Die Eurokrise bildet nur den aktuellen Brennpunkt einer langfristigen, globalen Krisis des kapitalistischen Weltsystems. Mit der vor allem von der BRD betriebenen »Sparpolitik« zeichnet sich nun ein Wirtschaftseinbruch in der Euro-Zone ab
Das neue Jahr fängt genauso an, wie das alte endete: mit der fortgesetzten Desintegration der Euro-Zone. Die Anzahl der Brandherde, die im porösen Gebälk des »Europäischen Hauses« schwelen, ist kaum noch zu überblicken: Griechenland steht aufgrund des fortgesetzten »Spar«-Terrors wieder kurz vor dem Bankrott, während der neoliberale Musterknabe Irland, der als Paradebeispiel gelungener Austeritätspolitik gehandelt wurde, in diesem Jahr mit einem Wirtschaftseinbruch rechnen muß. Spanien und Portugal kämpfen mit weiteren Kürzungsmaßnahmen gegen die rasant wachsenden Haushaltslöcher, die gerade durch die »Sparpolitik« der letzten Monate angeschwollen sind. Ein Großteil der Euro-Zone befindet sich inzwischen in einer Rezession. Das EU-Mitglied Ungarn taumelt am Rande der Staatspleite. Die jüngsten Turbulenzen um die größte italienische Bank UniCredit verweisen wiederum darauf, daß die europäische Schuldenkrise auch eine Krise des europäischen Finanzsektors ist.

Es wird somit offensichtlich, daß der politischen Klasse der EU die Stabilisierung des europäischen Währungsraumes mißlingt. Dieses Scheitern ist aber nicht nur auf Stümperei oder auf bornierte nationale Interessenpolitik zurückzuführen. Im folgenden soll ausgeführt werden, daß die Krise der Euro-Zone nur den gegenwärtigen Brennpunkt einer langfristigen, fundamentalen Krise des gesamten kapitalistischen Weltsystems bildet, das in einem dekadenlangen Kreisprozeß an die innere Schranke seiner Reproduktionsfähigkeit stößt. Die aktuelle Euro-Krise soll somit in den historischen und globalen Krisenkontext eingeordnet werden, wobei zuerst die Krisenursachen benannt werden müssen.
»Prozessierender Widerspruch«
Wir haben es nicht mit einer »Schuldenkrise« oder »Bankenkrise« zu tun – beides sind nur Symptome einer tiefer liegenden Malaise. Die gegenwärtige Krise ist eine Krise des Kapitals. Das Kapital ist ein soziales Verhältnis, ein Produktionsverhältnis, das lohnabhängige Menschen einzugehen genötigt sind, um im Kapitalismus zu überleben. Die kapitalistische Warenproduktion dient bekanntlich nicht der Bedürfnisbefriedigung, sondern sie verfolgt den uferlosen Selbstzweck der höchstmöglichen Verwertung (Selbstvermehrung) von Kapital. Die Substanz des Kapitals bildet hierbei die Lohnarbeit, die als »variables Kapital« in den Prozeß der kapitalistischen Warenproduktion eingeht und ausschließlich die Quelle des Mehrwerts bildet. Die auf dem Arbeitsmarkt gehandelte Arbeitskraft bildet die einzige Ware, die mehr Wert erzeugen kann, als sie selbst wert ist, indem der Kapitalist die Differenz zwischen der notwendigen Arbeitszeit (dem Lohn) und der hieran anschließenden Mehrarbeit des Lohnabhängigen als Mehrwert einbehält. Je niedriger der Lohn, den der Kapitalist den Lohnabhängigen bei gleichbleibender Produktivität zahlt, desto geringer ist der Anteil der notwendigen Arbeitszeit am Arbeitstag des Arbeiters und desto höher fällt die Mehrwertrate für den Kapitalisten aus. Aus dieser Gesetzmäßigkeit der kapitalistischen Warenproduktion resultiert der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit.
Den wichtigsten fundamentalen Widerspruch, der die kapitalistische Produktionsweise kennzeichnet, bildet aber das konkurrenzvermittelte Bestreben zur Produktivitätssteigerung in der kapitalistischen Warenproduktion. Durch Rationalisierungsmaßnahmen, die durch wissenschaftlich-technischen Fortschritt ermöglicht werden, können in einem Betrieb mehr Waren durch weniger Arbeiter hergestellt werden. Hieraus resultiert eine Reduktion des variablen Kapitals (Lohnarbeit) gegenüber dem konstanten Kapital (Maschinerie und Rohstoffe) im Produktionsprozeß, die von Marx als »Erhöhung der organischen Zusammensetzung des Kapitals« bezeichnet wurde. Das Kapital, dessen Substanz die Lohnarbeit bildet, ist somit zugleich bestrebt, die Lohnarbeit aus dem Produktionsprozeß zu verbannen, und somit seine eigene Substanz zu untergraben. Zudem führen Rationalisierungsbestrebungen tendenziell zur Massenerwerbslosigkeit. Marx hat für diesen mit einem tendenziellen Fall der Profitrate einhergehenden autodestruktiven Prozeß die geniale Bezeichnung des »prozessierenden Widerspruchs« eingeführt. Dieser Widerspruch kapitalistischer Warenproduktion, bei dem das Kapital mit der Lohnarbeit seine eigene Substanz durch Rationalisierungsschübe minimiert, ist nur im »Prozessieren«, in fortlaufender Expansion und Weiterentwicklung neuer Verwertungsfelder der Warenproduktion aufrechtzuerhalten. Derselbe wissenschaftlich-technische Fortschritt, der zum Abschmelzen der Masse verausgabter Lohnarbeit in etablierten Industriezweigen führt, ließ auch neue Industriezweige oder Fertigungsmethoden entstehen, die wiederum Felder für Kapitalverwertung und Lohnarbeit eröffneten.
Der Kapitalismus ist in historischer Perspektive somit nicht nur von territorialer (imperialer), sondern auch von einer inneren und »wissenschaftlich-qualitativen« Expansion geprägt, bei der alle Gesellschafts- und Lebensbereiche der Kapitalverwertung unterworfen werden und neue Industriezweige und/oder Fertigungsmethoden die Rolle von »Leitsektoren« oder »Schlüsseltechnologien« der Wirtschaft übernehmen (wie etwa Textilindustrie, Schwerindustrie, Elektro- und chemische Industrie, Fordismus als tragende Form der Warenproduktion während des Nachkriegsbooms etc.). Ein Glaubenssatz bürgerlicher Ökonomie besagt nun, daß im Rahmen dieses »Strukturwandels« der kapitalistischen »Arbeitsgesellschaft« der Verlust von Arbeitsplätzen in älteren Industriesektoren durch neue Beschäftigungsmöglichkeiten in modernen Wirtschaftszweigen kompensiert wird.
Kurze Geschichte der Schuldenkrise
Doch genau dieser Strukturwandel ist innerhalb der kapitalistischen Warenproduktion spätestens seit den 1970er Jahren immer stärker ins Stocken geraten – und es war gerade der Aufstieg des neoliberalen und finanzmarktdominierten Kapitalismus, der einen scheinbaren Ausweg aus dieser Krise bot. In den 1970ern ging die lange Periode der relativen Nachkriegsprosperität mit der Krisenphase der sogenannten Stagflation zu Ende, in der Massenarbeitslosigkeit, wirtschaftliche Stagnation und eine hohe Inflationsrate in nahezu allen Industrieländern in Wechselwirkung traten. Diese Ära der Stagflation resultierte aus der Erschöpfung des Fordismus als zentraler Fertigungsmethode der Industrie, die vermittels des Taylor-Systems massenhaft Lohnarbeit in der Warenproduktion verwerten konnte.
Nach der Erschließung aller im Rahmen der fordistischen Produktionsstruktur entstandenen Märkte und Industriezweige (Fahrzeugbau, »weiße Ware«, Flugzeugbau, Unterhaltungselektronik etc.) folgte die besagte Phase ökonomischer Stagnation, die durch einen Strukturwandel der Warenproduktion intensiviert wurde, der bis zum heutigen Tag anhält, als die Mikroelektronik und Informationstechnik als neue Industriesektoren aufkamen. Seit den 1980er Jahren – verstärkt seit den 1990ern – sinkt die innerhalb der Warenproduktion der avancierten Industrieländer verausgabte Masse der Lohnarbeit immer stärker ab. Zwar entstanden auch in der IT-Industrie neue Arbeitsplätze, doch ließ gerade die gesamtwirtschaftliche Anwendung der Produkte dieser neuen Industriezweige viel mehr Arbeitsplätze in der Warenproduktion verschwinden, als in diesen neuen Industrien entstanden. Für das Kapital ergaben sich aus dieser Krise gleich zwei fundamentale Probleme: Zum einen sank die Profitrate aufgrund zunehmenden Verdrängungswettbewerbs und der oben dargelegten Erhöhung der organischen Zusammensetzung des Kapitals, zum anderen drohte eine systemische Überproduktionskrise, da bei ansteigender Massenerwerbslosigkeit auch der Massenkonsum zum Erliegen kommen müßte.
Diese Probleme löste – scheinbar – der finanzmarktgetriebene Neoliberalismus. Der Fall der Profitrate wurde durch eine Erhöhung der Mehrwertrate teilweise kompensiert, indem Arbeitsmarktderegulierung, Prekarisierung und gewerkschaftsfeindliche Politik zu einer Stagnation oder einem Fall des Lohnniveaus führten. Der sich zuspitzende »prozessierende Widerspruch« der Warenproduktion wurde durch eine Verschärfung des Gegensatzes zwischen Kapital und Arbeit kompensiert. Der ab den 1980ern rasant anschwellende Finanzsektor sorgte wiederum für zusätzliche kreditfinanzierte Nachfrage, die eine immer wichtigere Rolle spielte und das System über Jahrzehnte stabilisierte. Der gigantische Schuldenturmbau, unter dem viele Kernländer des kapitalistischen Weltsystems zusammenzubrechen drohen, begann auf globaler Ebene tatsächlich in den 1980er Jahren. Damit hielt der wucherungsartig expandierende Finanzsektor mittels kreditgenerierter Massennachfrage den Industriesektor überhaupt am Leben. Der finanzmarktdominierte Neoliberalismus bildet somit eine Systemreaktion auf die Krise des Fordismus.
Über Jahrzehnte wuchsen mit dem Finanzsektor die Schuldenberge an, wobei die immer häufiger und stärker auftretenden Spekulationsblasen (Asien-Krise, Dot-Com-Blase, Immobilienblase, gegenwärtige Liquiditätsblase) als regelrechte Katalysatoren dieser Verschuldungsdynamik fungierten. Insbesondere die Immobilienblase brachte vielfältige ökonomische Impulse mit sich, da ja hierbei tatsächlich Häuser gebaut wurden. Es entstanden so regelrechte Defizitkonjunkturen, die sich aus der Anhäufung von Defiziten – also Schulden – speisten. Die Hauptlast der Verschuldungsdynamik trugen bis 2008 die Finanzmärkte, um hiernach im Zuge der Krisenmaßnahmen und Konjunkturpakete von den Staaten abgelöst zu werden (Verstaatlichung der Defizitkonjunkturen), die nun an die Grenzen ihrer finanziellen Leistungsfähigkeit stoßen.
Hiermit entwirrt sich auch das Geheimnis all der Schuldenberge, mit denen sich die Euro-Zone und die USA derzeit konfrontiert sehen: Sie stellen eine Systemnotwendigkeit dar, ohne die der Kapitalismus an seiner eigenen Produktivität ersticken würde. Frei nach Marx ließe sich nun konstatieren, daß die Produktivkräfte die Fesseln der Produktionsverhältnisse sprengen. Das System als Ganzes läuft nur noch auf Pump. Hierbei handelt es sich um einen langwierigen, jahrzehntelangen Prozeß, in dem die Abhängigkeit des Gesamtsystems von der Verschuldungsdynamik sukzessive ansteigt. Es verschuldeten sich aber nicht alle Länder gleichmäßig. Die stärksten Defizitkonjunkturen – mitsamt den einhergehenden Schuldenbergen – bildeten mit weitem Abstand die USA aus, gefolgt von Südeuropa, Teilen Osteuropas, Irland und Großbritannien. Diese Staaten und Regionen wiesen immer weiter ansteigende Leistungsblianz- und/oder Handelsdefizite aus, während sie zugleich eine fortschreitende Deindustrialisierung erfuhren. Daneben bildete sich in einem scharfen Verdrängungswettbewerb eine Reihe von Ländern aus, die enorme Handelsüberschüsse erwirtschaften konnten und weiterhin über einen nennenswerten Industriesektor verfügen. In diesem Zusammenhang müssen China, Südkorea oder Deutschland genannt werden. Vermittels ihrer Handelsüberschüsse konnten diese Staaten von den Verschuldungsprozessen in den USA oder Europa profitieren, ohne sich selber verschulden zu müssen.
(wird fortgesetzt)