Frankfurter Gemeine Zeitung

Essay

Frankfurt und der Brexit: höher für wen?

Nach den EU-Kämpfen gegen Griechenland wird ein Brexit, der EU-Austritt Grossbritaniens immer wahrscheinlicher: auch die britische Linke schwenkt auf ihn ein. In Frankfurt machen sich manche Hoffnungen, aber seine möglichen wirtschaftbelebenden Effekte am Main helfen sicher nicht allen. (Fortsetzung von hier)

Frankfurt auf Erfolgskurs
Das mögliche britische „Nein“ hält Frankfurt auf Erfolgskurs, denn das unmittelbare Umfeld dieser Banken muss in der Lage sein, diese Umstrukturierung selbst mitzumachen. Es ist nicht zu erwarten und auch nicht notwendig, dass nun das Personal dieser Banken aus London abgezogen wird und nach Frankfurt umsiedelt, dafür aber, dass der Bereich der gehobenen Dienstleistungen für diese Institute verstärkt wird. Dafür werden Räume benötigt, einmal für die Büros und dann eben auch Wohnungen.

So kann davon ausgegangen werden, der Druck auf Grundstücke und Wohnungen weiter anhalten wird und Investitionen hier mit profitablen Aussichten getätigt. Daran gekoppelt ist auch ein weiterer Zuzug von Menschen, die sich in den subalternen Bereichen einen Job erhoffen. Ein zusätzlicher Effekt ist der ungebremste Zuzug temporär hier Beschäftigter, die auf ihrem Karriereweg Station machen und für 1 – 3 Jahre in diese Stadt kommen. Bereits jetzt stellen sie ein grosses Kontingent, wie die Statistiken ausweisen.

Die hohe Fluktuation garantiert einen zumindest gleichbleibenden Zuwachs der Verzinsung respektive des Marktpreises von Anlagen in Immobilien. Das wiederum macht die Kredite sicherer, die Eigennutzer von ETW aufgenommen haben. Die Verwertungsmaschinerie läuft weiter auf vollen Touren. Da es sich im Unterschied zu anderen Städten um ein Klientel handelt, das zu den Erfolgreichen in diesem Spiel gehört, sind keine „über Nacht“ hereinbrechende Krisen (wie etwa in den USA) zu befürchten.

Und die Stadtpolitik?
Bestens aufgestellt für diese Entwicklung, möchte man meinen, ist zuallererst ein Stadtplanungsamt, das noch jedem Investor die Wünsche von den Lippen abliest. Eine gediegene schwarz-grüne Mehrheit mit einer willigen SPD im Hintergrund.

Es wird in der Stadt am Main eifrig daran gebastelt, die sogenannten „Soft Factors“ zu verbessern, damit die umworbenen Arbeitskräfte sich auch richtig heimisch fühlen, was nichts anderes heisst, als die Stadt gemäß den ihnen unterstellten Bedürfnissen zuzuschneiden, damit sie den anderen Metropolen zum Verwechseln ähnlich funktioniert. Mag es eine Reihe von Fassaden auch nur in dieser Stadt geben, viel wichtiger ist, dass sich hinter ihnen das ewig gleiche Sammelsurium von Konsum Locations befindet. Dereinst einmalige Stadtlandschaften haben längst Platz gemacht für Shopping Malls und ähnliche Behausungen des mehr oder minder gehobenen Konsums.

Diese Qualität von „Alleinstellungsmerkmalen“ ist einer städtischen Logistik gewichen, die sich zumindest in der Liga der Global Cities an einer begrenzten Zahl von Parametern orientiert, die zu ihren Standards zählen. So schwinden die unverwechselbaren Eigenschaften zunehmend und die Entscheidung für einen Standort wird hiervon weniger berührt. Solche weichen Faktoren werden einfach vorausgesetzt und mit wachsender Homogenisierung zentraler städtischer Räume fallen sie immer weniger ins Gewicht.

Gute Aussichten für die Stadt….
Es wird wohl noch eine Weile so weiter gehen und munter investiert werden. Nichts weist darauf hin, dass sich hier eine Blase bildet, solange dem herein strömenden Kapital eine derartige Nachfrage gegenüber steht und sich die Gruppe hoher Einkommen weiter dermaßen drastisch verstärkt. Und auch die städtische Politik sieht keinerlei Anlass, an ihrer Ausrichtung auch nur das Geringste zu verändern, ist dies doch Bestätigung des eingeschlagenen Weges und fördert den anvisierten Reichtum des Zentrums.

Aufwärts, für wen?

..und das Umland
Wir müssen uns von den herkömmlichen Vorstellungen von „Stadt“ verabschieden.
Wurde oben gesagt, dass sich Frankfurt als Global City orientiert, sich von den Entwicklungen des Umlands abkoppelt, so bedeutet dies nicht, dass Letzteres von diesen Entwicklungen unberührt bleibt, denn es wird gemäß den Bedarfen des Zentrums gestaltet, ob dies auch juristische Konsequenzen hat, darf ruhig dahin gestellt bleiben, funktional ist dieser Prozess längst weit fortgeschritten.

Die Erweiterung des gut-situierten Zentrums beschleunigt auch zentrifugale Kräfte (bezüglich Wohnen z.B.) und macht die mehr peripheren Regionen zu Zulieferern von Arbeitskräften und Dienstleistungen, die für die Funkionen des Zentrums unerlässlich sind.
Weiterlesen »


Frankfurt und der Brexit: höher geht immer – I

City der Oberen Liga

Frankfurt: Existenzmanagement zwischen Finanz und Immobilien
Die Stadt ist aktuell ein „Hot-Spot“, zumindest, was den Immobiliensektor angeht, und wer durch die Stadt flaniert sieht es allenthalben. Nicht nur die grossen Anleger reissen sich um jede Möglichkeit, Flächen zu akquirieren, egal ob unbebaut oder auch nicht. Wer sich die Mühe macht und die entsprechenden Angebote durchsieht, stellt schnell fest, es ist teuer und dieser Trend ist aufsteigend. Abseits der Versprechen der üblichen Verdächtigen, fragt sich manche/r, soll ich investieren? Wie sieht es mit den Sicherheiten meiner Anlage aus, komme ich noch in den günstigen Genuss eines solchen Vorhabens?

Nun hat es sich mittlerweile herumgesprochen, dass solche Entwicklungen von einer Reihe von Faktoren abhängen, die nicht unbedingt in der Stadt ihren Ausgang haben müssen und auch auf den ersten Blick nicht Anzeichen von Krisen sind. Die Zeiten sind halt charakterisiert durch ihre Unbeständigkeiten und Verwerfungen.

Die Liga der Global Cities
Frankfurt gehört in die urbane Oberliga und misst sich auch daran, inwieweit die Stadt fester Bestandteil dieses elitären Zirkels bleibt. Die Rede vom gnadenlosen Wettbewerb der Städte ist uns geläufig und fordert ihren Tribut. Nun gibt es jedoch weitere Aspekte als die Konkurrenz und deren Einfluss sollte nicht ignoriert werden. Neben der Konkurrenz geht es um das Zusammenspiel in dieser Liga und den Faktoren, die hier entweder Sand ins ganze Getriebe streuen könnten oder zu Verschiebungen in der Gewichtung führen. Diese haben nur bedingt etwas mit Stadtpolitik oder den in ihr lokalisierten Betrieben zu tun.

Auch wenn sich die Städte dieser Liga längst von ihrem weiteren Umland entbunden haben, existieren sie nicht in einem abgekoppelten juristisch-politischen Raum – und der kann sich überraschend bemerkbar machen. Eine Verschiebung, die einem Standort erhöhte Bedeutung zukommen lässt, ist der Traum der Lokalpolitiker*innen und dafür sind sie heute bereit alles aufzugeben, was sie gestern noch verkündet haben. Wenn es also andernorts Erschütterungen gibt, beeilt sich der Rest, die Vorzüge des eigenen Platzes darzustellen und die verlockenden Signale auszusenden, mit denen er meint, ein grösseres Stück vom Kuchen für sich ergattern zu können.

Frankfurt ist nach London der bedeutendste europäische Finanzplatz und diese Position ist ziemlich gefestigt. Damit lässt sich unschwer behaupten, die „Attraktivität“ der Stadt wird in nächster Zeit erhalten bleiben und der Run auf die bebaute oder zu bebauende Umwelt ungebremst weiter gehen. Mit Attraktivität ist die Suche nach Lohnarbeit gemeint, sowohl oben als auch unten. Es ist entsprechend davon auszugehen, dass der Zuzug in Stadt auch weiterhin auf dem gegebenen Niveau bleiben wird. Das bietet gute Voraussetzungen dafür, dass weiterhin auf hohem Niveau investiert wird und für kleinere Anleger (oder Selbstnutzer) der Erwerb von Eigentumswohnungen eine lohnende Angelegenheit bleibt.

Europäische Entwicklungen
Abgesehen von Griechenland und dem europäischen Süden überhaupt, steht eine Entscheidung über die europäische Wirtschaftsordnung an, die die angesprochenen Verwerfungen und Verschiebungen beschleunigen könnte. Die Rede ist von dem britischen Volksentscheid über den Verbleib in der EU spätestens 2017, der EU-Ausstieg wird gerne „Brexit“ genannt.

In die Welt der Finanzen ist eine gewisse Unsicherheit ob des Ausgangs dieses britischen  Referendums eingezogen, woraus sich vorbeugende Maßnahmen als unumgänglich erweisen, will man für alle Fälle gerüstet sein – und vor allem abgesichert. Trotz allgemein anderer Ansicht sind diese Akrobaten der grossen Zahlen und ultra-schnellen Abschlüsse im Grunde vorsichtige Leute, die ihre Risiken gerne minimieren.

Sollte nach einem Brexit die Londoner City über Nacht zum Euro-feindlichen Ausland gehören, muss der Ersatz parat stehen. Damit verliert London nicht seine Bedeutung als globaler Finanzplatz, aber seine Bedeutung für den EU-Raum geht zurück. Die Frage ist jetzt, wo wir die Akteure antreffen werden, in Paris oder Frankfurt. Die Entscheidung wird von Erwägungen beeinflusst, die nicht allein in diesen Städten begründet liegen, wenn auch lokale Gegebenheiten keineswegs unwesentlich sind.

Bereits als sich Gerüchte verdichteten, dass die britische Regierung dieses Volksbegehren durchführen würde, begannen laut Wall Street Journal die grossen amerikanischen und asiatischen Banken aus ihren Niederlassungen in Frankfurt selbständig operierende Einheiten zu machen, die jederzeit in der Lage sind, das gesamte operative europäische Geschäft zu übernehmen.

Interessant sind die Begründungen, sich für den Standort Frankfurt zu entscheiden. Da ist einmal – ganz plausibel – die EZB und die europäische Finanzaufsicht. Zum anderen ist Frankfurt in Europa der einzige Handelsplatz für den Renminbi, der chinesischen Währung. Wichtiger erscheint den Bankern allerdings, dass die deutsche Finanzaufsicht als die berechenbarste im europäischen Raum gilt. Sie wird als verlässlich empfunden und ist nicht irgendwelchen Moden oder Strömungen unterworfen, in deren bekannten Unstetigkeiten. Insofern Ausdruck der unverbrüchlichen Treue der deutschen Regierung zur europäischen Idee. Weiter sitzen in Frankfurt bereits an die zweihundert Zentralen und operativ führende Niederlassungen, was die Einflussgrösse des Bereichs in dieser Stadt ausdrückt.

Wird fortgesetzt


Entpolitisierung und Desorientierung als Vorstufen zur Barbarei – die “neuen Montagsdemos”

“Friedensmahnwachen“, hypernarzisstische Subjektivität und postpolitisch-autoritärer Kapitalismus

von Volker Koehnen (crosspost mit ifkt.de)

Ob die drei Hauptakteure der „Friedensmahnwachen“ – Jebsen, Elsässer und Mährholz - als Personen nun rechtspopulistisch, rassistisch oder antisemitisch eingestellt sind, ist für die politische Beurteilung der „neuen Montagsdemos“ als Spektakel völlig uninteressant, ebenso wie die pauschale Kritik an politisch nicht festgelegten Teilnehmer_innen an diesen Demos zu dieser Einordnung wenig beiträgt, denen es doch um ein Herzensangelegenheit („Kein Krieg!“) zu gehen scheint. Vielmehr sollte linke und emanzipatorische Kräfte interessieren, was eigentlich bei den „neuen Montagsdemos“ politisch konkret passiert, mit welchen Vokabeln kommuniziert wird, welche politische Wirkung dies entfaltet und in welcher politischen „Ecke“ man sich als Teilnehmer_in wiederfinden kann, wenn man sich auf das Spektakel einlässt. Das Phänomen „neue Montagsdemos“ bzw. ihrer Organisatoren kann durchaus als das Symptom eines inhaltsentleerten, unpolitischen Kapitalismus in seiner postpolitisch-autoritären Form schlechthin interpretiert werden, welcher zur Steigerung von Entpolitisierung und Desorientierung der Menschen beiträgt. Damit sind die „neuen Montagsdemos“ Teil dessen, was sie kritisieren. Insofern wird im Folgenden keine Psychoanalyse der drei Organisatoren Jebsen, Elsässer und Mährholz angefertigt, wohl aber eine kritische Beschreibung eines (un-)politischen Phänomens versucht.

Entsicherung und Entdemokratisierung: Megatrends postdemokratisch-autoritärer Vergesellschaftung
Einige linke Theoretiker_innen beschreiben den aktuellen Zustand kapitalistischer Vergesellschaftung als eine „Vielfachkrise“ im Zuge der 2008 ff. offenkundig gewordenen Finanzmarktkrise. Sie versuchen diese theoretisch zu verarbeiten und sprechen in ihren zeitdiagnostischen und strukturalen Analysen des gegenwärtigen neoliberalen (Krisen-)Regimes wahlweise von „autoritärem Kapitalismus“ (Frank Deppe), „disziplinierendem Neoliberalismus“/„neuem Konstitutionalismus“ (Stephen Gill), „sozialer Demokratie“ (David Salomon) oder „Postdemokratie“ (Jacques Rancière, Colin Crouch).

Allen Ansätzen ist gemein, dass sie die gesellschaftlichen, politischen, ökonomischen und kulturellen Umwälzungen und Veränderungen seit dem Ende des Fordismus in den 1970er Jahren und verstärkt seit Ausbruch der Vielfachkrise durch im groben zwei Megatrends beschreiben: erstens die Entsicherung, also die fortgeschrittene Erosion des Sozialstaates und der Verlust kollektiver (gewerkschaftlicher) Gegenmacht bei gleichzeitigem Ausbau der sicherheitsstaatlich-autoritären Machtapparate, sowie die Entstehung neuerer Subjektivierungsformen, die im Modus der Selbstdisziplinierung die Imperative der kapitalförmigen Selbstverwertung antizipieren.

Als zweiter Megatrend kann die Entdemokratisierung genannt werden, also die Aushöhlung demokratischer Institutionen und Erosion der Volkssouveränität durch die Verlagerung legislativ-exekutiver Entscheidungen in technokratische Expertengremien, sowie die gleichzeitige „Rückkehr des Verdrängten“ in einer verzerrten Perspektive auf Volkssouveränität, wie sie z.B. im verbreiteten Phänomen der „Wutbürgerbewegung“ aufscheint. Der Politikwissenschaftler Colin Crouch beschreibt beispielsweise den aktuellen Zustand unserer Demokratie als neoliberal-technokratische „Post-Demokratie“; eine Demokratie, die zwar formal intakt ist, in der politische Konflikte um prinzipielle Inhalte aber nicht mehr stattfinden, weil es scheinbar nichts mehr zu diskutieren gebe: die Welt sei eben, so wie sie sei. Diese Orientierung am (neoliberalen) „Sachzwang“, an einer „Wirklichkeit“, die nicht mehr interpretiert werden müsse, sondern aus der „direkt“ das Notwendige an politischen Maßnahmen abgelesen werden könne (vgl. die berühmte „Alternativlosigkeit“), wurde intellektuell nach dem Zusammenbruch des Eisernen Vorhangs erstmals vom Historiker Francis Fukuyama vorbereitet und formuliert: das Ende des Zeitalters der „Ideologien“ (übersetzt: das Ende des politischen Streits um die Interpretation unserer Wirklichkeit), sei gekommen. Diese Nicht-Ideologie kann nun aber selbst wieder als Ideologie begriffen werden, weil sie das Gegebene absolut setzt; eine Ideologie, die das Politische als grundsätzlichen Streit um eine bessere Zukunft abgesetzt hat und die den Menschen entmündigt, zum „Opfer“ der scheinbar unumstößlichen Wirklichkeit macht.

Das führt dazu, dass politische Akteure in Parteien und Parlamenten jeden Begriff von einer besseren Welt aufgegeben zu haben scheinen und sich in einem –„alternativlosen“ – Klein-Klein der Tagespolitik verlieren, bis hin zu der Diagnose, dass ihnen schlicht ein Begriff vom Kapitalismus und seiner Krise fehlt. Woran aber sollen die gesellschaftlichen Subjekte sich denn orientieren, wenn es nicht die politische Klasse mit einem „Angebot“ dezidierter gesellschaftspolitischer Standpunkte und/oder Standorte tut? Ein solches Klein-Klein sorgt folgerichtig für ein gesellschaftspolitisches Klima, in dem jene Ortlosigkeit des Politischen und der Verzicht auf politische Programmatik dazu führt, dass sämtliche politische Verirrungen mit Genuß ausagiert werden und damit die Politiklosigkeit noch verlängern: Esoterik, religiöser Fundamentalismus, faschistische Verschwörungstheorien, aber auch Wutbürgertum und neoliberale „Alternativlosigkeit“.

Weiterlesen »


Flexibel bis zum Anschlag: Bauen und Planen für die Global City Frankfurt

Von Susanne Heeg

Grundsätzlich umfassen „Politiken der gebauten Umwelt“ Planungspolitiken, die sich auf Infrastrukturen (Straßen, ÖPNV, Wasser etc.) sowie bauliche Nutzungen (Gewerbe, Einzelhandel, Wohnen, Büro etc.) beziehen. Ich werde mich im Folgenden auf einen Teilbereich, nämlich die bürobezogene Planungspolitik, den Wohnungsbau sowie Wohnungspolitik in Frankfurt konzentrieren. Häufig wird ja der Vorwurf erhoben, dass sich die Planung in Frankfurt quasi willenlos und willfährig zeige. So wurde Edwin Schwarz, dem letzten Planungsdezernenten, in seinem Abgang hinterher gerufen, dass seine Politik und Handlungen ungeregelt und planlos gewesen wären. Dieser Einschätzung schließe ich mich nicht an, sondern ich gehe davon aus, dass diesen Politiken eine Wettbewerbslogik zugrunde liegt. Die an einzelnen Projekten orientierte und ermöglichende Politik von Schwarz fügt sich sehr gut in den wettbewerbsorientierten Umbau von Frankfurt ein. Sie war ausgerichtet an einer Ermöglichung von Büroprojekten und gehobenen Wohnungsbau, um dem noch vor 10 Jahren weithin beklagten Wegzug guter Steuerzahler etwas entgegen zu setzen. Es muss sich noch zeigen, ob der neue Planungsdezernent Olaf Cunitz eine andere Politik wählt. Mit Blick auf die vergangene Politik ergibt sich der Titel des Beitrags: eine sehr flexible, aber nicht willen- und planlose Baupolitik.

Die Politik der letzten 30 und mehr Jahre zielte darauf, die Infrastruktur zu schaffen, die Frankfurt den Status der Global City verleiht und sichert. Dazu gehören der Flughafen, die Bürogebäude, Informations- und Telekommunikationsinfrastruktur sowie der gehobene Wohnraum. Grundsätzlich zielten viele zentrale stadtpolitische Anstrengungen der letzten 30 Jahre darauf, Frankfurt zum attraktiven
Büro- und Wohnstandort zu machen. Es handelt sich dabei um einen Prozess ohne Ende, da die Stadtplanungspolitik immer wieder von der Angst getrieben ist, dass der Status „Global City“ im Wettbewerb mit London, Paris und anderen Städten verloren gehen könnte. Ich werde mich im Folgenden auf den Büro- und Wohnungsmarkt bzw. -politik konzentrieren, um die Politik in einer Globalizing City nachzuvollziehen.

Büromarkt

Hintergrund für Entwicklungen in Frankfurt ist eine aktive Wirtschafts- und Wachstumspolitik, die Frankfurt zum Bankenstandort machen sollte und tatsächlich machte. Zwei Entwicklungen haben diesen Prozess beschleunigt. Zum einen die Deindustrialisierung ab den 1980er Jahren und zum anderen die Liberalisierung des Finanzmarktes ab den 1990er Jahren.

Erstens nahm seit den 1980er Jahren der Anteil der Beschäftigten im Dienstleistungssektor generell und in Städten im Besonderen stark zu. Frankfurt am Main ist von diesen Entwicklungen geprägt: Die Beschäftigung im verarbeitenden Gewerbe reduzierte sich von 161.000 in 1970 auf nur noch knapp 53.500 im Jahr 2008 (Statistisches Amt und Wahlamt der Stadt Frankfurt am Main 1971, Stadt Frankfurt am Main 2011). Diese Abnahme um rund 67 Prozent hängt mit der Verlagerung sowie der Schließung von Industrieunternehmen zusammen.
Aber nicht alle Unternehmen, die am Standort Frankfurt geschlossen wurden, hörten auf zu existieren, sondern es wurden auch Unternehmen verlagert. Dafür gibt es zwei Erklärungen: zum einen gab es Unternehmen, die Expansionsflächen suchten, die an in der Regel dicht bebauten Standorten bzw. in der Stadt nicht zu finden waren und zum anderen war die Möglichkeit, die im Wert gestiegenen innerstädtischen Flächen zu versilbern, der ausschlaggebende Grund für die Verlagerung. Nicht selten ergänzten sich aber beide Beweggründe. Damit fügten sich derartige Verwertungsstrategien sehr gut in die Wachstums- und Wirtschaftspolitik der Stadt Frankfurt ein. Beispiele für Strategien der Standortverwertung, die mit einer Nutzungsänderung von industrieller Produktion hin zu Büros und Wohnen verbunden sind, sind die Adler-Werke im Gallus (jetzt: Galluspark mit überwiegend Büro- und Wohnfunktionen) oder das Mess- und Regeltechnikunternehmen VDO, das die Produktionsstätte an der Bockenheimer Warte 1997 zugunsten einer Büronutzung aufgab (für weitere Bsp. Gutachterausschuss 2009: 18).

Gleichzeitig mit der Standortverlagerung von Industrieunternehmen erfolgte in vielen Unternehmen eine Ausgliederung von tertiären Tätigkeiten (Software- und Hardware-Betreuung, Marketing, Buchhaltung etc.). Diese Tätigkeiten, die in der Statistik vorher unter „verarbeitendes Gewerbe“ fielen, da sie in einem Industriebetrieb erbracht wurden, wurden durch die Auslagerung statistisch neu zugeordnet. Dies sowie das generelle Wachstum im Bereich der unternehmensorientierten Dienstleistungen aufgrund neuer Anforderungen im Zuge der betrieblichen Reorganisation, wirtschaftlichen Liberalisierung und Globalisierung führte zu einem Beschäftigungswachstum im Dienstleistungsbereich um 59 Prozent: von 274.000 Jobs 1970 auf knapp 435.000 im Jahr 2008. Im Jahr 2008 sind 89 Prozent aller Arbeitsplätze in Frankfurt im Dienstleistungssektor zu finden (Statistisches Amt und Wahlamt der Stadt Frankfurt am Main 1971, Stadt Frankfurt am Main 2011). Eine besonders starke Entwicklung erfuhr der Finanzsektor, der von 40.000 Beschäftigten 1970 auf 73.000 im Jahr 2008 wuchs.
Bedeutsam ist dieses Wachstum um 82 Prozent, weil der überwiegende Anteil dieser Beschäftigten einen Büroarbeitsplatz benötigt. Dies eröffnete einen Markt für das Errichten, Kaufen, Verkaufen und Mieten; also kurz: den Handel mit Büroimmobilien. Frankfurt erlebte seinen ersten Büroimmobilienboom in den 1970er Jahren, der aber noch überwiegend auf Selbstnutzern basierte. Ein Beispiel dafür sind der Silberturm der Dresdner Bank, der 1978 errichtet wurde, oder der 1979 fertig gestellte Eurotower, die ehemalige Zentrale der gewerkschaftseigenen Bank für Gemeinwirtschaft (BfG). Ab Ende der 1980er Jahre erfolgte ein Übergang zur spekulativen Errichtung von Hochhäusern, die zur typischen Frankfurter Skyline beitrug. Eigentümer der Bürogebäude waren nun überwiegend nicht mehr Selbstnutzer, sondern institutionelle Investoren. Auch die ehemaligen selbstgenutzten Immobilien – wie der Silberturm oder der Eurotower – gingen nun in den Besitz von institutionellen Investoren über. Im Falle des Silberturms handelt es sich um ein bilanztechnisch günstiges Finanzkonstrukt für die Deutsche Bank und im Falle des Eurotowers war die Übernahme des Unternehmens durch andere Unternehmen der Hintergrund.

Ein Indikator für die Nachfrage nach Bürofläche ist der Büroflächenumsatz. In der Abb. 1 sieht man die Volatilität von Umsatz und Leerstand. Der Umsatz (in weiß) ist ein Anzeichen für die Nachfrage und der Leerstand (in dunkel) für die fehlende Nachfrage. Demnach verlief die Entwicklung von Leerstand und Umsatz stark zyklisch und seit 2002 verharrt der Leerstand auf einem hohen Niveau. Die zunehmenden Ausschläge auf dem Immobilienmarkt dürften mit einiger Sicherheit dazu beigetragen haben, dass in Immobilien investiertes Kapital sich zum Teil als fiktives Kapital entlarvte. Da sich das Kapital erst im Verkauf realisiert, ist es plausibel davon auszugehen, dass der Verkaufspreis in Phasen mit hohem Leerstand unter dem Kauf- oder gar Erstellungspreis liegt. Auch wenn ein bestimmter Immobilienwert in den Bilanzen oder Büchern steht, so kann sich der angezeigte Wert des Buchrepräsentanten in diesen Phasen vom Preis des bezeichneten Produkts entfernen. Eine Folge davon ist, dass es sich bei Teilen des Kapitals nur noch um fiktives Kapital handelt: es kann nicht mehr realisiert werden, d.h. der Tausch in Geld misslingt. Durch die zunehmende Volatilität wird diese Gefahr sehr real, da die Marktplatzierung von Immobilien bis zum Verkaufsabschluss längere Zeit benötigt und somit in der Baisse stattfinden kann.

In Geldeinheiten gemessen hält der Grundstücksausschuss der Stadt Frankfurt fest, dass die Umsätze bei Büroimmobilien von 123 Millionen Euro im Jahr 1983 auf über 1,5 Milliarden Euro im Jahr 1993 stiegen. D.h. es fand mehr als eine Verzehnfachung in 10 Jahren statt. Bis 2001 stieg der Umsatz nur auf 1,7 Milliarden Euro, da in den 1990er Jahren weit über die Nachfrage hinaus gebaut wurde. Das neue absolute Spitzenjahr 2007 wurde primär durch ausländische Investoren bestimmt, die den Umsatz im Bürosektor auf 4,3 Milliarden Euro trieben (Abb. 2). Dies bedeutet eine Ver-35-fachung des Wertes von 1983 (Gutachterausschuss Frankfurt 2009: 47). Dieser Anstieg hängt mit einer zunehmenden Anzahl von handelbaren Immobilien sowie stattfindenden Mehrmalverkäufen zusammen.

Zweitens befeuerte ab den 1990er Jahren die Liberalisierung des Finanzmarktes in Deutschland das Wachstum von Finanzdienstleistungen. Die Möglichkeit europaweit und bald global unbegrenzt zu investieren, trug zum Wachstum und der Entwicklung von institutionellen Investoren, d.h. Anbietern von Investmentprodukten und weiteren Anlagemöglichkeiten bei. Diese Entwicklung ging mit einer Ausdifferenzierung von Finanzmarktakteuren und -konstruktionen einher. Allein im Immobilienbereich expandierten bzw. etablierten sich offene und geschlossene Immobilienfonds, Real Estate Investment Trusts, Real Estate Private
Equity Fonds, Immobilien AGs etc. Daneben gibt es noch eine Reihe von Investoren, die zur Portfoliodiversifikation in Immobilien anlegen: ein Beispiel hierfür sind Hedge-Fonds. Diese Akteure wirkten sowohl als Nutzer als auch als Investoren in Immobilien. Eine Folge der zunehmenden Aktivität und Anzahl dieser Akteure war, dass Bürofläche nachgefragt wurde und in der Folge eine rege Bautätigkeit stattfand. Seitdem ist der Büromarkt in Frankfurt durch eine hohe Volatilität, d.h. Schwankungen, gekennzeichnet, da diese Akteure wiederum von Finanzmarktentwicklungen abhängig sind.

Dass diese rege Bautätigkeit möglich war, hängt auch mit der großzügigen städtischen Flächenpolitik zusammen. Die Frankfurter Planungspolitik zielt auf die Entwicklung eines Hochhausclusters bzw. darauf, Bürofläche für Finanzdienstleistungen in der Innenstadt zu konzentrieren, wozu entsprechende Flächenausweisungen gemacht wurden. Diese Planung begann bereits in den 1950er Jahren als Hauptverwaltungen nach Frankfurt drängten. Die Entwicklungsachsen für Büroentwicklungen wurden im Fingerplan 1968 das erste Mal zielgerichtet entwickelt, aber unter Aushebelung des Planungsrechtes, da die „Finger“ (Abb. 3) in Wohngebiete hinein reichten. Der Plan sah vor, Büronutzungen in neuzubauenden Hochhäusern entlang von fünf Entwicklungsachsen zu konzentrieren. Der Protest, der sich daraufhin entwickelte, führte zusammen mit einem sich abkühlenden Immobilienmarkt 1971 dazu, dass der Plan offiziell aufgegeben wurde. Dies war aber nicht das Ende einer proaktiven Hochhaus- und Büroflächenpolitik. Vielmehr führte die starke Büronachfrage in den 1980er Jahren
dazu, dass die Hochhausplanung wieder aufgenommen wurde. Der City Leitplan von 1983 diente, ähnlich wie die folgenden Hochhausrahmenpläne dazu, Investitionssicherheit zu schaffen, Kapitalanlagen zu steuern und damit den Investitionsdruck aus anderen Stadtgebieten fernzuhalten. Um dies zu belegen, soll Martin Wentz, der damalige Stadtplanungsdezernent selbst zu Wort kommen: „…während sich bei gewerblichen Bauflächen der Bodenpreisindex in den letzten 20 Jahren gerade verdreifacht hat, ist bei Büroflächen in guter Lage der Index auf das Zwölffache gestiegen. […] Es wird angenommen, dass die Nachfrage an Büroflächen in der bisherigen Größenordnung unvermindert weiterbesteht und im Interesse der wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt befriedigt werden muß. […] Dem trägt der auf der Grundlage eines Rahmenplans für das Bankenviertel um die Neue Mainzer Straße herum entwickelte Bebauungsplan Rechnung: er weist Standorte für zusätzliche Hochhäuser nach.“ (Wentz 1991: 108)

Im gleichen Buch – das insgesamt die Bauwut und den Global-City-Gestaltungswillen von Martin Wentz spiegelt – bemerkt Nikolaus Münster zum Bürobau: „Die Elite muß wissen, dass sie hier den Boden für Weiterentwicklung findet und dies muß auch nach außen hin sichtbar sein. Der Anspruch Frankfurts als intelligente Stadt muß sich deutlich in der Architektur niederschlagen.“ (Münster 1991: 129)

Die Hochhausrahmenplanung wurde bis in die Gegenwart mehrmals überarbeitet und es wurde Planungsrecht für einen Pulk von Hochhäusern in der Innenstadt geschaffen. Die Planung ging dabei in Vorleistung, insofern weit mehr Standorte für Hochhäuser ausgewiesen wurden als nachgefragt wurden. Das Instrument der Hochhausentwicklungsplanung kann man insofern als geordnete Nachfolge des Fünf-Finger-Plans bezeichnen. Damit sollen in innerstädtischen Bereichen von Frankfurt Entwicklungsachsen geöffnet und für Investments bereit gemacht werden. Vor allem wird aber erreicht, dass das Bodenpreisgefüge angetrieben wird.
Zwar gelang es weitgehend, angrenzende Wohnbezirke vor dem Eindringen von Bürofunktionen zu schützen, aber der Preisauftrieb war enorm. Ein Beispiel hierfür ist das Westend.

Wohnungsmarkt

Grundsätzlich war der Preisauftrieb aber auch nicht ungewollt, da es darum ging, einkommensstarke Haushalte in Frankfurt zu halten. Auch für einkommensstarke Haushalte kann ein teurer Mietwohnungsmarkt ein Ärgernis darstellen, da dadurch andere Konsummöglichkeiten möglicherweise eingeschränkt werden müssen. Eine weniger ungewollte Begleiterscheinung dürfte allerdings sein, dass hohe Mietkosten (aber auch Kosten für Eigentum) diejenigen außen vorhält, die sich aus sozio-ökonomischen Gründen den Wohnstandort nicht leisten können: Sozial Schwache und z.T. Migrant_innen – also jene, die im Dienstleistungssektor die Servicejobs übernehmen. Zwischenzeitlich treffen die gestiegenen Wohnkosten aber auch den Mittelstand. Martin Wentz, der langjährige Planungsdezernent in den 1980er und 1990er Jahren, bemerkte in einer Diskussionsveranstaltung der Evangelischen Stadtakademie am 10. November 2010 unter dem Titel „Wer plant die Stadt?“, dass man sich noch in den 1980er Jahren über die Verarmung und Verelendung der Stadt beklagt hätte. Jetzt wäre
erreicht worden, was man seinerzeit wollte, nämlich gut ausgebildete Bewohner und einkommensstarke Haushalte in der Stadt zu halten bzw. anzuziehen. Und da nicht jeder im beliebten Frankfurter Nordend wohnen könne, müsse eben der Markt entscheiden und diejenigen, die es sich nicht leisten könnten, könnten ja nach Griesheim und Höchst ausweichen.
Ähnlich äußerte sich der letzte Planungsdezernent Edwin Schwarz in einer HRDokumentation vom Februar 2012, in der er einer jungen Familie, die trotz Doppelverdienst keine bezahlbare Wohnung in Frankfurt findet, mit auf den Weg gab, dass wenn sie sich in Frankfurt keine Wohnung leisten könnten, dann sollten sie über den Taunuskamm ziehen. Dort gäbe es Wohnungen für eine geringere Miete (HR defacto 2012). Ich führe Martin
Wentz und Edwin Schwarz an, damit die fatale Mischung aus Glauben an die vorteilhafte Wirkung von Marktgesetzlichkeiten sowie einer klaren Ausrichtung an einkommensstarken Bewohnern sowie an Bürofläche für gehobene Dienstleistungen deutlich wird. Für Hoffnungen auf bezahlbare und dem Bedarf angemessene Wohnungen scheint es hier keinen Raum zu geben.

Der Abbildung 4 kann man den massiven Rückgang im öffentlich geförderten Wohnungsbestand (-54%) und die zeitgleiche Zunahme von privatem und privatwirtschaftlichem Wohnungsbau (+15,7%) im Zeitraum von 1987 bis 2009 entnehmen. Dahinter steht der Wille, den Markt das Wohnungsproblem lösen zu lassen. Mit der Verabschiedung aus dem sozialen Wohnungsbau sowie dem Einsatz der städtischen Wohnungsbaugesellschaft als Marktakteur, der nur noch in Teilmärkten wie Gallus oder Griesheim leicht unter dem Marktpreis bei den Mieten bleibt, ziehen die Preise auf dem Wohnungsmarkt an.

Es gibt gegenwärtig keine maßgeblichen Wohnungsmarktakteure mehr, die der Preisentwicklung entgegen steuern könnten. Der Wohnungsbestand in den Händen von Genossenschaften ist zu gering dafür. Es fehlt der öffentliche Wohnungsbestand, der einen dämpfenden Effekt entfalten könnte. Bei einer Tagung zu Gentrification im November 2011 sagte Peter Kreisl, ein Mitarbeiter des Stadtplanungsamtes, dass in der inneren Stadt (d.h. Westend, Bockenheim, Bornheim, Nordend, Sachsenhausen) die Gentrification weitgehend erfolgt sei. Er belegte dies mit Angaben zum Bruttoarbeitsentgelt, mit Karten zu den gefragten Wohnungsbeständen sowie dem Mietspiegel (Stadt Frankfurt 2011).

Diese Entwicklung ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, was und für wen gebaut wird. Wohnungsneubau erfolgt in jüngerer Zeit maßgeblich in der Form von Eigentumswohnungen; unabhängig davon, ob es sich um Eigentums- oder Mietwohnungen handelt, werden diese auf einem wenig regulierten Markt gehandelt. Wohnungen stellen eine Ware dar wie andere auch. Die privatwirtschaftlich errichteten Wohnungen zielen im Quadratmeterpreis überwiegend auf das maximal mögliche. Die sozial selektive Wirkung wird dadurch unterstützt, dass die gebauten Wohnungen nicht unbedingt klein sind. Größe und Quadratmeterpreis wirken hier zusammen, um den Wohnraum bereits für durchschnittliche Einkommensbezieher schier unbezahlbar zu machen. Dem Wohnungsmarktbericht von 2010 zufolge liegt der Schwerpunkt der neuen Wohnungen bei 4-Raumwohnungen. Dies ist ein bereits länger anhaltender Prozess. So berichtet Michael Kummer, der Leiter der Bauaufsicht der Stadt Frankfurt (FR vom 06.12.2006), dass Neubauten in Frankfurt entweder luxuriöse Großwohnungen in der inneren Stadt oder Einfamilienhäuser am Rand der Stadt sind.

Dahinter steht eine Entwicklung hin zum verstärkten Handel mit Wohngebäuden. Abb. 5 zeigt, wie sich die Zahl der Transaktionen im Wohnungssektor entwickelt hat.

Zugenommen haben die Transaktionen sowohl insgesamt als auch in den wichtigen Bereichen der bebauten Grundstücke (d.h. mit Gebäuden mit Wohn- und anderen Nutzungen) und des Wohnungseigentums. Die Zunahme des Verkaufsgeschehens zeigt an, dass von Käufern als auch Verkäufern der Wohnungsmarkt in Frankfurt als interessant eingeschätzt wird. Eine Ursache als auch eine Folge der Zunahme an immobilienbezogenen Transaktionen ist, dass der Wohnungsmarkt angespannt ist. Wohnungen bzw. Immobilien stellen ein knappes Gut dar, das Preissteigerungspotenziale hat. Dies zeigt sich beim immobilienbezogenen Geldumsatz
(Abb. 6). Ab 2000 nimmt der Umsatz zu mit einer kurzen Delle um 2004, aber einer umso stärkeren Zunahme ab dem Jahr 2006. In dieser Abbildung wirkt sich der Handel mit Gebäuden absolut stärker aus als der Handel mit Eigentumswohnungen, da nicht alle gehandelten Häuser in Wohneigentum aufgeteilt und als Eigentumswohnungen weiterverkauft werden.

Insgesamt begünstigt dies einen Preisauftrieb. Unterstützt wird der Preisauftrieb durch den Verkauf und die Vermarktlichung eines großen Bestands zuvor semi-öffentlicher Wohnungen, d.h. von Post, Bahn, aber auch von (Teilen von) städtischen Wohnungsunternehmen. In diese Richtung wirkt auch der letzte Mietspiegel, der Spielraum für Mieterhöhungen eröffnet aufgrund eines nicht nachvollziehbaren Festlegungsverfahrens von Mietpreisen und Wohnlagen.
Insbesondere in innerstädtischen Lagen ist eine Entkoppelung des Preisgefüges vom Rest der Stadt zu erkennen. Diese Entwicklung scheint sich jetzt in Richtung Gallus und Ostend fortzusetzen. Projektentwickler haben diese Viertel seit einiger Zeit ins Visier genommen. In diesen Vierteln hat die Anzahl der Umwandlung in Eigentumswohnungen, aber auch die Umnutzung von Gewerbearealen zugunsten von Bürofunktionen stark zugenommen (Müller/ Seifert 2011: 33, Gutachterausschuss 2009: 25, 90. 96ff). Dies war ein Phänomen, das vor 2000 in diesen Vierteln kaum bekannt war (vgl. auch Michels).

Es lässt sich insgesamt eine Umwandlung von Industriegebäuden zugunsten von Büro und Wohnnutzungen sowie Preissteigerungen im Bestand (sowohl Mietpreise als auch Preise für Wohnungseigentum) feststellen. Dies geht mit massiven Aufwertungen des Bestands in innerstädtischen und zunehmend auch in nicht so innerstädtischen Lagen einher. Auch wenn Büro- und Wohnnutzungen auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun zu haben scheinen und meist als zwei getrennte Bereiche behandelt werden, bestehen doch wichtige Zusammenhänge. Diese bestehen darin, dass die Aufwertungstendenzen im Bürobereich sich auch auf weitere Versorgungsbereiche wie Einzelhandel, Gastronomie, Handwerk etc. auswirken. Bereits 1996 hat Saskia Sassen darauf hingewiesen, dass die Veränderungen in Global Cities eine Verdrängung des traditionellen Handwerks sowie von sogenannten Mom-and-Pop-Stores mit geringem Umsatz beinhalten. Über kurz oder lang würden diese Läden im Stadtzentrum sowie in den aufgewerteten Wohngebieten durch Angebotsstrukturen für die besserverdienende
Klientel verdrängt werden (Sassen 1996). Dies macht alltägliche Lebensroutinen der ärmeren Bevölkerung in Städten schwer. Hinzu kommt, dass sich Wohnfunktionen in diesen zentralen Lagen in Konkurrenz mit gehobenem Einzelhandel, Gastronomie und Bürotätigkeiten befindet. Eine Folge davon ist, dass günstiger Wohnraum langfristig abnimmt und in bevorzugten innerstädtischen Lagen ein Preiswettbewerb zwischen Wohnungsbau für Einkommensstarke und Büroprojekte entsteht, der sich in einem Preisauftrieb auswirkt.

Damit bestehen zwischen den Büroentwicklungen und den Aufwertungen und Inwertsetzungen im Wohnungsbestand Zusammenhänge, die Prozesse des sozialen Auseinanderdriftens erwarten lassen. Aufwertungsmaßnahmen können für einige eine Zunahme von Komfort und Konsummöglichkeiten bedeuten, aber für andere, die weniger zahlungskräftig sind, gehen sie mit einer Zunahme von Unsicherheiten einher.

Ausblick

Die stetigen Anstrengungen zur Entwicklung von Frankfurt als Global City haben also ihren Preis. Aber wie schon am Anfang gesagt, sind diese Entwicklungen kein Ergebnis planloser Politik, sondern das Ergebnis einer kontrollierten marktorientierten Politik. Nicht alle immobilienbezogenen Entwicklungen werden auf Ebene der Stadt Frankfurt entschieden (bspw. die Privatisierung von Bahn, Post), aber die Frankfurt Stadtpolitik hat in der Vergangenheit die Global City-Werdung aktiv unterstützt. Dies bedeutet, dass einer an Profit orientierten Immobilienverwertung wenig entgegengesetzt wurde, sondern dass diese mit der Ermöglichung von
hochwertigen Büro- und Wohnprojekten unterstützt wurde. Weitere Hochhausprojekte, Umwandlungen und Neubauprojekte wirken weiter in diese Richtung. Man muss sich also Gedanken machen, wie man

• der Vermarktlichung vormals öffentlicher Wohnungen,
• der Privatisierung von öffentlichen Wohnungsunternehmen,
• dem Rückgang sozialen Wohnungsbaus,
• den Umwandlungen von Bestands- in Eigentumswohnungen,
• Neubauprojekten, die ausschließlich auf einkommensstarke Haushalte zielen,
• stetig neuen Büroprojekten,
• dem Leerstand von Bürogebäuden bei gleichzeitiger Wohnungsnot und
• dem Agieren der ABG als „normaler“ Marktteilnehmerin

etwas entgegensetzt.

Literatur

Gutachterausschuss Frankfurt am Main (2009): 25 Jahre Immobilienmarkt Frankfurt am Main. Fakten und Entwicklungen von 1984 bis 2008. Frankfurt am Main.

HR defacto 2012: Boomtown mit Nebenwirkungen – Wohnungsnot in Frankfurt? Gesendet am 12. Februar 2012.

Krauß, Heinz Ulrich (1997): Frankfurt am Main. Daten, Schlaglichter, Baugeschehen. Frankfurt am Main.

Müller, Wilhelm und Wolfgang Seifert (2011) Wohnungsmarkt Bericht 2010. Stadt Frankfurt, Amt für Wohnungswesen.

Münster, Nikolaus (1991): Wege des Bürobaus. In: Wentz, Martin (Hrsg.): Stadtplanung in Frankfurt. Wohnen, Arbeiten, Verkehr. Frankfurt, New York: 124-129.

Sassen, Saskia (1996): Metropolen des Weltmarktes. Frankfurt am Main.

Statistisches Amt und Wahlamt der Stadt Frankfurt am Main (1971): Statistisches Jahrbuch Stadt Frankfurt am Main 1971. Frankfurt am Main.

Wentz, Martin (1991): Arbeiten in Frankfurt. In: Wentz, Martin (Hrsg.): Stadtplanung in Frankfurt. Wohnen, Arbeiten, Verkehr. Frankfurt am Main, New York: 106-109.


Wohnen als Soziale Infrastruktur

Von Andrej Holm

Die Redaktion des links-netz diskutiert seit einigen Jahren unter dem Stichwort der Sozialen Infrastruktur über neue Wege einer Sozialpolitik in den entwickelten kapitalistischen Ländern. Ausgangspunkt sind dabei Überlegungen zu einer durch das hohe Produktivkraftniveau möglichen und zugleich notwendigen Umverteilung der lebensnotwendigen gesellschaftlichen Ressourcen.
Insbesondere die Effektivierung der Produktion, der Übergang zur Wissensgesellschaft und die daraus resultierende Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen sowie das Scheitern des neoliberalen Paradigmas in der Sozialpolitik werden dabei als Entwicklungen verstanden, die eine grundsätzlich neue Organisation der Sozialpolitik erfordern. Ausgehend von der Annahme, dass in den reichen Ländern Westeuropas und Nordamerikas ein ausreichendes Bruttoinlandprodukt produziert wird, um allen Bewohner/inne/n ein angenehmes und sorgenfreies Leben bieten zu können, werden wachsende Armutslagen und soziale Spaltungen als überwindbare Artefakte der aktuellen Sozialpolitik angesehen (Hirsch 2003). Anstelle der individualisierten, selektiven und in seiner Wirkung beschränkten Umverteilungsmechanismen der traditionellen bzw. keynesianischen Sozialpolitik soll nun die Bereitstellung einer Sozialen Infrastruktur treten.

Verstanden wird darunter die „in der Regel kostenlose oder gegen geringes Entgelt dargebotene Bereitstellung öffentlicher, für alle gleichermaßen zugänglicher Güter und Dienstleistungen (…), die von den einzelnen nicht selbst hergestellt werden kann“ (AG links-netz 2012: 6). Konkret benannt werden die Bereiche der Gesundheitsversorgung, des Verkehrs, des Wohnens, der Bildung und der Kultur. Die Finanzierung der sozialen Infrastruktur soll grundsätzlich über Abgaben und Steuern erfolgen (AG links-netz 2012: 10 ff.).

weiterlesen »


Wem gehören Kreativität und Vielfalt in Frankfurt am Main?

Von Iris Dzudzek

Die kreative Stadt – ein urbanes Skript

Frankfurt inszeniert sich selbst nicht in demselben Maße als Kreative Stadt wie Berlin, Hamburg oder Amsterdam und dennoch hat der Diskurs über Kreativität und Vielfalt als Schlüsselressource wissensbasierter Ökonomien und Motor von Stadtentwicklung aktuelle stadtpolitische Entwicklungen in Frankfurt entscheidend geprägt. Um die Rolle von Kreativität und Vielfalt in Frankfurt besser verstehen zu können, soll daher zunächst auf das Konzept kreativer Stadtentwicklung eingegangen werden.


Den zentrale Referenzpunkt in der Debatte um kreative Stadtentwicklung stellt das Buch „The Rise of the Creative Class – And how it’s Transforming Work, Leisure, Community and Everyday Life“ des amerikanischen Ökonomen Richard Florida aus dem Jahr 2002 dar. Darin bezeichnet er Kreativität als zentrale Produktivkraft der postindustriellen Gesellschaft und Technology, Talent, Tolerance als Schlüssel zum Erfolg in den wissensbasierten Industrien des 21. Jahrhunderts. Zur Klasse der Kreativen gehörten neben Künstlern vor allem Hochqualifizierte; d.h. Menschen, die durch ihre Kreativität eigenständig Neues schaffen oder Lösungen für bestehende Probleme finden. Diese Klasse der Kreativen fühlte sich in einem kulturell spannenden, vielfältigen und hippen urbanen Milieu am wohlsten. Ungebunden und hochmobil suche sich diese „Plug -and-Play-Community“ ihre Lebensstandort frei aus.

In den kreativen Ökonomien, die im Gegensatz zu anderen Industrien nicht aufgrund des Einsatzes bestimmter Ressourcen oder Produktionsmittel an einen bestimmten Standort gebunden sind, folgten daher nicht mehr die Arbeitskräfte ihren Jobs, sondern die kreativen Industrien ihrer einzigen Ressource: der kreativen Klasse. Folglich stünden Städte in einem „War on Talent“, um ihre Position im internationalen Standortwettbewerb zu behaupten. Florida folgend sollten Städte daher nicht mit der Investition in harte Standortfaktoren wie Infrastruktur oder Steuervergünstigungen um Unternehmen werben, sondern ein Wohlfühlklima für Kreative schaffen, um diese anzuziehen. In vielen Städten kommt es zunehmend zu einem massiven Ausbau kultureller Infrastruktur und der Schaffung von Räumen mit Aufenthaltsqualität für die konsumierende kreative Klasse. Einem weltoffenen Milieu der Toleranz und Vielfalt kommt dabei eine besondere Bedeutung zu.

weiterlesen »


Öffentlichkeit zwischen politischen Journalen, Infotainment und Web-Hypes

Zwischen Tageszeitung und Fernsehabend entscheiden: long ago! Heute sind wir mobil, switchen zwischen Apps und Ads, je nachdem wieviel Geld und Zeit uns gerade bleibt. Davon haben die einigen wenig und die anderen viel oder umgekehrt, und werden sehr unterschiedlich verwendet.
Dementsprechend werden Medienzugang und Öffentlichkeiten heute immer weiter differenziert. Auch ohne Tageszeitung. Welche Trends in unserem Medienalltag zeichnen sich ab?

Fortsetzung der Folge zum Umbruch in der Pressewelt

Wenn wir uns weiter im Strom technologisch aufgerüsteter Warenwelt und ihren Regimen durch die allgegenwärtigen Medien bewegen, und uns mit ihrer Kultur beschäftigen, verstricken sich die Zusammenhänge zunehmend. OK, also das Web und sein Drumherum. Mit ihm kommen schlicht veränderte Rezeptions-Objekte in den Alltag, neue Strukturen und Kanäle: Mit den Screens werden unsere Wahrnehmungen und unsere Erwartungen buchstäblich umgerüstet, und zwar immer abhängig von dem, was wir gerade tun, oder wie ein verstecktes Programm im Nirgendwo unsere Absichten prophezeit. Die vielen Hilfsmittel dieses Web-Geschäfts lassen sich kaum aufzählen: Mit Feeds selektieren wir Realtime Heerscharen von Überschriften, die Filter von Suchmaschinen oder Portalen liefern uns immer ähnlichere, nur zu gut einzuordnende Texte bei der Nachfrage. Aggregatoren ergänzen die Vorauswahl der massenhaften Kurznachrichten, Bots untersuchen unsere Vorlieben und bieten diesen entsprechende Texte an, schließlich produzieren Apps ganz eigene Formate, die uns vielleicht spielerisch vor Artikeln im klassischen Sinn abschirmen und uns eine schöne neue Welt präsentieren. Und all das automatisch in Realtime!
Auf solchem Hintergrund lässt sich eine Dystopie öffentlicher Interpretation denken, die digitale Schwundstufe der Presse: statt recherchierte Inhalte von Tageszeitungen führt sie mittels ästhetisierenden Gadgets an der Hand. Sie statten mit Markenempfehlungen und Spielinterface die Wahrnehmung der Welt-Ereignisse aus. Eine Art „maschinelles Genießen“ in Instant-Format ersetzt politisch sensible Interpretation.
Die von Gurus gepriesene Techno-Ästhetik wirkt auf diesem Wege als Sinn-Surrogat für „Gesellschaft“, deren Elemente sich im mobilen Leben wie von selbst mit unserem ganzen Alltag vernetzen. Aber das geschieht, ohne dass wir unter die Oberfläche schauen, dorthin wo Probleme entstehen und Entscheidungen fallen. Die Kurzatmigkeit allerdings, die wir bereits mit Tageszeitungen einübten, gibt nochmal Gas, eben bei den Technoprodukten mit den vielen Knöpfen, die bereits als solche einen Großteil des Contents ausmachen und der immer höheren Frequenz ihrer Releases, mit denen sie uns beschäftigen.

weiterlesen »


Presselandschaft zwischen politischen Journalen, Infotainment und Web-Hypes

Der prognostizierte Niedergang der Tagespresse, politischer Öffentlichkeit und Zivilgesellschaft: eine Skizze der Zusammenhänge

Im ersten Teil begutachteten wir Argumente zum Zeitungssterben rund um die halbtote Frankfurter Rundschau. Sie schwankten zwischen „Medienreform“ und „Geschäftsmodell“, Begriffen, die sich eher Marktidealen als einer imaginierten Öffentlichkeit anbiedern, die demokratische Vorstellungen unter die Leute bringt. Während Knistern und Druckerschwärze regelrecht einen Verzweiflungskampf im Greifbaren führen, sekundierte FAZ-Herausgeber Schirmmacher mit Thesen zur haltlosen Informationsbeschleunigung im Web, der fast nur der allgemeine digitale Burnout folgen könne.
Die Verständigung über papierne „Rezeptionshaptik“ und ihr Verschwinden konnte uns allerdings zeigen, dass Tempo und Richtung zu differenzieren sind, denn klassisches Zeitungslesen verband sozial wie kulturell immer mehr denn simple Nachrichtenaufnahme. Die Tageszeitung konnte als orientierende Klammer eines Tagesablaufs gelten, was bei den permanent refreshten, flexiblen News-Tickern nicht mehr funktioniert. Doch für wen solch Orientierungsversprechen noch Sinn macht oder ob sich solcher Orientierungsbedarf unserer Lebensweisen langsam verflüchtigt, leitet über zurl Frage nach sozialen Rezeptionsmilieus zwischen Print und Web. Dazu gesellen sich im folgenden weitere Überlegungen um die öffentliche Wertigkeit von täglichen Informationsmedien, ihre Herstellung und Verbreitung, ihre Ökonomie und unterschiedliche Verwendung, ihre Inhalte und Übermittlungsformen.
Gewöhnlich spitzen sich medienwirksame Kontraste in Beschimpfungen von „Web-Optimisten“ versus „Druck-Pessimisten“ zu, gerne als Stilisierungen verbrämt. Während die Web-Optimisten oft im Anschluß an Techno-Gurus aus den USA, marktbegeistert alle neuen Produkte bejubeln, schnellen Zugriff und allgegenwärtige Informationsfreiheit per Internet erreicht sehen, konstatieren Druck-Pessimisten für das Web nicht nur den Verlust an gehaltvollen Texten, sondern überhaupt der Kompetenz, diese noch begreifen zu können, es drohe gar eine „digitale Demenz“. Neben all den guten und bösen Dingen, die der digitale Wandel sonst noch mit sich bringt.
Einen anderen Aspekt vernehmen Interessierte inzwischen seltener, nämlich die Rollen glatt gebügelter, oligarchischer, ja plutokratisch betriebener Medien bei der aktiven Zerstörung kritischer Öffentlichkeit, wie sie in Italien, z. T. auch England und vielen anderen Ländern fast zur Gewohnheit wurde. Wen wundert es in einer globalen Situation, in der Cash Flow das Maß aller Dinge ist, und Zeitungen wie andere Medien als Cash Cows dienen sollen. Das Phänomen ist nicht ganz neu, schon im 19. Jahrhundert bemerkte ein gewiefter Zeitgenosse: “Die erste Freiheit der Presse besteht darin, kein Gewerbe zu sein”. Aber kann es so etwas unter dem Druck der Kapitalien noch geben? Gar unter Kapitalien, die im Wettbewerb immer auf Monopolisierung zulaufen? Kann es vielleicht etwas wie „Free Software“, die ehrenamtliche Herstellung von anspruchsvollen Programmen auch für die Presse geben, ala „Free Real Content“ ?

weiterlesen »


Schwarzfahren. Endstation Sehnsucht.

Von Malte Rauch

Öffentlicher Personen Nahverkehr – was für ein öder Begriff ; aber tatsächlich geht es ja um so aufregende Sachen wie Omnibusse und Straßenbahnen – und war nicht Tennessee Williams leidenschaftlichstes und bekanntestes Theaterstück nach einer Straßenbahn benannt, deren Endstation Sehnsucht hieß,’ A Streetcar named Desire ‘ ?

Neulich las ich in Rennes, der Hauptstadt der Bretagne, auf einem Autobus die Leuchtschrift ‘ Rosa Parks’ . War das nicht die junge Amerikanerin, die 1956 als „ minderwertige Negerin“ diskriminiert, sich in Montgomery, Alabama,in den USA, auf einen „ Nur für Weiße „ erlaubten vorderen Sitzplatz setzte in einem öffentlichen Bus ? , Sie war damals dafür von ‘ weißen ‘ Mitbürgern und Polizisten bespuckt, erniedrigt, und geschlagen worden und sie war trotzdem sitzen geblieben. Sie bestand auf ihrem unveräußerlichen Recht und hat bei dem großen Busstreik von Montgomery Geschichte geschrieben. Ihr Name steht seitdem in den amerikanischen Geschichtsbüchern neben dem von Martin Luther King – und heute eben auch auf dem Autobus in Rennes – Endstation Rosa Parks.

Liberté, Egalité, Fraternité.
Mit diesem Bild vom ‘ Schwarzfahren ‘ im Kopf sah ich einige Zeit später in Aubagne, einer mittelgroßen Stadt in der Provence nahe Marseille, auf den städtischen Bussen übergroß und auf jeder Seite ‘ LIBERTÉ, ÉGALITÉ, GRATUITÉ ‘

Es kam mir zunächst so vor, als hätte man das schöne Wort Fraternité, was ja so viel wie Solidarität bedeutet, durch ‘ Bei fünf Fahrten, eine gratis ‘ oder ‘ Geiz ist geil ‘ ersetzt. Ich reagiere reflexhaft, wenn auch zunehmend allergisch, als Konsument, als Marktteilnehmer, dem man ständig etwas anzudrehen versucht.
„Nein, sagt Magali Giovannangeli aus Aubagne, „mit Liberté, Egalité, Gratuité – frei, gleich, umsonst – probieren wir etwas Neues aus. Gratuité steht bei uns für einen konkreten Schritt in Richtung Liberté und Ègalité.“ Magali Giovannangeli ist stellvertretende Bürgermeisterin von Aubagne und Präsidentin des Regionalverbandes Pays d’Aubagne et de l’Etoile in der Provence, wo diese Busse verkehren. „ Alle städtischen Busse und demnächst auch unsere neue Straßenbahn“,sagt sie, „können umsonst benutzt werden, so wie die Bürgersteige und die städtischen Straßen für die Autofahrer – gratuit, wie auch die wahre Liebe im Gegensatz zur käuflichen “.
So steht es auch in dem kleinen Buch, das Magali Giovannangeli zusammen mit dem französischen Philosophen J-L.Duvauroux geschrieben hat. Der Titel: ‘ Reisende ohne Fahrschein – ein gesellschaftlicher Versuch in Aubagne.’

10 bis 30 % des Einkommens für den Berufsverkehr oder Gefängnis für Schwarzfahren.
Es ist keineswegs eine der Schriften, wie sie im Pariser Raum in verschiedenen Varianten zirkulieren, als Anleitung zum Schwarzfahren, mit Tipps, Tricks und bewährten Methoden aber auch mit Adressen von Rechtsanwälten, die Beistand leisten können , wenn man dabei geschnappt wird, 50 bis 72 Euros bezahlt oder – bei Wiederholung – im Gefängnis landet ( neuerdings bis zu drei Monaten).
In Frankreich wie auch im internationalen Maßstab, sind die Ausgaben für den öffentlichen Verkehr bei den Ärmeren am höchsten. Die Internationale Transportarbeiter Föderation hat ausgerechnet, dass sie bis zu 30 Prozent des Einkommens bezahlen müssen, dass gleichzeitig aber gerade die öffentlichen Verkehrsmittel, die für ihre Erwerbsarbeit unvermeidlich sind, unterfinanziert sind.
Der ITF schreibt : ‘ Bedauerlicherweise sanken zwischen 1975 und 2004 die Gesamtkosten für private Kraftfahrzeuge inflationsbereinigt um 11 Prozent, während die Fahrpreise für Busse und Eisenbahnen um 70 Prozent stiegen…

weiterlesen »


MMK Talks: Slominski schweigt.

(…)

weiterlesen »


Mailbox

“Der gewünschte Gesprächspartner ist gerade nicht zu erreichen, bitte versuchen sie es später noch einmal.” ~Die unsexy Stimme~   Als Pensionär wäre mir das Grund genug im Funkloch des Sonntagsausflugs meine Taschen zu leeren, den überschwänglichen jungen Damen und Herren, die mich mit Bögen und Äxten bedrohen meinen Respekt zu bekunden und zu beschließen heute [...]

weiterlesen »


Staatliche Antigentrifizierung, oder Viel Lärm um Roth.

Frankfurt ist dynamisch. Frankfurt ist im Wandel. Frankfurt ist im Werden. Frankfurt geht berg ab/auf (das richtige bitte streichen).

DSC_0027Dazu geschieht in Frankfurt etwas mysteriöses…

weiterlesen »


Chase-Lauf ’09. Non progredi est regredi

IMAG0140Nein, ich habe gestern nicht die Strassen Frankfurts mit der korporativen Art von #blockupy blockiert. JP Morgen Chase-Lauf 2012 ist ohne mich verlaufen, da bin ich im Reinen mit Herrn Rhein. Doch hier ist mein Bericht aus dem Jahre 2009. Samt Bananenklau, wild um sich herum schiessenden Ministerpräsidenten Koch und einigen halbnackten Südländerinnen (oder ohne sie, je nach dem). Zur Kenntnis. To whom it may concern. Einfach so.

***

ich bin an sich weder sportlich, noch mitläufer. doch diesmal bin ich sportlich mitgelaufen: chase-lauf war angesagt.

weiterlesen »


Denkt Euch Doch Die Unhinterfragte InterPUNKtion! oder ~Eisenhauer~

gusseisen
Gusseisenschwert…

Ach, um es klassisch zu beginnen
Denn ich liege fast
Schon in den Linnen
Hab heute früh ich
Trotz all “Hottehü”
Mit verbleibender Kraft
Ich auf’s Pferd nicht geschafft.

Statt dessen ich fand
Mit einem Mal
Nachdem mir Google orakelnd befahl
Etwas zu beweisen
Vier-Sechs Zoll kaltes Eisen
Mag genug sein
Um Leuten den Tag zu vermeisen

Es war bloß Fragment
Aus gußeisern Zaun
Doch genug es jemand
Auf die Rübe zu hauen
Doch weil ich so friedlich
Ging um die Katen
War mir weder nach Grab und erst recht nicht nach Spaten!

weiterlesen »


Plattform Sarai: Alexander Salivontchik (Belarus)

401432_2860941935332_1613206359_2499493_1761302749_n

“Прошу тебя по-человечески: пиши честно и без лукавства”
“Ich bitte Dich, sei ein Mensch: Schreibe ehrlich und ohne Hintergedanken”

weiterlesen »


“How about:” ~ Ein offener Brief~

Hey Berlin!

duell

Du psychedelisch verpepte Parlamentarische Preussenpussy,
Verschlingerin aller Künste,
Du Vietnam des Nordens,
Was soll ich von dir halten?

Du hast den Ossis die Freiheit geschenkt:
Und jetzt werden aus unseren Verwandten Nazis…
Weil aus Mauerstücken plötzlich ein Geschäft geworden ist.
Schade. Echt schade.

Ein Grienen an die Ohren getackert
Schleppst Du Dich durch die Nächte
Und fickst um Dein Leben,
Weil Dich sonst so friert.

Mexico City ist eine Stadt
Istanbul ein Kontinentalbruch
Mein Herz ein Tempel
Und Du hast nur AIDS.

weiterlesen »


Berliner Großmachtpoker

Das „Deutsche Europa“ steht auf tönernen Füßen. Viele der auf dem jüngsten Krisengipfel beschlossenen Regelungen werden die kommende Rezession vertiefen und zum absehbaren Auseinanderbrechen der Eurozone beitragen.

Wieder einmal soll Europa am Deutschen Wesen genesen. Nach dem jüngsten EU-Gipfel brachen insbesondere die regierungsnahen deutschen Medien in offene Jubelstürme aus: „Jetzt regiert Angela Merkels harte Hand in Europa“ titelte etwa Welt Online, um sogleich die neuen Grundsätze des neuen „Deutschen Europa“ zusammenzufassen: „Mehr Kontrolle, mehr Disziplin und härtere Strafen.“1

Deutsche Klasse

Das Handelsblatt verwies darauf, dass sich Großbritannien dem Dominanzstreben Berlins verweigerte: „Merkels Wort gilt – aber nur auf dem Festland.“2 Die Konsequenzen dieser Verweigerung Londons deutete die führende deutsche Wirtschaftszeitung in Anlehnung an ein berüchtigtes Zitat George W. Bushs ebenfalls sogleich an: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“ Tatsächlich konnte Bundeskanzlerin Angela Merkel sich in nahezu allen Streitpunkten durchsetzen und die vor Gipfelbeginn ausgegebene Line, wonach es diesmal „keine faulen Kompromisse“ geben werde, nahezu vollständig einhalten. Im Endeffekt fand auf dem Gipfel kein Verhandlungsprozess mehr statt – es wurde letztendlich ein Diktat durchgesetzt, das von Merkel und ihrem Juniorpartner Sarkozy vorformuliert wurde.

weiterlesen »


Occupy Frankfurt – Good (Guys) and Bad Banks? – II

Das Problem ist nicht, einen genehmigten Ort des Protestes zu finden, sondern den genehmigten Ort des Protestes zu verlassen!
Wir alle stehen vor einem gordischen Knoten: Wenn die Unzufriedenen störungsfrei ihren Unmut auf die Straße tragen, kommen viele. Wenn wir diejenigen stören wollen, die für diese Unzufriedenheit verantwortlich sind, dann sind wir nicht genug (Zahltag-Initiativen) oder zu wenige (Die Überflüssigen). Der Masterplan, diesen gordischen Knoten zu durchschlagen, ist noch nicht gefunden.
Nun wird immer wieder gesagt, die ›Bewegung‹ sei jung, brauche Zeit, müsse sich finden und formulieren, um aus der Repräsentanz der Unzufriedenheit eine Bewegung der Unzufriedenen zu machen. Wer ihr das Fehlen von Zielen und Konsequenzen vorhalte, ersticke die Bewegung im Keim. Diese Mahnung zur Geduld ist sympathisch … und irreführend. Denn die Zweifel an Occupy Frankfurt kommen nicht vom Hochsitz der wahren Erkenntnis, sondern aus zurückliegenden Erfahrungen.
occupy-wall-street-protesters-gets-creative Wie will man die Macht der Banken, der Finanzwirtschaft brechen, außer in Beschwörungen und Worten? Wie will man verhindern, dass die Krise der Ein-Prozent-Elite auf die 99 Prozent abgewälzt werden? Will man einen guten, also gezügelten Kapitalismus, der auch für das letzte Drittel genug übrig lässt?

weiterlesen »


Occupy Frankfurt – Good (Guys) and Bad Banks?

Kaum jemand kannte die Gruppe Occupy Frankfurt, die für den 15. Oktober 2011 zu einer Demonstration vor der Europäischen Zentralbank/EZB aufgerufen hatte. Den wenigsten waren Inhalte und Forderungen bekannt.

weiterlesen »


Kafka gefällig?

Gibt’s genug: die Schulen in Deutschland und Österreich erhalten derzeit in grossen Mengen die Neu-Ausgabe des Meisterwerkes “Das Schloss” von Kafka.

weiterlesen »


Manifeste zum Recht auf Stadt

The right to the city is like a cry and a demand (…), a transformed and renewed right to urban life“ (Lefebvre).

Die Forderung nach einem „Recht auf Stadt“ scheint aktuell den Kern von Protesten gegen Stadtentwicklungsmaßnahmen zu treffen. Zahlreiche Initiativen versammeln sich hinter diesem Anspruch. Die berühmtesten Beispiele sind in Frankfurt, Freiburg, Berlin und vor allem in Hamburg zu finden. Auch das Manifest der Initiative „Not In Our Name, Marke Ham­burg!“ fordert das „Recht auf Stadt“.

Recht auf Stadt - Fahne

Diese Formulierung geht auf den französischen Philosophen Henri Lefebvre zurück. Als Reaktion auf eine „Krise der Stadt“ in der Industrialisierung entstanden, kann man Recht auf Stadt bei Lefebvre als “Recht auf den Nichtausschluss” von den Qualitäten der urbanisierten Gesellschaft“ zusammenfassen.

Durch den Vergleich des Manifests „Not In Our Name, Marke Ham­burg!“ mit Lefebvres Ausarbeitungen soll im Folgenden geklärt werden, ob dort seine Inhalte übernommen werden und inwieweit das Berufen auf ihn gerechtfertigt ist. Es zeigt sich, dass zwar das Schlagwort, aber nicht der systemkritische Anspruch Lefebvres übernommen wird.

weiterlesen »


Die neoliberale Stadt im globalen Wettbewerb?

Kritische Anmerkungen zum Leitparadigma gegenwärtiger Kommunalpolitik

Zumal im Zeitalter der Globalisierung befinden wir uns auch als Region in einem weltweiten Wettbewerb, dem wir uns stellen müssen – denn wir wollen diesen Wettbewerb gestalten und nicht erleiden. Bestehen können wir in diesem Wettbewerb nur dann, wenn wir alle unsere Stärken, die in der Region vorhanden sind, entwickeln und zur Geltung bringen“ (Petra Roth, Oberbürgermeisterin von Frankfurt am Main und Präsidentin des Deutschen Städtetages 2008).

weiterlesen »


Politische Alternativen: eine neue Infrastruktur

Empörung und Ablehnung reichen nicht, um politische Gestaltungskraft zu gewinnen – so lautet ein verbreitetes Credo. Nicht allein die herrschende politische Verwaltung und die großen Medien immunisieren mit der Forderung nach “konkreten Alternativen” die bei uns eingespielten Abläufe, sondern gesellschaftskritische Autoren wie Robert Misik fordern über Empörung hinaus die Benennung von Gegenentwürfen, und sei es zunächst nur in der Auseinandersetzung um Sprachhoheiten im politischen Raum.
Dass noch mehr geht als Verweigerung, zeigt unsere kleine Dokumentation einer Gruppe Frankfurter Sozialforscher, die Maßnahmen vorschlagen, wie aus dem restriktiven Sozialstaat eine gesellschaftliche Infrastruktur geformt werden kann, die zur wirklich breiten Förderung von Kapazitäten vieler führt. Der hier nur kurz skizzierte Vorschlag liefert erheblich mehr, als es die kurzatmigen, von Event zu Event, von DAX-Knick zu Biolanzpräsentation hüpfenden politischen Ideen und Aktivitäten im gegenwärtigen Deutschland leisten.

weiterlesen »


Catch the Volk – per Arbeit

Leitintegration‹ ist die in den Arbeitsmarkt

<- Das zentrale Feld der Integration in diese Gesellschaft bleibt jedoch, so ist festzuhalten, der Arbeitsmarkt und nicht die Religion. Indem die wesentlichen sozialen Bedingungen weggelassen werden, kann die Statistik zu Aussagen kommen wie der, dass gerade MigrantInnen es auch auf diesem Gebiet nicht so weit bringen wie deutschstämmige Lohnabhängige. Wem würde es einfallen, Personenkreise auszudeuten, ihnen eine gemeinsame Kultur zu unterschieben, die nicht ›deutsch‹ sei, und sie deswegen anzuklagen, wenn dabei nicht zugleich davon ausgegangen würde, dass diese Personen dem ›deutschen Vorwärtskommen‹ im Wege stehen?

Die Nichtintegration in den Arbeitsmarkt wird jedoch auch jenseits der territorialen Herkunftsgeschichte gesellschaftlich skandalisiert. Insofern ist es die ›überflüssige Bevölkerung‹, die den sozialen Kern bildet, auf den sich die Angriffe aus der ›Mitte des Volkes‹ richten. Es wird in der Öffentlichkeit immer wieder der Eindruck verbreitet, als leide das ›deutsche Volk‹ vor allem unter einer immensen Schar jener Elemente, die es sich in der aufgespannten ›Hängematte‹ der sozialen Fürsorge bequem eingerichtet haben.

Leben n der haengematte

Wie lebt es sich in der Hängematte

Die Stichhaltigkeit dieses Eindrucks ist zu hinterfragen. Es kann bei der Skandalisierung von Sozialtransfers nicht einfach nur um die offizielle ›Missbrauchsquote‹ von ALG II-Leistungen gehen, die nach Angaben der Bundesagentur 2009 bei lediglich 1,9 Prozent liegt.

weiterlesen »


Nachbetrachtungen

Zäsur, historisches Ergebnis, Energiewende. Alles wird anders. Damit es weiter gehen kann wie bisher. Wenn wir einmal von der Kaffeesatz-Leserei absehen, die die Befindlichkeiten des Wahlvolkes (eine Subspezies ohnehin nur) zu deuten beansprucht, sind es die Reaktionen der Kapitalmärkte, die uns eher verstehen lassen, was sich gerade abspielt, als die mehr oder minder tiefschürfenden Statistiken oder atemlosen soziologischen Analysen.

Deutlicher als jede andere Kennziffer, mit der diese Gesellschaft gezeichnet werden soll, tritt hier zutage, welcher Kurs eingeschlagen werden soll. Energiepolitik wird zum Markenzeichen eines ausgerufenen „Kapitalismus Soft“, einer Marktordnung mit verkleinertem Restrisiko. Schon gefällt man sich im Schwadronieren über gewaltige Anstrengungen und die Bereitschaft der Industrie, „ihr Scherflein beizutragen“ (Verband der Maschinenbauer auf der Hannover Messe) und der Schaffung – massenhaft – neuer Lohnarbeitsplätze. Die Börsen goutieren diesen neuen Optimismus – der noch nach jeder Krise gepredigt wurde.

Verschiebungen – industriell

Varkala + 059

weiterlesen »


Catch the Volk

Ab- und Hintergründe der Integrationsdebatte Volkspartei heißt in den USA Catch-all-party. Mit dieser Bezeichnung wird unmittelbar deutlich, dass solche Parteien nicht an Inhalten orientiert sind. Der politische Machtgewinn oder -erhalt wird ihnen zum eigentlichen Inhalt. Alle weiteren Inhalte sind prinzipiell austauschbar. Solche Institutionen richten sich an den Meinungen aus, die politische Mehrheiten möglich machen sollen. [...]

weiterlesen »


Die Debatte um Gentrifizierung ist verkürzt (2)

Prekarität und Aufwertung der Stadt gehen Hand in Hand

Arbeit hat heute die Grenzen der Großraumbüros und Fabriken hinter sich gelassen und breitet sich über die gesamte Stadt aus. Besonders deutlich zeigt sich dies bei Freelancern und anderen Selbstständigen, für die es keine festen Arbeitsorte mehr gibt und die vielfach auch von zu Hause aus arbeiten. Und es zeigt sich bei der affektiven Arbeit, die nicht mehr auf die Hausarbeit beschränkt ist, sondern an ökonomischer Bedeutung gewinnt – von der Pflegearbeit bis hin zu Wellness und Yoga. Diese Entgrenzung setzt sich auch in der Stadtplanung fort. Von Funktionstrennung ist keine Rede mehr. Im Gegenteil. Die innerstädtischen Altbauviertel, die seit jeher durch Kleinteiligkeit und die Mischung von Arbeiten und Wohnen gekennzeichnet waren, gelten nicht mehr als Überreste der Vergangenheit, sondern als Modelle für die Zukunft.

P1040638

weiterlesen »


Die Debatte um Gentrifizierung ist verkürzt (1)

Der Wandel der Stadt ist ohne den Wandel der Arbeit nicht zu verstehen

Wenn man die Debatte über Gentrifizierung verfolgt, dann scheint sich die These vom Ende der Arbeitsgesellschaft zu bewahrheiten, zumindest in den innenstadtnahen Altbauquartierten. Die zentrale Forderung ist die nach bezahlbarem Wohnraum. Arbeit kommt, wenn überhaupt, nur am Rande vor. Doch ohne eine Betrachtung der Arbeit lassen sich die Umbrüche in den Zentren der Städte nicht verstehen.

In der Debatte über Gentrifizierung spielt Arbeit keine Rolle. Diese Einseitigkeit steht im offenen Kontrast zu dem Alltag in den Vierteln. Ob Freelancer in Ladenwohnungen, KellnerInnen in Cafés und Kneipen oder HandwerkerInnen in Hinterhofwerkstätten: Die von Gentrifizierung betroffenen Viertel sind von einer Vielzahl von Arbeitsorten durchzogen. Aber weil es in der Debatte um Grentrifizierung häufig nur ums Wohnen geht, gerät aus dem Blick, dass jenseits des Industriearbeiters und jenseits der Angestellten eine Vielzahl neuer Arbeitsformen entstanden ist. Ebenso wie der städtische Raum hat sich auch Arbeit in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert. Erst wenn man diese Veränderungen in den Blick nimmt, lässt sich fassen, wie eng Gentrifizierung und prekäre Arbeit zusammenhängen.

Nordweststadt_near_Praunheimer_Weg

weiterlesen »


Des Aufrufs letzter Teil

Schlussbetrachtungen

Aus dem bisher Gesagten lassen sich einige Folgerungen ableiten, Notwendigkeiten, die den Eintritt in die neue Zeit nicht als Katastrophe erfahren lassen, sondern als weiteren Schritt in der Menschheitsgeschichte markieren. Je konzentrierter und umfassender dies geschieht, umso stärker wird die Position sein, umso nachhaltiger die Stellung im globalen Wettbewerb gefestigt.

weiterlesen »


Aufruf (5)

Die Ware aller Waren
Nachdem wir uns jetzt mit Erfolg versprechenden Formen des Humankapitals beschäftigt und die Anforderungen an die Warenwelten untersucht haben, wollen wir die Ware aller Waren näher beleuchten. Die entscheidende Grösse, der wir heute Rechnung zu tragen haben, ist die Tatsache, dass Geld nicht mehr länger nur Ausdruck und Vergleichsgrösse der Güter darstellt, sondern selbst zur bestimmenden Ware geworden ist. Wen das an Dagobert Duck erinnert, liegt gar nicht so falsch.

weiterlesen »


Aufruf (Vierter Teil)

Warenwirklichkeiten
Nachdem wir in „ökonomischen Wirklichkeiten“ nachgezeichnet haben, wie sich innerhalb der Beschäftigung die Bedeutung der verschiedenen Fraktionen verschieben, werden wir im folgenden eine korrespondierende Verschiebung innerhalb der Warenwelten aufspüren. Denn nicht nur an das Humankapital werden neue Anforderungen gestellt, auch die Welt der Waren formiert sich neu. Nicht, dass damit die Gesetzmässigkeiten sich änderten, sie werden neu gestaltet, um diesen besser zu entsprechen. Wir werden sehen, dass sich die vorher beschriebenen Änderungen und die, welche die Waren betreffen, sehr wohl entsprechen und ergänzen und dass zu diesen Waren die genannten Humankapitalisten gehören.

weiterlesen »


Dem Aufruf sein dritter Teil

Die Mitte – eine Realfiktion Nachdem wir jetzt drei vielversprechende Fraktionen des Humankapitals etwas näher betrachtet haben (hier und hier), können wir beginnen, die Hemmnisse, die einer erweiterten Akkumulation dieses Kapitals entgegenstehen aber auch sie fördernde Entwicklungen, zu untersuchen. Fassen wir kurz zusammen: wir haben gesehen, dass die Zukunft einer Existenzform gehört, die niemals erstarrt, [...]

weiterlesen »


Perdurabo- Das Leben Aleister Crowleys

Crowleypose

Vor einer Woche stellte ihnen hier Jürgen Lentes eine neue Biographie des manischen Mörders Charles Manson vor, der sich für eine Inkarnation von Aleister Crowley gehalten hat. Das wirft die Frage auf: wer war Crowley? Viele dürften ihn mit einem verbreiteten Tarot-Deck in Verbindung bringen. Und schließlich wird selbst in Hessen zum Jahresende hin häufiger Tarot gelegt.

Um Informationen aus erster Hand zu erhalten, hat die FGZ im Rahmen einer wissenschaftlich kontrollierten (“evidence based”) Geisterbeschwörung den Geist von Aleister Crowley beschworen. Er verlangte zunächst den Wikipedia-Eintrag zu seiner Person zu lesen, bevor er sich äußerte. Es ist uns aber gelungen, nachfolgende Stellungnahme zu dokumentieren.

Ich bin Aleister Crowley. Ich bin der böseste Mensch der Welt. Nein, „My name is Crowley, because I’m holy“, ahh… Mein Vater war Bierbrauer. Ich wurde 1875 in Spa in England geboren. Seitdem ich vier Jahre alt war, musste ich regelmäßig an der morgendlichen Bibelstunde teilnehmen. Vielleicht hängt damit zusammen, dass mich schon als Jugendlicher die Vorstellung, selbst unter Todesqualen zu sterben, keineswegs abschreckte. Genau genommen: sie erregte mich. Mein Vater starb 1887. Ich war elf Jahre alt.Meine Mutter gab mich mit 13 in ein christliches Internat. Dort versuchte man mich „umzuerziehen“. Eineinhalb Jahre haben diese Schufte mich isoliert. Seitdem hasste ich das

weiterlesen »


In Gefahr und größter Not… zum zweiten

Zur zweiten Zeitdiagnose des “Bewegungs-Konservatismus“: anders als Jürgen Habermas (siehe: …. zum ersten) sieht der Telepolis-Autor Maresch unsere gesellschaftlichen Potentiale nicht primär durch demokratische Defizite bedroht, sondern eher durch reaktionäre Impulse aus der gegenwärtigen Zivilgesellschaft selbst. Er meint, viele Bürger hätten den Glauben an “Fortschritt, Technik und Zukunft” verloren. Als Kulturkritiker der “europäschen Haltung” schließt [...]

weiterlesen »


In Gefahr und größter Not… zum ersten

In den Medien macht sich wachsender Unmut unserer Kulturkommentatoren über lähmende Konservatismen wie unpassende Unbootmäßigkeiten in gegenwärtigen „politischen Bewegungen“ und öffentlicher Unwilligkeit breit. Er entspringt gemäß dem Credo ihrer gewieften Analysten deren Bedingungen und Erwartungen: sie widersprechen sich einerseits selbst und schulden sich andererseits bloß der ganzen Lage unserer Welt heute. Etwas stimmt mit unseren politischen Befindlichkeiten nicht mehr!

politisches Befinden - 1

weiterlesen »


Stadtfauna – 4

Viel Gutes aus dem Menschenpark Endlich bin ich mal fündig geworden. Es geht ja auch nicht an, dass nur noch schlecht berichtet wird über das, was uns so ins Haus steht. Und ich werde den Verdacht nicht los, dass hier und da der sehnsuchtsvoll erwartete neue Mensch unter uns wandelt. (Ausserdem habe ich, glaube ich [...]

weiterlesen »


Der gute Fürst (3)

Die dunkle Seite

Alles okay, wer spenden will, soll dies auch tun und reichlich. Die Ahnentafel ist ihm/ihr sicher und die Saga von dem wundersamen Wirken. Es ist hier nicht der Platz über individuelle Motive (Psychopathologie) zu spekulieren oder in eine Diskussion über Ehrenhaftigkeit oder nicht (Verschwörungstheorien) einzusteigen, es geht vielmehr darum, aufzuzeigen, wie die unreflektierte Begeisterung zu voreiligen Schlüssen führen kann. Es wird zu vieles in einen Topf geworfen, zu kräftig umgerührt und schliesslich zu heiss gegessen, um noch bekömmlich zu sein. du-bist-deutschland

weiterlesen »


Der gute Fürst (2)

Die Institutionen der “Spendergesellschaft”

Der Vorstoss von Gates bringt eine nicht gekannte Dimension ins Spiel, dabei ist es nicht die Stiftung selbst, sondern das, was diese Stiftung absichert. Unbemerkt von der Öffentlichkeit ist hinter der philanthropischen Fassade der Bill & Melinda Gates Foundation ein Trust entstanden, der zu den mächtigsten Vereinigungen dieser Welt gehört und mit weiteren Spenden bald an die erste Stelle rücken wird. Nutzniesser dieses Trusts ist allein die Stiftung, die Forderungen bis zum Gesamtwert des Trusts stellen kann, die bedient werden müssen. Die Schätzungen variieren, doch dürften dort mittlerweile mehrere hundert Milliarden Dollar gebündelt sein. Vergleicht man die Staatshaushalte in Afrika mit diesen Beträgen, so wird schnell klar, welches Potenzial hier entstanden ist. Die Firmen, die dem Trust gehören oder an denen er beteiligt ist, machen natürlich Business-as-usual, und je mehr Profit sie auspressen, umso besser steht der Trust da – und genau das ist die Aufgabe. (So kann denn auch die Meldung nicht sonderlich verwundern, dass sich der Trust gerade bei Goldman-Sachs eingekauft hat, letzte machten gerade 1 Milliarde Gewinn durch Spekulation auf Lebensmittel. Bei Monsanto haben sie sich auch beteiligt.)
Stiftungsübersicht

weiterlesen »


Der gute Fürst (1)

Auf dem Weg zur „Spendergesellschaft“ mit Billy Gates

Wir alle kennen die vielen Mythen und Erzählungen über „goldene Zeitalter“ und „weise Fürsten“ und vielerorts werden gewaltige Feste zu ihrer Erinnerung abgehalten. Je weiter weg die Ereignisse, umso strahlender die Erzählungen. Und es könnte darum gehen, zu Lebzeiten „Denkmal zu sein“, statt erst nach dem Tode. Diese Perspektive ist bereits genug Anlass zu grosser Medien-Hype. Doch abseits dieses Rummels ist es nicht in erster – und zweiter – Linie die Motivation der Spender und auch nicht die Tatsache der Spende, die uns beschäftigen sollten, sondern zu was die „Spende“ herhalten muss – und welche Form ihr letztlich gegeben wird.

USA-GATES-FORTUNE-ENFANTS_LEC257014_20021112.PKG

Das altbekannte Almosen lässt dem Empfänger – trotz möglicher begleitender moralischer Appelle – die völlige Freiheit, eine Gegenleistung wird nicht erwartet (es sei in Form beschleunigten Zutritts zum Paradies) und seine Verwendung bleibt dem Empfänger überlassen. Spenden zeichnen sich dadurch aus, dass sie gebunden sind, in welcher Form auch immer. Und auch mit dem bekannten Mäzen sollte der postmoderne Spender nicht verwechselt werden.

weiterlesen »


Lesarten – in Frankfurt und drüber hinaus

Die Stadt am Main trägt einigen Stolz über ihre intimen Bezüge zu Lesbarem herum, seien das ihre Zeitungen oder Bücher, Verlage oder Messen. Lesbares, vielleicht sogar die ganze Symbolwelt befindet sich aber seit Jahren im Umbruch, sei es durch neue Technologien oder durch Globalisierung, Lesegewohnheiten und Städtekonkurrenzen. Die letzten Wochen zeigten in Frankfurt bemerkenswerte Ereignisse rund um Symbolvertilgungen. Sie waren sehr unterschiedlich gestrickt und können – ergänzt durch etwas Stadtarchäologie vom Autor dieses Artikels – Momente über die Verbindung von Medien und Stadt aufzeigen, die über unsere Buchmesse hinausgehen. Gleichzeitig aber, und das ist das Erstaunliche, verweisen sie auch auf die vielen Dimensionen, in die sich einfache Mythen über Web und Print tatsächlich auffalten lassen.

Lesen - Bild App

Eine Stadt liest ein Buch“ war das eine Ereignis: die Lebensgeschichte eines versteckten Frankfurter Juden während der Nazizeit, wiederverlegt von einem Frankfurter Verleger, gelesen an Orten in Frankfurt. Die Idee stammt aus USA, ein globaler Impuls, örtliche Realisierung. Mehr noch: das Lesen geschieht direkt als sozialer Akt, mit einzelnen Vorlesern und einer Menge Zuhörer, an vielen Orten und mit begleitenden Veranstaltungen – fast immer kostenlos. Ein „analoges“ Ereignis auf Papiergrundlage.

weiterlesen »


Powered by WordPress • Theme by: BlogPimp/Appelt Mediendesign und tech-a • Beiträge (RSS) und Kommentare (RSS) • Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.