Frankfurter Gemeine Zeitung

Buchbesprechung

Vom Wal und seinem größten Sänger

 Neues von und über Herman Melville

 Heute sind Wale und ihr Schutz fast schon Mode, diese oft gewaltigen und majestätischen Tiere rühren uns an, sind tonnenschwere Inkarnationen unseres schlechten ökologischen Gewissens, wenn wir an die Zerstörung der Natur und die mögliche Ausrottung nicht nur dieser Spezies denken. Das war nicht immer so. Unser Wohlstand, die Wurzeln des zeitgenössischen Kapitalismus, sie liegen mehr im industriellen Walfang, der seinen Höhepunkt im 19. Jahrhundert erlebte, als wir uns vorstellen können. Der Walfang in Nordamerika geht bis auf die Pilgerväter zurück und machte später das Hafenkaff New Bedford zeitweise zur reichsten Stadt der Welt. Davon und von noch viel mehr erzählt der britische Autor und Journalist Philip Hoare in seinem Buch Leviathan oder der Wal. Auf der Suche nach dem mythischen Tier der Tiefe. Ausgezeichnet 2009 mit Samuel Johnson Prize for Non-Fiction, stellt Hoare folgerichtig einen Mann und sein größtes Buch, wenn nicht einen der größten Romane der Literaturgeschichte, wohl einer der wenigen, die in der Moderne einen Mythos geschaffen haben, in den Mittelpunkt: Herman Melville und sein 1851 erschienener Moby Dick, oder der Wal. Der Kampf zwischen Wahnsinn und Verblendung und dem Leviathan, zwischen Ahab und dem Wal aller Wale, dem weißen Pottwal. Am Ende sind beide dem Untergang geweiht. Melvilles Moby Dick ist ein Weltbuch. Sicher, Frauen kommen darin nicht vor, denn der Walfang trennte die Geschlechter, wie es Ahab seinem Ersten Steuermann Starbuck gegenüber auf den Punkt bringt: „ Aye ( : ) von diesen vierzig Jahren habe ich nicht drei an Land verbracht … kaum daß ich eine Mulde hinterließ auf meinem Hochzeitskissen.“ – Ansonsten – ein Kosmos erzählerischen Furors und polyhistorischer Kompositionskunst, der sich aller Formen der Prosa, der Lyrik, gar des Dramas bedient und zu einer bis heute eine grandiose Leseerfahrung beschert. Hoares Buch atmet diesen Geist, auch weil er von seinen persönlichen Erfahrungen und Reisen zu den ehemaligen Zentren des Walfangs berichtet, sich jedoch nicht ungebührlich in den Vordergrund drängt. Sondern damit eine schöne Klammer zwischen den Zeiten schafft, wenn er davon erzählt, wie tote Wale zur Attraktion wurden, davon, wie lange die Menschen so gar nichts von diesen Säugetieren wußten, die aber gnadenlos von ihnen gejagt wurden und von manchen Nationen immer noch werden. Und wer glaubt, mit dem Untergang der „klassischen“ Walfangindustrie habe sich die Situation der Ausbeutung der Ressourcen zu deren Schutz verbessert, den belehrt der Autor eines besseren. Mit esoterischem Schnickschnack hat sein Buch nichts zu tun, sondern mit Respekt und dem Staunen über die Wunder der Evolution. Eine blendend geschriebene Natur-, Kultur- und Literaturgeschichte, die Sie ans Steuer des Lesepults fesseln wird.  http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/1/1d/Herman_Melville_1860.jpg/220px-Herman_Melville_1860.jpg

Eine frühere Version der Übersetzung von Gedichten Herman Melvilles, John Marr und andere Matrosen. Mit einigen Seestücken, erschien 2007 im Schreibheft. Zeitschrift für Literatur, Nr. 68, herausgegeben von Norbert Wehr. Der Herausgeber und Übersetzer Alexander Pechmann hat seine Übertragungen überarbeitet, jetzt liegen sie in einer edlen, zweisprachigen Ausgabe vor. Und geben so Anlaß und die Möglichkeit, den Lyriker Melville kennenzulernen, der so gut wie vergessen diesen Gedichtband als Privatdruck in 25 Exemplaren 1888 publizierte und an Freunde verschenkte. Darunter Verehrer seines Werkes, die sich in England anschickten, die Renaissance oder genauer, die Wiederentdeckung dieses Autors einzuleiten. Melvilles John Marr und andere Matrosen ist ein wohlkomponiertes Gefüge aus Prosagedichten und lyrischen Texten. Zentrales Thema ist laut Pechmann, der schon so manche Trouvaille der angelsächsischen Literatur des 19. Jahrhunderts gehoben hat, die Trias „Zufall, Wille und Notwendigkeit“. Melancholisch gemildert durch die Erinnerung. Der letzte Zyklus schließ mit sieben Kurzgedichten: Pebbles – Kieselsteine. Rosmarin steht in der Folklore für diese:

 Herman Melville

 Pebbles

 VII

 Healed of my hurt, I laud the inhuman Sea –

 Yea, bless the Angels Four that there convene;

 For healed I am even by their pitiless breath

 Distilled in wholesome dew named rosemarine.

 Kieselsteine

 VII

 Befreit von Schmerz, preis ich die unmenschliche See –

 Segne die Engel, die vier, die dorthin zieh’n;

 Denn sogar ihr gnadenloser Atem hat mich geheilt,

 Vermengt mit bekömmlichem Tau namens Rosmarin.

Philip Hoare, Leviathan oder Der Wal. Auf der Suche nach dem mythischen Tier der Tiefe, Aus dem Englischen von Hans-Ulrich Möhring, Hamburg, mare 2013, 522 Seiten, geb., 26 € 

 Herman Melville, John Marr und andere Matrosen. Mit einigen Seestücken, Aus dem Amerikanischen übersetzt und herausgegeben von Alexander Pechmann, Illustrationen von Pascal Cloëtta, Zweisprachige Ausgabe, Hamburg, mare 2013, 160 Seiten, geb., Ln. Im Schuber, 24 € 

 


Kracauer in Frankfurt

Seit einigen Jahren wird in Frankfurt öffentlich gelesen, sozusagen zur Rehabilitierung des Buchs abseits von Spektakel, als einer kritischen öffentlichen Selbstverständigung und einer nachhaltigen Kulturalisierung der Großstadt. Der Titel der Veranstaltungsreihe lautet: “Frankfurt liest ein Buch“, gelesen wird zwischen dem 15. und 28. April dieses Jahr der Roman “Ginster” von Siegfrid Kracauer.

Mit Kracauer wurde wirklich eine interessante Frankfurter Persönlichkeit ausgewählt, der uns mit seinen beiden Romanen “Ginster” und “Georg” ein  bemerkenswerts Bild Frankfurts vor fast 100 Jahren Jahren liefert. Dieser Zeitraum meint die beiden Jahrzehnte vor der Machterfreifung der Nazis in den 193oern. Beide Romane sind stark autobiografisch geprägt, machen allerdings der Frankfurt-Bezug nicht wirklich explizit. Ginster, gleichzeitig der Spitzname des Romanprotagonisten lebt wie Kracauer selbst in der Stadt als Architekt während des 1. Weltkriegs. Es gelingt ihm, um das mörderische Schlachten in den Schützengräben herum zu kommen, und erweist sich als distanzierter aber feinfühliger Beobachter einer autoritären Gesellschaft, die nach Stahlerlebnissen lechzt. Zur gegenwärtigen Zeit der Rückkehr zu Nationaltrunkenheiten und einer autoritären Sicherheitsgesellschaft ist “Ginster” sicher keine schlechte Wahl.

Häuser zum Hungar und FreiensteinSiegfried Kracauer war aktiv im Kreise des legendären Frankfurter “Institut für Sozialforschung”, zu dessen Gründungszeit befreundet mit Theodor W. Adorno und Walter Benjamin. Die Architektur blieb nicht Kracauers Ding, er wandte sich der Soziologie, Philosophie und der Filmtheorie zu, und die Journalistik wurde schließlich seine Profession.

Der scharfe Kapitalismuskritiker Kracauer schrieb neben anderen großen Autoren für die Frankfurter Zeitung, eine der anerkanntesten Zeitungen der Weimarer Republik. Die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” kann als Fortsetzung der FZ gelten, wenn wir die an ihrer Gründung beteiligten Redaktionsmitglieder aus der während des Nationalsozialismus eingestellten Frankfurter Zeitung einbeziehen. Als demokratische Zeitung gab sie im Feuilleton auch maxistischen Autoren Platz, neigte deshalb inhaltlich vielleicht mehr der linksliberalen Frankfurter Rundschau nach em Krieg zu.

Der zweite Roman, “Georg” beschreibt den gleichnahmigen Akteur als jungen Journalisten in Frankfurt, der intensiv mit den lokalen politischen und kulturellen Spannungen vor Ort in Berührung kam. Kracauer beschreibt uns in seinem Buch von 1930 dieses Stadtklima aus einer Nahsicht, gleichsam der Perspektive teilnehmender Beobachtung der Ethnologen, die in das lebhafte Redaktionsgeschehen einer bedeutenden Tageszeitung involviert war. Lebendige Tageszeitung und echte politischer Frontstellungen wären vielleicht eine engagiertere Wahl für die öffentliche Lesung in Frankfurt gewesen, angesichts der zunehmenden Wattierung von Medien und politischem Leben heute. Gut, Ginsters Aktualität lässt sich auch in der Weise interpretieren, dass vehemente Distanzierung zu “kaiserlichen Eliten” gerade gegenwärtig wieder ein Gebot der Stunde ist.

Eine feine Ergänzung bietet der kleine Frankfurter Verlag B3, für die Stefan Geyer uns eine Artikelsammlung von Kracauer aus eben dieser Frankfurter Zeit in der Frankfurter Zeitung präsentiert. Die gut fünfzig kurzen Artikel zwischen städtischem und literarischem Leben, der Frankfurter Messe und der Architektur bieten ein Potpourri der Stadt in der Weimarer Republik, bevor Kracauer für das Feuilleton nach Berlin unsiedelte.

Die Architektur der Stadt bezieht sich zum Beispiel auf “Die Brückenfrage”, mit der er Sparprojekte des Frankfurter Magistrats zu Mainbrücken problematisiert und der Vorklang der “Public Private Partnership” Verträge zu hören ist, mit der heutige städtische Brückenmanager die Objekte profitabel privatisieren möchten. Der „Umbau des Hauptbahnhofs“, „Cafehausprojekte“ und „Die Erweiterung des Städelschen Kunstinstituts“ machen die Stimmung plastischer, in der „Georg“ seine kleinen Stadtreportagen verfasst.

http://www.weltbild.de/media/ab/1/059582047-das-bunte-frankfurt.jpg

Natürlich darf ein Artikel zur Buchmesse und dem Bau des “Instituts für Sozialforschung” in der Auswahl nicht fehlen.

Schön auch “Die Nichtexistenz der Altstadt”, die uns Kracauer als “philosophische Deduktion” vorführt. Darin schreibt er: „Die Altstadt existiert nicht, sie ist vielmehr eine bloße Ideologie des Bundes tätiger Altstadtfreunde“. Wer jetzt meint, das wäre bruchlos in die laufenden Umbaumaßnahmen für das künftige Ausstellungsgelände „Altstadt“ an der Braubachstrasse zu übersetzen, sieht sich getäuscht. Denn Kracauer war Gründungsmitglied des „Bundes tätiger Altstadtfreunde“ und verständigte in diesem Text eine laufende Umwidmung der Altstadt, die damals, vor der Bombardierung immerhin noch tätiges Leben erfüllte, seit langer Zeit eng bewohnt war. Der Artikel ist deshalb spiegelverkehrt zur heutigen Situation zu interpretieren: der Umbau damals wollte das dortige Wuseln nicht bloß in Geschäftsinteresse auflösen. Der Neubau heute möchte im Geiste der kulturalisierten Geschäftstadt einen kleinen Erlebnispark der Art „so sah´s hier früher aus“ einrichten, und dabei Eigenleben nur vorspielen.

Der Sammelband enthält eine Reihe von Abbildungen einer Postkartensammlung, die genau jener „Bund tätiger Altstadtfreunde“ herausgab, und uns Objekte des damaligen wie heutigen Streits vorführt.

Die beiden Bücher geben zusammen mit „Ginster“ einen spannenden Eindruck von den Stimmungen und Lebensbedingungen Frankfurts in politischen Zeiten vieler Umbrüche.

 Siegfried Kracauer, Georg, Suhrkamp Verlag Berlin, 2013, 10.30 €

 Siegfried Kracauer, Das Bunte Frankfurt, Hg. von Stefan Geyer, B3 Verlag Frankfurt, 2013, 19.90 €


Shortcuts II – Pron und Powers

Patricio Pron

Der Geist meiner Väter steigt im Regen auf

Nun sind auch die Argentinier Papst. Und wie weit Franziskus I. unter Gedächtnisverlust leidet oder ihn simuliert, was seine Haltung und seine Handlungen während der Militärdiktatur angeht, das wird sich vielleicht noch herausstellen. Mit Amnesie und Gedächtnisverlust, damit scheinen sich die Argentinier besonders herumschlagen zu müssen, aber das gilt wohl für alle Nationen, in denen eine Diktatur ihr Unwesen trieb.

Argentinien hat aber nicht nur Papst, sondern auch die Leser hoffnungsvoll stimmende Autoren, so wie den 1975 in Buenos Aires geborenen, jetzt nach Studienjahren in Göttingen in Spanien lebende Patricio Pron. Pron hat sich mit Erzählungen einen Namen im spanischsprachigen Raum gemacht, jetzt ist sein erster Roman in der Übersetzung von Christian Hansen erschienen: Der Geist meiner Väter steigt im Regen auf. Prons Ich-Erzähler hat ebenfalls große Erinnerungslücken, selbstgemachte: „ … bewirkte der Konsum gewisser Drogen, daß ich fast vollständig das Gedächtnis verlor, weshalb sich die Erinnerung an jene Jahre ( …) ziemlich verschwommen und oberflächlich ausnimmt.“ Wie sein Autor ist der Erzähler 1975 geboren, stammt aus Argentinien und hält sich in Deutschland auf. Darüber wie autobiographisch das Buch ist, heißt es am Ende: „Obwohl die in diesem Buch erzählten Ereignisse im wesentlichen der Wahrheit entsprechen, sind ein paar Dinge der Notwendigkeit fiktionalen Erzählens geschuldet – ein Genre, für das andere Regeln gelten als für Zeugnis oder Autobiographie; in diesem Sinne sei hier erwähnt, was der spanische Schriftsteller Antonio Muñoz Molina einmal zur Erinnerung und Mahnung sagte: ‚Ein Tropfen Fiktion färbt alles mit Fiktion’.“

Eines Tages bekommt der Erzähler die Nachricht, dass sein Vater , der schon früh Anzeichen von Alsheimer zeigte, im Krankenhaus liegt. Er fliegt nach Hause, die prekäre gesundheitliche Situation des Vaters sorgt dafür, daß er langsam aus dem Fluß Lethe steigt und sich an seine Kindheit und Jugend wieder zu erinnern beginnt. Auf dem Schreibtisch des Vaters liegt eine umfangreiche Akte mit einer Sammlung von Fotos und Zeitungsartikeln. Vor allem geht es um das Verschwinden des sechzigjährigen Alberto José Burdiso, dessen Leiche, er ist 2008 einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen, in einem vertrockneten Brunnen gefunden wurde. Und um das Verschwinden von Alicia Burdiso, der Schwester, die 1976 während der Militärdiktatur verschwand und ebenfalls ermordet wurde. Sein Vater hat beide gekannt.

Im Laufe der wiederkehrenden Erinnerung fallen ihm die seltsamen Verbote und Gebote ein, die ihm als Kind von seinen Eltern auferlegt wurden. Nie einen Spielkameraden mit nach Hause bringen, auf der Straße nicht gegen Pappkartons treten, immer gegen die Fahrtrichtung des Verkehrs laufen. Seine Eltern, der Vater arbeitete als Journalist, waren marxistisch-lenininstisch geschult, dann Perronisten und Mitglieder der linken argentinischen „eisernen Garde“ (unglücklich gewählt der Name, hieß doch so eine berüchtigte faschistische rumänische Organisation), die im Untergrund nach Perrons Exil weiterkämpfte. Die Eltern wollten ihn schützen, das wird ihm jetzt bewußt.

Prons Roman besticht durch seine offene, formale Komposition: ein Puzzle aus Narrativem und Archivarischen. Pron ist des weiteren ein Meister der Aufzählung und Reihung, beeindruckend, was er aus diesem Stilmittel alles zu zaubern weiß. Die eigenwillige Nummerierung der Kapitel ist wohl als eine Hommage an Cortazars großen Roman Rayuela zu sehen? Oder doch ein Hinweis auf das Stocken der Erinnerung? Ein wichtiges Buch, nicht nur für argentinische Leser, diesem Land, „wo nur die Toten die Toten begraben“. Denn jede Nation hat schließlich sein „Argentinien“ im Keller.

Patricio Pron, der Geist meiner Väter steigt im Regen auf, Roman, Aus dem Spanischen von Christian Hansen, Reinbek, Rowohlt Verlag 2013, 220 Seiten, geb., 18,95 € 

 

Kevin Powers

Die Sonne war der ganze Himmel

Zuerst machen sie auf dicke Hose, ersaufen in patriotischen Wahn und Welterlösungsphantasien. Dabei werden sie von A bis Z belogen, die US-Amerikaner. Und irgendwann kommt der große Kater vom Besäufnis und man möchte die Blutorgien schnell vergessen. Das war nach Vietnam so und auch beim Irak, mit all den Ungeheuerlichkeiten der Foltergefängnisse, ist es nicht anders. Literatur kann dafür einstehen, sich dieser nationalen Amnesien anzunehmen. Den Vietnamkrieg hat Karl Marlentes in seinem an Tolstoi erinnernden Mammutwerk Matterhorn (Schweizer Namen gaben die Marines den Bergen, auf denen Geschützstellungen angelegt wurden) wieder in Erinnerung gerufen. Und den Horror des Irakkrieges schildert Kevin Powers in seinem Debüt Die Sonne war der ganze Himmel.

Kevin Powers weiß, wie auch Marlantes, wovon er erzählt. Er war als Maschinengewehrschütze von 2004 bis 2005 Im Irak stationiert und kämpfte in Mosul und in Tal Afar. Im Gegensatz zu Marlantes’ Buch könnte man seinen Roman fast eine Novelle nennen, Powers konzentriert sich auf eine kleine, aber dadurch nicht weniger eindringliche Geschichte. John Bartle ist 21, er nimmt den 18jährigen Daniel Murphy unter seine Fittiche. Das hat er dessen Mutter vor dem Abflug in den Irak versprochen, eher genervt, weil er das Gespräch mit ihr beenden will. Er tut es denn doch. Im Zentrum der mit Vor- und Rückblenden erzählten Geschichte steht eine Schlacht, die jedes Jahr aufs neue stattfindet bei Al Tafar, in der Provinz Ninive im Nordirak, so auch im September 2004. Die GIs gehen raus, müssen unter fast deckungsloser Sicht in die Stadt, um sie vom Feind zu säubern:

„Wir hatten uns im Graben aufgereiht, standen bis zu den Knöcheln im nassen Schlamm. Ich hatte das Gefühl, als wäre dies der Endpunkt eines schlampig vorbereiteten Experiments in Sachen Unausweichlichkeit: Alles war am richtigen Ort, wartete darauf, daß die Zeit innehielt und die Kräfte an Schwung verloren, damit man den Verlauf im Nachhinein analysieren konnte. Die Welt kam mir so dünn vor wie ein Blatt Papier, und die Welt war die Obstwiese, und die Obstwiese war das, was uns nun bevorstand. Aber all das war Unsinn. Ich hatte einfach Angst zu sterben.“

Daniel Murphys Leben wird Bartle nicht retten können. Und er selbst wird wie so viele andere traumatisiert in die USA zurückkehren, sich wie sie andere fragen, was nun?

Kevin Powers, Die Sonne war der ganze Himmel, Roman, Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens, Frankfurt, S. Fischer Verlag 2013, 240 Seiten, geb., 19,90 €

 


Ladenhüter

Der Ladenhüter, den ich meine, ist das Buch “Jakob von Gunten“, ein Tagebuchroman von Robert Walser. Zuweilen hat man mit diesem Buch Schüler genervt und ich glaube, die Lehrer gleich mit. Walser war von Anfang an bis heute ein verkannter Autor und noch immer ist nicht sein ganzes Werk der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Ich glaube, heute wäre ein Buch wie “Jakob von Gunten” erfolgloser denn je, denn dieses Werk ist trotz seiner einfachen Sprache und jugendlichen Frische nicht so direkt zugänglich, es entzieht sich den Konventionen und erfordert viel vom Leser. Damals wurde es kaum verstanden und nur in Fachkreisen fand es ein wenig Aufmerksamkeit. Heutzutage webt die künstlerische Literatur die Deutungsmuster in ihre Werke gleichsam mit ein, so dass sie in die Literaturwissenschaft und Literaturkritik wie der Schlüssel zum Schloss passen. Viele Autoren haben zuerst diese Wissenschaften studiert und sind dann selbst Autor geworden. Zu Walser nun gibt es weder Schlüssel noch Schloss, seine Erzählwelt wirkt eigengesetzlich und widerspricht sogar dieser Eigengesetzlichkeit.
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Warum David Graeber und ich keine Freunde werden

Um es wieder einmal zu betonen: Ich sehe mich als Linken.

Meine politische Position würde ich irgendwo zwischen einer echten (!) Sozialdemokratie und einem demokratischen Sozialismus einordnen. In meinen gesellschaftspolitischen Überzeugungen vertrete ich dabei eine relativ klassisch linksliberale Position, die dem Individuum weitestmögliche Freiheit in eigenen Belangen einräumen möchte (z.B. bei der Frage des Rauschmittelkonsums oder bei der Frage der Gleichberechtigung nicht-heterosexueller Lebensmodelle).

Hinzu kommt meine ausgeprägte Sympathie für weite Teile der linken Szene, die ich für ihre Toleranz gegenüber Andersdenkenden, anders Aussehenden und anders Seienden sehr schätze. Auch an den Stellen, an denen die linke Szene sich intolerant verhält, teile ich deren Standpunkte, insbesondere dahingehend, dass Gewaltideologien und Intoleranz (Rassismus, Sexismus, Homophobie u.s.w.) eben nicht tolerierbar sind.
Meine Freunde würde ich ebenfalls weitestgehend politisch links einordnen.

In diesem Sinne fühle ich mich linker Politik und ihren Akteuren auch emotional verbunden. Umso mehr schmerzt mich daher, dass linke Ideen allgegenwärtig auf dem Rückmarsch sind und die Szene selbst zwischen Zerstrittenheit und Ideenlosigkeit schwankt.
Im Mainstream wird linke Politik stets als „gut gemeint aber unrealistisch“ verworfen und die Linken selbst tun meines Erachtens ihr bestes, diesen schlechten Eindruck wieder und wieder zu bestätigen.
Von Freunden wurden mir zu genau dieser Problematik die Werke des amerikanischen Ethnologen und Occupy-Aktivisten David Graeber empfohlen, einem Mann, der zur Zeit medial auch in Deutschland recht große Beachtung findet.
Ich kaufte mir also sein kurzweiliges Büchlein „Kampf dem Kamikaze-Kapitalismus“, doch was ich darin fand war mitnichten die Lösung der gegenwärtigen Krise linken Denkens, sondern vielmehr ein Substrat der naiv-utopistischen Ansprüche und realitätsuntauglichen Erklärungsmuster, die ursächlich für diese sind.

Dies beginnt alleine schon mit seiner Definition davon, wer links oder rechts sei:

„Die Rechte ist in einer politischen Ontologie der Gewalt verwurzelt, in der realistisch zu sein heißt, dass zerstörerische Kräfte stets einkalkuliert werden müssen. Im Gegenzug dazu hat die Linke kontinuierlich Variationen über eine politische Ontologie der Imagination entworfen.“

Diese Definition teile ich ganz entschieden nicht und ich bin auch nicht gewillt, so lange ich noch denken und schreiben kann, einer derartigen Missdeutung kampflos die Deutungshoheit darüber zu überlassen, wer sich links nennen darf.

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Libertarismus bei Ayn Rand und Ron Paul- Gegenargumente

Um den Abgeordneten des US-Repräsentantenhauses Ron Paul ist es in deutschen Medien inzwischen wieder recht still geworden, seit sich deutlich abzeichnete, dass er in der Konkurrenz um die Rolle des republikanischen Kandidaten für das Präsidentenamt gegen Mitt Romney wohl eher chancenlos ist.
Trotzdem genießt er auch in Deutschland mit seinen politischen Ansichten weiterhin ein großes Interesse, insbesondere innerhalb der netzaffinen Subkultur. Auf Image-Boards wie 4chan.org lässt sich die ungeheure Anzahl der Ron-Paul-Supporter-Threads kaum fassen.

Tatsächlich hat Ron Paul Ansätze, die auch einem überzeugten Linken durchaus sympathisch sein können, zum Beispiel was seine Positionen zu Legalisierung von Marihuana, persönliche Freiheit im Internet oder die Abschaffung des unseligen Patriot Acts betrifft. Jedoch vertritt Ron Paul, wohl auch aufgrund von Konzessionen an seine konservativen Verbündeten innerhalb der Tea-Party-Bewegung, teils eher konservative bis rechte Positionen.
In der Frage der Legalität von Schwangerschaftsabbrüchen bezeichnete er sich als „Pro-Life“ (also als Abtreibungsgegner).
In Bezug auf die gleichberechtigte Heirat von Nicht-Hetero-Personen vollführte er einen Eiertanz, in dem er sich regelmäßig neu und konträr zu seinen früheren Ansichten positionierte. Letztlich lief es bei ihm darauf hinaus, dass die Bundesstaaten ihre eigenen Gesetze zu dieser Frage ohne Beeinflussung des Bundes erlassen sollten, wodurch er sich vor einer substantiellen Beantwortung der Frage drückte.

Zitate:

I am supportive of all voluntary associations and people can call it whatever they want.

Like the majority of Iowans, I believe that marriage is between one man and one woman and must be protected.

Liberal social engineers who wish to use federal government power to redefine marriage will be able to point to the constitutional marriage amendment as proof that the definition of marriage is indeed a federal matter! I am unwilling either to cede to federal courts the authority to redefine marriage, or to deny a state’s ability to preserve the traditional definition of marriage.

Insgesamt wird Ron Paul weithin als paläolibertär eingeordnet, also als jemand, der libertäre Wirtschaftspolitik mit Teilen konservativer Gesellschaftspolitik verbindet.
Deutlich und unbestritten ist jedenfalls seine grundsätzliche Ablehnung des Sozialstaatskonzeptes.
An diesem Punkt verfolgt er den libertären Ansatz, in dem er stark von den Positionen der russischstämmigen US-Autorin (manche nennen sie auch „Philosophin“- so weit würde ich allerdings nicht gehen) Ayn Rand beeinflusst ist, auch wenn Vertreter ihrer “reinen Lehre” ihn inzwischen als eine Art Verräter brandmarken.

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Die Silhouette des Todes

Wie 1911 das Böse in die Welt kam

Finsterer und elender Bandit mit dem schrecklichen Namen, dem tragischen Namen, dem mörderischen Namen. Gauner, finsterer und elender Bandit, Herr und König des Grauens, Verbrechergenie, Erzschurke und Verkörperung des Bösen – verschlagener und blutgieriger König des Verbrechens … Fantômas ist in der Welt. Im Jahre 1911 erschien der erste Fantômas-Roman von Pierre Souvestre und Marcel Allain (die oben genannten Attribute sind nur einige von unzähligen, die das Autorenduo verwendete, um ihren Helden zu charakterisieren) schlicht unter dem Titel „Fantômas“. Ursprünglich auf eine Reihe von 5 Romanen hin konzipiert, wurden es am Ende siebenundzwanzig Titel.

Der Reihe war ein fulminanter Erfolg beschieden, und nebenher revolutionierte sie den „trivialen“ Spannungsroman. Fantômas ist die Verkörperung des Prinzips des Bösen, jemand, der ohne Skrupel und mit unvorstellbarerer Grausamkeit handelt, um seine Ziele zu erreichen. Die Romane bieten keine „Happy Ends“ wie die Sherlock Holmes-Geschichten. Meist mit offenem Ausgang schildern sie den unendlichen, manichäischen Kampf zwischen Fantômas und seinem Widersacher Kommissar Juve und dessen „Assistenten“ Fandor.

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Das ist die Oblomowerei!

Zur Neuübersetzung von Iwan Gontscharows großem Roman Oblomow 1849 erschien in der russischen Literaturzeitschrift „Der Zeitgenosse“ ein Text: „Oblomows Traum. Episode aus einem unvollendeten Roman“. Autor: Iwan Gontscharow. Dieser Text beendet dann im Roman als zentrales Scharnier desRomans einen über viele Seiten geschilderten Vormittag, an dem sich Oblomow die absurdesten Wortduelle mit seinem Diener Sachar [...]

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Über das Essen von Tieren

Ja der Abendländer ist schon eine seltsame Spezies. Im Grunde hat er gar nichts dagegen Tiere zu quälen, zumindest so lange die Tierquälerei so geschieht, dass sie hinter verschlossenen Türen stattfindet und sie möglichst niemand mitbekommt.

In den Schlachthöfen wird im Akkord geschlachtet und die überfüllten Tiertransporter rollen weiterhin munter über die europäischen Autobahnen.
Naja, so denkt sich der Abendländer, das gehört ja alles irgendwie dazu, dass ich mein preisgünstiges Schnitzel im Supermarkt bekomme.
Damit hat er auch Recht!

Ich selbst fände es extrem repressiv und geradezu antidemokratisch, wenn sich Hartz4-Empfänger nicht wenigstens ihr Wurstbrot noch leisten könnten.
In diesem Sinne ist Discounterfleisch tatsächlich eine, zugegebenermaßen unschöne, Notwendigkeit und unsere Discountermärkte sind ein solcher Gewinn an Lebensqualität und Freiheit für das Proletariat, dass man ihnen auch kleine Unsauberkeiten im Verkauf des abgepackten Fleisches einfach nachsehen muss.
Außer von ein paar Wohlmeinenden (sogenannten Eumeniden), die eine Überdosis Karin Duve oder Jonathan Safran Foer erlitten haben, wird dies zum Glück auch nicht in Frage gestellt.

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“Deutsche Opfer- Fremde Täter”- Anatomie einer Hetzseite

In Deutschland herrscht nach wie vor ein seltsamer Sprachgebrauch in Bezug darauf, wer als „Deutscher“ zu betrachten ist.
Dabei ist die Legaldefinition dessen, wer Deutscher ist und wer nicht eindeutig und klar:
Deutscher ist, wer die deutsche Staatsbürgerschaft hat.
Dabei spielt es keine Rolle welche Hautfarbe der betreffende Deutsche hat oder aus welchem Land er oder seine Eltern ursprünglich kamen.
Als ich bei der Bundeswehr in Idar-Oberstein meine Wehrdienstzeit verbrachte, hatten viele meiner Kameraden eine andere Hautfarbe als ich. Einer von ihnen war beispielsweise Kind philippinisch-stämmiger Mormonen und sah eher asiatisch aus, ein anderer hatte Eltern, die ursprünglich aus Marokko kamen und wir hatten sogar einen, dessen einer Elternteil Mexikaner indianischer Abstammung war.
Überflüssig zu erwähnen, dass es in der Kaserne auch ein paar Schwarze und sogar Rothaarige mit Sommersprossen gab.
Das spielte aber alles keine Rolle, schließlich waren sie alles deutsche Staatsbürger und mussten aus diesem Grund den gleichen Dienst ableisten.

Im Vergleich zu manchen deutschen Medien ist sogar die „gute alte“ Armee regelrecht fortschrittlich.

Nehmen wir einmal an, ein 17-jähriger deutscher Staatsbürger mit türkischen Eltern verprügelt einen 20-jährigen deutschen Staatsbürger ohne türkische Eltern, so dass dieser ins Krankenhaus muss.
Sehr wahrscheinlich liest sich der Vorfall in der Schlagzeile deutscher Zeitungen so: „Türkischstämmiger Jugendlicher schlägt jungen Mann krankenhausreif“.
Die Abstammung wird in Deutschland betont und viele Deutsche sind sich dessen nicht einmal bewusst, sondern tun und denken es reflexhaft.
Wobei der letzte Satz nichts als ein Euphemismus für das ist, was eigentlich dahintersteckt: Struktureller Rassismus, der schon deshalb so schwer zu überwinden ist, weil er derart im deutschen Denken angelegt ist!

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Ein amerikanischer Taugenichts

Der unsichtbare modernen Klassiker »Ignaz oder Die Verschwörung der Idioten« wurde durch die Neuübersetzung von Alex Capus für die Zukunft gerettet. Der Roman warf schon vor Jahren ein Schlaglicht darauf, was 2012 in unseren prekären kleinen Projekten so alles passieren kann.

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Die Geschichte dieses aberwitzigen Buches ist eine tragische. Nachdem der Autor im Jahre 1963 das umfangreiche Manuskript in nur wenigen Monaten niedergeschrieben hatte, schickte er es an zahlreiche amerikanische Verlage, in der sicheren Gewissheit, schnell einen Verlag zu finden, der das Buch auch drucken würde. Schliesslich hatte der Autor schon sehr konkrete Vorstellungen davon, was er mit dem zweifellos zu erwartenden Ruhm und Reichtum anfangen würde. Doch es kam ganz anders.

Nachzulesen ist all das in dem schönen Nachwort von Alex Capus, der »Die Verschwörung der Idioten« von John Kennedy Toole (1937 – 1969) jetzt neu übersetzt hat. In den neunziger Jahren ist der Roman unter dem Titel »Ignaz oder Die Verschwörung der Idioten« erstmals auf Deutsch erschienen. Ignaz heißt in der Neuübersetzung von Alex Capus jetzt Ignatius und der Titel kommt ohne den Vornamen seines Helden aus.

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Die Zukunft des Systems- was das Orakel sagt

Die Zeit zwischen den Jahren ist eine Zeit der Orakel und Wahrsagungen. Es werden Jahreshoroskope für das nächste Jahr gelesen und manch Einer lässt sich die Zukunft von geschmolzenem Blei vorhersagen.

Ich habe 6 Mal drei Münzen geworfen und dem uralten I Ging folgende Frage gestellt:

„Wie soll es mit dem kapitalistischen System weitergehen?“

Als Antwort erhielt ich

Die Umwälzung

革 gé / Die Umwälzung
Die Umwälzung.
Am eigenen Tag da findest Du Glauben.
Erhabenes Gelingen, fördernd durch Beharrlichkeit.
Die Reue schwindet.

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Florian K. liest den Koran- Des Projektes zweiter Teil

Dies ist nun der zweite Teil meines Koranprojektes, von dem wohl einige gedacht haben, ich würde es nicht mehr weiterführen. Wie immer ist ABSOLUTE VORAUSSETZUNG zum Verständnis, die Einleitung zum Projekt gelesen zu haben. Zum Gewinn von Fleißpunkten empfehle ich außerdem das Lesen des ersten Projektteils. Ich muss gestehen, ich habe lange gebraucht um mich [...]

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Exzellenz in Frankfurt — Die Kunst des Weglassens

Eine Veröffentlichung des hiesigen Exzellensclusters “Die Herausbildung normativer Ordnungen” zeigt wachsende Distanz zur früheren Frankfurter Gesellschaftskritik
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Kafka strikes back: The BirdBase

Kafka wird gehackt.
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Kafka gefällig?

Gibt’s genug: die Schulen in Deutschland und Österreich erhalten derzeit in grossen Mengen die Neu-Ausgabe des Meisterwerkes “Das Schloss” von Kafka.

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Schmidt, Steinbrück und das Spiel der Könige

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Gelegentlich beweist der Weltgeist Sinn für Ironie. So als er Helmut Schmidt und Peer Steinbrück ein wenig die Partie vermasselte. “Zug um Zug” heißt der Titel des gemeinsamen Buches, Zug um Zug soll es gehen: die Inthronisation des Enkels, des Kanzlerkandidaten Steinbrück. Zwar an der Partei vorbei, aber wen kümmern in Zeiten der Gefahr schon die Parteien? Den Alten ohnehin nie viel. Und der 64-jährige Jungspunt hat auf die kürzlich gestellte Frage, ob er Sozialdemokrat sei, geantwortet: “ich bin Steinbrück”. Wer kann verlieren, wenn er den Spiegel, die FAZ, die Zeit und Günther Jauch im Rücken hat? Die wichtigsten medialen Windmaschinen hierzulande sorgen für immerwährenden Rückenwind. Das Szenario für das Buch aus Sicht der PR-Berater sah vermutlich so aus: Der weise Alte ist inzwischen bei Freund und Feind, bei Jung und Alt gleichermaßen akzeptiert aufgrund von staatsmännischer Gesamtperspektive, seiner den Jahren trotzenden Vitalität und einem neugewonnen Flair von Widerständigkeit wg. Rauchens in öffentlichen Räumen, in denen alle anderen klaglos nicht rauchen dürfen. Natürlich, damit noch kein zweiter Staufenberg, leider auch ohne Augenklappe, stattdessen mit Stock, aber immerhin: allgemein akzeptiertes Urgestein. Aus PR-Berater-Sicht auf einen 92jährigen heißt das aber auch: Er sollte Stock und Stab weitergeben, bevor er den Löffel abgibt. Noch zwei Jahre bis zur Wahl, aber, mmm, besser man beeilt sich a bissl. Das klingt herzlos, aber so funktioniert PR nun mal und eine hanseatische Kaltschnauze wie Schmidt versteht das sowieso. Steinbrück empfiehlt sich ja schon dem Namen nach als neues Urgestein und hat auch schon seine 64 Jahre diesbezüglich auf der Habensseite. Vor allem: er ist rechte SPD, also die, die mit allen können, außer mit der eigenen Partei wie Schmidt damals auch schon. Über das Motiv des Schachspielens kommt dann das persönliche mit rein, aber auch das politisch-strategische. Schach: das Spiel der Könige. Dazu passend läßt man im Herrenzimmer zweieinhalb Jahrtausende Geschichte vorbei ziehen und natürlich die großen Themen der Gegenwart: Abstieg der USA, Aufstieg Chinas, Europa gefährdet, aber Rettung durch Retter möglich. Nebenbei fallen viele große Namen im Gespräch, so als habe man mit allen schon gefrühstückt oder zumindest Schach gespielt: Nebukadnezar, Laotse, Talleyrand, Habermas… Wer fehlt in der Reihe noch? Na klar: Steinbrück. Und so sagt denn, nachdem

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Der Ausverkauf des urbanen Raums

Gentrifizierung ist das politisch beförderte Recht des Stärkeren, Städte sozial durchzusortieren. Über das Zusammenwirken von Politik, Kunst und Immobilienwirtschaft am Hamburger Beispiel.
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Die soziale Entmischung unserer Metropolen hat viele Namen und Gesichter: Sie heißen sanierter Altbau, Town-House oder Gated Community, Shopping-Arkaden oder Flagship-Store, Mediaspree oder Hafencity. Wo sie auftauchen, macht sich Widerstand breit. Kaum eine Stadt ist dabei so berühmt geworden wie Hamburg, wo sich der zivile Ungehorsam gegen die so genannte Gentrifizierung, d.h. „die Maschinerie, die die Teilhabe an der Stadt über Geld und Herkunft regelt“, wie es der Journalist und Aktivist Christoph Twickel formuliert, bis ins Bürgertum ausgebreitet hat. In der Besetzung des Gängeviertels im August 2009 fand dieser Widerstand seinen bisherigen Höhepunkt und sorgte bundesweit für Furore. Die jüngeren Aktionen gegen die drastische Kürzung der Finanzmittel für das Hamburger Schauspielhaus sinnd die Fortsetzung dieses Protests.

Twickel, Mitinitiator des Manifests „Not in Our Name, Marke Hamburg“, hat nun einen Rückblick auf die Hamburger Ereignisse aus der Graswurzel-Perspektive vorgelegt. Sein Bericht „Gentrifidingsbums oder eine Stadt für alle“ bietet nicht nur einen umfassenden Einblick in die vielfältigen Mechanismen der sozialen Segregation in der Stadt und damit über Gentrifizierung als politische Methode, sondern ist zugleich auch eine Bedienungsanleitung für den notwendigen gesellschaftlichen Ungehorsam.

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Florian K. liest den Koran- Teil 1 des Projektes

Zunächst muss ich den Leser hiermit bitten, die Einleitung zu diesem Projekt zu lesen. Anderenfalls sind eine Einordnung und ein Verstehen der von mir verfassten Betrachtungen nur schwer möglich. Als Nächstes möchte ich (ich weiß, das ist viel verlangt) den Leser auch noch bitten, die Suren 1 und 2 aus der vorliegenden Koranübersetzung zu lesen. [...]

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Mein Koran-Projekt (Florian K. liest den Koran)- Einleitung einer Serie

Vor einiger Zeit diskutierte ich mit einem Bekannten über Thilo Sarrazin und brachte dabei zum Ausdruck, dass ich Sarrazin nicht sonderlich schätze.
Mein Bekannter, der eine deutlich positivere Meinung über Sarrazin hatte, konterte mit der Frage, ob ich denn sein Buch gelesen habe. Dies musste ich verneinen. Ich entgegnete, dass ich meine Äußerung auf die Person Sarrazins und nicht auf dessen Buch bezogen habe und mir meine Meinung aufgrund seiner zahlreichen Fernsehauftritte und Zeitungsinterviews gebildet habe.

Diese Antwort befriedigte meinen Bekannten. Mich aber brachte die Sache zum Nachdenken:
Wie viele Deutsche haben „Deutschland schafft sich ab“ gelesen?
Und wie viele Deutsche haben eigentlich schon einmal den Koran gelesen?
Bestimmt weniger als den Sarrazin.

Doch würde es dem Verständnis der Deutschen für ihre muslimischen Mitbürger nicht unheimlich gut tun, zu wissen wovon sie sprechen, wenn es um den Islam geht?
Müssen wir uns unsere Meinung über den Islam von unserer Medienlandschaft und den allgegenwärtigen und unvermeidlichen „Islamexperten“ vorgeben lassen?

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Herrschaft der Narren

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Das Leben in einer Epoche medialer Blödheit.
Über die treffende Gegenwartsbeschreibung »Blödmaschinen« von Markus Metz & Georg Seeßlen

»Die welt jnn üppikeyt is blynt / vil narren / wenig wyser synt.« (Sebastian Brant: Das Narrenschiff, 116)

Die Ökonomie, schrieb Guy Debord in der »Gesellschaft des Spektakels« 1967, verwandle die Welt in eine Welt der Ökonomie; in eine Welt der Pseudoereignisse und Dramatisierungen, in der das Bewusstsein immer zu spät komme. Diese Welt wird inzwischen von glücklichen Narren bewohnt, die ohne Sinn für Geschichte dahinleben. Alte Wahrheiten entdecken sie auf diese Weise immer wieder neu. Sie werden in Tortengrafiken aufbereitet, in tabellarische Halbsätze gezwängt oder als wortlose Statistik präsentiert. Mit Hilfe von Vokabeln wie Story-telling und Rocket Science lässt sich fast zweieinhalb tausend Jahre nach Aristoteles konstatieren, der Mensch sei eigentlich ein soziales Wesen.

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Shortcuts I – Stevenson, Chesterton & Hemingway

Zur Urlaubszeit mal einen längeren Text lesen? Dafür bieten wir euch ein paar Besprechungen bemerkenswerter Bücher an.

Robert Louis Stevenson – Das Licht der Flüsse. Eine Sommererzählung

In den letzten Jahren erlebt Robert Louis Stevenson auch im deutschen Sprachraum eine Renaissance, oder, um es präziser zu formulieren, eine Neuentdeckung. Eindrucksvoll zeigt sich, daß er viel mehr ist als „nur“ der Autor der Schatzinsel und der Erzählung von Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Vieles wurde erstmals übersetzt, und jedes Buch ist seine Entdeckung wert.

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Mit Gottes und meiner Hilfe

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Charles Portis Spätwestern True Grit

Bei Howard Hawks lernte John Wayne seine Westernrollen mit mehr Selbstironie zu spielen. Dies half dem alten Haudegen auch 1969, als er für die Rolle des Rooster Cogburn im Film Der Marshall von Henry Hathaway mit dem einzigen Oscar seiner Karriere ausgezeichnet wurde, zu einer Zeit, als das „New Hollywood“ das US-amerikanische Kino revolutionierte.

Der Marshall basiert auf dem Spätwestern von Charles Portis, True Grit, erschienen 1968 als Fortsetzungsroman in einer Zeitschrift. Das Buch war Portis’ größter Erfolg.

Die erneute Verfilmung

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Medienkompass – Im Himmel

Zwei zentrale Protagonisten des neu-deutsch aufgeklärten Zeitgeists der 00er Jahre des beginnenden Jahrhunderts wurden die Tage gebührend verehrt. Und zwar in einer Gestalt, die ihren eigenen Ansprüchen gut genügt, auch wenn noch ein paar Wünsche offen bleiben. Der erste heißt Joschka Fischer, für ihn als ehemaligen Star von 7 Jahren Berliner Rot-Grün Regierung kam eine [...]

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Das Bahnhofsviertel – die echte Mitte Frankfurts?

Eigentlich existiert das “Viertel” gar nicht, kaum ein Durcheilender glaubt an eine echte Bewohnerschaft hinter den Fassaden, Läden, Restaurants, Etablisments in den paar Strassen vorm Frankfurter Hauptbahnhof. Es gibt im Bahnhofsviertel aber noch fast 2000 Ortsansässige, auch wenn die paar Wackeren sich mit dem flanierenden Stammpublikum zu einem schwer durchdringlichen Gemenge vermischen. Bewohnerschaften, Ökonomien und Publikumsgruppen passen entsprechend in “multikultureller” Vielfalt zum ersten Eindruck wie der längeren Geschichte des kleinen Quartiers, auch wenn der Druck durch die Umgebung von Jahr zu Jahr wächst.

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FGZ Büchertisch: Manson und der kalifornische Blutsommer 1969

Helter Skelter. The True Stories of the Manson Murders, geschrieben vom damals verantwortlichen Staatsanwalt Vincent Bugliosi (gemeinsam mit Curt Gentry) ist schon 1974 in den USA erschienen und jetzt erstmals in deutscher Übersetzung erschienen. Man sollte sich von der reißerischen Umschlaggestaltung des Riva Verlags nicht abschrecken lassen (Der Mordrausch des Charles Manson. Eine Chronik des Grauens), denn Helter Skelter ist ein minutiös recherchiertes, unaufgeregtes Protokoll der Vorgeschichte, der Morde und des Prozesses sowie der Versuch, das „Geheimnis“ des gerade einmal 1,58 Meter großen Sektenführers Manson zu ergründen.

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Aus der Mitte: europäische Befindlichkeiten

Zwei mediale Aufreger zeichnen die letzte Woche ein interessantes Bild von Rissen und Widersprüchen auf, die besonders die “Mitte der Gesellschaft” durchziehen. Hier haust dieses geheimnisvolle Wesen “Leistungsträger”, das die Achsen unseres Erfolgs tragen und antreiben soll und gleichzeitig so enorm von Belastungen und Aufdringlichkeiten heimgesucht wird.

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Wetterauer Ethologie

Wetterau heißt ein Gebiet in der Rhein-Main-Metropolenregion, nordöstlich von Frankfurt gelegen, der Länge nach mißt es ungefähr 40 bis 50 Kilometer, die man auf dem Weg in den Vogelsberg eher schnell hinter sich bringen möchte. Vom Metropolenschub hat die Wetterau nicht viel abbekommen, hauptsächlich Pendlerstaus, steigende Preise in den Einfamilienhauskarrees und verödende Dörfer.

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Franzens Welt

Zum Klima des Romans “Freiheit” von Jonathan Franzen (wohnhaft in New York) mögen die folgenden Zitate aus dem Interview mit dem Autor in der Süddeutschen genügen: “Als junger Mann fand ich die Bücher von Autoren wie Pynchon, Gaddis oder DeLillo enorm spannend, weil sie von der Welt handelten, in der wir lebten. Es ging um [...]

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Der letzte Universalgelehrte

Man dachte fast sie seien ausgestorben, ja in der heutigen Zeit gar nicht mehr denkbar, aber wie mir scheint gibt es sie doch noch: Die Universalgelehrten.

Zumindest einen davon gibt es wieder, obwohl man aufgrund seines fortschreitenden Alters sagen sollte: Es gibt ihn noch.

Aber alles er Reihe nach:

Unter den Antiken griechischen Philosophen gehörte die Universalgelehrtenschaft ja gewissermaßen zum guten Ton.

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Gedanken zum Buch: “Die Identitätsfalle- Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt”

Ich möchte hier einmal ein Buch vorstellen, auch auf die Gefahr hin, dass das was ich erzähle inzwischen kalter Kaffee ist, da das Buch bereits 2006 in englischer Sprache und 2007 auch auf Deutsch erschienen ist.

Rezensionen und Kritiken gibt es inzwischen also mehr als genug. Trotzdem hat mich das Buch bewegt und ich möchte an dieser Stelle ein paar eigene Gedanken dazu formulieren und gleichzeitig eine dringende Leseempfehlung aussprechen.

Die Rede ist von „Die Identitätsfalle- Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt“ des indischen Wirtschaftsnobelpreistägers Amartya Sen.

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