Frankfurter Gemeine Zeitung

Kultur

Plattform Sarai: Alexander Salivontchik (Belarus)

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“Прошу тебя по-человечески: пиши честно и без лукавства”
“Ich bitte Dich, sei ein Mensch: Schreibe ehrlich und ohne Hintergedanken”

Große, düstere, wandfüllende Gemälde.
Traurige Rembrandtschen Augen, von Furchen durchzogene Gesichter.

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Liegende Figuren – hingelegt oder hingefallen? Ohnmacht und Hilflosigkeit?
Gestalten, vom finsteren Hintergrund fast schon verschlungen. Aber immer noch da…
Schwere Formen, dunkle Farben.

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Und dazwischen – zwei Monitore mit Videoprojektionen:
eine Zugfahrt, sonnige vorbeihuschende Landschaften;
Waldspaziergänge;
tropisch anmutende Strände, Tiefblau des Meeres, Hellblau des Himmels;
ein spielender Junge – auf dem Feld, auf der winterlichen Eiskruste, lächelnd, heiter.
Wolkenlose Kindheit, strahlend und naiv.

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Die weißen Wände der Plattform Sarai vereinen diese zwei Extremen: die ausstrahlenden, dynamischen Videoaufnahmen des Glücklichen sowie das Desolate der herumirrenden, eingefrorenen Figuren.

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“Dieses ausweglose Viertel um den Frankfurter Hauptbahnhof. Kaiserstrasse. Kennst Du jene Gegend?”, fragt mich der Künstler Alexander Salivontchik, “Ich bin dort einem Russen begegnet.

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Er war zwanzig Jahre jünger als ich. Doch sein Weg war zu Ende. Er ist einst aus Russland gekommen, mit Familie. Voller Hoffnungen, voller Pläne. Doch dann hat ihn seine Frau verlassen. War auf einmal weg. Er ist gefallen. Drogen, Obdachlosigkeit. Er war gestolpert. Er war ein Mensch wie ich, doch sein Leben war kaputt.

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Aber als ich ihm zuhörte, als ich ihm meine Aufmerksamkeit schenkte – da hat er gestrahlt. Er hat das Licht wiedergefunden. Weil ein Fremder stehen blieb, statt vorbei zu gehen. Ich war ihm fremd. Er war mir fremd. Doch er war mein Bruder. Verstehst du? Er war mein Bruder. Das könnte ich sein. Das könntest Du sein. Das könnte jeder sein.

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Aber das war er. Er war gestolpert. Doch in diesem Moment, als ich mit ihm sprach, fühlte er, dass er nicht allein war. Mein Leben ist mein Glück. Leben ist Wunder – ich habe meine Familie, ich habe diese Welt, ich lebe weiter.

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Wir leben ein bitteres, verlogenes Leben. Wir leben ein wunderschönes Leben. Das ist dein Leben. Das ist mein Leben. Ein doppeldeutiges, ambivalentes, zweischneidiges Leben. Ich möchte diese Kontraste aufzeigen. Ich möchte den Menschen helfen, wie ich dem Bruder auf Kaiserstrasse half. Mit meiner Aufmerksamkeit. Damit die Liebe wieder in dieser Welt herrscht.

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Liebe. Liebe! Die Liebe wird die Welt retten. Frei nach Dostojewski. Das ist meine Philosophie. Verstehst Du? Möchtest Du darüber schreiben? Dann bitte ich Dich, sei ein Mensch: schreibe darüber ehrlich und ohne Hintergedanken.”

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Was: Untitled. Alexander Salivontchik.
Wo: Platform SARAI, Schweizer Str. 23 HH, 60594 Frankfurt am Main
Wann: bis zum 28.02.2012
https://www.facebook.com/events/343991922285764/

Text: Merzmensch,
Fotos: Aylin Karacan, Merzmensch


Die Wochenzeitung Freitag: Mission completed

Natürlich ist es kein Menetekel, nicht das Ende kritischen Journalismus, anderswo. Dafür dauern die Aufreger über Wenden und Untergangsszenarien rund um die Wochenzeitung Freitag schon zu lange an. Der Duktus eines reichen Alleinbesitzers namens Jakob Augstein, der das Blatt zuschneidet, setzte sich in den letzten Wochen allerdings so weit durch, dass die dreijährige Umbauphase des Blattes wohl abgeschlossen ist.
Die Meldung „completed“ kam durch den Ticker mit der Info über einen Brief vom Chef an das seit vielen Jahren existierende Herausgeber-Quartett. In diesem teilte ihnen Augstein kurz mit, “dass das Institut der Herausgeber sich für den Freitag überlebt hat“. Der Rausschmiß der links gewirkten und intellektuell anspruchsvolleren Herausgeber geschah ohne weitere Gespräche nach einem Verleger-Herausgeber-Treffen, in dem es kontrovers um die künftige Zusammenarbeit zwischen Herausgebern, Redaktion und Eigner ging. Die Mit-Herausgeberin Daniela Dahn formuliert ihre Einschätzung zum Blatt in einem Interview recht deftig: „Der Freitag hat an intellektueller Substanz verloren.

Zu klein für den Job ?
Den Chef wird es nicht sonderlich kümmern: die Wochenzeitung Freitag möchte weiterhin linksliberalen Charme über das Branding „Meinungsmedium“ kultivieren, das ihr zwischen Süddeutscher Zeitung und der Zeit eine passende Marktnische baut. Die Nische heißt „im Zweifel links“, und soll eine „ganz normale Zeitung“ aufnehmen, d. h. strikt marktgesteuert respektive marktkonform agieren.
Als der Millionenerbe Augstein vor 3 Jahren das linke Wochenblatt kurz vor dem Exitus übernahm, gab es bereits einige Aufregung unter Lesern, man befürchtete einen Drift in den Mainstream. Die Befürchtung realisierte sich schleichend, manchmal mehr mal weniger. Gebrochen wurde dieser Trend ein Stück weit durch die Web-Initiative des Blattes, mit der sich eine recht aktive Web-Community entwickelte, deren Diskussionen jedoch sukzessive intellektuelle Beiträger verloren hat. Der zunehmend flachere Kontext der Artikel der Zeitung hält gewiß manche von ihnen davon ab, sich dort an Diskursen zu beteiligen. Inzwischen hat die Zeitung nämlich einiges von ironischen „Cultural Studies“, die mit vielen Geschichten um Alltagshermeneutik in leichten Schnittchen genießbar sind, garniert mit einigen schmackhaften Happen von externen Autoren, die etwas Tiefgang vermitteln.
An der breiteren inhaltlichen Verwurstung hat der Kulturchef Michael Angele keinen geringen Anteil, der inspiriert vom Spiegel-Jargon ein Funktionsprinzip des Blattes installierte, das mit Ironie nach kurzer Aufmerksamkeit heischt, öfters durch eigene, zwanghaft witzige, faktisch nur peinliche Beiträge zugespitzt (aktuelles Beispiel hier). Sie werden vermutlich passend zum Zeit- und Lebensgefühl der anvisierten Kunden  zubereitet. 20 Jahre früher gingen schon manche bundesdeutsche Blätter diesen Weg und verendeten dabei zumeist (Frankfurter remember: „Pflasterstrand“). Sie deklarierten die Verheißungen des damals noch frischen Neoliberalismus keck in der Öffentlichkeit, kulturelle Ironie erklimmte seinerzeit gerade die postmodernen Gipfel. Eigentlich sind diese Zeiten doch vorbei, oder?

Augstein ein linker Exzentriker?
In den Kommentaren und Interviews (hier, hier, hier) um die Augsteinsche Freitag-Mission wird gerne dessen erstaunliche Risikobereitschaft und sein Mut angeführt, das Blatt mit weniger als 10.000 verkauften Exemplaren (gegenwärtig 14.000) zu übernehmen und bis heute zu betreiben. Das verblüfft mich wirklich. So sehr den beim Freitag Beschäftigten die Rettung durch einen Investor zu gönnen ist, es sollte doch die Kirche im Dorf bleiben.
Augstein ist Erbe des Spiegel, mithin Multi-Millionär – ohne dass man die Finanzen genau kennen muß. Abgesehen davon, dass die zugewiesenen Verluste aus der Investition steuerlich geltend gemacht werden können, kann ich seine Geschäftsübernahme, die sich schließlich allein einem Erbe und den einzigartig niedrigen Erbschaftssteuern verdankt, mitnichten als „Risiko“ einordnen. Im Unterschied zum armen Lohnschlucker vor der Insolvenz bleiben Augstein wohl noch ein paar Milliönchen, nicht wahr!
Augstein hat schlicht eine Investition in passendes Milieu getätigt (und z. B. keine Stiftung ohne inhaltliche Regulationsrechte gegründet), Er baute sich als knallharter Unternehmer wie Verleger, als Person von Interesse und als Marke in der bundesdeutschen Medien-Öffentlichkeit auf. In dieser Position wird er inzwischen durch die unsäglichen Talkshows gereicht und darf im Spiegel gegen rechtskonservative Kolumnisten anpfeifen, da passt es links ganz gut. So viel Selbstmarketing geht genau mit dem „Mut“ zum „im Zweifel links“ durch, denn der Mann kann locker sagen: “ich hab doch den Freitag…..”

Trotz allem: es sind immer mal einige der im Web fast vollständig zugänglichen Texte der Zeitung eine Verlinkung wert, vermutlich auch zukünftig.


Pie in the Sky- Eine Brücke zwischen der Wirklichkeit und der Utopie

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Ist es ein utopisches Versprechen oder gar eine illusionäre Idee, wenn der Songwriter Joe Hill den Arbeitern Anfang des 19. Jahrhunderts zynisch prophezeit:

“You will eat, bye and bye,
In that glorious land above the sky;
Work and pray, live on hay,
You’ll get pie in the sky when you die”

Wo verläuft die Grenze zwischen dem Gewünschten und der Wirklichkeit? Wie gelingt es, künstlerisch diese Thematik aufzugreifen und darzustellen?

Flaka

Basim Magdy und Flaka Haliti, zwei Künstler, die aus zwei Positionen eine Brücke zwischen Utopie und Wirklichkeit bauen. Beide schaffen einen Dialog mit der Intention, das (un)sichtbare sichtbar zu machen. Sie präsentieren in der Plattform Sarai zwei Videoinstallationen.

Die Videoinstallation von Haliti besteht aus zwei Teilen. Bereits beim Betreten des Raumes wird der Zuschauer durch die melancholischen Klänge des ersten Videos in den Bann gezogen. Dann entdeckt man die Projektion auf der Wand: ein Musikvideo der albanischen Band „Jericho“, gedreht 2005, lange Zeit in den Musikcharts. Das Video spielt auf einer öffentlichen Straße. Es sind weniger die Musiker, die die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf sich ziehen, sondern die Bilder im Hintergrund: Fotos von „Missing people“, Opfern des Kosovo-Krieges (1998-99). Denn den Hinterbliebenen widmet sich das Lied „Kur do t’pushojë kjo kangë“ (”When is this song goint to rest?“).

Dem gegenüber steht ein kleiner Monitor, der erst auf den zweiten Blick dem Betrachter ins Auge fällt. Nachdenklich sehen die Menschen aus, die sich mit Kopfhörern davor niedergelassen haben. Auf dem schwarzen Monitor ist nichts anderes zu sehen außer leuchtente Zeilen mit englischen Untertiteln: die Übersetzung einer Diskussion in albanischer Sprache über die ethische Vertretbarkeit der Darstellung von Kriegsopfern in der modernen Kunst.

Durch die Gegenüberstellung dieser beiden Elemente gelingt es Haliti einmal anders über die Ethik der künstlerischen Darstellung nachzudenken, wenn es um die mediale Ausbeutung der Opfer (victimization of victims) geht.

Der Titel des Songs “When is this song goint to rest?” ist vermutlich auch die Schnittschnelle zu dem Film von Basim Magdy.

Magdy

Inspiriert durch Diogenes’ Suche nach einem ehrlichen Menschen setzt sich der Künstler Magdy in seinem Film „Mein Vater sucht nach einer ehrlichen Stadt“ mit der Thematik der idealistischen Suche auseinander.

Diogenes von Sinopes, ein griechischer Denker, Philosoph, ein Schüler Sokrates war bekannt für seine provokante und zynische Art des Infragestellens des allgemein Anerkannten. Er war im antiken Griechenland kein gewöhnlicher Gelehrter, der lange Reden hielt und unzählige Schriften verfasste; sein Verständnis von Lehre war die Aktionsphilosophie. Zum Beispiel suchte er mit einer Laterne am helllichten Tag auf dem überfüllten Athener Marktplatz provokant nach einem ehrlichen Menschen: Nicht einmal das Tageslicht reichte für seine vergebliche Suche aus. In seinem auf Super 8 gedrehten Film begibt sich der Vater des Künstlers Magdy auf die Suche nach einer ehrlichen Stadt:

Ein alter Mann, der mit seiner Taschenlampe durch menschenleeren Straßen läuft, im Hintergrund das Rauschen des Windes und des Wassers. Die Tonspur klingt nach prasselndem Regen, doch auf dem Videobild ist im grellen Sonnenlicht nur eine Wasserfontaine aus einem Erdloch zu sehen. Weit und breit nichts als streuende Hunde, triste Bauten, eine unwirtliche, fast unbewohnte Stadt. Ort und Zeit scheinen irrelevant zu sein. Die Frage, ob Magdys Vater bei seiner Suche nach einer ehrlichen Stadt fündig wird, lässt dieser Film offen.

Die gemeinsamen Schnittpunkte der Werke werden nach der kurzen Einführung der Kuratorin Didem Yazici deutlicher. Haliti und Magdy begreifen die Sensibilität und Komplexität der sozialen Konflikte. In der Verarbeitung dieser Wirklichkeit steckt die Utopie der Wünsche, aber auch die Darstellung dessen, was mit diesen Wünschen passieren kann, wenn die Träume auf die Realität stoßen. Die Wunden des Kosovokrieges werden nie heilen, auch wird die Suche von Magdys Vater nie aufhören. Genauso wenig erwartet uns der von Joe Hill zynisch zugesicherte „Kuchen im Himmel“. Doch obwohl es zunächst nach einem aussichtslosen Dilemma aussieht, scheint die Suche selbst doch etwas Hoffnungsvolles zu haben. Die Ausstellung lässt genug Raum für unendliche Interpretationen. Sie hat keine direkte politische Botschaft. Magdys Arbeit widmet sich eher den Problemen der Urbanität, als den der generellen Politik und Flakas Installation thematisiert die Frage, inwieweit es ethisch vertretbar ist, die Opfer von Politik in einem Kunstwerk zu „instrumentalisieren“. Für den Betrachter gilt: Jede gestellte Frage ist auch der Anfang für etwas Neues!

Pie in the sky wartet noch auf Ihre Interpretation!

FLAKADIDEM

Was: Pie in the Sky, curated by Didem Yazici
Wo: Platform SARAI, Schweizer Str. 23 HH, 60594 Frankfurt am Main
Wann: bis zum 10.01.2012
Medien: http://nichewo.net/
In den nächsten Wochen erscheint ein Ausstellungskatalog.
https://www.facebook.com/events/203884846352772/.


Basim Magdy
Born in Assiut, Egypt in 1977, Basim Magdy currently lives and works in Basel, Switzerland and Cairo, Egypt. Magdy works with different media including drawing, painting, animation, installation, sculpture, film, video, sound and printed matter. He is particularly interested in creating narrative structures that explore the space between reality and fiction and its influence on science, history, global culture and the dissemination of knowledge. His work appeared recently in solo and group exhibitions Argos Art Center, Brussels; Kunsthalle Wien, Vienna; Institut Mathildenhöhe, Darmstadt; 1st D-O ARK Underground Biennial, Konjic/Sarajevo; Massachusetts Museum of Contemporary Art (MASS MoCa), North Adams and 2nd Ateliers de Rennes Biennale d’art contemporain, Rennes among others.

Flaka Haliti
Born in Pristhina in 1982, Flaka Haliti lives and works in Frankfurt am Main. She graduated from the Academy of Fine Arts, Pristina University (2005), and is currently continuing her studies at Staedelschule, Frankfurt. Haliti works with conceptual language, and uses various mediums including video, sound, installation, photography and performance Her work has been shown in solo and group exhibitions, presentations, symposiums and workshops internationally. Flaka Haliti is the winner of the First Prize in “Agriculture and Banking”, organized by Staedelschule Frankfurt/Main and Rentenbank, Frankfurt am Main (2009).

Didem Yazici
Didem Yazici (1986) is a freelance writer and curator, living in Kassel and Frankfurt. She contributes to exhibition catalogues, and art magazines and publications including RES Art World, Artam Global Art, Nowiswere,Sanat Dunyamız and the Turkish daily newspaper Radikal. Currently she is studying at the Curatorial Studies MA in Staedelschule and Goethe University (Frankfurt) and working in Public Programs in dOCUMENTA(13).

Fotos & Mitarbeit: Merzmensch


Ein amerikanischer Taugenichts

Der unsichtbare modernen Klassiker »Ignaz oder Die Verschwörung der Idioten« wurde durch die Neuübersetzung von Alex Capus für die Zukunft gerettet. Der Roman warf schon vor Jahren ein Schlaglicht darauf, was 2012 in unseren prekären kleinen Projekten so alles passieren kann.

Die Geschichte dieses aberwitzigen Buches ist eine tragische. Nachdem der Autor im Jahre 1963 das umfangreiche Manuskript in nur wenigen Monaten niedergeschrieben hatte, schickte er es an zahlreiche amerikanische Verlage, in der sicheren Gewissheit, schnell einen Verlag zu finden, der das Buch auch drucken würde. Schliesslich hatte der Autor schon sehr konkrete Vorstellungen davon, was er mit dem zweifellos zu erwartenden Ruhm und Reichtum anfangen würde. Doch es kam ganz anders.

Nachzulesen ist all das in dem schönen Nachwort von Alex Capus, der »Die Verschwörung der Idioten« von John Kennedy Toole (1937 – 1969) jetzt neu übersetzt hat. In den neunziger Jahren ist der Roman unter dem Titel »Ignaz oder Die Verschwörung der Idioten« erstmals auf Deutsch erschienen. Ignaz heißt in der Neuübersetzung von Alex Capus jetzt Ignatius und der Titel kommt ohne den Vornamen seines Helden aus.

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Dieser Ignatius J. Reilly ist eine Nervensäge sondergleichen, und die Idioten sind alle anderen, besonders seine Mutter (Wenn ich mir vorstelle, dass die Kommunissen mich unterwandern…) [S. 309]. Ignatius ist fett, häßlich, hat einen Oberlippenbart und zwei verschiedenfarbige Augen, eins blau, das andere gelb. Er trägt stets die gleichen Tweethosen, Flanellhemden, eine Mütze und einen Schal. Dinge, die er als »vernünftige« Kleidung bezeichnet. Das einzige Regulativ ist sein ominöses »Magenventil«, das ihn schon mal wochenlang an`s Bett fesselt, sowie Myrna Minkoff, seine linksradikale »Freundin« aus gemeinsamen Studientagen. Myrna, die mittlerweile in New York lebt und Ignatius liefern sich einen ausführlichen Briefwechsel, der sich in der Regel in gegenseitigen Beschimpfungen und Belehrungen erschöpft. Myrna versucht Ignatius in ihren Briefen, die alle mit »Sehr geehrte Herren« anfangen, zu bekehren, endlich die gemeinsame Wohnung mit der Mutter zu verlassen und sich von ihr »befreien« zu lassen. Diese Briefe, das empfindliche »Magenventil« und die ewig keifende Mutter sind die wenigen Konstanten in Ignatius`Leben. Nun ist Ignatius niemand, der sich befreien lassen will, hält er sich doch für ein Genie (Tatsächlich entbehrt mein Wesen nicht gewisser Proust`scher Züge. [S. 56]), das allein über die seeligmachenden Ideen, wie die Welt zu retten sei, verfügt. Diese Ideen und Gedanken notiert er in unzähligen Schulheften, die den Boden seines Zimmers bedecken. Was du hier siehst, ist meine Weltanschauung. Sie muß noch zu einem Ganzen zusammengefügt werden,[...] (S. 56).

Wer sich im Besitz der alleinigen Wahrheit wähnt, will diese auch unter die Leute bringen. Getrieben von seiner Mutter, die keine Lust hat, alleine für den Lebensunterhalt sorgen zu müssen, nimmt er auch schon mal Jobs an, z.B. bei der heruntergekommenen Firma »Hosen-Levy«. Dort endet sein missionarischer Eifer naturgemäß im Chaos, er wird, nicht ohne einen verhängnisvollen Brief geschrieben zu haben, gefeuert. Die Leute waren von meiner Einzigartigkeit überfordert (S. 170). Ebenso treibt er einen Hotdog Fabrikanten in den Wahnsinn, der Ignatius mit einem Würstchenwagen durch die Straßen von New Orleans schickt. Es findet sich allerdings niemand, der Ignatius einen Hotdog abkaufen will, zumal dieser auch lieber den Wagen irgendwo abstellt und statt dessen einer weiteren Leidenschaft frönt, dem Kinogang. Freilich geht er nur ins Kino um sich lautstark über die Unfähigkeit der Schauspieler und deren moralischen Verworfenheit aufzuregen. Wo Ignatius hintritt, wächst kein Gras mehr, oder, wie Jones, der unterbezahlte Putzmann aus dem »Night of Joy« meint: Weißt du, wer die Atombombe ist? Dieser fette Spinner ist die Atombombe! Du schmeißt ihn irgendwo drauf, gleich geht alles kaputt und alle bekommenden den Fallout ab (S. 404).

Trotz allen Wahnwitzes trägt dieser urkomische Roman viele autobiographische Züge seines Autors, John Kennedy Toole. Es sollte, abgesehen von einem Jugendwerk, sein einziger Roman bleiben. Nachdem sich der Autor nicht mit dem Lektor des renommierten Verlags Simon & Schuster, der sich für das Manuskript interessiert hatte, über diverse Änderungswünsche verständigen konnte, und es so nicht zu einer Veröffentlichung kam, nahm sich der Autor 1969 durch Autoabgase das Leben. Seiner Mutter schließlich gelang es, das Manuskript doch noch bei einem Verlag unterzubringen. Ihr und einem Universitäts-Verlag, der noch nie zuvor ein belletristisches Buch veröffentlicht hatte, ist es zu verdanken, das wir diesen Schatz jetzt lesen dürfen. Und wenn wir ehrlich sind, müssen wir erkennen, dass ein wenig Ignatius in uns allen steckt.

Ebenfalls erschienen in: glanzundelend.de


Finanzwelten: Auf gute Zusammenarbeit!

In den besseren Wohnquartieren, unter Rentnern wie bei Menschen, die durch die Insolvenz getrieben werden, kennt man eine Finanz-Firma, die ihren Sitz nicht in Frankfurt hat, aber auch mit Produkten aus der Mainmetropole beschäftigt ist.  Finanzgeschäfte bestehen nämlich beileibe nicht nur aus schnellen Deals im Web und trickreichen Derivaten, sondern aus Lebensversicherungen, Beteiligungen an Immobilien, [...]

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Rettet das U-Bahn-Saufen!

Plastovy Kanystr

Bei all der Aufregung um den Euro ist tatsächlich die Verteidigung eines der erhaltenswertesten abendländischen Kulturgüter in Vergessenheit geraten, etwas das seit Jahrhunderten Bindeglied und Fixpunkt europäischer Kultur war: Das öffentliche Besäufnis.
Was waren das früher für herrliche Zeiten gewesen, als mir ein Arbeitskollege nach einem Aufenthalt in Tschechien literweise billigen Absinth mitgebracht hat?

Er hatte aus Angst eventuell doch in eine Polizeikontrolle zu geraten, den guten Tropfen in einen Plastikkanister abgefüllt, auf dem, sehr zu unserer Begeisterung, der Schriftzug „Plastovy Kanystr“ (oder so ähnlich- keine Ahnung mehr, wie man das richtig schreibt) mit einem internationalen Symbol, welches vor Brandgefahr warnt, aufgedruckt war.
„Plastovy Kanystr“ (von meinen Freunden ehrfurchtsvoll „El Canistre“ genannt) und ich hatten eine Menge Spaß zusammen. Einmal begleitete er uns auf einer U-Bahnfahrt irgendwo in der U123 zwischen Südbahnhof und JWD.
Zufälligerweise hatten wir auch Gläser, Eiswasser, Absinthlöffel und Zuckerwürfel dabei und so konnten wir unseren Absinth vor den Augen der staunenden Fahrgäste entflammen, genüsslich zuschauen, wie karamellisierter Zucker ins Glas tropfte, das Ganze dann mit Eiswasser aufgießen und trinken.

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Plan zur systematischen Wegirrationalisierung des Geistes in 5 Schritten.

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Fangfrage aus dem Bereich Bibliothekswesen:
was tun, wenn man Platz braucht?

Antwort:
alte Bücher wegwerfen. Liest ja eh keiner.

Doch zunächst eine kleine Vorgeschichte: eine nicht näher genannte Hochschule. ZOOM. Irgendwo in Mitteldeutschland. ZOOM. In einer Stadt am Main, in der auch der Namensgeber der Hochschule einst in seine Windeln machte. ZOOM
ZOOM. Institut für Slavische Philologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

Naja, zu konkret. Und Konkretsein is the new kitsch. Denn so etwas passiert bundesweit, täglich, jährlich, immer. Nicht Einzelfall, sondern Regel.

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Politischer Klezmer-Punk in der Brotfabrik

Am Donnerstag Abend endete in der Brotfabrik ein ungewöhnlicher Auftritt mit der Aufforderung des Band-Chefs: „und verlasst nicht euren verlorenen Posten“! Nach zweieinhalb Stunden einer Musik, die furios quer durch Klezmer, Punkrock und deutsche Kinderlieder raste, zurrte Daniel Kahn damit das Band für das ganze Konzert, für seine Gruppe „The Painted Birds“ fest. Sie zeigte uns nämlich eindrücklich, dass sich politische Artikulation in die künstlerische einweben lässt, ohne gleich in langweiligen Agit-Prop Sound zu verfallen.
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Kongreß: „Wem gehört Frankfurt?“

Aufruf zur aktiven Beteiligung am Aktionistischen Kongress

„Wem gehört Frankfurt?“

am 16.-18. März 2012
in den Räumen des Studierendenhauses
koordiniert aus dem Netzwerk „Wem gehört die Stadt?

Begründung
Steigende Mieten als Folge des neuen Mietspiegels, Flughafenausbau und Fluglärm, Großprojekte wie EZB-Umzug, Europaviertel und Kulturcampus, Aufwertungs- und Verdrängungsprozesse in Bockenheim, Innenstadt, Ostend, Gallus und anderswo, teilweise unter Beteiligung öffentlicher Wohnungsbaugesellschaften … Entwicklungen in der Global City Frankfurt, die im Kontext der globalen Finanz- und Wirtschafskrise betrachtet werden müssen, die mittels „Bankenrettung“ zur Schuldenkrise öffentlicher Haushalte gemacht wurde. Es ist an der Zeit die Frage „Wem gehört Frankfurt?“ erneut anzugehen. Der Aktionistische Kongress bringt Gruppen, Initiativen und Individuen zusammen, um die genannten und andere Entwicklungen in Frankfurt und Rhein-Main zu analysieren, zu diskutieren, zu kritisieren und um sich zu organisieren.

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Occupy Frankfurt darf weiter campen!

Die Erlaubnis für das Camp vor der EZB war nur bis zum 26. November gültig. Faktisch befand sich das Zeltlager im Bankenviertel deshalb in einer illegalen Schwebe. Aber so eng sah es auch das Frankfurter Ordnungsamt nicht, holte Occupy wieder runter in die Legalität und verlängerte die Campiererlaubnis bis zum 10. Dezember.
Bei der zunehmenden Kälte [...]

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Eine ästhetische Analyse von “KulturCampusFrankfurt” anhand einiger Elemente dieses einzigartigen Gesamtkunstwerks. Teil 2: Web.

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Eine ästhetische Analyse von “KulturCampusFrankfurt” anhand einiger Elemente dieses einzigartigen Gesamtkunstwerks. Teil 1: Print.

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Entwicklung eines jeden Kunstwerks braucht seine Zeit. Goethe schrieb an seinem Faust sein Leben lang. Kurt Schwitters arbeitete an seinen MERZ-Bauten ebenso bis zu seinen letzten Tagen. KulturCampusFrankfurt, ein multimedielles Kunstprojekt der Stadt Frankfurt, mit freundlichen Unterstützung des Mäzens ABG Frankfurt Holding, geht auch voran: die Stadt ist noch da, und ABG Holding ebenso.

Des Weiteren ist es wichtig, anhand einiger Beispiele die Einzigartigkeit dieses Projektes zu betonen – heute nehmen wir unter die Lupe die symbolische SelbstDarstellung als Print sowie gesellschaftliche SelbstDarstellung als Web.

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Kafka strikes back: The BirdBase

Kafka wird gehackt.
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Kafka gefällig?

Gibt’s genug: die Schulen in Deutschland und Österreich erhalten derzeit in grossen Mengen die Neu-Ausgabe des Meisterwerkes “Das Schloss” von Kafka.

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Medienakademie LiMA 19./20 November in FFM zur Gegenöffentlichkeit mit FGZ

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Am 19. und 20. November 2011 findet an der Fachhochschule Frankfurt die Zweite LiMA (Linke Medienakademie) Regional statt. Die LiMA Regional steht, genauso wie Ihre große Schwester im März in Berlin, unter dem Hauptmotto “Druck machen – Gegenöffentlichkeit selber herstellen”. Es gibt 15 Workshops rund um’s Thema Gegenöffentlichkeit von “Rhetorik” über “Videoaktivismus” bis “Kampagnenplanung” und “Einführung in das journalistische Schreiben”. Damit sollen eine Plattform und ein Forum in Hessen geschaffen werden, dass hilft, sich besser zu vernetzen. Medienpartner sind u.a. Der Freitag, die Tageszeitung u. Le monde diplomatique. FGZ-Autor u. -herausgeber Bert Bresgen bietet einen Workshop an zum Thema “Öffentlichkeitsarbeit vor Ort”, in dem er u.a Aktionen des Netzwerkes “Wem gehört die Stadt” thematisiert. Außerdem sitzt er am Samstag Abend von 18.30 – 20 Uhr auf dem Podium und diskutiert mit Carmela Mudulu (Deutsche Journalistenunion) , Jens Berger (Spiegelfechter/Nachdenkseiten, angefragt), Tino (occupy Frankfurt), u. Hans Christian Vogt (Hrsg. Handbuch Soziale Bewegungen und Social Media) über “Gegenöffentlichkeit in der Praxis”. Die Moderation hat Wolfgang Storz. Es geht in der Diskussion um die Frage, inwieweit der Siegeszug des Internets für linke AktivistInnen neue Chancen schafft, eine Gegenöfentlichkeit her zu stellen. Welche Ansätze gibt es, wo sind die Grenzen? Vor welchen Stolperfallen muss man sich hüten? Das Spektruim reicht von Stadtpolitik, der Occupy-Bewegung bis hin zu sStadtpolitik im Betrieb. Die Tickets für die Akademie kosten standardmäßig für zwei Tage 15 Euro, als Förderung 25 Euro, ermäßigt 5 Euro. Weitere Infos: hier
Zum Programmüberblick bitte weiterlesen.

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Eine Event-Bürgermeisterin für Frankfurt

Das “Gobal City Event” an die Macht, so könnte man die neuste Kandidatinnen-Ankündigung für die Roth-Nachfolge auch überschreiben !
Vielleicht ist es der richtige Weg, eine Spezialistin für Event-Konzeptionen, Kultur-Marketing und Sponsoring im Römer als Oberbürgermeisterin sitzen zu haben. Auf diese Weise lässt sich die Stadt eventuell im internationalen Wettbewerb der “Locations” besser entwickeln. Schließlich brauchen [...]

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Occupy Frankfurt, 2011.10.29. Fotos

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Impressionen von der Buchmesse

Frankfurt: auf dem Weg in die voll digitalisierte Gesellschaft ?

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Occupy Frankfurt: Video

Occupy Frankfurt
15. Oktober 2011.

Video von Merzmensch
Mitarbeit von Aylin Karacan

s. auch Fotogallerie.

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Occupy Frankfurt

Occupy Frankfurt
15. Oktober 2011
Fotos von Aylin Karacan

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“Straßenabitur”- Leistungskurs Verschwörungstheorie

Annuit Coeptis

Wer einmal in letzter Zeit mit Leuten gechilled hat, die mehr “streetwise” als “schoolwise” sind, die zwar ihre Realschule mit Ach und Krach geschafft haben, aber dafür das „Staßenabitur“ mit einer glänzenden Eins bestanden haben, dem fällt folgendes auf:

Diese Jungs und Mädels entwickeln eine ungeheure Affinität zu Verschwörungstheorien bis zu dem Punkt, dass sie ihr „Wissen“ über die „Weltverschwörung“ ernsthaft für Bildung halten.

Ich mache mir in Diskussionen mit diesen Leuten gerne einmal den Spaß, mich diesen Theorien parodistisch-analytisch zu widmen und bin inzwischen so weit darin fortgeschritten, dass es mir nun möglich ist, diese unter Verwendung einfacher Schemata in quasi beliebiger Varianz zu reproduzieren.

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Als wir noch dünner waren standen wir uns näher

(…) Als wir noch dünner waren standen wir uns näherUnd hatten Liebe anstatt Bratensaft im Blut (…)
(Auszug aus “Als wir noch dünner waren, standen wir uns näher”)

Kann denn eine zusammenbrechende Beziehung zweier Menschen – einst ineinander verschossen und nun auf dem Weg zur Trennung – wortgewandter, spielerischer, gewitzter erzählt werden, als in diesem Lied von Georg Kreisler?

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Manifeste zum Recht auf Stadt

The right to the city is like a cry and a demand (…), a transformed and renewed right to urban life“ (Lefebvre).

Die Forderung nach einem „Recht auf Stadt“ scheint aktuell den Kern von Protesten gegen Stadtentwicklungsmaßnahmen zu treffen. Zahlreiche Initiativen versammeln sich hinter diesem Anspruch. Die berühmtesten Beispiele sind in Frankfurt, Freiburg, Berlin und vor allem in Hamburg zu finden. Auch das Manifest der Initiative „Not In Our Name, Marke Ham­burg!“ fordert das „Recht auf Stadt“.

Recht auf Stadt - Fahne

Diese Formulierung geht auf den französischen Philosophen Henri Lefebvre zurück. Als Reaktion auf eine „Krise der Stadt“ in der Industrialisierung entstanden, kann man Recht auf Stadt bei Lefebvre als “Recht auf den Nichtausschluss” von den Qualitäten der urbanisierten Gesellschaft“ zusammenfassen.

Durch den Vergleich des Manifests „Not In Our Name, Marke Ham­burg!“ mit Lefebvres Ausarbeitungen soll im Folgenden geklärt werden, ob dort seine Inhalte übernommen werden und inwieweit das Berufen auf ihn gerechtfertigt ist. Es zeigt sich, dass zwar das Schlagwort, aber nicht der systemkritische Anspruch Lefebvres übernommen wird.

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Medienkompass: “Kapitalismus lieben”

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Wider das „geistige Eigentum“- Für die Abschaffung des Urheberrechtes an künstlerischen Werken

Eigentum ist die Zuordnung einer Sache zu einer Person, die dieser Person einen sehr umfassenden Anspruch an dieser Sache einräumt.
Dieses Eigentumsrecht besitzt in unserer Gesellschaft eine wichtige Funktion, den sozialen Frieden in der Frage herzustellen, wer über eine Sache das Verfügungsrecht hat. Dies ist durchaus notwendig, da viele Dinge in ihrer Nutzung exklusiv sind und gleichzeitig nur von einer oder einer begrenzten Anzahl von Personen genutzt werden können.
Wenn ich einen Apfel gegessen habe, so kann ihn kein anderer mehr Essen. Wenn ein Auto von Frankfurt nach München fährt, kann das selbe Auto nicht gleichzeitig nach Berlin fahren.
Es ist daher für eine Gesellschaft notwendig auszuhandeln, wer über das jeweilige Gut bestimmen darf und hierzu verbindliche Absprachen zu treffen.

Völlig anders verhält sich die Sache beim sogenannten “geistigen Eigentum”. Wenn ich ein Lied singe, so verliert dieses Lied nicht dadurch an Qualität für mich, dass es gleichzeitig ein Anderer singt.
Wenn ich eine gute Idee habe, so wird diese Idee nicht dadurch kleiner, dass ein Anderer diese Idee ebenfalls hat.
Man wird also eingestehen müssen, dass das Urheberrecht sich im Wesen sehr grundlegend von dem Eigentumsrecht an einer Sache unterscheidet. Eine Idee oder ein Lied kann niemand im eigentlichen Sinne besitzen, vielmehr geht es um das gesetzlich verbriefte Recht, als einziger Kapital aus einer Idee schlagen zu können.
Und es geht auch darum, alle Nutzungsmöglichkeiten zu unterbinden, an denen der Rechteinhaber keine Gewinne erwirtschaftet. Oft ist hierbei der Schöpfer des Werkes gar nicht selbst der Inhaber, da er sein Urheberrecht oft vertraglich bereits vor Schaffung des Werkes abtreten musste.
Das Urheberrecht stärkt die Rechtsposition seines Inhabers gegenüber einer undefinierten Zahl anderer potentieller Nutzer der Idee. Die Rechte der Letzteren hingegen, werden gegenüber dem Rechteinhaber eingeschränkt.
Um aber das Recht von Vielen im Sinne eines Einzelnen zu beschränken, braucht es schon gute Gründe.

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Herrschaft der Narren

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Das Leben in einer Epoche medialer Blödheit.
Über die treffende Gegenwartsbeschreibung »Blödmaschinen« von Markus Metz & Georg Seeßlen

»Die welt jnn üppikeyt is blynt / vil narren / wenig wyser synt.« (Sebastian Brant: Das Narrenschiff, 116)

Die Ökonomie, schrieb Guy Debord in der »Gesellschaft des Spektakels« 1967, verwandle die Welt in eine Welt der Ökonomie; in eine Welt der Pseudoereignisse und Dramatisierungen, in der das Bewusstsein immer zu spät komme. Diese Welt wird inzwischen von glücklichen Narren bewohnt, die ohne Sinn für Geschichte dahinleben. Alte Wahrheiten entdecken sie auf diese Weise immer wieder neu. Sie werden in Tortengrafiken aufbereitet, in tabellarische Halbsätze gezwängt oder als wortlose Statistik präsentiert. Mit Hilfe von Vokabeln wie Story-telling und Rocket Science lässt sich fast zweieinhalb tausend Jahre nach Aristoteles konstatieren, der Mensch sei eigentlich ein soziales Wesen.

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Internationale GeographInnen verabschieden Resolution

Campus Bockenheim soll ein Ort für alle bleiben
Anlässlich der 6. International Conference of Critical Geography (ICCG), die vom 16. bis 20. August 2011 an der Goethe-Universität Frankfurt stattgefunden hat, haben 450 WissenschaftlerInnen aus über 30 Ländern eine Resolution verabschiedet, die sich für den Erhalt und die Entwicklung des Campus Bockenheim als einen öffentlichen und demokratischen [...]

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Theater im Stadtraum: Antagon am Goetheplatz

Bevor die schreckliche Fest-Event-Saison für den Speckgürtel beginnt (Museumsufer, Main, Berger etc) haben die Theatergruppen um Antagon das Festival der Weseler Werft unter den Bankentürmen eröffnet: an diesem Börsencrash-Freitag kam das gerade richtig!
Wie immer bei diesem Festival der freien Gruppen (das 10. Jahr) ging es nicht ohne Regen ab. Man kam trotzdem am Main-Schiff an.

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Das Attentat und die Medien

Der Attentäter

Der Attentäter von Norwegen : Fiktion (l.) und Realität (r.)

Fast wäre das Attentat in Norwegen an mir “vorbeigegangen”. Ich war für eine Woche in Urlaub ohne Zeitungen und ohne Netz. Erst zwei Tage nach dem Attentat las ich auf Spiegelonline über das Attentat und den Attentäter, einen Norweger der aus Abscheu vor dem “Kulturmarxismus” und der liberalen Politik seiner Regierung gegenüber Migranten, insbesondere Moslems im Regierungsviertel gebombt und ein Blutbad in einem Jugendlager der norwegischen Sozialdemokraten angerichtet hatte. Am Tag danach fuhr ich von Leipzig nach Frankfurt, hörte einen Popmusiksender und wunderte mich, dass in keiner der halbstündigen Kurznachrichten von den Motiven des Attentäters die Rede war. In den längeren Berichten der Infosendungen wurde durchaus darüber berichtet, aber nicht in den Kurznachrichten , die auch die Masse der politisch Uninteressierten hört.Weder wurde die Begründung für die Tat erwähnt, noch dass das Sommercamp von der sozialdemokratischen Partei veranstaltet wurde.Es war lediglich von einem “Sommercamp für Jugendliche” die Rede. Jeder Sender betreibt “selektive Wahrnehmung”, das ergibt sich schon aus Gründen der Zeitökonomie. In vier Minuten gibt es nur “das wichtigste”, bzw. das, was die Nachrichtenredaktion dafür hält. Offenbar gehörten die Motive des Täters nicht dazu. Ich behaupte: hätte ein “Islamist” diese Tat begangen, hätte man genau dieses Wort als Marker in den Kurznachrichten verwendet oder von einem “islamischen Hintergrund” gesprochen, um dem Zuhörer die Einordnung zu geben. Hier hingegen wurde nicht von einem “Antiislamisten”, einem “antiislamischen

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Medien-Kompass – öffentlich-rechtliche Helden

Nun hören wir seit Jahren Klagen darüber, dass öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Fernsehen und Radio ihren Pflichten nicht mehr nachkomme und nur noch nach Quoten jage, gleichsam etwas wie den Ort der großen “Medien-Mitte” einzunehmen wünsche.

Das zentrale Klima der Medien-Mitte sei nun die Quote, die Einschalt- oder Zuhör-Währung, nach der sich alle “Formate” zu richten hätten. Die “Privaten” machen das vor: Casting, Talking, Soap und Blockbuster sind die netten Brandings einfältiger aber aufregender Media-Events. Man muß für das Zuhören und Zusehen dort auch nichts direkt bezahlen, kann ein paar schöne Ads mitkriegen und den Produktpreis zahlen eh alle.

Einvernehmen: die Mitte ist das Blöde und das verheißt viel Quote, alo Knete. So lernt man das auch bei denen, für die man direkt zahlen muß, und die deswegen einen “Bildungsaufrtrag” haben, etwa so etwas, wie man es von der “4. Gewalt” im “demokratischen-parlamentarischen Gemeinwesen” erwarten sollte.

So brachte es ein Heldentrupp von “Aspekte” zustande, quasi als dumpfer Schutz pensionierter deutscher Blödheit:

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Japanische Panzer

Wir leben gerade in der Jahreszeit, zu der das deutsche öffentlich-rechtliche Fernsehen seine seichten Unterhaltungsformate auf Dauerangriff mit endlosen Sportübertragungen umschaltet. Nicht nur das: seit Jahr und Tag garnieren solche Events Fans mit öffentlicher Deutscher Karnevals-Beflaggung. Dem Optimisten wird während solcher Ereignisse wie Weltmeisterschaften klar, dass im Bekanntenkreis mehr als gedacht ihren eigenen Beitrag zum [...]

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Medien-Kompass – anregende Kreisläufe


Ka-Ching – Shania Twain – MyVideo

Ja, wir wissen dass die großen Medien (”der Mainstream”) und die Politik ganz enge Allianzen eingehen. Die Berliner “Elitejournalisten” in Mitte betreuen ähnlich wie die viel größere Schar der Lobbyisten die Abgeordneten und die Parteiarbeiter bis in die Kuschelkneipen hinein. Man arbeitet eng zusammen, verwendet die gleichen Sprüche und will Effekte erzeugen. Effekte bringen Geld, viel Effekte bringen hier viel Geld. Deswegen wusste der greise Polit-Gott Helmut Schmidt schon früh, dass man in Deutschland nicht gegen “Bild” regieren kann.
Der grandiose Robert Murdoch betrieb das Effekthaschen in England besonders intensiv, hörte Tausende ab, bespitzelte so gnadenlos, wie es sonst nur staatliche Institutionen machen. Sein Abhörchef wurde – wie medial ärgerlich für die englische Regierung – zum Pressechef beim Premierminister: da weiß man was man hat und kann.

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Medienkompass – Kriegserklärungen

Nein, es geht jetzt nicht darum, dass das friedliebende Deutschland, das genötigt von Marktgesetzen gern Rüstungs-Exportweltmeister werden möchte, einem Verteidiger unserer Freiheit gerade einen Haufen Anti-Terror-Panzer vertickert. Auch nicht darum, dass diese Fahne der Freiheit im feudalistischen Saudi-Arabien weht.

fadenkreuzNein, es geht um das Gegenüber dieser nahöstlichen Freiheits-Zitadelle und ein Fadenkreuz das von Ferne auf das Land Iran zielt.

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Shortcuts I – Stevenson, Chesterton & Hemingway

Zur Urlaubszeit mal einen längeren Text lesen? Dafür bieten wir euch ein paar Besprechungen bemerkenswerter Bücher an.

Robert Louis Stevenson – Das Licht der Flüsse. Eine Sommererzählung

In den letzten Jahren erlebt Robert Louis Stevenson auch im deutschen Sprachraum eine Renaissance, oder, um es präziser zu formulieren, eine Neuentdeckung. Eindrucksvoll zeigt sich, daß er viel mehr ist als „nur“ der Autor der Schatzinsel und der Erzählung von Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Vieles wurde erstmals übersetzt, und jedes Buch ist seine Entdeckung wert.

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Die Verwirrungen des Herrn Wolffsohn – wie man gezielt Unruhe stiftet

Der vermeintliche natürliche Gegensatz – Juden als Feinde der Linken – ein Pharisäer der Mitte – Historiker auch noch

Manchmal befällt mich während einer Lektüre das kalte Grauen. Es fällt mir dann schwer zu glauben, das Geschriebene könne nicht von einem pubertierenden Comedian oder aus der Feder eines esoterischen Verschwörers stammen, der seine Einsichten direkt aus der dunklen Materie zieht.

Nun gibt es aber Themen bei denen stockt mir etwas der Atem, wenn ich auf derartige Beiträge stosse, weil ich denke, dass hier ein Fanatismus tobt, der vor nichts Halt macht, sobald er sich ausleben darf. Dass es dabei auch um so etwas wie intellektuelle Redlichkeit geht, ist momentan durchaus nicht selbstverständlich, wie uns fast täglich vorgelebt wird.

Ein herausragendes Beispiel für das , was am Rande des Erträglichen sich bewegt, hat Herr Wolffsohn (seines Zeichens Professor für neuere Geschichte an der Bundeswehrakademie) in der Financial Times Deutschland abgeliefert, dessen Redlichkeit immer weiter hinter den propagandistischen Zweck zurückfällt.

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