. Neckel geht von vier Dimensionen aus: der Refeudalisierung der modernen Wirtschaftsorganisation, der Werte, des Wohlfahrtsstaates und der Sozialstruktur, die eine Wiederkehr der Dichotomien beinhalte. Der letzte und für Neckel wichtigste Punkt besagt auch, dass eine soziale Ungleichheit und ein Wohlstandszuwachs sowie Klassenbildungen heute drastischer seien.
Bezogen auf Frankfurt meint er im Anschluß, dass Leistung und Einkommen kaum entscheidend seien, vielmehr stünden die Vermögensverhältnisse im Vordergrund. Beispielsweise bei der Wohnungssuche entscheiden neben der Arbeitsleistung auch die Herkunft über die Entscheidung der Vermieter. Abschließend schneidet der Frankfurter Professor die “soziale Vererbung” innerhalb der Familie an, mit der er zum Ausdruck bringt, dass es fast unmöglich sei, aus seinem sozialen Herkunftsort zu entkommen – das führe dazu, dass Akademiker so gut wie immer Akademiker bleiben würden und diese Position für die Mittel- und Unterschicht nur schwer zu erreichen sei.

Aufbauend auf diese Gedanken geht Franca Schirrmacher mit Hilfe des Beispiels Gallus auf Neckels Gedanken ein.
2003 noch räumlich segregiert, von Gentrifizierung geprägt, mit wenig Wohnraum, kaum Grünflächen und Problemen von außen, hat das Gallusviertel, ein migrantisches Viertel, inzwischen eine große positive als auch negative Veränderung erfahren. 2014 wurden geplante Bauvorhaben in die Tat umgesetzt, bis 2019 soll deutlich mehr Wohnraum entstehen und auch im Bildungssektor bestehe mehr Motivation. Dennoch sei mit der Gentrifizierung auch die Angst entstanden, aufgrund der hohen Mieten seine Wohnung zu verlieren – aus einem, wie Schirrmacher sagt, „Stadtteil der Vergessenen“ sei ein „Stadtteil der Angst“ geworden. Refeudalisierung zeige sich nicht nur in diesen Veränderungen, gerade dem positiven Aufschwung des Bildungssektors, sondern auch in Hinblick auf beispielsweise Tagelöhner auf den zahlreichen Baustellen, die aufgrund einer enormen Abhängigkeit an ihre Sub-Unternehmen gebunden seien, was Neckels Aussage zu der herrschenden Ungleichheit und Herkunftsfrage deutlich unterstreicht.

In einer anschließenden Diskussion sind sich die drei Experten einig, dass in unserem Zeitalter eine andere Hautfarbe, Religion oder ein anderes Geschlecht nicht als gleich angesehen werden. Die soziale Ungleichheit der Klassen sei gestiegen, ohne dass es uns sehr interessieren würde.
Problematisch sei, so Schirrmacher, dass man bei Fragen keinen Ansprechpartner habe. Dabei geht sie auch auf Frankfurt als “global city” ein: Geld sei zwar vorhanden, aber tonangebende Stiftungen dürften selber, privat entscheiden, welchen Bereichen sie Zuschüssen geben – Bildung komme da oft zu kurz.
Schirrmacher zeigt gegen Ende zwei Filme aus dem Projekt Gallus TV, die von Schülern der Falke-Schule produziert wurden. Darin schildern junge Menschen ihre Eindrücke von der Lern- und Bildungssituation und gehen ironisch auf Klischees und Vorurteile ein.

Abschließend stellt Siller die Forderung, dass öffentliche Mittel an öffentliche Orte gehörten und der öffentliche Raum erneuert werden müsse. Auch Neckel bekräftigt seinen Wunsch nach einer Politik für die Stadt als kollektives Gut und einer Politik der gesellschaftlichen Öffnung.
Würde dies in Frankfurt nach und nach geschehen, würde das Zeitalter der Gentrifizierung und Modernisierung vielleicht langsam abschwächen und ein friedvolles, gerechtes Zusammenleben eintreten. Ob das möglich ist, bleibt jedoch fraglich.


Powered by WordPress • Theme by: BlogPimp/Appelt Mediendesign und tech-a • Beiträge (RSS) und Kommentare (RSS) • Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.