Frankfurter Gemeine Zeitung

Buchbesprechung

Donnerstag, 12. Okt. ’17, Frankfurt/M.: Lesung “Wenn arme Leute sich nicht mehr fügen…!”

Wenn arme Leute sich nicht mehr fügen…!
Bemerkungen über den Zusammenhang von Alltag und Protest


. Frankfurter Arbeitslosenzentrum, AG-SPAK Verlag

. Lesung unter Verwendung von Videomaterial mit Harald Rein
. am Donnerstag den 12. Oktober 2017 um 19 Uhr
im FALZ, Friedberger Anlage 24

 

Erwerbslose/arme Menschen und ihr Widerstand in Deutschland haben in der Geschichte eine größere Rolle gespielt als allgemein bekannt ist. Es kann von einer langen Traditionslinie aktiver Auflehnung gesprochen werden.

Arme Leute sind gezwungen, ihren Protest und ihre Selbstbehauptung in unterschiedlicher Form auszutragen. Ihre Repräsentanz findet sich nicht in Parteien und Institutionen wieder, in sozialen Bewegungen finden ihre Ansprüche wenig Gehör. Im Buch geht es darum, warum der Protest von Erwerbslosen/armen Menschen kleingeredet oder im Verborgenen gehalten wird und wie sich Erwerbslose/arme Menschen in verschiedenen geschichtlichen Zeitepochen gegen ihre Situation wehrten oder wehren und schließlich welche politischen Konsequenzen sich aus diesen Erkenntnissen ergeben.


Hinsehen mit leichtem Schauern: Wegsehenswürdigkeiten in Frankfurt

Das kleine Frankfurt ist stolz darauf, sich als einzige deutsche Stadt zu den „Alpha Cities“ der Welt zählen zu dürfen, auf der Liste steht es gar noch vor Addis Abeba. Das ist in Ostafrika, in der Nähe des Ursprungs der Menschheit, hat dreieinhalb Millionen Einwohner oder ein, zwei Millionen mehr.

Frankfurt ist bloß in Hessen, sehr weit weg von menschlichen Ursprüngen, eher bekannt wegen zweier hochmoderner Installationen. Sie sind die Ursache der meisten Aufenthalte am Main, ausserhalb des Stadtgebiets oder weit weg von der Stadt gelegen. Es sind unansehliche Transitorte, die Daten, Flieger und vieles andere dazu auffordern, Frankfurt möglichst schnell zu verlassen: nämlich die Deutsche Börse AG in Eschborn und der Fraport hinter dem Stadtwald.

Die Stadt, die neben dem DAX gelegentlich noch gedruckte Bücher zelebriert, und aus der eine „negative Dialektik“ des Philosophen Adorno stammt, kann damit elegant umgehen. Aus ihr wird jetzt sogar ein Buch zu „Frankfurter Wegsehenswürdigkeiten“ angeboten, deren buchstäbliche Negative Dialektik zu beschreiben eine Phalanx von 40 Autor*innen in, vor und neben der Stadt aufmarschiert.

Stefan Geyer und Jürgen Roth, selbst zwei alte Frankfurter Buchprofis, bewegten Eckhard Henscheid und Eva Demski, Andreas Maier und Oliver Maria Schmitt und viele andere mehr, uns mit voller Verve zu offenbaren, wie Frankfurt ein ganz neues Alleinstellungsmerkmal im Städtewettbewerb kultiviert: und zwar bemerkenswerte Orte und Dinge am Main, bei deren Vorstellung sich empfindsamere Bewohner wie unter Schmerzen zu winden beginnen.

Und davon gibt es eine Menge neben Eisernen Steg und Senckenberganlage, Römer und Museumsufer, denen sich das Buch mit kleinen Essays oder Parabeln, historischen Erinnerungen und Gedichten behutsam nähert, garniert mit aktuellen Fotos, die das Grauen in wohliges Schaudern übersetzen.

Mit Wegsehenswürdigkeiten sind altgediente Plätze wie der Roßmarkt und die B-Ebene an der Hauptwache gemeint, oder wirklich sinnfreie Neuanlagen wie das Europaviertel und die Hansaallee, die Gestaltungsideen der schwarz-grünen Kommune einigermaßen plastisch machen. Dabei bleibt es nicht, denn Frankfurt geriert sich stadtpolitisch recht kreativ, wenn es um schlichtes Aufsehen geht. Klar, wer vor der neuen EZB auf alter Industriebrache in eine Gastwirtschaft „am Fluß“ möchte, bekommt bloß ein hohles Abziehbild von Öffentlichkeit, das zwischen Türmen aus Eigentumswohnungen und ausgestopftem Werkkran ein unvermeidliches Publikum besetzt. Der Befund versteht sich vor diesem Stadtpanorama ganz von selbst. Aber es hat was, eben würdig zum Wegsehen.

Überhaupt die Kneipen, die Touri Locations, in denen der legendäre Apfelwein in gerippten Gläsern ausgeschenkt wird: grundmuffige Kellner oder erfrorener Handkäs bis zum Abwinken beleben Aufenthalte erst richtig. Die Autoren zeigen uns einige echte Highlights solchen Lokalkolorits. Beim Sightseeing (gerne mit Bus- oder Rikschakopien aus echten Großstädten) kommen wir gewöhnlich noch an Schlipsskulpturen und MyZeils vorbei. Sie bieten uns Nichtorte, die den Mutterwitz eines Consultants von McKinsey verkörpern, also schrecklich wenig.

Mit anderen Worten, das Büchlein transportiert tatsächlich viel dessen, was das Klima in der Stadt, am Boden, auf dem Bürgersteig und dahinter jetzt, im Jahre 2014 ausmacht, in dem Frankfurt am Main, dessen bekanntes Institut für Philosophie direkt neben dem House of Finance residiert, und für dessen Studierende als Horizont bloß noch das Bankenviertel fungiert.

Deshalb muß es nicht beim ersten Panorama stehen bleiben, das Potential Frankfurter Wegsehenswürdigkeiten ist gewaltig. Dem Schlußwort der Autoren der sensiblen Untersuchung möchte ich bedenkenlos zustimmen: „In diesem Sinne fehlen hier halt doch zumindest die Grie Soß´, die Frankfurter Grünen und die Grünschnäbel in der seit geraumer Zeit dito grausigen Gerbermühle.“

Frankfurter Wegsehenswürdigkeiten, 223 Seiten, 14,90 Euro, Verlag Waldemar Kramer, Wiesbaden 2014

 


“Briefe eines reisenden Franzosen” – Interview zu einer Kostbarkeit aus der Aufklärung

Hans Sarkowicz, Sie haben gemeinsam mit Heiner Boehncke einen Schatz aus der Zeit der Aufklärung gehoben: Johann Kaspar Riesbecks Briefe eines reisenden Franzosen. Zuerst einmal, wer war dieser Riesbeck? Ich habe im Zusammenhang mit ihm die schöne Charakterisierung „Temperamentshitze“ kennengelernt.

Ich glaube, daß er etwas ungestüm war. Heute würde man ihn sicher mit dem Etikett hyperaktiv versehen. Er nahm kein Blatt vor den Mund und eckte entsprechend an, zunächst in Mainz, wo er sich mit einem Domherrn um eine Frau prügelte und dann auch in Zürich. Dort war er der erste Redakteur der neugegründeten „Zürcher Zeitung“ und machte sich im Blatt über den französischen Hochadel lustig. Das schmeckte dem französischen Gesandten nicht, der über beste Kontakte zur Stadtregierung verfügte. Und so musste Riesbeck gehen. Die Charakterisierung „Temperamentshitze“ stammt übrigens von seinem Freund und ersten Biographen Johann Pezzl. Und der muße es wissen.

Riesbeck ist ein ungemein neugieriger Mensch. Ihn interessiert alles. Vor allem die Menschen. Das hat wohl viel mit seiner Art des Reisens zu tun.

Riesbeck reiste zu Fuß, in der Kutsche und auf dem Schiff, immer gemächlich und genau beobachtend. Was er sah, hörte und worauf er sich einen Reim machten konnte, das schrieb er auf und wurde dann zur Grundlage seiner „Briefe“.

Es gibt wunderbar geschilderte, pralle Szenen. Ich denke an die Wirtshausschlägerei in Bayern (mit Pfarrer). Oder auch das „Interview“ mit einem renitenten Strafgefangenen, der wegen moralischer Standhaftigkeit gegen eine bestimmte Art von christlicher Zwangsrekrutierung unendlich lange eingebuchtet wurde. Das ist doch fast schon moderne Reporterarbeit.

Wir glauben fest, daß Riesbeck ein Pionier des Reisejournalismus und der journalistischen Recherche überhaupt ist. Riesbeck begnügte sich nicht mit Buchwissen, sondern fragte nach, interviewte Menschen und vor allem: er hörte genau zu. Ein Charakteristikum seiner „Briefe“ sind diese Rechercheergebnisse seiner Feldforschungen.

Das damalige Deutschland ist ein Flickenteppich. Der Spätabsolutismus dominiert. Und doch gibt es Unterschiede in der Art des Regierens. Riesbeck, der kein Revolutionär war, sondern ein radikaler Reformer, schaut sich die Verwaltungen, die wirtschaftlichen Verhältnisse, die Justiz und das Schulwesen immer genau an. Und hat für den Herrscher, der es seiner Ansicht nach verdient hat, durchaus Lob übrig. Die Verschwender, die glauben, das Volk sei für sie da, nicht umgekehrt, sie bekommen gehörig ihr Fett ab.

Es hat schon seinen Grund, daß die beiden Brief-Bände anonym erschienen. In Deutschland waren sie sofort ein Bestseller. Es gibt zahlreiche, fast durchweg positive Besprechungen. Für die aufgeklärten Schriftsteller und Publizisten waren die zum Teil harschen Beschreibungen ein gefundenes Fressen. Weil sie so in Deutschland nicht schreiben durften, zitierten sie in ihren Rezensionen ausführlich aus den „Briefen“. Riesbeck nahm, wie gesagt, kein Blatt vor den Mund. Er verteilte Lob und Tadel im Übermaß und dürfte sich viele Feinde gemacht haben. Wir haben vieles von dem, was Riesbeck behauptet, nachprüfen können und wissen: Er hat sehr gut recherchiert. Seine Urteile sind fundiert, auch wenn wir sie heute nicht in jedem Fall teilen.

Was Riesbeck überhaupt nicht abkann und seine Spottlust aufs Schönste provoziert, ist die Bigotterie, die sexuelle Doppelmoral seiner Zeit.

Das schien ihm einen besonderen Spaß gemacht zu haben: die Entlarvung der bürgerlichen und adligen Doppelmoral. Prostitution, Ehebruch, vorehelicher Sex, die erotische Libertinage an den Höfen, aber auch die Wiener Keuschheits-Kommission und die Zensur unter Maria Theresia sind Themen, die ihn ganz besonders interessieren. Reden und Handeln waren damals meilenweit voneinander entfernt. In dieser klaffenden Lücke fand er immer wieder Stoff für seine satirischen und teilweise bitterbösen Bemerkungen.

1783 sind seine Briefe in zwei Bänden in Zürich erschienen. Riesbeck wendet einen alten Trick an. Der anonyme Herausgeber will die Texte eines nur ihm bekannten Franzosen übersetzt haben. Die Briefe wurden ein europäischer Bestseller. Dann gerieten sie in Vergessenheit. Auch wenn später Auszüge daraus noch mal zu Verkaufsschlagern wurden.

Vor allem die Städte- und Landschaftsbeschreibungen aus den „Briefen“ sind in den letzten zweihundert Jahren immer wieder nachgedruckt worden. Seine politischen und gesellschaftspolitischen Beobachtungen fanden dagegen kaum Beachtung. Im Internet steht seit einigen Jahren eine Fassung, die aber relativ freizügig mit dem Urtext umgeht und auch nicht ganz vollständig ist. Außerdem hat man den doppelten Spaß beim Lesen, wenn wichtige Passagen kommentiert werden. Wir haben uns deshalb für eine vollständige und kommentierte Fassung entschieden und sie mit zahlreichen zeitgenössischen Illustrationen versehen.

Hans Sarkowicz, leitet das Ressort Kultur, Bildung und künstlerisches Wort in der Kulturwelle hr2. War Mitinitiator u.a. des Projekts „Literaturland Hessen“, des „Hörkanons“ von Marcel Reich-Ranicki und der hr2-Hörbuch-Bestenliste. Zahlreiche Bücher zu historischen, kulturgeschichtlichen, aktuell-politischen und regionalen Themen.

Johann Kaspar Riesbeck, Briefe eines reisenden Franzosen, Herausgegeben von Heiner Boehncke und Hans Sarkowicz, Berlin 2013, Folio Sonderband in der Anderen Bibliothek, zahlreiche Abb, 681 Seiten, geb., 99 €.


Mietenwahnsinn – Rezension eines Buchs zur Lage in unseren Städten

Andrej Holm, Stadtforscher und Aktivist in Berlin hat eine kleine Monographie herausgebracht, in der er die Zusammenhänge von Finanzialisierung, Verdrängung, die Rolle der Politik und kommunaler Verwaltung und die Situation der Mieter*innen hierzulande sehr verständlich schildert. Er beschreibt die grundlegenden Prozesse – und wer diese Zechen alle bezahlt.

Das Büchlein wendet sich vor allem an die „Betroffenen“, wobei sich dieser Kreis, so beschreibt er sehr eindringlich, nicht wirklich eingrenzen lässt. Die Palette der angewandten Taktiken ist breit gestreut, der Grund und das Ziel ist immer gleich.

Ihr Boom ist unsere Krise

Dies ist das Leitmotiv, denn die Beschreibung der verschiedenen Ebenen und ihres Ineinandergreifens macht klar, dass wie immer man die gegenwärtige Entwicklung auch wendet, es schlicht auf Kosten der Letzten in der Schlange geht und das sind eben die Mieter*innen. Umso mehr als Prozesse wie Vertreibung keine Exzesse eines ansonsten zur Wohlfahrt für alle orientierten Markt-Prozesses sind, sondern notwendige Voraussetzungen, damit dieser Prozess überhaupt Fahrt aufnehmen kann.
Eben weil Wohnungen in umfassender Weise deshalb interessant sind, da die damit verbundenen Profite (Renten, Zinsen) so eminent über anderen Investitionen liegen. Weil ihre Besonderheit und die damit verbundenen politischen Regelungen, die diese Profite garantieren, für die meisten von uns nicht umgangen werden können, sie zur Ware unter anderen geworden sind, bedeuten diese lukrativen Geschäfte, dass sich die Situation mit jedem Neubau, der auf dem „freien“ Markt geschieht nicht verbessert, sondern viele von uns tiefer in existenzielle Nöte stürzen muss.

Gerade weil die Verwertungschancen so prächtig sind in deutschen Grossstädten bedeutet dies für viele von uns gute Chancen, in den nächsten Tagen eine Kündigung im Briefkasten vorzufinden. So ist das Ableben eines alten Hausbesitzers, der noch Wert auf gute Nachbarschaft legte, ein Warnzeichen und mit grosser Wahrscheinlichkeit der Auftakt, auf Wohnungssuche gehen zu müssen.
Holm beschreibt sehr detailliert, dass das Mantra „Bauen, bauen, bauen“ Bestandteil des Problems ist, vor allem, weil damit die privaten Investitionen gemeint sind und auch alle sogenannten Förderkonzepte auf eine Subventionierung dieser Investoren hinaus laufen.

Diesen Sektor dem freien Marktgeschehen zu überlassen, heisst mit der Existenz eines grossen Teils der Bevölkerung Roulette zu spielen, läuft es doch darauf hinaus, dass – überspitzt gesagt – man sich entscheiden muss, die Miete zu zahlen und gegen Ende des Monats eine karitative Tafel aufzusuchen, damit die notwendigen Kalorien zusammen kommen (und tatsächlich häuft sich der Besuch solch karitativer Tafeln gegen Ende des Monats).
Wenn Wohnungen nur noch Finanzanlagen sind, dann – so seine schlüssige Schilderung – ist es vollkommen egal, wie diese aussieht, wo diese liegt, es geht nur darum welche Rendite-Erwartung damit verbunden ist. Konsequent weiter gedacht kommt es dann auch nur in zweiter Linie darauf an, ob sie auch wirklich vermietet ist, sondern es reicht aus, dass eine bestimmte Rendite möglich ist, denn diese Erwartung (mitsamt Garantie) wird an den Märkten gehandelt. Weiterlesen »


Krimi Shortcuts I: Pollock – Thompson – Weber – Vargas – Gran

Donald Ray Pollock Das Handwerk des Teufels Sie möchten wissen, wo eine Hölle auf Erden Hölle liegt? Wenn Sie den Roman Das Handwerk des Teufels gelesen haben, dann werden Sie es wissen. Die Hölle, das ist Knockemstiff, ein kleines Kaff in Ohio. Erfunden hat den fiktiven Ort (Faulkners „Yoknapatawpha County“ läßt grüßen) der 1954 geborene [...]

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Bärenstark – Benjamin Percys Romandebüt „Wölfe der Nacht“

Bend, ein Provinzkaff in Oregon. Von hier kommt alles Gute, was der Kapitalismus braucht. Strukturprogramme, Landerschließungen, Straßenbau, Siedlungen mit Häusern im „Tudorstil“, alle gleich, für die immer gleichen kalifornischen Rentner. Golfplätze en masse gibt es obendrauf.. Auch der Hauptschauplatz von Benjamin Percys Roman „Wölfe der Nacht, ein Canyon, soll nach langen Planungen in diesem Sinne [...]

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Vom Wal und seinem größten Sänger

Neues von und über Herman Melville

Heute sind Wale und ihr Schutz fast schon Mode, diese oft gewaltigen und majestätischen Tiere rühren uns an, sind tonnenschwere Inkarnationen unseres schlechten ökologischen Gewissens, wenn wir an die Zerstörung der Natur und die mögliche Ausrottung nicht nur dieser Spezies denken. Das war nicht immer so. Unser Wohlstand, die Wurzeln des zeitgenössischen Kapitalismus, sie liegen mehr im industriellen Walfang, der seinen Höhepunkt im 19. Jahrhundert erlebte, als wir uns vorstellen können.
http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/1/1d/Herman_Melville_1860.jpg/220px-Herman_Melville_1860.jpg

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Kracauer in Frankfurt

Seit einigen Jahren wird in Frankfurt öffentlich gelesen, sozusagen zur Rehabilitierung des Buchs abseits von Spektakel, als einer kritischen öffentlichen Selbstverständigung und einer nachhaltigen Kulturalisierung der Großstadt. Der Titel der Veranstaltungsreihe lautet: “Frankfurt liest ein Buch“, gelesen wird zwischen dem 15. und 28. April dieses Jahr der Roman “Ginster” von Siegfrid Kracauer. Mit Kracauer wurde [...]

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Shortcuts II – Pron und Powers

Patricio Pron Der Geist meiner Väter steigt im Regen auf Nun sind auch die Argentinier Papst. Und wie weit Franziskus I. unter Gedächtnisverlust leidet oder ihn simuliert, was seine Haltung und seine Handlungen während der Militärdiktatur angeht, das wird sich vielleicht noch herausstellen. Mit Amnesie und Gedächtnisverlust, damit scheinen sich die Argentinier besonders herumschlagen zu [...]

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Ladenhüter

Der Ladenhüter, den ich meine, ist das Buch “Jakob von Gunten“, ein Tagebuchroman von Robert Walser. Zuweilen hat man mit diesem Buch Schüler genervt und ich glaube, die Lehrer gleich mit. Walser war von Anfang an bis heute ein verkannter Autor und noch immer ist nicht sein ganzes Werk der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Ich glaube, [...]

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Warum David Graeber und ich keine Freunde werden

Um es wieder einmal zu betonen: Ich sehe mich als Linken.

Meine politische Position würde ich irgendwo zwischen einer echten (!) Sozialdemokratie und einem demokratischen Sozialismus einordnen. In meinen gesellschaftspolitischen Überzeugungen vertrete ich dabei eine relativ klassisch linksliberale Position, die dem Individuum weitestmögliche Freiheit in eigenen Belangen einräumen möchte (z.B. bei der Frage des Rauschmittelkonsums oder bei der Frage der Gleichberechtigung nicht-heterosexueller Lebensmodelle).

Hinzu kommt meine ausgeprägte Sympathie für weite Teile der linken Szene, die ich für ihre Toleranz gegenüber Andersdenkenden, anders Aussehenden und anders Seienden sehr schätze. Auch an den Stellen, an denen die linke Szene sich intolerant verhält, teile ich deren Standpunkte, insbesondere dahingehend, dass Gewaltideologien und Intoleranz (Rassismus, Sexismus, Homophobie u.s.w.) eben nicht tolerierbar sind.
Meine Freunde würde ich ebenfalls weitestgehend politisch links einordnen.

In diesem Sinne fühle ich mich linker Politik und ihren Akteuren auch emotional verbunden. Umso mehr schmerzt mich daher, dass linke Ideen allgegenwärtig auf dem Rückmarsch sind und die Szene selbst zwischen Zerstrittenheit und Ideenlosigkeit schwankt.
Im Mainstream wird linke Politik stets als „gut gemeint aber unrealistisch“ verworfen und die Linken selbst tun meines Erachtens ihr bestes, diesen schlechten Eindruck wieder und wieder zu bestätigen.
Von Freunden wurden mir zu genau dieser Problematik die Werke des amerikanischen Ethnologen und Occupy-Aktivisten David Graeber empfohlen, einem Mann, der zur Zeit medial auch in Deutschland recht große Beachtung findet.
Ich kaufte mir also sein kurzweiliges Büchlein „Kampf dem Kamikaze-Kapitalismus“, doch was ich darin fand war mitnichten die Lösung der gegenwärtigen Krise linken Denkens, sondern vielmehr ein Substrat der naiv-utopistischen Ansprüche und realitätsuntauglichen Erklärungsmuster, die ursächlich für diese sind.

Dies beginnt alleine schon mit seiner Definition davon, wer links oder rechts sei:

„Die Rechte ist in einer politischen Ontologie der Gewalt verwurzelt, in der realistisch zu sein heißt, dass zerstörerische Kräfte stets einkalkuliert werden müssen. Im Gegenzug dazu hat die Linke kontinuierlich Variationen über eine politische Ontologie der Imagination entworfen.“

Diese Definition teile ich ganz entschieden nicht und ich bin auch nicht gewillt, so lange ich noch denken und schreiben kann, einer derartigen Missdeutung kampflos die Deutungshoheit darüber zu überlassen, wer sich links nennen darf.

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Libertarismus bei Ayn Rand und Ron Paul- Gegenargumente

Um den Abgeordneten des US-Repräsentantenhauses Ron Paul ist es in deutschen Medien inzwischen wieder recht still geworden, seit sich deutlich abzeichnete, dass er in der Konkurrenz um die Rolle des republikanischen Kandidaten für das Präsidentenamt gegen Mitt Romney wohl eher chancenlos ist.
Trotzdem genießt er auch in Deutschland mit seinen politischen Ansichten weiterhin ein großes Interesse, insbesondere innerhalb der netzaffinen Subkultur. Auf Image-Boards wie 4chan.org lässt sich die ungeheure Anzahl der Ron-Paul-Supporter-Threads kaum fassen.

Tatsächlich hat Ron Paul Ansätze, die auch einem überzeugten Linken durchaus sympathisch sein können, zum Beispiel was seine Positionen zu Legalisierung von Marihuana, persönliche Freiheit im Internet oder die Abschaffung des unseligen Patriot Acts betrifft. Jedoch vertritt Ron Paul, wohl auch aufgrund von Konzessionen an seine konservativen Verbündeten innerhalb der Tea-Party-Bewegung, teils eher konservative bis rechte Positionen.
In der Frage der Legalität von Schwangerschaftsabbrüchen bezeichnete er sich als „Pro-Life“ (also als Abtreibungsgegner).
In Bezug auf die gleichberechtigte Heirat von Nicht-Hetero-Personen vollführte er einen Eiertanz, in dem er sich regelmäßig neu und konträr zu seinen früheren Ansichten positionierte. Letztlich lief es bei ihm darauf hinaus, dass die Bundesstaaten ihre eigenen Gesetze zu dieser Frage ohne Beeinflussung des Bundes erlassen sollten, wodurch er sich vor einer substantiellen Beantwortung der Frage drückte.

Zitate:

I am supportive of all voluntary associations and people can call it whatever they want.

Like the majority of Iowans, I believe that marriage is between one man and one woman and must be protected.

Liberal social engineers who wish to use federal government power to redefine marriage will be able to point to the constitutional marriage amendment as proof that the definition of marriage is indeed a federal matter! I am unwilling either to cede to federal courts the authority to redefine marriage, or to deny a state’s ability to preserve the traditional definition of marriage.

Insgesamt wird Ron Paul weithin als paläolibertär eingeordnet, also als jemand, der libertäre Wirtschaftspolitik mit Teilen konservativer Gesellschaftspolitik verbindet.
Deutlich und unbestritten ist jedenfalls seine grundsätzliche Ablehnung des Sozialstaatskonzeptes.
An diesem Punkt verfolgt er den libertären Ansatz, in dem er stark von den Positionen der russischstämmigen US-Autorin (manche nennen sie auch „Philosophin“- so weit würde ich allerdings nicht gehen) Ayn Rand beeinflusst ist, auch wenn Vertreter ihrer “reinen Lehre” ihn inzwischen als eine Art Verräter brandmarken.

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Die Silhouette des Todes

Wie 1911 das Böse in die Welt kam

Finsterer und elender Bandit mit dem schrecklichen Namen, dem tragischen Namen, dem mörderischen Namen. Gauner, finsterer und elender Bandit, Herr und König des Grauens, Verbrechergenie, Erzschurke und Verkörperung des Bösen – verschlagener und blutgieriger König des Verbrechens … Fantômas ist in der Welt. Im Jahre 1911 erschien der erste Fantômas-Roman von Pierre Souvestre und Marcel Allain (die oben genannten Attribute sind nur einige von unzähligen, die das Autorenduo verwendete, um ihren Helden zu charakterisieren) schlicht unter dem Titel „Fantômas“. Ursprünglich auf eine Reihe von 5 Romanen hin konzipiert, wurden es am Ende siebenundzwanzig Titel.

Der Reihe war ein fulminanter Erfolg beschieden, und nebenher revolutionierte sie den „trivialen“ Spannungsroman. Fantômas ist die Verkörperung des Prinzips des Bösen, jemand, der ohne Skrupel und mit unvorstellbarerer Grausamkeit handelt, um seine Ziele zu erreichen. Die Romane bieten keine „Happy Ends“ wie die Sherlock Holmes-Geschichten. Meist mit offenem Ausgang schildern sie den unendlichen, manichäischen Kampf zwischen Fantômas und seinem Widersacher Kommissar Juve und dessen „Assistenten“ Fandor.

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Das ist die Oblomowerei!

Zur Neuübersetzung von Iwan Gontscharows großem Roman Oblomow 1849 erschien in der russischen Literaturzeitschrift „Der Zeitgenosse“ ein Text: „Oblomows Traum. Episode aus einem unvollendeten Roman“. Autor: Iwan Gontscharow. Dieser Text beendet dann im Roman als zentrales Scharnier desRomans einen über viele Seiten geschilderten Vormittag, an dem sich Oblomow die absurdesten Wortduelle mit seinem Diener Sachar [...]

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Über das Essen von Tieren

Ja der Abendländer ist schon eine seltsame Spezies. Im Grunde hat er gar nichts dagegen Tiere zu quälen, zumindest so lange die Tierquälerei so geschieht, dass sie hinter verschlossenen Türen stattfindet und sie möglichst niemand mitbekommt.

In den Schlachthöfen wird im Akkord geschlachtet und die überfüllten Tiertransporter rollen weiterhin munter über die europäischen Autobahnen.
Naja, so denkt sich der Abendländer, das gehört ja alles irgendwie dazu, dass ich mein preisgünstiges Schnitzel im Supermarkt bekomme.
Damit hat er auch Recht!

Ich selbst fände es extrem repressiv und geradezu antidemokratisch, wenn sich Hartz4-Empfänger nicht wenigstens ihr Wurstbrot noch leisten könnten.
In diesem Sinne ist Discounterfleisch tatsächlich eine, zugegebenermaßen unschöne, Notwendigkeit und unsere Discountermärkte sind ein solcher Gewinn an Lebensqualität und Freiheit für das Proletariat, dass man ihnen auch kleine Unsauberkeiten im Verkauf des abgepackten Fleisches einfach nachsehen muss.
Außer von ein paar Wohlmeinenden (sogenannten Eumeniden), die eine Überdosis Karin Duve oder Jonathan Safran Foer erlitten haben, wird dies zum Glück auch nicht in Frage gestellt.

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“Deutsche Opfer- Fremde Täter”- Anatomie einer Hetzseite

In Deutschland herrscht nach wie vor ein seltsamer Sprachgebrauch in Bezug darauf, wer als „Deutscher“ zu betrachten ist.
Dabei ist die Legaldefinition dessen, wer Deutscher ist und wer nicht eindeutig und klar:
Deutscher ist, wer die deutsche Staatsbürgerschaft hat.
Dabei spielt es keine Rolle welche Hautfarbe der betreffende Deutsche hat oder aus welchem Land er oder seine Eltern ursprünglich kamen.
Als ich bei der Bundeswehr in Idar-Oberstein meine Wehrdienstzeit verbrachte, hatten viele meiner Kameraden eine andere Hautfarbe als ich. Einer von ihnen war beispielsweise Kind philippinisch-stämmiger Mormonen und sah eher asiatisch aus, ein anderer hatte Eltern, die ursprünglich aus Marokko kamen und wir hatten sogar einen, dessen einer Elternteil Mexikaner indianischer Abstammung war.
Überflüssig zu erwähnen, dass es in der Kaserne auch ein paar Schwarze und sogar Rothaarige mit Sommersprossen gab.
Das spielte aber alles keine Rolle, schließlich waren sie alles deutsche Staatsbürger und mussten aus diesem Grund den gleichen Dienst ableisten.

Im Vergleich zu manchen deutschen Medien ist sogar die „gute alte“ Armee regelrecht fortschrittlich.

Nehmen wir einmal an, ein 17-jähriger deutscher Staatsbürger mit türkischen Eltern verprügelt einen 20-jährigen deutschen Staatsbürger ohne türkische Eltern, so dass dieser ins Krankenhaus muss.
Sehr wahrscheinlich liest sich der Vorfall in der Schlagzeile deutscher Zeitungen so: „Türkischstämmiger Jugendlicher schlägt jungen Mann krankenhausreif“.
Die Abstammung wird in Deutschland betont und viele Deutsche sind sich dessen nicht einmal bewusst, sondern tun und denken es reflexhaft.
Wobei der letzte Satz nichts als ein Euphemismus für das ist, was eigentlich dahintersteckt: Struktureller Rassismus, der schon deshalb so schwer zu überwinden ist, weil er derart im deutschen Denken angelegt ist!

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Ein amerikanischer Taugenichts

Der unsichtbare modernen Klassiker »Ignaz oder Die Verschwörung der Idioten« wurde durch die Neuübersetzung von Alex Capus für die Zukunft gerettet. Der Roman warf schon vor Jahren ein Schlaglicht darauf, was 2012 in unseren prekären kleinen Projekten so alles passieren kann.

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Die Geschichte dieses aberwitzigen Buches ist eine tragische. Nachdem der Autor im Jahre 1963 das umfangreiche Manuskript in nur wenigen Monaten niedergeschrieben hatte, schickte er es an zahlreiche amerikanische Verlage, in der sicheren Gewissheit, schnell einen Verlag zu finden, der das Buch auch drucken würde. Schliesslich hatte der Autor schon sehr konkrete Vorstellungen davon, was er mit dem zweifellos zu erwartenden Ruhm und Reichtum anfangen würde. Doch es kam ganz anders.

Nachzulesen ist all das in dem schönen Nachwort von Alex Capus, der »Die Verschwörung der Idioten« von John Kennedy Toole (1937 – 1969) jetzt neu übersetzt hat. In den neunziger Jahren ist der Roman unter dem Titel »Ignaz oder Die Verschwörung der Idioten« erstmals auf Deutsch erschienen. Ignaz heißt in der Neuübersetzung von Alex Capus jetzt Ignatius und der Titel kommt ohne den Vornamen seines Helden aus.

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Die Zukunft des Systems- was das Orakel sagt

Die Zeit zwischen den Jahren ist eine Zeit der Orakel und Wahrsagungen. Es werden Jahreshoroskope für das nächste Jahr gelesen und manch Einer lässt sich die Zukunft von geschmolzenem Blei vorhersagen.

Ich habe 6 Mal drei Münzen geworfen und dem uralten I Ging folgende Frage gestellt:

„Wie soll es mit dem kapitalistischen System weitergehen?“

Als Antwort erhielt ich

Die Umwälzung

革 gé / Die Umwälzung
Die Umwälzung.
Am eigenen Tag da findest Du Glauben.
Erhabenes Gelingen, fördernd durch Beharrlichkeit.
Die Reue schwindet.

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Florian K. liest den Koran- Des Projektes zweiter Teil

Dies ist nun der zweite Teil meines Koranprojektes, von dem wohl einige gedacht haben, ich würde es nicht mehr weiterführen. Wie immer ist ABSOLUTE VORAUSSETZUNG zum Verständnis, die Einleitung zum Projekt gelesen zu haben. Zum Gewinn von Fleißpunkten empfehle ich außerdem das Lesen des ersten Projektteils. Ich muss gestehen, ich habe lange gebraucht um mich [...]

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Exzellenz in Frankfurt — Die Kunst des Weglassens

Eine Veröffentlichung des hiesigen Exzellensclusters “Die Herausbildung normativer Ordnungen” zeigt wachsende Distanz zur früheren Frankfurter Gesellschaftskritik
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Kafka strikes back: The BirdBase

Kafka wird gehackt.
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Kafka gefällig?

Gibt’s genug: die Schulen in Deutschland und Österreich erhalten derzeit in grossen Mengen die Neu-Ausgabe des Meisterwerkes “Das Schloss” von Kafka.

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Schmidt, Steinbrück und das Spiel der Könige

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Gelegentlich beweist der Weltgeist Sinn für Ironie. So als er Helmut Schmidt und Peer Steinbrück ein wenig die Partie vermasselte. “Zug um Zug” heißt der Titel des gemeinsamen Buches, Zug um Zug soll es gehen: die Inthronisation des Enkels, des Kanzlerkandidaten Steinbrück. Zwar an der Partei vorbei, aber wen kümmern in Zeiten der Gefahr schon die Parteien? Den Alten ohnehin nie viel. Und der 64-jährige Jungspunt hat auf die kürzlich gestellte Frage, ob er Sozialdemokrat sei, geantwortet: “ich bin Steinbrück”. Wer kann verlieren, wenn er den Spiegel, die FAZ, die Zeit und Günther Jauch im Rücken hat? Die wichtigsten medialen Windmaschinen hierzulande sorgen für immerwährenden Rückenwind. Das Szenario für das Buch aus Sicht der PR-Berater sah vermutlich so aus: Der weise Alte ist inzwischen bei Freund und Feind, bei Jung und Alt gleichermaßen akzeptiert aufgrund von staatsmännischer Gesamtperspektive, seiner den Jahren trotzenden Vitalität und einem neugewonnen Flair von Widerständigkeit wg. Rauchens in öffentlichen Räumen, in denen alle anderen klaglos nicht rauchen dürfen. Natürlich, damit noch kein zweiter Staufenberg, leider auch ohne Augenklappe, stattdessen mit Stock, aber immerhin: allgemein akzeptiertes Urgestein. Aus PR-Berater-Sicht auf einen 92jährigen heißt das aber auch: Er sollte Stock und Stab weitergeben, bevor er den Löffel abgibt. Noch zwei Jahre bis zur Wahl, aber, mmm, besser man beeilt sich a bissl. Das klingt herzlos, aber so funktioniert PR nun mal und eine hanseatische Kaltschnauze wie Schmidt versteht das sowieso. Steinbrück empfiehlt sich ja schon dem Namen nach als neues Urgestein und hat auch schon seine 64 Jahre diesbezüglich auf der Habensseite. Vor allem: er ist rechte SPD, also die, die mit allen können, außer mit der eigenen Partei wie Schmidt damals auch schon. Über das Motiv des Schachspielens kommt dann das persönliche mit rein, aber auch das politisch-strategische. Schach: das Spiel der Könige. Dazu passend läßt man im Herrenzimmer zweieinhalb Jahrtausende Geschichte vorbei ziehen und natürlich die großen Themen der Gegenwart: Abstieg der USA, Aufstieg Chinas, Europa gefährdet, aber Rettung durch Retter möglich. Nebenbei fallen viele große Namen im Gespräch, so als habe man mit allen schon gefrühstückt oder zumindest Schach gespielt: Nebukadnezar, Laotse, Talleyrand, Habermas… Wer fehlt in der Reihe noch? Na klar: Steinbrück. Und so sagt denn, nachdem

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Der Ausverkauf des urbanen Raums

Gentrifizierung ist das politisch beförderte Recht des Stärkeren, Städte sozial durchzusortieren. Über das Zusammenwirken von Politik, Kunst und Immobilienwirtschaft am Hamburger Beispiel.
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Die soziale Entmischung unserer Metropolen hat viele Namen und Gesichter: Sie heißen sanierter Altbau, Town-House oder Gated Community, Shopping-Arkaden oder Flagship-Store, Mediaspree oder Hafencity. Wo sie auftauchen, macht sich Widerstand breit. Kaum eine Stadt ist dabei so berühmt geworden wie Hamburg, wo sich der zivile Ungehorsam gegen die so genannte Gentrifizierung, d.h. „die Maschinerie, die die Teilhabe an der Stadt über Geld und Herkunft regelt“, wie es der Journalist und Aktivist Christoph Twickel formuliert, bis ins Bürgertum ausgebreitet hat. In der Besetzung des Gängeviertels im August 2009 fand dieser Widerstand seinen bisherigen Höhepunkt und sorgte bundesweit für Furore. Die jüngeren Aktionen gegen die drastische Kürzung der Finanzmittel für das Hamburger Schauspielhaus sinnd die Fortsetzung dieses Protests.

Twickel, Mitinitiator des Manifests „Not in Our Name, Marke Hamburg“, hat nun einen Rückblick auf die Hamburger Ereignisse aus der Graswurzel-Perspektive vorgelegt. Sein Bericht „Gentrifidingsbums oder eine Stadt für alle“ bietet nicht nur einen umfassenden Einblick in die vielfältigen Mechanismen der sozialen Segregation in der Stadt und damit über Gentrifizierung als politische Methode, sondern ist zugleich auch eine Bedienungsanleitung für den notwendigen gesellschaftlichen Ungehorsam.

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Florian K. liest den Koran- Teil 1 des Projektes

Zunächst muss ich den Leser hiermit bitten, die Einleitung zu diesem Projekt zu lesen. Anderenfalls sind eine Einordnung und ein Verstehen der von mir verfassten Betrachtungen nur schwer möglich. Als Nächstes möchte ich (ich weiß, das ist viel verlangt) den Leser auch noch bitten, die Suren 1 und 2 aus der vorliegenden Koranübersetzung zu lesen. [...]

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Mein Koran-Projekt (Florian K. liest den Koran)- Einleitung einer Serie

Vor einiger Zeit diskutierte ich mit einem Bekannten über Thilo Sarrazin und brachte dabei zum Ausdruck, dass ich Sarrazin nicht sonderlich schätze.
Mein Bekannter, der eine deutlich positivere Meinung über Sarrazin hatte, konterte mit der Frage, ob ich denn sein Buch gelesen habe. Dies musste ich verneinen. Ich entgegnete, dass ich meine Äußerung auf die Person Sarrazins und nicht auf dessen Buch bezogen habe und mir meine Meinung aufgrund seiner zahlreichen Fernsehauftritte und Zeitungsinterviews gebildet habe.

Diese Antwort befriedigte meinen Bekannten. Mich aber brachte die Sache zum Nachdenken:
Wie viele Deutsche haben „Deutschland schafft sich ab“ gelesen?
Und wie viele Deutsche haben eigentlich schon einmal den Koran gelesen?
Bestimmt weniger als den Sarrazin.

Doch würde es dem Verständnis der Deutschen für ihre muslimischen Mitbürger nicht unheimlich gut tun, zu wissen wovon sie sprechen, wenn es um den Islam geht?
Müssen wir uns unsere Meinung über den Islam von unserer Medienlandschaft und den allgegenwärtigen und unvermeidlichen „Islamexperten“ vorgeben lassen?

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Herrschaft der Narren

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Das Leben in einer Epoche medialer Blödheit.
Über die treffende Gegenwartsbeschreibung »Blödmaschinen« von Markus Metz & Georg Seeßlen

»Die welt jnn üppikeyt is blynt / vil narren / wenig wyser synt.« (Sebastian Brant: Das Narrenschiff, 116)

Die Ökonomie, schrieb Guy Debord in der »Gesellschaft des Spektakels« 1967, verwandle die Welt in eine Welt der Ökonomie; in eine Welt der Pseudoereignisse und Dramatisierungen, in der das Bewusstsein immer zu spät komme. Diese Welt wird inzwischen von glücklichen Narren bewohnt, die ohne Sinn für Geschichte dahinleben. Alte Wahrheiten entdecken sie auf diese Weise immer wieder neu. Sie werden in Tortengrafiken aufbereitet, in tabellarische Halbsätze gezwängt oder als wortlose Statistik präsentiert. Mit Hilfe von Vokabeln wie Story-telling und Rocket Science lässt sich fast zweieinhalb tausend Jahre nach Aristoteles konstatieren, der Mensch sei eigentlich ein soziales Wesen.

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Shortcuts I – Stevenson, Chesterton & Hemingway

Zur Urlaubszeit mal einen längeren Text lesen? Dafür bieten wir euch ein paar Besprechungen bemerkenswerter Bücher an.

Robert Louis Stevenson – Das Licht der Flüsse. Eine Sommererzählung

In den letzten Jahren erlebt Robert Louis Stevenson auch im deutschen Sprachraum eine Renaissance, oder, um es präziser zu formulieren, eine Neuentdeckung. Eindrucksvoll zeigt sich, daß er viel mehr ist als „nur“ der Autor der Schatzinsel und der Erzählung von Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Vieles wurde erstmals übersetzt, und jedes Buch ist seine Entdeckung wert.

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Mit Gottes und meiner Hilfe

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Charles Portis Spätwestern True Grit

Bei Howard Hawks lernte John Wayne seine Westernrollen mit mehr Selbstironie zu spielen. Dies half dem alten Haudegen auch 1969, als er für die Rolle des Rooster Cogburn im Film Der Marshall von Henry Hathaway mit dem einzigen Oscar seiner Karriere ausgezeichnet wurde, zu einer Zeit, als das „New Hollywood“ das US-amerikanische Kino revolutionierte.

Der Marshall basiert auf dem Spätwestern von Charles Portis, True Grit, erschienen 1968 als Fortsetzungsroman in einer Zeitschrift. Das Buch war Portis’ größter Erfolg.

Die erneute Verfilmung

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Medienkompass – Im Himmel

Zwei zentrale Protagonisten des neu-deutsch aufgeklärten Zeitgeists der 00er Jahre des beginnenden Jahrhunderts wurden die Tage gebührend verehrt. Und zwar in einer Gestalt, die ihren eigenen Ansprüchen gut genügt, auch wenn noch ein paar Wünsche offen bleiben. Der erste heißt Joschka Fischer, für ihn als ehemaligen Star von 7 Jahren Berliner Rot-Grün Regierung kam eine [...]

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Das Bahnhofsviertel – die echte Mitte Frankfurts?

Eigentlich existiert das “Viertel” gar nicht, kaum ein Durcheilender glaubt an eine echte Bewohnerschaft hinter den Fassaden, Läden, Restaurants, Etablisments in den paar Strassen vorm Frankfurter Hauptbahnhof. Es gibt im Bahnhofsviertel aber noch fast 2000 Ortsansässige, auch wenn die paar Wackeren sich mit dem flanierenden Stammpublikum zu einem schwer durchdringlichen Gemenge vermischen. Bewohnerschaften, Ökonomien und Publikumsgruppen passen entsprechend in “multikultureller” Vielfalt zum ersten Eindruck wie der längeren Geschichte des kleinen Quartiers, auch wenn der Druck durch die Umgebung von Jahr zu Jahr wächst.

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FGZ Büchertisch: Manson und der kalifornische Blutsommer 1969

Helter Skelter. The True Stories of the Manson Murders, geschrieben vom damals verantwortlichen Staatsanwalt Vincent Bugliosi (gemeinsam mit Curt Gentry) ist schon 1974 in den USA erschienen und jetzt erstmals in deutscher Übersetzung erschienen. Man sollte sich von der reißerischen Umschlaggestaltung des Riva Verlags nicht abschrecken lassen (Der Mordrausch des Charles Manson. Eine Chronik des Grauens), denn Helter Skelter ist ein minutiös recherchiertes, unaufgeregtes Protokoll der Vorgeschichte, der Morde und des Prozesses sowie der Versuch, das „Geheimnis“ des gerade einmal 1,58 Meter großen Sektenführers Manson zu ergründen.

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Aus der Mitte: europäische Befindlichkeiten

Zwei mediale Aufreger zeichnen die letzte Woche ein interessantes Bild von Rissen und Widersprüchen auf, die besonders die “Mitte der Gesellschaft” durchziehen. Hier haust dieses geheimnisvolle Wesen “Leistungsträger”, das die Achsen unseres Erfolgs tragen und antreiben soll und gleichzeitig so enorm von Belastungen und Aufdringlichkeiten heimgesucht wird.

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Wetterauer Ethologie

Wetterau heißt ein Gebiet in der Rhein-Main-Metropolenregion, nordöstlich von Frankfurt gelegen, der Länge nach mißt es ungefähr 40 bis 50 Kilometer, die man auf dem Weg in den Vogelsberg eher schnell hinter sich bringen möchte. Vom Metropolenschub hat die Wetterau nicht viel abbekommen, hauptsächlich Pendlerstaus, steigende Preise in den Einfamilienhauskarrees und verödende Dörfer.

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Franzens Welt

Zum Klima des Romans “Freiheit” von Jonathan Franzen (wohnhaft in New York) mögen die folgenden Zitate aus dem Interview mit dem Autor in der Süddeutschen genügen: “Als junger Mann fand ich die Bücher von Autoren wie Pynchon, Gaddis oder DeLillo enorm spannend, weil sie von der Welt handelten, in der wir lebten. Es ging um [...]

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Der letzte Universalgelehrte

Man dachte fast sie seien ausgestorben, ja in der heutigen Zeit gar nicht mehr denkbar, aber wie mir scheint gibt es sie doch noch: Die Universalgelehrten.

Zumindest einen davon gibt es wieder, obwohl man aufgrund seines fortschreitenden Alters sagen sollte: Es gibt ihn noch.

Aber alles er Reihe nach:

Unter den Antiken griechischen Philosophen gehörte die Universalgelehrtenschaft ja gewissermaßen zum guten Ton.

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Gedanken zum Buch: “Die Identitätsfalle- Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt”

Ich möchte hier einmal ein Buch vorstellen, auch auf die Gefahr hin, dass das was ich erzähle inzwischen kalter Kaffee ist, da das Buch bereits 2006 in englischer Sprache und 2007 auch auf Deutsch erschienen ist.

Rezensionen und Kritiken gibt es inzwischen also mehr als genug. Trotzdem hat mich das Buch bewegt und ich möchte an dieser Stelle ein paar eigene Gedanken dazu formulieren und gleichzeitig eine dringende Leseempfehlung aussprechen.

Die Rede ist von „Die Identitätsfalle- Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt“ des indischen Wirtschaftsnobelpreistägers Amartya Sen.

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