
Text: Tonscherbe
Fotos: Anja Kühn
Man geht durch abendliche Straßen, schaut von unten in erleuchtetete Fenster. Man sieht einen Ausschnitt und fragt sich, wie der Rest des Zimmers aussieht. Ein altes Spiel, befeuert durch eine Ecke Schrank hier, ein angeschnittenes Regal, die Gardine, die Art der Beleuchtung. Wer versammelt sich unter der scheußlichen Messingkreation? Wie sehen die aus? Meist erfährt man es nie.
Wilma März und Elfie Effeff leben in einer Wohngemeinschaft, die diese Fragen beantwortet. Sie haben sich für ein Schaufenster entschieden, eingepackt zwischen Szenekneipe und Italiener.
Gehen wir näher ran, schauen wir rein in dieses Schaufenster. Schriftzüge und Zeichnungen in Krikkelkrakkelmanier auf Glas, merkwürdige Schiffren, nicht zu entwirren. Alles vor der Scheibe spiegelt sich in der Scheibe, je intensiver je weiter die Dämmerung voranschreitet. Die vorbeifahrenden Autos, die Menschen, die Lichter, vermischen sich mit dem hinter der Scheibe.
Mittendrin zwei Wesen mit Knollennase, Strubbelmähne und Schleierhütchen und einem Outfit, das zwischen Perlenkette und Pumphose angesiedelt ist.

Da ist ein weißer Raum, links von einer Säule unterteilt, vor dem Schaufenster im Innern ein breiter, kniehoher Absatz. Eine gute Stube, mit allen Ingredenzien, dem gemütlichen Sessel, der Stehlampe, einer Kommode, ein paar Pflanzen.
Wäre da nicht auf der Kommode eine weitere, kleinere, darauf eine zierliche mechanische Schreibmaschine, in der Kommode gähnt ein großes Schubladenloch. An den Wänden Kofferstappel, reichlich ramponiert, das Regal an der rückwärtigen Wand grotesk hoch, auf dem Tisch darunter Gläser undefinierbaren Inhalts, an einer Wand haben sich stehengebliebene Uhren zusammengerottet.
Vorne links ein Bügelbrett, darauf Kopfhörer, Klostopfen, ein Locher mit aufgepflanzter Kerzenglühbirne, der an etwas erinnert – nur an was. Zwei zierliche Sesselchen sitzen artig neben einem alten Röhrenradio, in dem ein graues PVC-Rohr endet. Eine Bataillone Flaschen hat sich auf dem Fußboden formiert, Blecheimer stehen herum, Zeitungspapier überall, Schuhe, Taucherflossen, im Schaufenster ein mit Lorbeer (?) bepflanzter Zylinder, überhaupt bepflanzte Damenpumps und Turnschuhe, an der Säule ein braunes Wandtelefon längst vergangener analoger Zeiten, Farbdosen, Kisten, Taschen, Nippes, Einmachgläser, ein Blumenkorb nebst Alpenveilchen. Wohin das Auge schaut Kram und nochmals Kram, jedesmal entdeckt man etwas Neues, wie die rostige Eisenkanne, die traurig zum Klappliegestuhl rüberschielt, der wiederrum zu zwei losen Schubladen, die erschöpft aneinander lehnen, flankiert von einem altersschwachen Medizinball und dann, noch eine Schreibmaschine.

Die nackte Glühbirne von der Decke strahlt um die Wette mit den nun vollends erblühten Straßenlaternen, Inneres und Äußeres durchdringen sich, Spiegelungen überall, Kontrapunkte, zufälligen Schnittmengen. In diesem Dazwischen bewegen sich Wilma und Elfie, mal zusammen, mal getrennt und wenn sich mal nichts bewegt, dann geht die Geschichte trotzdem weiter. Die Geschichte von der wilden Wilma und der nachdenklichen Elfie, die versuchen miteinander zurechtzukommen oder allein und mit dem was dort ist. Drinnen und draußen. Die sich annähern, entfernen, in Streit geraten, weggehen, wiederkommen, Recht haben, ausprobieren, sich helfen, keine Lust mehr haben. Die an einer anderen Ecke von vorne oder was ganz anderes anfangen.
Das kommt einem bekannt vor, zwei die unterschiedlicher nicht sein könnten, nicht voneinander lassen mögen, aber miteinander nicht länger als zwei Minuten zurechtkommen.

Die Clowninnen Sandra Heine (Wilma) und Elodie Kalb (Elfie) sind von ihrem unterirdischen „Winterlager“ in der B-Ebene der Hauptwache in die oberirdische „Einmachküche“, einem leerstehenden Laden an der Kurt-Schumacher-Straße, umgezogen. Die beiden ausgebildeten Clowninnen arbeiten seit einem Jahr als Duo zusammen. Sie suchen sich immer neue Räume für ihr wechselvolles Spiels zwischen einer anarchischen Wilma und der besonneneren, gutherzigen Elfie – einer zweistündigen Improvisation, die permanent die Richtung wechselt, Lösungen findet, wo es keine gibt, unvermutet den Faden dort aufgreift, wo keiner ist.
Jeder Raum ist anders, definiert ein neues Thema, verändert das Spiel und die Wechselbeziehung. Das ist harte, richtige harte Arbeit, wenn man die beiden abgeschminkt und verschwitzt sieht, den sehr heißen Raum nach der Vorstellung betritt, dann bekommt man eine ungefähre Ahnung, was neben Artistik, der Kenntnis um Körpersprache, Gestik und vor allem Timing, den beiden noch ab verlangt wird.

Wenn Wilma mit dem Hang zum Chaos und Dramatik die wackelige Kommodenkonstruktion erklimmt, mühsam auf der andere Seite runterkommt und beim Abstieg die Tücke des Objekts kennenlernt, namentlich einen Eimer, in den sie tritt und nicht herauskommt, dann wird nach Elfie, der praktisch Veranlagten verlangt, die alles richten soll. Kaum gerichtet, mehr schlecht als recht, wird sich in einen Kleiderbügel verheddert, verknotete Schnüre ziellos gespannt und zwischendrin bügelt Elfie ganz entspannt die Zeitungen glatt mit ebenjenem Locher mit Glühbirne drauf. Richtig, da war doch noch was. Eben wird noch Sorgfalt verwandt, im nächsten Moment draufgehauen, dass die Fetzen fliegen.
Vorne wir, die Zuschauer, wenige, aber gespannt. Der ein oder andere Passant bleibt stehen, schüttelt den Kopf, geht weiter, kommt näher, setzt sich dann doch und bekommt von Wilma eine Zeichung an die Scheibe, eine Aufforderung oder einen Text, frisch aus der Schreibmaschine, der kleinen mechanischen. Poetische Texte ins Nirgendwo, Zeichnungen, die das Geschehen draußen kommentieren, wie der kleine, strubbelige Krebs, der rasch an der Scheibe entsteht, als ich mir eine Zigarette anzünde. Mein Krebs, mein Lungenkrebs. Ja, mit dem möchte man gerne leben.

Aber schon hat sich Wilma beim telefonieren das Kabel um den Hals verheddert, Elfie muss kommen, unter Wehklagen wird entwirrt und erneut verwirrt, innegehalten, bedauernd und lächelnd die Schultern gezuckt. Elfie ist längst unterwegs zu einem weiteren erfolglosen Versuch Ordnung ins Chaos zu bringen und bietet zwischendurch Häppchen aus Einmachgläsern an, von denen man nicht wirklich wissen möchte, was drin ist. Von wilder Hektik wechselt das Geschehen in eine Art Zeitlupe, bis zum Stillstand, nimmt erneut Fahrt auf – eine Dynamik, die einem, je länger man zuschaut, immer stärker in den Bann zieht. Manchmal lacht man unwillkürlich laut auf und im nächsten Moment ist man nachdenklich. Ich möchte wissen, was ihnen noch einfällt, was sie wohl mit dem Teppichklopfer anstellen, ob es gut geht mit den beiden und wie die Geschichte ausgeht. Sie geht natürlich nicht aus. Sie geht nirgendwohin. Sie hört auf, einfach so, wie meist alles im Leben und morgen oder übermorgen geht sie irgendwie weiter.
