Liebe Piratenbashende Mely Kiyak!
ich schreibe normalerweise keine Artikel in Form von öffentlichen Briefen an fremde Leute, weil das doch irgendwie eine merkwürdig übergriffige Art ist: so zu tun, als würde man den anderen adressieren, während man doch in Wirklichkeit immer an die eigenen Leser denkt, die sich befriedigt denken sollen: na, die oder der hats DENEN aber mal wieder gegeben! Aber der Franz Josef Wagner macht das für die BILD schon seit 10 Jahren und Sie machen ihm das seit geraumer Zeit nach für die Frankfurter Rundschau , nur das die anders als beim Wagner für die sich denkend dünkenden Menschen ist, also für die im Nordend, und das gibt dann immer so eine schöne, persönlich klingende Kolumne und schreibt sich schnell weg und deshalb mache ich das jetzt Ihnen nach. Denn neulich, in der FR. vom 1-3. Oktober, las ich so einen Brief von Ihnen, überschrieben mit “Liebe Politpioniere“. Das klang ein bisschen nach alter DDR, meinte aber die siegreiche Berliner Piratenpartei. Ihr Brief hat mich richtig bewegt, obwohl ich kein Mitglied dieser Partei bin und sie noch nicht mal gewählt habe. Bei der Lektüre aber ging es mir wie Ihnen bei der Lektüre der, wie Sie sagen, “zehn Thesen zur Netzpolitik der ungelüftet Internetsüchtigen“, nämlich so: “Wenn ich sage, es hat mir die Nackenhaare aufgerichtet, dann wäre das zu wenig, sie standen wie Betonpfeiler ab.”
Sie, liebe Mely Kiyak, begannen schön bei sich: “Ich sah ein Gruppenfoto, das die Piratenfraktion aus Berlin zeigte. Undiplomatisch und sexistisch wie ich bin, spreche ich es aus: Das war eine Ansammlung von zotteligen Typen. Schwammige Figuren, ungesunder Teint, hässlich, mein Gott, da ist ja nichts dabei. Man roch die vermieften T-shirts regelrecht.” Das folgte dem inzwischen sehr beliebten Gestus : “Das muss man doch sagen dürfen”, von dem ja auch der Sarrazin zehrt. Aber mal ganz undiplomatisch gesagt, liebe Mely Kiyak: Mir stieg bei Ihrem altmodischen Wort “zottelig” ein anderer Geruch in die Nase. Der abstoßende Mief des Journalismus von vorvorgestern. Hatte die Presse nicht exakt so einst über die frühen Grünen geschrieben, damals in den 80ern? Oder noch früher in den 60ern über die “zotteligen, ungewaschenen” Studenten?
Aber, mein Gott, heute im Jahr von 2011 funktioniert dieses Ekelbashing eben immer noch.
Sie retten sich nach den vermuteten vermieften T-shirts mit dem scharmanten Augenzwinkern einer Pseudosechzehnjährigen, in das auch die Sechzigjährige Oma von nebenan einstimmen kann: “Kein Wunder, dass keine Mädchen bei denen mitmachen.” Ja, kein Wunder, denn Mädchen machen ja keine Politik, sie machen bei Politik allenfalls mit, und auch dann nur, um geile Typen kennen zu lernen, oder?
Weiter geht´s mit dem Thema Aussehen: “Ich verstehe jetzt auch, warum die Piraten keinen Wahlkampf mit Fotos veranstalten-das Auge wählt schließlich mit.” Okay, die Mädchen machen mit und das Auge wählt mit, klar. Leider haben Sie das von ihnen erwähnte Gruppenfoto, nicht dem Artikel angefügt, sondern nur ihr eigenes apartes Kolumnistinnenkonterfei. Nehmen wir also einfach mal das Gruppenfoto aus der Berliner Morgenpost.
Foto: Berliner Morgenpost
Na ja, einen Johnny Depp haben die Piraten nicht unter sich, aber so schwammig, zottelig und hässlich wie sie behaupten, will mir der Haufen nicht vorkommen. Aber Geschmäcker sind bekanntlich verschieden. Schauen wir uns doch mal zum Vergleich ein Foto eines anderen Mandatsträgers an, nämlich of our very own Volker Bouffier.
Foto: AP
Nun ja.
Außer über den schlechten Teint regen Sie, Mely Kiyak, sich vor allem über die schlechten Thesen der Piraten auf, or allem über einen Satz: “Die Politik muss die Kostenloskultur im Netz fördern und darf sie nicht bekämpfen.”Sie kommentieren : “Wer so was schreibt, hat in seinem ganzen Leben noch nicht auf eigenen Beinen gestanden” Hier ist ihnen das schelmische Augenzwinkern offenbar plötzlich gründlich vergangen, das klingt echt sozimäßig, wenn auch nach der FR von ganz früher, so a la: “Die Kerle habe ja alle noch nie richtig gearbeitet”
Aber dabei bleibts nicht, denn jetzt passiert mit Ihrem betonisierten Kopf, den Sie selbst liebevoll “Köpfchen” nennen, etwas schreckliches: “Mir schoss eine Gedankenlawine durchs Köpfchen”
Diese “Gedankenlawine“, die doch eigentlich rollen sollte, ballert los: “Kriegt ihr Stütze oder werdet ihr von Euren Eltern gesponsort? Ich rackere mich mit meinen Texten ab, aber ihr wollt nicht dafür bezahlen? Spinnt ihr? Das Recht auf Eigentum ist ein Menschenrecht!Wer soll denn für die Verbreitung meiner Texte bezahlen? Das machen die Zeitungskäufer, ihr Mathekünstler. Und überhaupt, nicht der Staat regelt die Wirtschaft. Die Zeitungen gehören den Verlegern und die Öffentlich Rechtlichen den GEZzahlern. Und überhaupt, wer soll denn für die Server bezahlen?Der Staat? Wer ist denn der Staat?” Das war schon ne ganze Menge Gedanken am Stück, später kommen dann noch die Standards, dass das Netz vor allem Kinderfickern dient und die Piraten den Gang durch die die Sprechblasen nehmen werden, den die Grünen so erfolgreich vollzogen haben usw. usw.usw.
Wie schön, dass es 2011 noch das Wort “Stütze” in einem Text gib…. bei der FAZ wäre das Wort nicht durchgegangen. Ihre Mutmaßung, dass die Piraten faule Schmarotzer sind, die UNS oder ihren Eltern auf der Tasche liegen hingegen auf jeden Fall. Dass die Zeitungen als Menschenrecht den Verlegern gehören, wird auch ihr Verleger Dumont an der Stelle gerne von Ihnen gelesen haben. Dass die Piraten beispielsweise für ein kostenloses Grundeinkommen sind und für eine kostenlose Infrastruktur, wie es in ihrem Parteiprogramm steht, das liest man bei Ihnen hingegen nicht. Ich fürchte, dass liegt daran, dass sie es nicht gelesen haben, obwohl sie das suggerieren: “Sie (die Piraten ) werden lernen, dass sich Menschen ihre Parteiprogramme durchlesen und sich ernsthaft damit beschäftigen. “ Mag sein, ich glaube nicht, dass Sie zu diesen Menschen gehören, denn ohne das gehts schneller, wenn der Text fertig werden muss und so wälzen sie persönlich das tausendfach täglich umgewälzte Gedankengeröll der Leitmedien noch einmal um: Recht auf Eigentum, die Zeitungen gehören den Verlegern, nicht der Staat regelt die Wirtschaft…ach.
Komisch, Sie müssten es eigentlich besser wissen, oder? Dass z.B. nicht die Zeitungskäufer allein die Zeitungen finanzierten, sondern die Anzeigenkunden. Dieses Geschäft ist zusammengebrochen aufgrund des Netzes, wofür aber die Piratenpartei wenig kann, im Gegensatz zu dem, was sie “Wirtschaft” nennen und was neoliberaler Kapitalismus ist. Und weil die Zeitungen, wie Sie schreiben, naturgemäß den Verlegern gehören, haben diese, wovon Sie naturgemäß nichts schreiben, die Frankfurter Rundschau dicht gemacht, bzw. mit der Berliner Zeitung fusioniert unter Entlassung fast aller FR-MitarbeiterInnen und Beibehaltung einiger “Edelfedern”, so wie Sie eine sind. Denn: nicht die Zeitungskäufer zahlen für Ihre Texte, wie Sie behaupten, sondern die Verleger.
So ist das. Jetzt noch. Vielleicht finden die aber bald jemand, der es billiger macht, aber angeblich “genau so gut ist”. Zum Beispiel bezweifle ich, liebe Mely Kiyak, dass Sie sich mit diesem Text nur halb so viel “abgerackert” haben, wie Sie das in dem Text behaupten. Und überhaupt: So ein hingerotztes Ding wie Ihren Brief schreibe ich in einer halben Stunde, und zwar ohne unbeabsichtigte Bildbrüche, verpasse mir einen gut aussehenden Multi-Kulti-Frauen-Nordend-Avatar mit makellosem Teint und biete es Ihren Verlegern für die Hälfte Ihres Honorars an. So what?
Gut, heute werden die vielleicht noch nicht darauf eingehen, aber in ein zwei oder vier Jahren, wenn denen schon wieder das Wasser bis zum Hals steht? Wer kann heute noch sicher sein, dass er oder sie für die “Verbreitung seiner Texte” von irgend jemand bezahlt wird, wenn selbst die “New York Times” kurz vor dem Bankrott steht. In New York gibt es keine Piratenpartei. Und schreiben Sie, liebe Mely Kiyak, wirklich besser als die New York Times?
Wenn dem aber so ist oder auch nicht so ist, sollte man die Regeln, nach denen heute Geld verdient wird, neu bestimmen. Man sollte sich ein paar andere, neue Gedanken machen.
Man sollte das Eigentum neu bestimmen. Den Staat. Den übrigen Kokolores und die Art und Weise, in der wir leben wollen.
Dafür lohnt es sich zu rackern.
Für alles andere: eher nicht.
Dies meint zumindest
Ihr Bert Bresgen


Nein, es geht um das Gegenüber dieser nahöstlichen Freiheits-Zitadelle und ein Fadenkreuz das von Ferne auf das Land Iran zielt. Die Geschichte ist nicht neu, denn europäische und amerikanische Intellektuelle verkünden im Einklang mit kampfwütigen Falken in Regierungsvierteln rund um den Atlantik seit mehreren Jahrzehnten gerne mal: “vorwärts Marsch”.